Archiv für die Kategorie ‘Kopf & Kragen’

Nach Belgien mit Hügo

Resli Burri am Samstag den 6. Juli 2013

Sie sind wild entschlossen und freuen sich wie Kinder, dass es nun endlich los geht mit Hügo, dem roten Hürlimann-Traktor und dem frisch gesprayten, noch nach Farbe riechenden Anhänger. Die kühne Darstellerinnen-Truppe um die Bernerin Zora Vipera macht sich auf den Weg nach Belgien und über Berlin zurück nach Bern.
Foto Nina Haas30 Std/Km wird die Höchstgeschwindigkeit der Reise sein, und in der Langsamkeit, von Tag zu Tag, von Dorf zu Dorf, wollen die Frauen ihre Performance entstehen lassen und entwickeln. Das Publikum soll keinen Eintritt bezahlen müssen, sondern etwas in den Hut geben oder sich nach seinem Gutdünken mit Naturalien erkenntlich zeigen; etwas zu essen, ein Paar Liter Diesel für Hügo oder Wein für die Frauschaft. Unterwegs sollen andere KünstlerInnen mitfahren können um ebenfalls einen Beitrag zu leisten zum abendlichen Spektakel.
«Mit der Sonne erwachen wir, der Mond begleitet uns in der Nacht. Der Weg ist unser Stück.», steht im Beschrieb. Der Wettergott scheint ihnen für den Start wohl gesonnen (kommt von Sonne) zu sein.
An der Premiere heute in Bern wird eher improvisiert als etwas Geprobtes gezeigt. Bis anhin haben die Darstellerinnen und ihre HelferInnen über Monate Kostüme selber entwickelt und geklöppelt, Masken und Requisiten gebaut und in chaotischer Chronologie die Technik und den Fahrzeugpark zusammengebaut.

Man darf gespannt sein, wie sich das Spektakel aus Bewegung, Variété, Burlesque und Feuerzauber bis Ende Sommer entwickelt.

Heute Samstag um 22 Uhr im Pärkli neben dem Amtshaus vor dem Kapitel und danach in den Dörfern des Juras, des Elsasses, der Vogesen usw, usf.

Immer nicht ganz gut genug

Christian Zellweger am Samstag den 22. Juni 2013

Mit 60 Jahren ist David Thomas kein Jüngling mehr. Und wie er so in Altherrenhosen und Hosenträgern eingefallen auf seinem Stuhl sitzt und mit verschränkten Armen ins Publikum blinzelt, wirkt der Pere-Ubu-Frontmann mindestens nochmals zehn Jahre älter.

Pere Ubu

Thomas scheint das Alter zu geniessen und nimmt sich die Freiheiten, die man sich nach einem gelebten Leben nehmen darf: Er trinkt eine Flasche Wein ganz alleine, während die anderen beim Wasser bleiben, er scheucht seine Bandmitglieder auf der Bühne rum, grantelt über den für seinen Geschmack viel zu cleanen Klang der Tonanlage. Schon eine Zigarette später gibt er aber wieder gutgelaunt Ankedoten zum Besten, über entblösste Geschlechtsteile und die Tour mit Kool and the Gang. Und wie er so ins Erzählen kommt, wirkt er ein wenig wie Tom Waits ohne Hobo-Attitüde.

Musikalisch ist es vor allem die Rhythmus-Sektion, die den Abend zusammenhält. Thomas’ Begleiter scheinen sich längst an ihren launischen Chef gewöhnt zu haben und lassen sich auch durch überraschende Anpassungen der Set-List nicht aus dem Konzept bringen.

Der Alterschnitt im Publikum lag wohl nur wenig unter den 60 Jahren des Hauptakteurs. Die Zuschauer scheinen gemeinsam mit ihrem Helden gealtert zu sein. Und sie werden immer wiederkommen um die kauzigen Songs zwischen Kunst-Rock, Punk und, ja, irgendwo auch Pop, zu hören. Auch dann, wenn Thomas dann tatsächlich 70 ist und wohl wirken wird wie 80. Denn, wie er selbst sagt: «I’m never just quite good enough – and you love that.»

Kapitalismus, Kolleg!

