Archiv für die Kategorie ‘Nachtleben & Freizeit’

Was soll die Schütz?

Roland Fischer am Donnerstag den 5. April 2018

Good News, es gibt wieder ein Neustadtlab auf der Schütz! Da formiert sich gerade ein Verein, der bestenfalls dann auch die kommende, gewissermassen offizielle Zwischennutzung für drei Jahre bestreiten möchte. Zunächst gibt es aber noch einmal eine (von der Stadt finanziell auch wieder unterstützte) Zwischenlösungs-Zwischenlösung.

Sammlung Hans-Ulrich Suter 1319, Bern: Länggasse; Schützenmatt — Rummelplatz; Freizeit, ca. 1925

Den Auftakt zur autofreien Schützenmatte macht das No Borders-No Nations-Festival der Reitschule am 27. und 28. Juli 2018. Dann wird aufgebaut und eine Woche später kann wieder experimentiert werden im Berner Städtebau-Labor. Aber was versucht man da genau eigentlich herauszufinden? Gute Gelegenheit für einen guten Text. Der Stadtplaner Chris­toph Haerle spannt in einem Gespräch mit Philipp Sarasin einen grossen Bogen, von den Foren der Römer bis zu den Public Spaces von heute.

Es erfolgt sogar eine Drei­tei­lung, indem im Hoch­mit­tel­alter, von Italien bis Deutsch­land, die drei Mächte der Politik, der Wirt­schaft und des Kultes ihre je eigenen öffent­li­chen Räume schaffen – den Markt­platz, den Domplatz und den poli­ti­schen Platz, wie etwa in Siena die Piazza del Campo oder in Rom den Campi­do­glio. Das ist der Platz, der eine Loggia hat, von der aus verkündet wird, was die Politik zu sagen hat; der Platz vor der Kirche hingegen ist der Ort der Prozes­sionen, und auf dem Markt­platz steht der Brunnen, an dem nach dem Mercato gewa­schen werden konnte. Mit anderen Worten, das, was bei den Römern, zumin­dest in der Zeit der Repu­blik, noch auf einem Platz zusam­men­ge­halten wurde, hat sich im Mittel­alter auf drei Plätze verteilt.

Das passt nun irgendwie gar nicht mehr heute. Dann kamen die Bürger und reclaimten die Strassen.

Im ausge­henden 19. Jahr­hun­dert aller­dings wurde mit dem bour­geois der Besitz­bürger zele­briert, der sich als Mit-Besitzer des öffent­li­chen Raumes verstand. Hier spielte aller­dings eine listige Dialektik: Indem der bour­geois gegen die voll­stän­dige Verein­nah­mung des öffent­li­chen Raumes durch die Macht auf der Teil­habe, auf der Teil­nahme am öffent­li­chen Raum bestand, war er immer auch citoyen, Staats­bürger, poli­ti­scher Bürger.

Und dann kam, hoppla, die Postmoderne.

[…] die Verbin­dung zur Frage nach dem post­mo­dernen Raum ist sicher darin zu sehen, dass diese neuen Räume nicht mehr auf den Zweck hin konzi­piert wurden, sie für die klas­si­schen poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen oder reli­giösen Funk­tionen auszu­statten.

Von da an kreist das Gespräch eigentlich um eine Leerstelle: Wenn für einen heutigen öffentlichen Raum keine dieser Funktionen mehr gilt, welche tritt dann an deren Stelle? Aber vielleicht ist das ja nicht Problem, sondern Lösung. Denn dann sagt Hearle noch etwas, das man ganz gut als Schütz-Motto brauchen könnte, oder?

Ich bin der festen Über­zeu­gung, dass öffent­liche Räume nur dann gute öffent­liche Räume sind, wenn sie funk­tional unter­be­stimmt sind.

Dieser Schrieb wird Ihnen präsentiert von der Tamedia AG

Mirko Schwab am Samstag den 24. Februar 2018

Die Widersprüche aushalten. Es ist so ein Satz, den mein lieber Bongoboi Urs gerne einschiebt, wenn sich die Fronten zu verhärten drohen, der Diskurs Fratze zeigt statt Fruchtbarkeit. Es geht um das Dazwischen und die Demokratie. (Und um «Duscholux»!)

Die Widersprüche aushalten. Nichts beschreibt die Sandsteinstadt, in der wir leben, wohl besser als dieses Leitmotiv.

