Archiv für die Kategorie ‘Kopf & Kragen’

Was 2017 schief lief

Milena Krstic am Samstag den 20. Januar 2018

Zum Jahresende hin sind sie überall aufgepoppt: Die Bestenlisten. Beste Lieder 2017, beste elektronische Musik 2017, beste Pop-Rock-Lieder 2017. Es gab Listen für die Schweiz und separate für die ganze Welt. Sie wissen schon. 

Als Musikjournalistin weiss ich, dass solche Listen nie objektiv erstellt werden. Da sind Menschen dahinter, die sich für Musik interessieren, sich die Lieder wirklich anhören und dann ihre Lieblinge zum Jahresende hin auflisten. #legit und genau so soll das auch sein.

Als Musikerin weiss ich, wie weh das tut, selbst nicht auf so einer Liste zu sein. In solchen Momenten, wenn die Journalistin grad nix zu melden hat und die Musikerin an fehlender Aufmerksamkeit leidet, ja in solchen Momenten dann kommen mir Listen wie diese, welche ich Ihnen in diesem Beitrag präsentiere, gerade recht.

Sie heisst «Shit that went wrong in 2017» und wurde geschrieben von Tetsuo, Bandmitglied von den Revolting Puppets, die seit einiger Zeit mit ihren gloriosen Leuchtirokesen immer mal wieder auftreten. Ich habe die Band noch nie live gesehen, aber ich mag ihre Blogeinträge. Darauf aufmerksam geworden bin ich Dank einem Beitrag zum Thema Spotify, der übrigens auch sehr lesenswert ist.

Item. Back to «Shit that went wrong in 2017». Tetsuo erzählt von gloriosen Plänen und davon, dass diese dann nicht umgesetzt werden. Davon, dass es schwierig ist, einen neuen Drummer zu finden. Davon, dass Facebook ein Arsch ist, weil es will, dass wir für unsere Beiträge bezahlen, damit sie überhaupt noch prominent angezeigt werden. Und er erzählt von der Müdigkeit darüber, ständig nur Erfolgsgeschichten zu lesen.

Es ist doch immer ein Mix aus beiden, aus Erfolg und Misserfolg, aus Ägeileha u Downsii. Ich lege mal wieder etwas auf die Fail-Waagschale. Lesen Sie hier einen exklusiven Repost von

Shit that went wrong in 2017

Are you tired of reading everyone’s success stories?

We naturally tend to only present all the good things that are happening in our lives, wich is not to blame, but it leaves us with a distorted image, of our friends live compared to ours.

And its no different being in a Rock-Band. Sometimes people would come to us and say “Hey, you seem to be on a pretty good run with your band” when we were personally in a spot thinking we were absolut shit and no one really cares about us. Because we only share the good things.

So, in order to correct that, here’s a list of all the shit that did not go the way we planned or wanted to, all the fails and disappointments of 2017. (Just to make you feel a little bit better about yourself hopefully)

Delays, Delays, Delays

There were so many things we wanted to do last year. Recording “Dear MTV”, releasing it as our first single, making an awesome short-film videoclip for it. None of it happend. We simply were not ready yet. Having great ideas, but have to keep them on hold is frustrating, even though sometimes necessary.

Recording live for our EP

We recorded two gigs in order to get enough material together for our first release. The sad thing about it was that we had songs that we would have loved to be on the release, but honestly were just too badly played. So in the end we were not free to just pick the ones we liked, but had to pick the ones that were technically not the worst of the worst.

EP marketing campaign

Boy, did that thing go wrong in the beginning. We put so much work into press kit, mailing in 4 languages, collecting addresses of blogs, radios, newspapers, sent out around 250 e-mails and the resonance was 0. Null. Absolutely nothing. Well basically nothing, of the 250 mails, probably only around 25 got even read. But no answer back, nada. It would take up to 2 months, when we first got mentioned on a blog we contacted. From then on it went a bit better. But to be honest, we expected more. Maybe we were naiv, or just did not know enough about modern day marketing.

We lost our drummer

Maybe not the worst thing that happened, since we now have a new one and are very happy about it, but it was still a bummer. Although we parted in good ways and there were no bad feelings on both sides, it still meant investing time in finding a new one, being uncertain about what the future will bring us and how fast we would be back on track again.

