Archiv für die Kategorie ‘Nachtleben & Freizeit’

Bis zum letzten Lied

Mirko Schwab am Samstag den 15. Juli 2017

Wenn du dann am Boden bist. Ein Abend am Gugus Gurten verendet existenziell.

Masturbieren im Tram. Vorlage: Wie scheisse das konsumfreudige Festvolk wieder einmal ausschaut. Wie ich es so gar nicht beneide um die vier Tage auf dem Plastikberg; Müll ist, was ihr fresst und Müll ist, was ihr hinterlassen werdet. Dazwischen living la vida locker im Billigrum-Dom, geilon gröhlen gröhlen, bis ihr euer letztes Lied in eine Pissrinne hineinsingt. Zielgruppe ist alles, was ihr da oben noch seid, denk ich mir und finde den Gedanken so schmissig, dass es mir die Lippen kräuselt. Alles, was ich will ist: nichts mit euch zu tun haben.

Und so gebe ich mich schamlos meinem gigantischen Dünkel hin und spucke die paar vergifteten Zeilen auf euch herab. Die eigene Komfortzone fährt indes mit, schliesslich habe ich einen guten Grund, mich mit dem Strohhutpöbel an den Fuss des Hausbergs spülen zu lassen. Es ist wieder Gugus Gurten. Und es ist Gegengift gegen die Misere da oben, deren ganzes Ausmass sich an der Anekdote vom Auftritt eines umjubelten amerikanischen Hitparadenrappers verdichtet, der es eine gute Idee fand, nach ein paar konsenspolitischen Fausthoch-Liedern ein Stück über 1 Turnschuh einzustreuen mitsamt auf Grossleinwand eingeblendetem Markenlogo. 2k17 scheint daran niemand innerlich zu zerbersten. Aber von der LED-Leuchtfratze des füdliblutten Kapitalismus zurück zur parallel anwesenden Komfortzone im Nünitram: the good people, rasch erkannt an den Oberflächlichkeiten, Birkenstock-Hippie-Chic ohne Bändeli – lass uns doch bei einzwei Ingwerern über Toleranz, Inklusion und das Miteinander diskutieren …

Dreivier. Die Gruppe Melker wird gleich den Robin H als Hedo-Hero besingen, ich bleibe derweil fürs Erste bei der Einstiegsdroge Alkohol, bis dass das Herz mir milder wird. Diese Geschichte hat hier nämlich, ich muss darauf hinweisen, weil mir die Schreibe ob all der Bitterkeit zu entgleiten droht, einen reinen Moment für einen wahren Helden. Er heisst Thomas, kümmert sich um die Anmoderation der Auftretenden und ist der geilste Siech auf dem Platz, den man ihm an zu manchen Orten gar nicht einräumen würde wegen seiner eigenartigen Art zu sprechen. Und damit geradezu blind ein Höchstmass an Hingabe und Humor übersähe. Fünfsechs.

Durch die Szenerie stolpern. Die Glitzerboys und -girls aus Mittelhäusern haben eine anmutige, mit Teppichen ausgelegte Kuschelecke gebaut. Ich streife die Schuhe ab. Grüsse, Küsse, hier kann ich mich streicheln lassen. Sieben. Woher kenne ich dich? Acht. Ach. Ich kann jetzt nicht reden, ich muss jetzt hier weg, Sturm. Drang zur Toilettte. Keramik ansingen. Von hoch oben aufm Hügel höre ich den Faber ächzen: «Wenn du dann am Boden bist, weisst du, wo du hingehörst.» Er irrt. Das noch auf der Tramfahrt betonierte Selbstverständnis, aufgegeilt am Ekel vor den Festivalisten, ist ein Klotz an meinen Füssen noch, als müsste ich in meinem eigenen heimeligen Sozialbiotop ersaufen. Aus mir bricht ein retourniertes Gemisch aus Biobier und Lokallikör. Von eurer Kotze unterscheidet es sich nicht.

Die Wahrheit findet sich in den Brüchen.

Out of Komfortzone: Kulturbar Mundwerk

Gisela Feuz am Mittwoch den 12. Juli 2017

In dieser Serie verlässt KSB die Komfortzone und erweitert den eigenen Horizont, indem andere aus der Agglo oder über kulturelle (Un)orte berichten, die uns bis anhin durch die Lappen gegangen sind. Heute für uns in die Tastatur gegriffen hat die rote Alice bzw. Alice Kropf, Stadträtin SP und Co-Präsidentin Pro Nachleben Thun.

