Archiv für die Kategorie ‘Lieblingsscherben’

MFB-Lieblingsscherben: Oktober

Mirko Schwab am Mittwoch den 8. November 2017

Back on track nach einem wegen Herbstdepression übersprungenen September-Mond: Schwab porträtiert im Auftrag der Musikförderung MFB jeden Monat die liebsten Neuerscheinungen straight outta Berne. Die Kategorie «Hype» ehrt das Langjährige, Brillante, Ausgefeilte und Vielgehörte, das den Berner Pop über die Kantonsgrenzen hinausträgt und im Feuilleton Wellen schlägt. Die Kategorie «Hope» gräbt in den Tiefen des Untergrunds und verstärkt, worüber noch geflüstert wird – Erstlinge, Fundstücke, Demos.

Hype:
Pamela Méndez – «Pamela Méndez»

Sakral inszeniert und gleichzeitig einigermassen weltverloren schaut Pamela Méndez herself vom Cover ihrer am Freitag dem Dreizehnten veröffentlichten EP, sie schaut an uns vorbei. Im Blick hat sie nichts weniger als die Welt. Und wenn Lieblingsschlagzeuger Stocker den Türöffner «World Of Nothing» in Schwung bringt, beseelt anbeselt, steht fest, dass Frau Méndez sich nicht mit dem schlichten Lovesong zufrieden gibt und ihre Band sich nicht mit bittersüss säuseligem Folkpop – Elemente zwar, die anklingen auf der fünf Songs starken Scherbe, zu jeder Zeit aber über ihre Blaupausen hinauswachsen, dank findigem Produktionswitz und gewissenhaftem Songwriting. Eine Künstlerin, die auch im Prozess der Suche Dinge fertigbringt und mit einer starken Band im Rücken in eine sublime Edelpop-Form zu giessen vermag. Wir verneigen uns.

Hope:
Dirty Purple Turtle – «21 Seconds Of Believing»

Ob es 21 Sekunden dranglauben braucht, um im Soundkosmos des Berner Oberländer Zweigespanns einzutauchen? Die Auskopplung «Kidney Bob» jedenfalls nimmt sich zur Entfaltung acht Minuten Zeit, die sich lohnt. Die tribaleske Trance-Noise-Wave-Eskapade schaukelt sich hoch, digital und dreckig, abseitig, stoisch und kühl, bevor sie in sich zusammenfällt und – ja Kinder, es ist Herbst – sich auch fürs kirchlich-chorale Outro die Zeit nimmt. Denn Zeit, das wissen die cleveren, von den Regeln der Grossstadtdiskos befreiten Elektronik-Enthusiasten aus den Bergen, Zeit ist, was der Tänzer vergessen will, Zeit ist dehnbar und: Zeit ist wertvoller als dreieinhalb Minuten Radiopräsenz.

Die MFB hat sich das Fördern junger Berner Popkultur auf die Fahne geschrieben. Die interessantesten Neuentdeckungen finden Sie in der Spotify-Playlist «Sounds Like Berne».

MFB-Lieblingsscherben: August

Mirko Schwab am Freitag den 8. September 2017

Schwab porträtiert im Auftrag der Musikförderung MFB jeden Monat die liebsten Neuerscheinungen straight outta Berne. Die Kategorie «Hype» ehrt das Langjährige, Brillante, Ausgefeilte und Vielgehörte, das den Berner Pop über die Kantonsgrenzen hinausträgt und im Feuilleton Wellen schlägt. Die Kategorie «Hope» gräbt in den Tiefen des Untergrunds und verstärkt, worüber noch geflüstert wird – Erstlinge, Fundstücke, Demos.

Hype:
S.O.S«Akim» + «Imani»

Wie beweist man dem Game? Indem man gleich zwei Alben auf einen Streich raushaut. Dass beide auch in der Hitparade (gibts noch) fast ganz vorne einfädeln, ist nur die logische Konsequenz des landesweiten Hypes um die Herren Nativ und Dawill. Trap-Sauereien, Consciousness, blumigste Flowristik, alte Schule, neue Schule, zurückgelehnt oder Doppeltime – können sie alles und fächern auf zwei Geschwistertapes schön auf, was es nachzubüffeln gibt für den Rest der Szene. Rap von lokaler Zunge auf internationalem Niveau. Oder mit den Worten von Хорошо круто aus der Video-Kommentar-Ritze: «scheiße man ich versteh zwar nicht nen viertel aber der scheiß ballert böse!»

Hope:
Yangboy$ – «Du Bisch»

Nicht minder kontemporär und doch von einem anderen Stern senden diese zwei Boy$ aus Bern-West. Von Weltfrieden-Lines und Waffengeilheit (das schaffen andere Rapper im selben Song …) zum Glück kilometerweit entfernt, erfreut uns das charmant-verspulte Duo mit Lo-Fi-Miniaturen und der täglich inhalierten healthy dose DIY-Attitüde. High auf Autotune und nach den Regeln des Internetz’ bedienen sie sich der Zeichen ihrer Zeit – und uns mit nonchalanten Assoziativ-Rap-Streichen seidener Sorte. Oder mit den Worten von Pilzkopf Ivo neulich im Backstage: «S.O.S., das ist für die koolen Kids, da können wir nicht mithalten. Wir sind eher so semikool.» Proud to be semikool; then.

Die MFB hat sich das Fördern junger Berner Popkultur auf die Fahne geschrieben. Die interessantesten Neuentdeckungen finden Sie in der Spotify-Playlist «Sounds Like Berne».