So that was it, all the things that went wrong this year, it was not easy, but it was still fun enough to go on with everything.

Oh yeah and by the way, fuck you facebook, for not showing ur posts to our fans anymore unless we pay. We probably have to think about a new way to connect to you all soon….(and yes, just for the irony, this will be posted on fb too)

Hier gelangen Sie zur Originalveröffentlichung. Man munkelt, die Revolting Puppets träten im Februar wieder auf. Stay tuned.

Näbegrüsch zu Stärbegrüsch

Mirko Schwab am Freitag den 12. Januar 2018

Papi stürzt sich wiedermal ins Chaos und macht dabei eine gute Falle. Die Boys tollen. Ja: 2018 könnte die generationelle Tektonik dem Rap-Eiland Bern zu neuen Vulkanausbrüchen verhelfen.

Back inna days hat Greis über seine Pumaturnschuhe nachgedacht. Es war eins vor Millenium und ich so fünf vor zwölf, Neocolor und immer Räuber, nie Poli. Pit hätte mir vielleicht auf dem schneebedeckten Roten Platz die Fresse gewaschen im Kalten Krieg 19hundert99. (Und immer Para wegen den Albanern aus der Para.) Iroas hat womöglich mit japanischen Spielkarten gehandelt oder die Kleinen um wertvolle Glitzer-Panini betrogen. Roumee hat indes wahrscheinlich Fantasyromane gelesen. Oder Nietzsche.

Back inna days, als die Trams und Busse noch
und wir auch grün hinter den Ohren,
naseweiss und der Winter noch,
so blauäuig und der Rote Platz.

(«Nostalgisches RGB»
s/o to Marc von der Kommentarspalte)

Fast zwei Dekaden später betrachtet sich Greis, da er auf dem Sofa liegt und Fazit zieht, ein Zwischenfazit immerhin. Sosolala, naja. Roumee hat ihn mittlerweile bart- und bars-technisch frech eingeholt und ist nun um die Consciousness bestellt. Iroas und Pit machen wie immer schöne Punchlines. Der Beat ist aus dem besten Gestern – es ist ein Fest für Jung und Alt. Das könnte natürlich alles peinlich sein, wenn sich Papi G. nicht die feinsten Gangsterklamotten übergezogen hätte, nicht ein so stilsicheres Spiel triebe in seiner Greisen-Rolle. Denn den Hiphop muss man dieser Bande wahrlich nicht erklären. Und so macht einer auf dem Sofa liegend, laisser faire die beste Falle. Derweil sich rundherum die Kleinen – «Stich Stich Stärbegrüsch» – verbal auf die Rübe geben, der kompetitiven Brüderlichkeit frönen und das stabile Code-Repertoire des Berner Chaos-Rap bespielen. Schön auch, dass es einem dabei nicht langweilig wird.

Sie haben eine Songkritik erwartet? Nice.

Und schliesslich hört man munkeln, dass zwischen PVP und Chaostrupp eine sogenannte One Love im Gedeihen begriffen. Wir wünschen gutes Gelingen und freuen uns schon auf den nächsten Bubenstreich.

Letzte Runde №1: Albert Einstein

Mirko Schwab am Freitag den 18. August 2017

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade …
Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Letzte Runde!
Heute mit Albert Einstein
.

«Und deshalb ist es gut, dass du einmal stirbst» hat er ihm gesagt und ein selbstgerechtes Lächeln hinterhergereicht. Der andere, schon deutlich ältere der beiden Feisten, die sie da sassen und Stangen tranken und Stangen rauchten, sagte darauf nichts. Auch ich fand es recht frech. «Doch, lueg», setzte er nach, «du hast jetzt vielleicht noch deine Ressentiments gegenüber den Neuen, genauso, wie deine Eltern damals, als die Tschinggen raufgekommen sind.» Vom Gesprächsthema verdrossen bemühte ich mich um schnelles Rauchen. «Aber deine Eltern, die sind jetzt tot» raunte er schnörkellos «und den Ernesto, weisst, der von Bethlehem, den findest du ja auch einen Geraden.» Und genauso gehe es dann der nächsten Generation mit den Neuen. Und eben deshalb sei es gut, sagte er, «dass du einmal stirbst.» Also doch: Ein Satz von kühner Weisheit.