Mediterrane Mundwerk-Nacht

Obwohl Thun nirgends ist, gibt es nebst der Café Bar Mokka die eine oder andere kulturelle Perle zu entdecken. Zum Beispiel die Kulturbar Mundwerk, mitten in der Altstadt gelegen, mit der sympathischsten Gastgebercrew des Universums, einem vielfältigen Kultur- und Freizeitangebot und den besten Shots. Kurzgespäche in einer *mediterranen Nacht mit Gästen und MitarbeiterInnen sollen das Wesen des Lokals zu erhellen versuchen.

Drei der mehrheitlich jungen MitarbeiterInnen und der Chef erzählen, weshalb sie im Mundwerk arbeiten:

Matt (Kreativ Schaffender):
Die Gäste und Mitarbeiter sind Musiker, kreativ Schaffende, Alternative, politisch Interessierte – unter diesen allen fühle ich mich wohl und zugehörig. Ich schätze die Möglichkeit, nachts arbeiten zu können (deshalb auch der Übername aufgrund des fehlenden Tageslichts: Matt «Blanche») und tags und an freien Tagen auch nachts meine Projekte mit künstlerischem Ansatz zu verfolgen. Mir gefällt das vielfältige und alternativ-kulturelle Angebot, seien es Spielabende, Filme, Konzerte oder Partys. Zudem arbeitet ein Harlekin als Koch im Mundwerk, daher macht auch das Essen glücklich.

Vera (Studentin, Kreativ Schaffende):
Für mich ist das Mundwerk der lebendigste Ort den ich kenne. Aus den Basics für eine simple Bar ist über die Jahre ein vielgestaltiger Kultur- und Begegnungsort geworden, an dem Reto, seine Mitarbeitenden und die Besucherinnen und Besucher gleichermassen mitgewirkt haben. Dies ist mit ein Grund, weshalb ich seit bald 7 1/2 Jahren im Mundwerk arbeite: kein Dienst gleicht dem andern, neue Ideen dürfen eingebracht, improvisiert und ausgetestet werden und wohl nicht zuletzt deshalb entdecken immer neue Menschen diesen Ort, fühlen sich wohl und gestalten ihn mit. Egal ob ich neben der Arbeit im Mundwerk studiert habe, an Grafikprojekten arbeitete oder einem anderen Job nachgegangen bin, immer haben sich Begegnungen oder Gespräche an der Bar ergeben, die mich inspiriert und weitergebracht haben.

Ben (Student):
Der Stutz, der Stutz, der Stutz. Aber vor allem: Das tolle Team, die Lockerheit, man kann sein wie man ist, kein Dresscode, gute Musik, coole Konzerte.

Reto (42-jährig, der Chef):
Ich wollte eine Bar schaffen, wohin ich selber gerne gehen würde. Die echt, authentisch und ein Ort ist, wo man sein kann, wie man ist und nichts darstellen muss. (Auf die Frage, weshalb die Mitarbeitenden stets gut aufgelegt sind, gibt der älteste Stammgast stellvertretend Antwort: «Weil es keinen geileren Chef gibt.»)

Die Bar ist Anziehungspunkt für unterschiedlichstes Publikum, doch lassen wir die Gäste gleich selber erklären, weshalb sie das Mundwerk frequentieren:

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«SunSet»

Urs Rihs am Freitag den 7. Juli 2017

 – Der sonore Sonnenuntergang – war gestern an der Freiburgstrasse, auf einer Dachterrasse, irgendwo zwischen Tramspur und Bahngeleise. Und einem schöneren Abendlicht war im Dorf wohl kaum beizuwohnen…

Dazu trugen an erster Stelle die guten Menschen bei, welche ihre Wohnung mal kurzum zur Feierabend-Chill-Out-Zone für marodierendes Slacker-Pack umfunktionierten und zusammen mit den «SunSet» OrganisatorInnen  – einer sporadisch auf ausgewählten Balkonen  stattfindende Serie – zu einem höchst friedlichen Zusammenfinden luden. An zweiter Stelle natürlich alle die gekommen sind.

Fürs leibliche Wohl wurde an Bar und Grill gesorgt, während ein gewisser LCP am Dj-Setup für klingende Seligkeit garantierte. Dabei wurde natürlich nicht gekleckert, sondern nur vom Feinsten serviert – kühles Blondes, Caipi, Tabouleh Salat und Perlen aus dem Plattenregal – dass es eine Freude war. Mehr Eiferer für alle, sei an dieser Stelle solidarisch gefordert, das macht urbane Lebensqualität aus!