Bild: Jessica Jurassica

Und eines ist sicher: Das Wort «Diskurs» in der Kopfzeile hat noch nie jemanden zum Weiterlesen eingeladen und also Gratulation von Herzen, wenn Sie jetzt noch bei mir sind. Aber zwischen all den lustvollen und aus Überzeugung treuen Kulturgängen und Rezensionen, nebst dem Blick fürs Spezifische, nebst Rosinen, Ausschnitten, Momenten und all den Nahaufnahmen aus der Mitte unseresgleichen, im Abseits vielleicht (ihr Wichser!) – da könnte kurz Platz sein für die Frage nach den sandsteinernen Rahmenbedingungen und einer kollektiven Identität im Widerspruch.

Mach mal halblang (that’s what she said!). Was meinst Du zu erkennen?

Ich lebe zwischen Bundeshaus und Polizeirevier über den Stromleitungen der Strassenbahn, über Strassenmusik und Guggenmusik, über den Stromwegen des Tourismus, der Gschaffigkeit und des Rumlungerns. Eidgenossen und Marcellos Casa und das Bellevue-Fumoir sind sich nah. Projektionen am Parlament erklären mir die Schweiz in Bild und Ton, dann hat das Bürgertum eine Schlöf hingemacht, dann ist Markt. Dann ist Umzug dagegen oder dafür, Alertalerta. Amt und Bank, Armut auf Bänkli, Schachspielen und mit Drogen dealen. Irgendwo dazwischen sind wir alle.

Vorgestern las ich Rysers brillanten WOZ-Report über Kokain. Auf Kokain. Gestern gab ich mir Battlerap, freute mich an Punchlines like «Ich hab mit deiner behaarten Mutter Analsex auf Speed», diskutierte über Feminismus und war gut zu einer Frau. Heute gehe ich ins Stadion und schreie in der Kurve aus Linken und Rechten, Idioten und Gescheiten, Stadtchauvinisten und Landeiern, lasse mich von Werbung penetrieren bei jedem Eckball, jeder Einwechslung, jeder Gelben Karte, obwohl ich wirklich keine «Lust» habe auf ein neues Bad, fick dich «Duscholux» oder befriedige dich selber mit der Brause, ich gehe ins Stadion und träume von einem Meistertitel, der eigentlich wertlos, eigentlich sinnlos und doch aufs Ehrlichste mit meinem Glück – und dem vieler vermeintlich sehr anderer – versponnen ist.

Google fragt irgendwas, ich stimme zu.
Avocado kommt von irgendwo, ich lange zu.
Du sagst irgendwas, ich höre zu.

Im Dazwischen sind wir alle. Und das ist unser Glück. In unserer kleinen Sandsteinstadt verdichtet und verdoppelt sich der Widerspruch, denn wir sitzen alle am selben Tisch und im selben Tram. Sind selbst schon wandelnde Widersprüche. Auch wenn wir uns auf dem Dachboden verschanzen, Transparente aus den Fenstern hängen, Blasen aufblasen, Mauern hochziehen, gescheite Dinge behaupten und dumme Dinge schönreden (s/o to myself!) – es ist zu eng hier im Sandsteingemäuer, als dass wir uns nicht grüssen würden oder auf die Schuhe stehen und uns miteinander zu konfrontieren haben.

Es ist zu eng unter der Hirnrinde, als dass wir uns nicht selber ständig widersprechen würden. Das ist unser verdammtes Glück.

KHRUANGBIN …

Urs Rihs am Dienstag den 20. Februar 2018

… oder warum Zurückhaltung und Verheissung Artverwandte sind

Raum vor der Bühne im Bonn hatte keine_r mehr, der Hype hatte seinen Dienst erwiesen, trotz Montag war proppenvoll und von überallher war nach Sound-Mekka Düdingen gepilgert worden.
KHRUANBIN, die Unaussprechlichen, das üppig-psychedelisch-versatzstückte Trio aus ursprünglich Texas – aber der Rest zur Band steht gut schon hier.