Christian Zellweger am Mittwoch den 29. Mai 2013

Wie viele Leute mögen so reagiert haben, als ihnen jemand sagte, dass sie am Tanz dich frei eigentlich gegen den Kapitalismus demonstrierten?
(Bild von: whenyouliveinbern.tumblr.com

Es gibt da einen jungen Mann, der dürfte wohl auch den Mäuseblick aufgesetzt haben, als er erfuhr, dass seine vermeintlichen Gefährten mit schwarzen Pullovern und vermummten Gesichtern nicht nur die Deutungshoheit über das Tanzen beanspruchen, sondern auch über die Krawallmachereien: Alles antikapitalistische Taten, gegen das «Gewaltmonopol des Unterdrückerstaates» und gegen die «demokratische Herrschaft». Sein in diesem Kontext doch eher unpassendes Outfit machte den Herrn übers Wochenende kurzzeitig zum Facebook-Star:

Nach diesem kurzen Einblick in die Reaktionen des Internets auf die ungewöhnlichen Begebenheiten vom letzten Wochenende sind Sie hoffentlich eingestimmt auf das eigentliche Anliegen dieses Beitrages: Wir wollen Ihnen nämlich wieder einmal ein Produkt heimischen Musikschaffens näherbringen.

In dieser Folge: Die Gruppe Jeans for Jesus. In «Kapitalismus, Kolleg» beschäftigen sich die Damen und Herren mit dem Balanceakt der Widersprüchlichkeiten, den so ein Leben im Kapitalimus nun mal bedeutet. Zum Beispiel so: «Nachdem i We Feed The World ha gseh/hani zwöi Wuche schlächt gässe». Aber hören sie selbst:

Mit dabei unter anderem Marcel Kägi, der auch schon für Kutti MC und Open Season produziert hat, sowie der Rapper MIK (der beim obigen Song aber lediglich als Texter beteiligt war). Ein Album soll später im Jahr erscheinen. Das erste Lied daraus sei aber ein Ausreisser, eigentlich seien sie eher eine «Pop-Band». Auch wenn es in den folgenden Liedern weniger Falco geben sollte: Wir sind gespannt und wollen mehr.

Wehmut in der Kilbi-Zeltstadt

Christian Zellweger am Samstag den 25. Mai 2013

Auch dieses Jahr hat man sich mit dem Haushalt aus dem Rucksack in die Düdinger Zeltstadt eingefügt – die Tradition will es so. Das grüne Dach über dem Kopf war aber von vornherein lediglich als trockenes Gepäck- und Bierdepot konzipiert gewesen. Die Wetterprognosen liessen keinen falschen Optimismus aufkommen.

Aufgestellt bei Regen bis Hagel, war das Abbauen in den bis dato wärmsten Kilbistunden um vieles angenehmer.

Auch wenn in den letzten zwei Nächten einen die Gedanken an die Freiluftübernachtung gar zu Hause unter der Decke leicht erschauern liessen, kommt beim Anblick des eingepackten Zeltes doch ein bisschen Wehmut auf. Aber der Kilbi-Wettergott wird dafür sorgen, dass nächstes Jahr wieder Campingstimmung herrschen wird.

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Sonderling im Kilbi-Land

Christian Zellweger am Mittwoch den 22. Mai 2013

Die Gummistiefel sind poliert, die Daunenjacke liegt bereit. Dieses Jahr fällt der traditionelle Sommer-Auftakt an der Bad Bonn Kilbi wohl wirklich ins Wasser. Die Hoffnung, dass sich die Wettermänner und -frauen wie im letzten Jahr in ihren schlechten Prognosen für das Wochenende irren mögen, schwindet von Tag zu Tag. Die Wetteraussichten vermögen die Vorfreude natürlich nur unwesentlich zu schmälern, auch wenn die Erfrischung jeweils am Nachmittag im anscheinend bakterienkontaminierten Schiffenensee genauso zur Kilbi gehört, wie der Konzertreigen am Abend.

Obwohl Radio Fribourg in seiner Berichterstattung durchaus Platz findet für das wunderliche Zusammentreffen von Stadtkindern in engen Hosen und «unabsichtlich schlecht angezogenen Menschen» (O-Ton Kilbi-Macher Duex Fontana) vom Land, hält sich die ätherwellentauglichkeit des Gebotenen jeweils in mehr oder weniger engen Grenzen. Und doch gibt es unter allen Auftritten jeweils jene, die einen gemeinen Radiohörer am Zmorgen-Tisch mehr erstaunen würden als andere. Gerne erinnert man sich daran zurück, wie Sunn O))) das Kilbi-Gelände in den Grund eines Klangmeeres verwandelten oder wie einst Lee Ranaldo inbrünstig auf seine von der Decke hängende Gitarre einschlug.