Gefachsimpelt wurde zur untergehenden Sonne über so manches – städtische Brachen, neue Offspaces oder Politik waren aber kaum Thema. Zum Glück, denn so kam tatsächlich sowas wie eine «KulturStattBern» Stimmung auf. Einfach mal machen – gute Leute einladen, Musik hören und kochen lassen, dasitzen und runterfahren. In solchen Momenten, wenn Schnöden und Theoretisieren mal aussen vor bleiben, vibriert doch unser Pflaster am sattesten, nicht?
Auch bei nur knapp 85 Db den Nachbarn zuliebe das darf Urs ja kaum äussern.

Haltet also die Ohren steif und lasst euch einladen, fürs nächste «SunSet» über den Dächern der Stadt, tut nämlich gut – sehr sehr gut.

Ein irritierender Zimmerbrunnen aus den späten 90ern war auch dabei, aber dies nur am Rande.

Auf Streifzug in hinteren Ecken

Urs Rihs am Samstag den 1. Juli 2017

Dieser Beitrag nimmt seinen Anfang, wo vieles sonst ein Ende findet. Im Klo – oder genauer, in einem Badezimmer, einem hellhörigen.

Da sass ich nämlich, mit meiner Sonnenbrille auf der Nase und wünschte mir nebst den schützenden Spiegelgläsern einen Radio. Denn in diesen Altbauwohnungen, wer kennt sie nicht, mit ihren Pappwändchen und den verzogenen Holztürchen, dort wo die Latrine meist gleich neben der Küche ist, im schlechteren Fall vis-à-vis des Esszimmers, im schlechtesten gegenüber dem Schlafzimmer – dort, dort verspricht ein Transistor Schutz. Tarnung – es schnöde hier Prüderie wer wolle, Abgehendes gehört ungehört, bitte! – vor offenbarenden Geräuschkulissen. 
Da wird klar, warum Radio Intimität bedeutet und darum nicht von Kommerziellen vergewaltigt werden sollte. Was gibts denn Würdigeres als Kacken begleitet von wunderbar schleierndem Rauschen des Äthers?

Item – jedenfalls erwachte in mir nach dem Toilettengang der Wunsch nach mehr stillen Örtchen, versteckten Plätzchen, hinteren Winkel, wo gute Menschen schön verborgen kulturen und verschleissen.
Am Donnerstag war erste Adresse dazu die Zoo Bar, dort traf sich ein wohldurchmischtes Häufchen, zum Quiz und zum Bier. Bloginterna: Gratulation zum dritten Rang, Frau F!

Zufällig fotografierter Fragenzettel der Gruppe “Die Untertheker” – am Ende einen Platz besser klassiert als Frau F’s Team.

Pub-Rätseln, mensch kennt es, schon seit längerem auch in unserer Stadt ein gern gepflegtes Hobby. Meist vom philisterhassenden Schlag, hoffnungslos der Besserwisserei verfallen, aber nur hintergründig natürlich. Maskierte Klugscheisserei quasi – aber Spass machts eben doch.

Vor allem wenn es so liebevoll vorbereitet und wohlorchestriert von statten geht wie in der Zoo Bar. Die beiden Organisatorinnen – schwerstbelesene wandelnde Enzyklopädien übrigens – erden den nervösen Ehrgeiz der Rategrüppchen mit solch einer Sanftmut, dass trotz des vorherrschenden Übereifers keine gehetzte Stimmung aufkommt. Dazu gibts ihr immer scharf überlegtes und breitgefächertes Fragenblatt: Wissenschaft, Popkultur, Kunst, Geschichte, alles in anspornender Wissensdistanz und schön getaktetem Rhythmus, so schnell macht ihnen das keiner nach.
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Wer hat noch keinen Wind gekriegt –

Urs Rihs am Freitag den 16. Juni 2017

Von dieser schönen Sache – dem Quartierfest Viktoria – organisiert durch den Verein Alte Feuerwehr und der Kollektivunterkunft?

Stattfinden tut das samstags im Löscher nicht in Paris und dessen naher Umgebung – ihr wisst Bescheid, dort Viktoriaplatz und so.
Beginn mit Führungen durch die Infrastruktur und Infoveranstaltungen ist morgengegenmittag und Konzerte gibt es ab den Sechsen. Programmmässig werden da gerüchteweise gar Urgewächse durch die Decke gehen und an der Bar gibts Mojito.
Bekannterweise erklingt hingegen romantisch Abgehalftertes vom BAZE – Briefkästen nehmt euch in Acht – und danach gibts Gerechtigkeit 4 Justin – begleitet von diesem Duft…
Willkommen sind alle die fühlen können, der Eintritt ist frei durch die Tür und der Tresenertrag geht an die Zwischennutzungsprojekte sowie die Unterkunft.