In Hipster-enigmatisch vielleicht aber noch so: Worldsound-Synkretismus, da klingt natürlich alles mit, was in den letzten Jahren diesbezüglich Welle machte.
Tamikrest, Paradise Bangkok, Spurenelemente von Habibi Funk Records und was weiss ich sonst noch alles an funky-oriental-Psychedelia, zugespickt von einer prallen Ladung Oldschool Rhythm and Blues aus den godfuckin’ U. S. of A. alles – Shuggie Otis hier, Johnny «Guitar» Watson da, dass es eine Freude ist.

Den speziellen Kick vollbringt KHRUANBIN aber mittels ihrer fast schon überbeherrschten Herangehe, dieser synthetisch anmutenden Leidenschaftslosigkeit. Die Stücke alle ataraktisch und seidenfein gespielt.
Der Bass federt hypnotisch per derb heruntergezupften Saiten dumpf aus dem Fendie, die Cymbals aus dem Handgelenk getaktet wolkig leicht darüber und die Gitarre setzt nur sporadisch exotische Akzente. Neu tönt an sich nichts, aber die Art und Weise. Verlangen steigert das – ungemein – nach weniger Grobschlächtigem, nach mehr Zartem, nach leichten Berührungen statt festen Griffen. Ein irgendwie tantrisches Konzept.

Und somit wird dieser Sound gerade wegen seiner exzellenten Zurückhaltung zu eben nichts Geringerem als einer Verheissung – Verheissung auf Besserung und darum funktioniert diese Band so gut, sie befriedigt eine offenbare Sehnsucht, aber Achtung!
Die Sehnsucht baut ihrerseits auf dem Plan des Vorurteils und des Ressentiments und das wiederum steht auf gefährlichstem Grund – dem der verkappten Wut.

Die Scheibe von KHRUANGBIN – Musik mit exotisch-psychedelischen Versatzstücken spielt immer auch verstärkt mit Sehnsüchten und die stehehen immer auch auf brüchigem Boden.

Alles Pisse

Urs Rihs am Mittwoch den 7. Februar 2018

Gestern, ein Höhepunkt der Dringlichkeit im I nternational S styler C lub – Pisse aus Hoyerswerda war da. Wer da?
Pisse!

Müde von diskurskritikdreschenden MisepeterInnen komm ich aus dem Sitzungszimmer, knall mir den ersten Korn Appenzeller hinter die Binde und verscheisspiss mich zu Scheisse Pisse ins ISC –

Ein konzeptuell konzeptzerreissendes Postneuewelle-Viergespann aus grossem Nachbars Osten, welches seit seiner Gründung im Zwölf alles bezüglich Indiemusikschmutztbusinesstechnischem so hart konsequent an die Wand fährt, dass es jeder allesdurchdringenderverwertungslogikkritischen Persona eine scheiss pisse Freude sein muss. Und trotzdem oder gerade desswegen sind sie hype.

«Alle machen einen schönen Spagat zwischen Karriere hier und Abfuck dort. Die Generation ˓Soliparty˒ hat sich hier im wahrscheinlich sichersten Land der Erde in die Depression gefeiert und draußen ersaufen die Menschen im Mittelmeer. Syrien, der ganze nahe Osten, Ukraine, Afrika…alles im Arsch. In ganz Europa marschieren neue Rechte… Griechenland und so weiter und so fort…alles im Arsch…. und wir kaufen uns Second-Hand-Schuhe für 100€ und spülen unsere vegane Pizza mit handgemachter Fairtrade-Rhabarberpisse in den Hals.»

(Das Zitat ein Auszug aus einem der selten aus erster/m Hand Mund geführten Interviews des Quartetts)

110 Dezibel in live – ich fass mir beim Konzert nicht an die Ohren und stopf mir auch nichts in ihre Vorgänge, aus Respekt vor der Kraft durch Freude, obwohl es gesundheitsprophylaktisch wohl zu empfehlen gewesen wäre. Aber «Empfehlenswert» ist ohnehin linksliberale Spiesserkackepisse.

Und darum nur eins noch, wenn du in Zukunft das Glück hast diesen Namen in deiner Nähe spielen pissen zu hören, geh hin und stell dich!

Veränderung passiert nicht aufgrund aufgeblasener Phrasen oder nur Attitüde, sondern aufgrund von Überzeugung und der konsequenten Auseinandersetzung mit Widersprüchen.
Darum wird’s von Pisse zur Wahrung der Hoffnung auch nie breitbrüstige Parolen ab der Bühnenfront geben, sondern höchstens Zitate derselben in Form gelbgrünroter Wimpel im Bühnenhintergrund.