Der sonderlichste unter den diesjährigen Sonderlingen ist wohl Jandek. Allzuviel weiss man nicht über den Mann. Genaugenommen nicht mal, ob Jandek nun den Musiker bezeichnet, oder ein musikalisches Projekt. Der Amerikaner, er soll in seinen 60ern sein, hat seit 1978 mehr als 60 Aufnahmen veröffentlicht. Interviews gibt es dennoch weniger als eine Handvoll, live spielt Jandek erst seit 2004. Das klingt dann so:

Angesichts der Geheimniskrämerei und der Seltenheit der Auftritte ist der Kilbi-Sonderling wohl auch der heimliche Kilbi-Star. Das bedeutet nicht automatisch, dass man auch ein ganzes Jandek-Konzert erträgt, man darf aber jedenfalls gespannt sein.

(Zumindest existiert ein Dokumentarfilm, der das Mysterium zu ergründen versucht. Selbstverständlich ohne Auftritt des eigentlichen Protagonisten.)

Bespielen statt nur spielen

Christian Zellweger am Freitag den 10. Mai 2013

Wer sagt denn, dass ein Sänger nicht vom Gerüst hinter dem Vorhang der Dampfzentrale-Bühne herab- und hervorsingen darf, nicht mit Schellenringen und Schlagzeug-Becken um sich werfen und die Wände mit Drumsticks traktieren kann? Es verbietet einem auch niemand, sich auf dem Rücken liegend durch den Raum zu schieben und weiterzusingen. Nicht die knapp mehr als 20 Zuhörer und schon gar nicht der Dampfere-Booker Roger Ziegler, auch wenn er ab und zu die Hände verwarf.

Die ersten Ausflüge von Parenthetical-Girls-Sänger Zac Pennington in die Weiten des Raumes dienten offenbar der Soundkontrolle. Es war ihm «substantially» zu leise und nach mehreren Klagen darüber musste Ziegler dann doch noch auf das Recht verweisen: Man dürfe nun mal nicht lauter, «it’s just a legal matter».
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Der Rabe geht dem Bären an den Kragen

Christian Zellweger am Freitag den 26. April 2013

Gewalt ist keine Lösung, das soll hier gleich mal festgehalten werden. Nach den Gesetzen von Dr. Moreau unterscheidet das den Menschen vom Tier:

Nun, der Rabe von Radio Bern ist ein Vogel und kein Mensch. Da ist die Reaktion des Tiers auf den Eindringling in seinem Revier durchaus nachvollziehbar. Um so mehr, als dass der Konkurrent in seinem Pelz dem Vogel durchaus ziemlich ähnlich sieht.

Auch wenn die beiden doch sehr unterschiedlich krächzen und brüllen, der kämpferische Vogel liess sich das Revier nicht strittig machen. Und so sieht das aus, wenn ein Rabe einem Bären an den Kragen geht:

Einigermassen brachial.

Das Schütteln der Gefühle

Miko Hucko am Sonntag den 24. Februar 2013

Nachdem ich mich letzter Woche mit dem Facebookduckfacedrang der Berner Jugend auseinandergesetzt habe, lässt mich das Thema grad nicht mehr los: Stellen sich Menschen gerne selbst dar, um damit ihr Anderssein, ihr Künstlertum zum Ausdruck zu bringen? Und wo führt er durch, der schmale Grat zwischen Kunst/Kultur und Selbstdarstellung?

Am AUAWIRLEBEN (ja, das ist jetzt schon eine Weile her) letztes Jahr gab es einiges zu sehen, das mit dieser Grenze spielte, bei «Susan and Darren» standen Mutter und Sohn auf der Bühne,  bei «This is my Father» Vater und Sohn, beide Stücke (und einige weitere) schöpften aus privaten Geschichten, stellten das eigene Leben aus. Ein anderes Beispiel, grad noch aus dieser Woche, wäre auch der 1000-Franken-Deal, bei dem die drei Performenden den ganzen Abend lang sich selber spielen und ihre eigenen Wünsche und Bühnenträume zeigen. Im Theater gehört diese Selbstdarstellung und -ausbeutung fast schon zum guten Ton, wird aber definitiv noch der Kunst zugerechnet.

Das eigene Leben wird aber in den meisten Fällen nicht wie oben als Fundgrube für künstlerisches Schaffen verwendet oder als dramaturgische Basis eines Werks, sondern als Marketingtrick. Oder wird gar die Kunst zum Werbemittel für das eigene Leben? Waren Beispiele für diese verwirrende Doppelschneidigkeit bisher vor allem aus dem englischen Sprachraum bekannt (Lindsay Lohan an vorderster Front), so haben wir nun mit Heinos Coveralbum «Mit freundlichen Grüssen» endlich auch Gelegenheit, einem deutschen Künstler dabei zuzuschauen, wie er den eigenen Untergang geschickt inszeniert zum Kult macht. Wir können uns fragen, was er eigentlich will: Das eigene Image retten, indem er noch ein letztes Mal gross rauskommt? Oder das Ende seiner Karriere zum Plattenverkauf verwenden? Im folgenden Livevideo kann er grad bei einer solch verwirrenden biographischen Erkenntnis beobachtet werden (für alle, die das lieber überspringen möchten, singt er ab 3:14 «Junge» von den Ärzten).