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This Is The Funniest Metallica Shred Ever Made. Period.

Mirko Schwab am Donnerstag den 27. Juli 2017

«About the absence of women and the presence of hair.» Die Berner Buckelkatze Roger F. grätscht gesellschaftskritisch ins Stadionkonzert.

Viermal brüderliches Reiben mit Mähne.

Was ist ein Shred? Mensch nehme einen Filmauschnitt eines auf allen ebenen übersättigten Grosskonzerts, eines Events; starring zu viel weisse Mannen mit phallischen Gitarren auf einer zu kolossalen Bühne, zuviel Lichtschau, zuviel mass hysteria – und unterlege den Ausschnitt mit einer Neuinterpretation des Originalsongs in extra verschissen. Ein Attentat auf die hegemoniale Zurschaustellung der eigenen Macht im Popkanon oder auch einfach ein schadenfreudiges Spässchen.

In meiner Fantasie allerdings stecken dahinter Frauen aus aller Welt, die den licks-wichsenden Bühnenchauvis einen reinbremsen. Nicht die generationell-zyklische Lust am Vatermord also, sondern eine feministische Briefbombe wird hier in die youtube trends geschmuggelt. Und auch wenn die meisten der abertausend auffindbaren Shreds inna Interwebs wohl ein sauglatter Einfall gelangweilter weisser Kifferjungs sind, bietet dieses Digitalgenre doch einiges an politischer Projektionsfläche.

Roger F. – White Men With Guitars (Schnitt: Roger F. und Giorgia P.)

 

Wohl auch für Roger Fähndrich also known as Roger F., der gerade seinen Protestsong «White Men With Guitars» im Shredgewand ins lokale Internet abgelassen hat. Nicht einfach als Videoclip, wie er betont haben möchte, und auch mitnichten nur als weitere Metallica-Verballhornung. Nein, hier sind wir erst an der Oberfläche dessen, was Fähndrich mal wieder an subversiver Buckelkatzen-Action bereithält.

Der Text erzählt uns von der Vormachtstellung des weissen, männlichen Gitarrenhelden und seiner Inszenierung als Rebell und Prophet einer besseren Gesellschaft, besserer Werte, die nichts weiter mehr sein kann als ein billig tapezierter Marketinggag und letztlich der Selbsterhaltung ebenjener dicktatur zu dienen hat. Und also sind wir angehalten, nie!, nie mehr zu verfallen diesen white men with guitars als Marionetten von Marionetten. Besser mal das eigene Büchlein plündern und sich rausnehmen aus der ganzen Scheisse. Empfiehlt uns Roger F., weisser Mann mit Klampfe. Ein Widespruch, der keiner Auflösung bedarf und dem Protestsong verleiht, was ihm traditionell fehlt, eben auch den brusthaarigen Gitarrenhelden und ihren Verkündungen fehlt: Ironie.

Weil hier nach Aussage des Interpreten nichts verkauft werden will, kein Promo-Porno abgezogen wird, verzichten wir auf die – an dieser Stelle übliche – Verlinkerei zum Werk. Stellvertretend sei dafür auf meinen Lieblingsshred verwiesen. Und auf der Krstics Lieblingsshred.

(Appendix: Die grössten Freuden bereiten solche Filmchen übrigens dann, wenn die originale Irritation der Band, wahrscheinlich über einen Monitormix, der geringfügig anders geraten als auf den vorangegangenen 157 Konzerten der Welttournee, wenn dieser kurze Moment der Unsicherheit also mit einer besonders miesen Stelle im Shredtrack zusammenfällt. Love that.)

Bis zum letzten Lied

Mirko Schwab am Samstag den 15. Juli 2017

Wenn du dann am Boden bist. Ein Abend am Gugus Gurten verendet existenziell.