Bella Ciao und natürlich alles Pisse!

Wie sieht man denn aus, wenn man performende Menschen per digitalem Klotz während der Show festzuhalten sucht? Respektlos! Darum hier anstelle, das wunderbare Konzertposter.

 

ABYSSINIA SOCIAL CLUB

Urs Rihs am Samstag den 6. Januar 2018

Ein Musikformat sucht seinesgleichen. Aber verheizt eure identitär-reaktionären Gelüste von Orten, wo Gleiches nur auf Gleiches trifft. Storniert eure Vorstellungen von urban, cool und unnahbar. Diese Zeiten sind vorbei, ab jetzt heissts: Join The Club – for the sake of music and community

Gestern war zum ersten Mal – im Weissenbühl – ABYSSINIA SOCIAL CLUB. Und schon legendär, Addis Abeba trifft auf holzgetäfelten Quartierbeiztresen, treffen auf Kingston/Disco-Grooves.
An den Spielern zwei Grössen der städtischen Selecterszene, but names don’t mean nothing, alle da für den Vibe, Eitelkeiten und Geltungsdrang für Mal in die dunkle Ecke gestellt.

The Club is for lovers – echte Platten, echte Menschen. Eine Runde Feldschlösschen nächste Runde äthiopisches Amberbier – 45 Runden pro Minute unter der Nadel – for the sake of music and community.

Und wer meint hier wähne sich mal wieder ein super exklusiver Zirkel im Schoss des Urproletarischen und ignoriere dabei die wirkliche Bruchlinie zwischen Dünkel und Bodenständigkeit, der oder die kreuze beim nächsten Mal doch einfach selber auf. Beim nächsten Mal, wenn es in der sonst leerstehenden Bar vom Restaurant Abyssinia beim Weissenbühlkreisel heisst: ABYSSINIA SOCIAL CLUB – for the sake of music and community.

the SOCIAL CLUB is on…

Der Montagsblues in Bamako

Urs Rihs am Donnerstag den 14. Dezember 2017

Gar verspätet sicher
Und trotzdem eben wichtig
Ein kleines Echo wenigstens
Auf grossen Groove im Bonn

Am Montag

Kühlschrank leer
Kopf leer
Seele –
Zum Trost nur Toast
Zigarette immerhin
Schwarzer Kaffee
Schwarze Scheiben auf dem Spieler immerhin
Gegen Abend die zündende Idee
Alter Schwede voller Freunde
Autobahn
Bad Bonn Bamako

Am Montag

Bühne voll
Erwartungsvoll
Seelen –
Zum Trost
«SONGHOY BLUES»
Voller Freude

Delta
Sahara
Ghetto

Mississippi
Agadez
und eben Bamako

«SONGHOY BLUES»

C’est du Mali

On a dancé
On a bougé
On a chanté

Allors Merci

Une fois de plus la musique nous a sauvé

Même qu’on était vide
Même qu’on avait le cafard
Même que c’était –

Lundi

Zugegeben, da war auch noch die Bühne leer. Doch eine Band zu fotografieren bringt Unglück – alte R’N’R Weisheit – und das war am Montag definitiv nicht zu riskieren.

Der letzte erste Schnee

Mirko Schwab am Freitag den 1. Dezember 2017

Wir befinden uns im Jahre 2017 n.Chr. Ganz Ostbern ist vom Bürgertum besetzt … Ganz Ostbern? Nein! Ein von unbeugsamen Ostbernern geführter Kulturschuppen hört nicht auf, der Verödung Widerstand zu leisten.

Béatrice Graf und Martina Berther bei der Arbeit. (Photo: Jessica Jurassica)