Was mich aber eigentlich zu diesem Post inspiriert hat, ist ein Meme, das sich seit einzwei Wochen auf Youtube breit gemacht hat, so breit, dass gar der Blick titelte «Gangnam-Style war gestern: Jetzt kommt der Harlem Shake». Das Meme ist für mich, nur so nebenbei, ein erschreckendes Beispiel dafür, wie weisse Kultur schwarze Kultur übermalt und neu verwendet  – oder vielleicht sogar ins Lächerliche zieht (siehe hierzu: Harlem reacts to Harlem Shake). Hier also das “original”-Video, das die Geister weltweit bewegt (Achtung: nichts für anspruchsvolle Gemüter):

Hui. Das Beste: Es hat mehrere hundert Nachahmervideos weltweit gefunden. Wenn es beim Gangnam Style-Hype noch darum ging, eigene Messages in den vorhandenen Song einzubetten (mein Liebling: Mitt Romney Style), den Text umzuschreiben und das Video zu verballhornen, eine gewisse Abstraktionsfähigkeit also gefragt war, wird beim Harlem Shake (ja, los, Selbstversuch auf Youtube) vor allem eines betrieben: Selbstdarstellung. In allen Lagen, in allen Lagen. Samstag Nachmittag war es dann soweit. Als ich mit dem Bus am Bundesplatz vorbeifuhr, habe ich mich gefragt, was denn all die kostümierten Jugendlichen da treiben… Et voilà.

 

Duckface reloaded oder: Was macht eigentlich die Berner Jugendkultur?

Miko Hucko am Sonntag den 17. Februar 2013

Zur Kultur gehört, ganz klar, die Jugendkultur dazu. Vor allem im Zuge der ganzen Nachtleben-Debatte letztes Jahr wurde uns das immer wieder bewusst gemacht. Und wenn über 10’000 Jugendliche für ihr Recht auf Party auf die Strasse gehen, kann das nicht ignoriert werden. Denn 10’000 in einem Zug, das ist in einem provinziellen Hauptstädtchen nicht gerade wenig! Wobei ich immer dachte, so viele Jugendliche gäbe es gar nicht in Bern, und ich war ja da auch dabei und viele meiner älteren Bekannten auch. Item.

Umso überraschter war ich also, als ich eine neue, jugendliche Bewegung der 10’000 entdeckt habe – wenn auch bis jetzt nur virtuell. Die Facebookseite «Berner Schönheiten» ist nämlich nicht, wie ich erst annahm, ein Coup von Bern Tourismus, sondern wird von Jugendlichen betrieben, bespielt, ja, täglich mehrmals aktualisiert. Und hat schon über 10’000 Likes! Die Regeln sind einfach und sind auch die einzige Information von Seiten der Betreibenden:

«Anleitung: 1. Seite liken, 2. Nachricht mit Foto, Name, Alter und Nationalität senden. VIEL SPASS ♥

Regeln
■Die Teilnehmer müssen einen Mindestalter von 14 Jahren haben.
■Keine Beleidigungen. (Meinungen sind erlaubt PS: Umgangssprache)
■Keine doppelten Nachrichten schicken.
■Keine Fakes einschicken.
■Keine Bilder von Freunden einschicken.»

Was jetzt daran der Spass sein soll? Das habe ich mir auch gedacht. Tatsächlich aber werden hier die verschiedenen Bilder miteinander in indirekte Konkurrenz gestellt: Wer hat die meisten Likes? Wer die Kommentare mit den meisten Herzli und Küsslismileys? Klingt zwar auf den ersten Blick ziemlich nach harmloser Jugendbeschäftigung, na klar, Privatsphäre kennen die ja eh nicht… bei längerem Nachdenken hat mich aber das Schaudern dann doch ergriffen. Da ich aus personenschutztechnischen Gründen (also ich glaube da ja noch dran) kein Original hier raufladen möchte, ein Blog ohne Bild aber selten gut ankommt, gibt’s jetzt ein Bild von mir zum Dranrumrätseln:

    Miko, 24gi, Bern, Shwiiz/Slovakei

Ich hoffe, die Illustration gereicht zum Verständnis des Schreckens. Nein, es ist nicht der Winkel (leicht von oben) der Gesichtsausdruck (eben, Duckface, besser hab ich’s einfach nicht hingekriegt) oder die verkrampfte Armstellung (vom sich-selber-Fötelen). All das wäre ja noch im Rahmen der künstlerischen Freiheit und Gleichheit ertragbar. Es ist der Bildbeschrieb. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: An das SH habe ich mich fast schon gewöhnt, das Y hat eh ausgedient – für einmal sind die Probleme nicht sprachlicher Natur. Es ist der gepflegte Nationalismus, der mir Sorgen macht. Wenn dort die Nationalität nicht stünde, hätten Sie sich einen Deut darum geschert? Ich glaube nicht. Ehrlich gesagt kann ich kein Wort Slovakisch, und ich glaube, auch viele der Jugendlichen mit Selbstdarstellungsdrang haben redlich wenig mit “ihrem” Land zu tun. Aber das sind nun mal die Regeln des Spiels, und alle halten sich dran – die meisten suchen wohl irgendwo nach Ahnen im Ausland, andere haben tatsächlich die Erkennungsformel “Eidgenoss” (auch bei Frauen ohne -in, das scheint so eine fixer Ausdruck zu sein, ein Stempel vielleicht) zu ihrem Bild gestellt.

Meinereins fragt ja neue Bekanntschaften immer «was machsch du so» – schon als Kind habe ich meinen Plüschtieren und Legofiguren immer einen Namen und einen Beruf zugeordnet. Ganz nach dem Prinzip du bist was du tust. Hier aber geht um «wo chunsch du so här», und auf einmal verschiebt sich das Gefüge von Gleichheit zu einer Bewertung der Herkunft. Ich war ja immer so idealistisch und habe geglaubt, es sei egal, woher du kommst – aber Zehntausende Jugendliche belehren mich hiermit eines gefürchigen Besseren. Ich frage mich, ob dieser, hm, Nationalismus im Anfangsstadium schon immer da war und ich das einfach nicht mitbekommen habe oder ob sich in den letzten Jahren etwas verschoben hat. Brauchen junge Menschen in Zeiten der allgemeinen Globalisierung, des jederzeit-überall-Seins mehr Halt, mehr Ort, mehr Nationalität um sich irgendwo zu Hause oder dazugehörig zu fühlen? Oder findet das allgemeine Zusammenrücken nur auf bestimmten gesellschaftlichen Stufen statt?

Übrigens stehen die Chancen gut, dass wir die «Berner Schönheiten» bald einmal live erleben dürfen, einer Abstimmung zufolge haben sich um die 60% der Gruppenfans für die Organisation einer Talentshow entschieden. Ich bleibe dran und versuche weiterhin hartnäckig, nicht zu viel Gefallen an der virtuellen Selbstdarstellung zu finden.

 

Helden des Apfänts

Resli Burri am Samstag den 8. Dezember 2012

Die Adventszeit (oder Apfänt, wie Nils Althaus  zu schreiben pflegt) erkennt man nicht nur an den noch einsameren Einsamen, den noch gestressteren Gestressten und den kränkeren Kranken. Man erkennt sie auch an den überall eingerichteten Weihnachtsmärkten. Über den Artsouk wird hier noch berichtet, der war aber indoor, und daher eher den Kuschelmärkten zuzurechnen. Wir möchten unser Augenmerk jedoch auf die echten und harten Kerle (und Kerlinnen natürlich) der Freiluftmärkte richten, die über drei Wochen lang täglich in der Kälte ausharren, um ihre Ware anzupreisen.
Stellvertretend für alle stelle ich Martin Freiburghaus vor, einer der fleissigsten Keramiker im Kanton. Und wahrscheinlich der letzte seiner Berufsgattung, der alleine vom Verkauf der von ihm hergestellten Produkte lebt. Er hat seine kleine Baracke mit seiner Partnerin Monika Wenk, die bunte und warme Mützen anbietet, auf dem Münsterplatz aufgestellt. Gestern erst haben sie ihr Dach dichten können und sehen deshalb so glücklich aus:

Schauen Sie sich den kontemplativen Film von Marco Wenk aus Grosseto an, der die geschmeidige Fertigkeit des Handwerkers sehr schön einfängt. Sie brauchen nicht einmal zu kiffen, er fährt auch so ein. Die Musik dazu haben die Berner EAM geliefert.

Der Berner Weihnachtsmarkt ist noch bis am 24. Dezember täglich offen.