Könnten wunderbare Sternstunden der Bedeutungslosigkeit werden, tanzt also an ihr Hübschen und teilt etwas Zeit und Liebe – mit und in der Alten Feuerwehr Viktoria.

Wer weiss – Quartierfest Viktoria – der kommt.

Jung und stolz

Mirko Schwab am Donnerstag den 15. Juni 2017

Wir trinken, tanzen, taumeln an den urbanen Sehnsuchtsorten einer Jugend im Herbst. Er schaut zu und drückt ab. Nicola Schmid ist der Chronist unserer Jahre in Schwarz und Weiss.

Ich schicke voraus, auch dieses kleine Portrait entlang dem Gefühl einer gewissen Verliebtheit aufschreiben zu müssen. Sehen andere Schriebsteller ihre Ehrlichkeit darin vergütet, die Dinge aus sicherer Distanz beobachten und bezweifeln zu können, schreibe ich lieber Liebesbriefe, wo ich es ehrlich kann. So this song is another love song.

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So darf Kilbi! あふりらんぽ

Urs Rihs am Samstag den 3. Juni 2017

Kurze Statusmeldung von der Kilbi in diesem Uechtland, es fühlt sich gut an hier. Gestern war ein Einstand nach Mass. Es folgt ein Abriss.

Flamingods – eklektische Truppe, was Goat an Afro hat, haben sie an orientalischem Fusel, kommt schön, vor allem voll aufgedreht von der Hauptbühne. Dann das japanische Konzept-Punk-Duo Afrirampo in der Kantine. Diese Girls zerreiben Rock auf Asiatisch – harter Spassfaktor paart sich mit Ernsthaftem. Stage-Habitus im Vollvisier – abgründige Damen lassen Vorurteile an ihrer Kampfschminke abprallen – coole Sache.

Dann Angie Olsen als Americana  Kontrastprogramm – vor zwei Jahren waren wir noch verliebt, jetzt hats sichs auseinandergelebt, aber die Erinnerungen hallen immer noch schön…

Sleep ist dann zu arriviert für unsere Dünkelhaftigkeit, zu viel Amp-Pomp, zu schwer ohne dabei traurig zu sein, wir wechseln ins Haus. Zu H E X – killer Zeugs, hin und weg. Diese Kick-Drum auf den zwei Dritteln fährt brutal ein, zwanzig Minuten Tunnelfahrt, abheben, hört euch das an!

Ein Duft von Sandelholz zieht übers Kilbi Gelände – Lord Kesseli and the Drums ziehen ihre Schamanennummer durch, uns stinkts aber bald zu sehr – lassen uns lieber von Jacques in den Schlaf wiegen.

Im Wagen zu sich kommen am Morgen – alles noch da – gute Menschen, gleichermassen die Stimmung, formidable Musik und das Line-Up ruft schon wieder. Es ist eine Freude in diesem Düdingen, so darf Kilbi, definitiv.

Symbolbild Kilbi 2017 – ist das Angie Olsen?

 

Der Zeppelin hebt wieder ab

Roland Fischer am Mittwoch den 3. Mai 2017

Rasche Meldung aus der Lorraine: Das Gentrifizierungszentrum Zeppelin nimmt seinen Betrieb demnächst wieder auf. Endlich wieder eine nette Bar, kaum einen Steinwurf vom verkehrsberuhigten und politisch beunruhigten Quartierleben entfernt.

Der Infoabend gestern sei entsprechend lebendig verlaufen. Nächste Woche also dann Eröffnung, am Donnerstag – und am Freitag geht’s schon in die grossen Ferien.

Hinter Clubtüren schauen

Gisela Feuz am Donnerstag den 13. April 2017

Was ist der Unterschied zwischen einem Club und einem Konzertlokal?
Warum muss die Musik in Diskos so laut sein?
Wie viele Türsteher braucht ein Club?
Was ist eine Produktion?

Antworten auf diese und viele weitere Fragen gibts am 29. April, dann ist nämlich Tag der offenen Clubtür. Berner Clubs öffnen an diesem Samstag tagsüber ihre Pforten und gewähren Neugierigen Einblick. Wenn Sie die Clubs nicht alleine aufsuchen möchten, dann kommen Sie doch mit mir auf eine geführte Clubsafari.