Der Geruch vom ersten Schnee ist eine seltene Freude. Streife die dickste Jacke über, die ich finden kann. Hätte noch eine dickere im Schrank, aber die sieht scheisse aus. Im Winter bekommt man die eigene Eitelkeit am schmerzvollsten ab. Anker schmerzt auch, klebt in der Hand, doch Deal, der Saft träufelt mir wohlig wohlig inwendig den Hals entlang aufs Herz. An der Brunnadernstrasse spuckt das Tram mich aus aufs seifige Trottoir. Hier könnte die Sandsteinstadt auch Grossstadt sein. Vis-à-vis des vom Netz genommenen Tramdepots aus Zeiten, wo selbst Zweckbauten noch Seele inne war – (Notiz an Miraculix Fischer: Bitte lassen Sie diese meine etwas ordinäre Nostalgie mal kulturgeschichtlich abtropfen bei Gelegenheit. Würd mich freuen. Gruss.) – vis-à-vis dieser jedenfalls schön von der Zeit gestreiften alten Anlage halten drei Tramlinien und zwei Omnibusnummern, dass man schon meinen könnte, man sei am Brennpunkt, Adresse Platz2b, an der Rosette der Urbanität. Halten dazu noch in städtebaulicher Schnodrigkeit mitts auf der Strasse. Ein Hauch Ostberlin vermischt sich mit dem Geruch vom ersten Schnee und der Geruchlosigkeit Ostberns, als ich die letzten Treppenstufen bewältige, hinab in meinen Lieblingskeller.

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Garagen – Kunst – Handwerk

Urs Rihs am Freitag den 29. September 2017

KulturStattBern passiert überall, auf Bühnen, Kellern, unter offenem Himmel und wer weiss wo sonst noch alles. Vielfach intendiert, mit Ansage und das ist gut so. Vieles passiert aber auch versteckt, unter Tage quasi, ausserhalb des Fokus der Szene und Berichterstattung. Relevant trotzdem – ein Schaustück hier angebracht.

Mal wieder flaniert, durch die herbstlichtdurchfluteten Quartiergässchen, am Morgen, welch Freude. Da stand dieses Tor offen, wiederholt aufgefallen in den letzten Wochen durch entweichende Staubwolken, Schleifgeräusche und diesen süsslichen Düften nach erstklassigen Lacken, Farben und Spachtelmassen.

Bis anhin nie den Schneid gehabt zu fragen, was da geht, was da anscheinend so viel an Ausdauer bedarf. Immerzu nur spekuliert über den Gegenstand, welchem so viel Handarbeit zuteilwird – muss was schön Baufälliges sein, ein ungeschliffenes Edelsteinchen wahrscheinlich.

Heute hat die Neugier die Phantasie zu verdrängen vermocht und also wurde die Schwelle zur Sache übertreten.
«Alles klar hier?» – Mann mit Staubmaske: «Nein, dieses Ding kostet mich den Verstand.»
Dieses Ding: Rundungen, geschwungene, wohlgebogene Linien, zulaufend meist. Crèmefarbener Körper, edelholzig beschlagen, rötlicher Mahagoni auf Deck, Silberleisten als Spitzlichter an den Kanten.

Ein klassisches «Runabout», ein kleines Sportboot. Ursprünglich im Amerika der Roaring Twenties den Werften visionärer Designer und Ingenieure entsprungene, in ihren kühnsten Fertigungen mit Flugzeugmotoren bestückte Rennschiffchen.
In den 60ern wurden diese «Streuner» dann durch Carlo Riva – dem italienischen Fellini des Bootsbaus – zum Inbegriff der Dolce Vita, des federfüssigen Savoir Vivres an den Goldküsten des Mittelmeeres. Spritzgefahren von Gallionsfiguren der Popkultur. Sophia Loren, Brigitte Bardot, Alain Delon und so fort.

Des Bastlers Habitat, die Garage.

Diese Perlen der Riviera – sinnbildliche Projektionsflächen des Begehrens – an der Oberfläche zu halten bedarf einer dicken Brieftasche oder aber, versessener Schwärmer. Menschen mit der Muse zum Erhalten, störrisch gegen den Strom der wütenden Bilderstürme. Denkmalpfleger eigentlich, Unvernünftige. Wie dem Mann mit der Staubmaske, bis zu 16 Stunden täglich in seiner Garage.

Es mag ihn vielleicht den Verstand kosten, quittiert aber von dieser inneren Wärme, dem Lohn des Selbsterschaffenen.
Und, ganz nebenher, als Begleiterscheinung, wird er eben auch ein Splitterchen städtische Kultur vollbracht haben. Ein Stück Garagen-Kunst-Handwerk im Quartier.

Beim Verlassen der wohlriechenden Staubwolke noch viel Glück gewünscht und ab zum Kaffee, dabei an diese Szene gedacht – das Schiff auf dem Dach, bei Ghost Dog.