Masturbieren im Tram. Vorlage: Wie scheisse das konsumfreudige Festvolk wieder einmal ausschaut. Wie ich es so gar nicht beneide um die vier Tage auf dem Plastikberg; Müll ist, was ihr fresst und Müll ist, was ihr hinterlassen werdet. Dazwischen living la vida locker im Billigrum-Dom, geilon gröhlen gröhlen, bis ihr euer letztes Lied in eine Pissrinne hineinsingt. Zielgruppe ist alles, was ihr da oben noch seid, denk ich mir und finde den Gedanken so schmissig, dass es mir die Lippen kräuselt. Alles, was ich will ist: nichts mit euch zu tun haben.

Und so gebe ich mich schamlos meinem gigantischen Dünkel hin und spucke die paar vergifteten Zeilen auf euch herab. Die eigene Komfortzone fährt indes mit, schliesslich habe ich einen guten Grund, mich mit dem Strohhutpöbel an den Fuss des Hausbergs spülen zu lassen. Es ist wieder Gugus Gurten. Und es ist Gegengift gegen die Misere da oben, deren ganzes Ausmass sich an der Anekdote vom Auftritt eines umjubelten amerikanischen Hitparadenrappers verdichtet, der es eine gute Idee fand, nach ein paar konsenspolitischen Fausthoch-Liedern ein Stück über 1 Turnschuh einzustreuen mitsamt auf Grossleinwand eingeblendetem Markenlogo. 2k17 scheint daran niemand innerlich zu zerbersten. Aber von der LED-Leuchtfratze des füdliblutten Kapitalismus zurück zur parallel anwesenden Komfortzone im Nünitram: the good people, rasch erkannt an den Oberflächlichkeiten, Birkenstock-Hippie-Chic ohne Bändeli – lass uns doch bei einzwei Ingwerern über Toleranz, Inklusion und das Miteinander diskutieren …

Dreivier. Die Gruppe Melker wird gleich den Robin H als Hedo-Hero besingen, ich bleibe derweil fürs Erste bei der Einstiegsdroge Alkohol, bis dass das Herz mir milder wird. Diese Geschichte hat hier nämlich, ich muss darauf hinweisen, weil mir die Schreibe ob all der Bitterkeit zu entgleiten droht, einen reinen Moment für einen wahren Helden. Er heisst Thomas, kümmert sich um die Anmoderation der Auftretenden und ist der geilste Siech auf dem Platz, den man ihm an zu manchen Orten gar nicht einräumen würde wegen seiner eigenartigen Art zu sprechen. Und damit geradezu blind ein Höchstmass an Hingabe und Humor übersähe. Fünfsechs.

Durch die Szenerie stolpern. Die Glitzerboys und -girls aus Mittelhäusern haben eine anmutige, mit Teppichen ausgelegte Kuschelecke gebaut. Ich streife die Schuhe ab. Grüsse, Küsse, hier kann ich mich streicheln lassen. Sieben. Woher kenne ich dich? Acht. Ach. Ich kann jetzt nicht reden, ich muss jetzt hier weg, Sturm. Drang zur Toilettte. Keramik ansingen. Von hoch oben aufm Hügel höre ich den Faber ächzen: «Wenn du dann am Boden bist, weisst du, wo du hingehörst.» Er irrt. Das noch auf der Tramfahrt betonierte Selbstverständnis, aufgegeilt am Ekel vor den Festivalisten, ist ein Klotz an meinen Füssen noch, als müsste ich in meinem eigenen heimeligen Sozialbiotop ersaufen. Aus mir bricht ein retourniertes Gemisch aus Biobier und Lokallikör. Von eurer Kotze unterscheidet es sich nicht.

Die Wahrheit findet sich in den Brüchen.

Was uns bleibt o. how cares

Mirko Schwab am Mittwoch den 31. Mai 2017

Sonnenbrand ist Seelenbrand. Stille ist Lärm. Und am Rand noch ein Konzert.

Fuck me up, it’s okay. (Fotojob: Ilona Steiger x Eva Wolf.)