Start: 16 Uhr im Bonsoir (Aarbergergasse 33/35)
Stationen: Bierhübeli, Dead End, ISC, Dachstock der Reitschule

Am 29.4. für einmal auch tagsüber weit geöffnet

Die Tour dauert ca. zwei Stunden, vor Ort geben Clubbetreiber*innen und Angestellte Auskunft über ihre Tätigkeiten und beleuchten unterschiedliche Bereiche von Kulturbetrieben. Die Safari ist gratis und richtet sich explizit auch an ältere Semester und Menschen, die nicht mit der Clubkultur vertraut sind. Nehmen Sie doch diese Gelegenheit war, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und Fragen zu stellen. Ich freu mich auf Sie!

Herzlichst,
Ihre Frau Feuz

P.S. Sie haben jetzt schon eine Frage? Dann schreiben Sie mir doch hier eine E-Mail.

Messer und im Rücken

Urs Rihs am Samstag den 8. April 2017

Es schien kaum angesagt und darum kamen nur die Angesagtesten. Zu Messer, in der Dampfzentrale, am Donnerstag.

Eigentlich schade, denn Messer hätte locker gereicht, um den ganzen Berner Musikpulk zu exorzieren – von rückwärtsgerichteten Rockideen, von verkalkten Posen auf der Bühne und von bildungsbürgerlichen Freiheitsphantasien im Text.

Ich selbst war spät dran, zuvor hatte ein Pflichtspiel gegen die Anstalten Witzwil auf dem Programm gestanden. Fussball im Knast, der legendäre Integratinonsklub RACING Bern, gegen die gesellschaftlich Ausgeschlossenen. Familiäre Stimmung auf dem Rasen hinter Betonmauern, aber das nur am Rand.

Bei der Rückfahrt spürte ich Messer schon im Rücken, mein L5 Wirbel schien Millimeter vor dem Durchbruch – auf den Os sacrum, die Bandscheibe wohl wenig mehr noch, als ein spröder Dichtungsring. Schmerzen, elf, auf der Skala null bis zehn. Beste Voraussetzungen also, für die fünf Münsteraner Abreisser von Messer.
Die wirkten ihrerseits alles andere als brüchig oder ungelenk. Quasi akrobatisch ihre Verrenkungen während dem Schrammeln, vor allem von Frontmensch Hendrik Otremba, der Typ könnte locker bei rhythmischer Gymnastik antanzen, schaut schwer gut aus vom Bühnenrand.

Und obwohl die Truppe auf den ersten Blick etwas geckenhaft wirkt, wird schnell klar, da ist nichts aufgesetzt. Das Geschrei ist echt, das ist rohster körperlicher Ausdruck von Melancholie, Wut und eben – ich fühle mit – von Schmerzen.

Da hallen sie plötzlich wieder, diese Erinnerungen. Im Habdunkel der spartanisch ausgeleuchteten Dampfzentrale – das Licht macht auf «weniger ist mehr» Ernst, schön schick – leuchten Namen vor dem inneren Auge. Sisters of Mercy, Cure, Wire. Die Platten oben links im Gestell, dort muss wohl auch die aktuelle von Messer hin, Jalousie.

Robustester vertonter Neo-Existenzialismus – für den Schwab hier – bei Messer greifen musikalisch subtil feinfühlige, in brutal direkte Schaltkreise über. Leichten Synth-Passagen folgen Verstärkereruptionen, schmalbrüstig zerbrechlichen Gitarrensoli Perkussionskaskaden, gedroschen auf zwei Drums, parallel geschaltet quasi, scheissgut.

Auch textlich dynamisch übrigens, Opakes geht stufenlos über zu Glasklarem. Von verschleiert Romantischem zu politisch Anklagendem, ohne auch nur annähernd mit dem Echoeffekt zu liebäugeln, auch wenns in der Dampfzentrale mal wieder zu kräftig hallte.
Diese Band hat keine Antworten, braucht keine Trivial-Metaphern, will keine Chören von Gleichgetakteten.
Wo sich bei Wanda mediokerste Bierseeligkeit breit macht und sich Vice und Noisey lesendes Pack in den ordinärst-tätowierten Armen liegt, da bevorzugt Messer immer den Zweifel – oder den Gedankenstrich.

Messer bleibt stecken, wos weh tut, in meinem Rücken, und sicherlich im Kopf der leider nur knapp 30 Leuten vom Konzert am Donnerstag. Auf bald – lässt sich da nur hoffen.

Es tat so schrecklich schön weh, MESSER in meinem Rücken und der Dampfentrale Bern, letzten Donnerstag.