Post aus Wiedikon

Mirko Schwab am Freitag den 15. September 2017

Eine von vielen Entdeckungen am Seebahngraben: Ararpad. Verdammt hotter Beatboy aus Z.

Liebes,

Der Italo ums Eck ist authentisch grimmig und verkauft glutenfreie Pizze. Ich schreibe dir aus Wiedikon Zürich 3. Von dort aus also, wo das eingesessene Zürich aufs glutenfreie Zürich trifft, die ganze Nacht Verkehr ist und eine offene Tankstelle. Ich blicke aus meinem Aquarium hinaus auf den Seebahngraben, am unteren Ende des einzigen Reiterbahnhofs der Schweiz – und hacke dir paar Zeilen.

Ich würd dir gerne in Bern begegnen, die letzten vom blechernen Tod befreiten Nächte auf der Schütz besaufen bis das Zeug hält, bei den Eidgenossen oder im Casa Marcello verhocken bis man herausgeputzt wird, unter den Lauben stehenbleiben für ne Gruess und sich wünschen: Bis bald. Heimweh ist berndeutsch.

Aber hier gibts viel zu tun, viel schönes. Auf Einladung kommen die Freunde vorbei, Fernweh-Berliner und Heimweh-Berner und Zürcher von der Szene, stellen ihre Geräte auf, Drumcomputer, Schlagzeuge, Macbooks und Zithern, legen los. Wir dürfen ihnen dreissig Minuten durch die Kamera dabei zuschauen. Ehre genug und dreiundzwanzigmal ein Grund zur Demut. Und der Laden erst: «Bundeshaus Zu Wiedikon» geheissen, fühlt sich an wie ein amerikanischer Diner aus den Fünfzigerjahren und wird von drei herzensguten Bundesrätinnen geschmissen. Dass das Zeug hält – und ich bei mir denke: Gastfreundschaft ist universal.

Eine Woche darf das noch so sein. Geldwechseln, Pizzaholen, Bütec rauf, Bütec runter, fünf Franken easy, zehn Franken soli, Rauchpausen, Blausaufen und am morgen neben einer kiloschweren, wunderschönen To-Do-Liste aufwachen, an die man sich zwar nicht ranschmiegen kann, die einem doch das Herz entzündet.

Eigentlich wollte ich vor allem merci sagen.

XOXO
und bis bald,
mrk

BlauBlau Records Public Address: Bundeshauskonstant konzertant, jeden Abend auch ins F***book gestreamt.
Schaust du mal vorbei, Liebes?

Dampfere einst und jetzt aber!

Roland Fischer am Donnerstag den 14. September 2017

Es hatte eigentlich alles seine Ordnung:

Mitte der 1980er-Jahre war das Veranstaltungsangebot der Bundesstadt bescheiden: Die freie Tanz- und Theaterszene suchte nach Auftrittsorten. Die Reitschule war verbarrikadiert, die Hüttensiedlung Zaffaraya niedergewalzt. Der Verein Dampfzentrale entstand 1986. Sein Ziel war die kulturelle Nutzung der Dampfzentrale Bern. So reichte er beim Gemeinderat der Stadt Bern ein Gesuch ein.

So hatte das mal ausgesehen da unten – zunächst ländliche Idylle (aus dem Archiv der Burgerbibliothek: Ansicht der Dampfzentrale von Süden – Kamerastandort: ehemaliger Spitz des Marzilibades), dann Rumpelkammer (merci Dampfere! Fotograf: Hansueli Tachsel).

FP.E.186, Bern: Marzilistrasse 47; Marzili, 1904 – ca. 1940, Artist:anonym

Und weil sich in diesen bewegten Zeiten auf dem Dienstweg nicht so viel bewegte, wurde

im Mai 1987 die Dampfzentrale Bern für eine Nacht besetzt und der Züri West-Song «Hansdampf» entstand: «D Wäut schteit uf em Chopf u dräit sech überem Parkett, 1000 Bärner dräie mit u i schtah irgendwo ir Mitti, u cha nid gloube, was i gseh.»

Und für die Nostalgiker hier noch ein Youtube-Fund, 1993:

und das, 1988.

Weitere Funde gern in die Kommentare! Nun wird aber erst mal gefeiert, ab morgen. Mit einem tollen dreitägigen Programm.