Von der Pigmentpanne neulich im Weyerli hat Ihnen ja die Feuz bereits berichtet. Allein, dem ersten Sonnenbrand im Jahr wohnt doch ein ritueller Charakter inne. Als hiesse man den Sommer mit nackten Armen willkommen und stöhnte: «Fuck me up, it’s okay.» Mütter fürchten den Sonnenbrand. Sie fürchten ihn mehr als den Jugendrichter oder diesen ominösen Typen, mit dem man nie! nie! nie! mitgehen solle, auch wenn er einem Schokolade anbietet. Sie fürchten ihn mehr als den Tod, den krebsenden Tod, mit dem sie vor dem Sonnenbrand warnen. Und so ist also aus der ganzen gutgemeinten Mutterhysterie heraus, die einen den Nachmittag im schattigen Verliess zubringen liess, während alle draussen einen Geilen haben durften mit stolzer roter Birne, so ist also daraus seit frühester Kindheit eines klar: Sonnenbrand und Rebellion, das gehört irgendwie zusammen.

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Der innere Kilometerzähler

Mirko Schwab am Samstag den 11. Februar 2017

Die beste Popband der Schweiz ist zurück.

Lauener in Bethlehem: «Schatteboxe».

Regelmässige Leser dieses Blogs wissen: Der Schwab ist ihr treu. Im staubigen CD-Player, den man Ghettoblaster nannte, damals am Ende der Neunziger und auf dem Parkettboden des Vorstadtblocks, der nichts mit Ghetto zu tun hatte, da drehte «Super8» ihre Runden. Auf Replay. Das hörte nie mehr auf und wurde bedingungslos. Schwab zog weiter. Mochte das Laute und Düstere, Exotische und Befremdende mehr und mehr zum Zentrum werden seiner Popfantasie, Kuno und die Boys, sie blieben.

Jetzt also, fünf Jahre sind verstrichen seit der bildhübschen «Göteborg» (Züri West ist immer auch der innere Kilometerzähler, «e Chare wo louft u louft u …»): Zwei neue Songs. Gute Songs. Aber wissen Sie was: Sollen andere rezensieren, der Ane zum Beispiel. Schwab hat sich schon per Einleitung sentimental disqualifiziert dafür. Und ist KulturStattBern aka certified underground culture blog continuum der richtige Ort fürs Heldentum, für die Dinge, auf die sich zu Recht alle einig sind? Nein, die Freaks graben weiter in der Nische, für die Dinge, die sonst vergessen gehen könnten. Aber an diesem beschwingten Samstagnachmittag und kurz vor Frühling: Ein inniger Gruss vom Schwab aus dem Nischenblog. An Kuno und die Boys – und als Verneigung vor der besten Popband der Schweiz.

Die neue Scherbe «Love» kommt auf Frühling, 24.03.17. Tourdaten hier.

Die ganze verdammte Welt

Milena Krstic am Donnerstag den 29. September 2016

Unter dem Motto «Neues und Ungehörtes» trat gestern Abend der Akkordeonist Mario Batkovic im Kubus auf. Endo Anaconda kam dann auch noch.

Pünktchen und Anton, Batkovic und Anaconda – im Kubus.

Pünktchen und Anton, Batkovic und Anaconda im Kubus.

Es gab da dieses Portrait im «Bund» damals, in dem Mario Batkovic dem Journalisten erzählt, wie er früher an Apéro-Anlässen gespielt habe und sich mit der Rückenansicht der Anwesenden habe begnügen müssen. Wer findet denn noch die Zeit, sich während dem Cüpli–Stürzen und Blätterteigröhrli-Knabbern um das Hintergrundgedudel zu kümmern? Eben.

Aber der Batkovic, der hat sein Schicksal in die Hand genommen und kurzum sowohl sein Musikerdasein wie auch sein Hauptinstrument, das Akkordeon, revolutioniert. «Das Handörgeli gehört auf eine grosse Bühne», sagte er. Und tat es.

Der Kubus des Konzert Theater Bern jedenfalls war gestern Abend praktisch ausverkauft. In dieser Handorgel, die Batkovic umarmte, steckt tribalistischer Techno, da drin steckt himmelschreiender Gospel, heulender Blues und trunkener Folk. Also eigentlich steckt in diesem raupenartigen Wunderkasten die ganze verdammte Welt. Und vielleicht steckt diese ganze Welt ja in jedem Instrument dieser Erde? Es braucht aber immer jemanden, der obsessiv genug ist, diese da herauszumeisseln, Kitzeln allein wird da nicht genügen. Mario Batkovic hat seine Arbeit getan. Mit kindlichem Wunder im Gesicht präsentierte er sein Instrument: schaut, wie das röhrt und gurrt und knattert, schien er zu denken und spielte doch einfach nur.

Am Ende bat Batkovic das Publikum darum, mit ihm ein Selfie machen zu dürfen, «sonst glaubt mir das ja keiner.» Natürlich dürfen Sie, Mario. Sie dürfen alles.

PS. Da hab ich vor lauter Lobesgesängen fast den Endo vergessen, der sich zu Batkovics Publikums-Premiere am Piano (!) hat begleiten und zu einer, Zitat, «Spoken Word»-Einlage hinreissen lassen.

Und: Mario Batkovic war letzte Woche bei unserer Frau Feuz in der Sendung KultuRadar.

Fontänen und Pissoirs

Miko Hucko am Donnerstag den 11. Februar 2016

Dada-Jubiläum wird ja kräftig gefeiert dieses Jahr, weil, hey, weltbedeutende Kunst, die auch ein bisschen aus der Schweiz stammt gibt’s ja nicht alle Tage. Alle Tage passiert es hingegen, dass Kunstwerke falsch zugeschrieben werden oder sofort einen höheren Wert und andere Einschätzung erhalten, wenn der Künstler (sic) sich zu erkennen gibt: als Mann, als Europäer, undsoweitersiekönnenessichdenken.

So ist es nicht weiter erstaunlich, dass ein Urwerk des Dada, Marcel Duchamps Pissoir, wahrscheinlich eher von einer Frau stammt. Auf einmal hat das vermeintlich Dadaistische dann doch eine Bedeutung, wenn eine Frau ein Pissoir als Readymade hinstellt und mit R. Mutt, einem männlichen Pseudonym, unterschreibt. Item.

Elsa von Freytag-Loringhoven heisst die Dame. Nur damit Sie sie nicht wieder vergessen in all der Feierei und dem Lobgehudele. Und für den Bernbezug: Haben Sie sich nicht auch schon immer gefragt, warum es eigentlich an der Zytglogge, Berns Wahrzeichen ein Pissoir hat? Könnte Dada sein. Oder Kritik am Tourismus und am Weltkulturerbe, dem sandsteingeschützten Denkmal, äh.

Das System hat ein Problem

Miko Hucko am Mittwoch den 27. Januar 2016

So der letzte Satz im Lead von Daniel Di Falcos Kommentar zur aktuellen Lage im KTB. Kurzzusammenfassung der Ereignisse: Die Leiterin der Schauspielssparte wird von einen Tag auf den anderen freigestellt, ohne die Spielzeit beenden zu können, ohne Kommentar.

Ja, das System hat wahrlich ein Problem. Remember the Flaggschiff-Principle, das von Seiten der Abteilung Kulturelles immer wieder als quasi alternativlos hingestellt wird? Grössere Häuser, so die Argumentation, macht bessere Kunst mit grösserer Ausstrahlung. Darum also fusionieren, wo es nur geht, hierarchisieren, durchstrukturieren. Aus der Kunst einen wahren Betrieb machen, Geschäftsleitungen und Intendant_innen in einer Person vereinen, Kuration statt selbstbestimmte Produktion.

Die Freistellung von Gräve ist für mich ein weiterer Beweis, dass solche Leuchttürme uns nirgendwo hinführen als in den Tod aller Kreativität. Ich war ja bekanntlich jetzt kein Fan des Programms, dass sie für diese Spielzeit aufgestellt hat. Aber Kunst, Theater, lebt doch gerade von der Reibung, die stattfinden kann, eine Reibung mit der Stadt, eine Reibung mit der Szene. Damit etwas Neues, Spannendes entstehen kann.

Was wir also brauchen, ist nicht nur eine neue Kulturstrategie, die Grosses verspricht in leeren Worthülsen, sondern ein radikales Umdenken darin, was Kunst in einer Stadt für eine Stadt und ihre Bevölkerung bedeuten kann und soll. Und das heisst, sich über die Notwendigkeit von elitären Leucht- und Elfenbeintürme jeglicher Art Gedanken machen. So richtig.