Archiv für die Kategorie ‘Klatsch & Spott’

Gefährdet ist Gut!

Clemens Kuratle am Sonntag den 29. Juli 2018

Die Langnau Jazznights sind wieder einmal Geschichte. Die Szene war anwesend, ist das Festival doch mit seinen Workshops, Clinics und Jams eine Brutstätte des Schweizer J***s. Und so wars, neben dem hochkarätigen Line-Up, auch dieses Jahr wieder ein Familientreffen. Ein Résumé.

Furios und kontrastreich werden die Nächte Dienstags von den Bands von M-BaseGuru Steve Coleman und Basslegende Christian McBride eröffnet. Zwei gegensätzliche, vielschichtige Konzerte.

Mittwochs beeindruckt das stilbildende Trio um Brad Mehldau mit einem, seiner Extra-Klasse entsprechenden, ausgedehnten, abwechslungsreichen Set.

Donnerstags kann man der Jazzgeschichte in Gestalt des beinahe 80-jährigen Schlagzeugers Billy Hart beim Spielen zuschauen, was der anwesenden amerikanischen Drummer-Elite und dem Autor Tränen der Rührung in die Augen treibt.

Freitags, den Kater von den nächtlichen Jamsessions in der Kupfergabel noch im Genick, wird einem dann die Tradition bei aller Spielgewalt und Präzision plötzlich etwas zuviel, worauf man sich vornimmt auch den kommenden, letzten Abend nüchterner anzugehen.. S‘isch haut ****.

Am Samstag Morgen wünscht man sich den Jazz dann, trotz der Nüchternheit, überall hin, nur nicht ins Emmental.

Und dann geht man trotzdem. Wegen der Community, dem letzten Jam, weil man ja nun mal da ist… Im Gegensatz zu den Vorabenden spielt heute keine Legende auf der Bühne, man findet einen Sitzplatz.

Als Endangered Blood loslegt, der Sound justiert, die Ohren gebüschelt sind geht plötzlich alles viel zu schnell. Eine Stunde fühlt sich an wie zwanzig Minuten, die Zugabe wird frenetisch herbeigeklatscht. Die Musik von heute hat gesprochen. Da nützen alle Worte nichts. Chris Speed, Oscar Noriega, Trevor Dunn und Jim Black. Endangered Blood!

Im Anschluss steht man mit Seelenverwandten stumm und glücklich an der Bar und braucht keinen Alkohol. Die Nörgler können einem gestohlen bleiben. Man ist Fan! der Drummer und Bandleader des Fischermann‘s Orchestra (am 3. August am BeJazzSommer) macht sich auf, die CD signieren zu lassen.

Das zweite Konzert wird über die Lautsprecher der Bar zur Kenntnis genommen, der Abend verrinnt, der Jam wird um halb 5 mit einem Blues beschlossen. Man liegt sich in den Armen, verabschiedet sich und freut sich auf die Ausgabe vom nächsten Jahr. Die Helfer sind bereits am Verräumen.

Danke Langnau!

Glockenspiele

Mirko Schwab am Freitag den 25. Mai 2018

Der Zytglogge leuchtet frisch frisiert. Schade: Ein weiteres mal hat es die Denkmalpflege verpasst, den Zeitgeist abzubilden im Glockenspiel. Vier Vorschläge für eine modernere Repräsentation der Sandsteinstadt.

Immer wenn der Glocken-Gockel kräht, der Narr in seinen Schellen rührt, die Bärlein tänzeln ringelreih, Chronos seine Sanduhr stürzt und ein Leu die Schläge zählt, die Hans von Thann über die Schindeldächer der alten Stadt schickt, weil es Zeit ist – immer dann also, wenn der Zwölfer nicht recht passieren kann, weil eine Traube Touristen auf der Strasse steht und der entnervte Chauffeur mit dem Gedanken spielt, so eine asiatische Reisegruppe einfach mal im Sinn der Pädagogik leicht anzufahren – immer dann vergibt man hier die Chance, wirklich etwas zu erzählen von dieser Stadt und dem wilden Leben darin. Dabei böte auch das post-millenniale Bern Stoff für Geschichten, erzählt in mittelalterlicher Hemdsärmeligkeit.

Vorschlag I
«Reit for your Reit o. der Rytglogge»

Der Hahn kräht – und trägt jetzt Igelfrisur, ach Erich zu Hesz, du alter Blasebalg – und immer immer die selbe Leier! Die Drehscheibe bringt einen Bären hervor, darauf reitet Retho Nause, der mit langer Schlangenzunge nach einem Reigen schwarzgekleideter Narren faucht. Die Narren heben das Kopfsteinpflaster aus dem Boden und werfen es dem Aargauer Tyrannen als Bsetzi-Steine vor den Latz. Wieder kräht der Hesz. Taugenichtse, Tagediebe, Trunkenbolde: ein Miniatur-Vorplatz wird gezeigt, knöcheltief im Wein tanzen Jung und Alt, stiernackige Ritter geben sich auf die Grinde, zwei Kinder stehen auf einer Scheibe, die sie ins Lot zu bringen versuchen, derweiil die Zeiger der grossen Uhr wild übers Zifferblatt wischen. Kräht der Hesz ein letztes mal, so umarmen sich die Kinder, die Balance ist gefunden und die Zeit wird angezeigt.

Vorschlag II
«Bern und die Kultur o. der Filzglogge»

Der Hahn kräht, diesmal verkörpert durch Herzog von Leduc. Die drei ersten Töne von «O VII IX», ein Lied über die verhinderte Minne, sind zu vernehmen. Die Drehscheibe zeigt den kulturellen Austausch der Generationen: Karl Tellenbach schneidet Simeon v. Hari den Schnauz, Mani «der Barde» Matter zieht Olivarius «dem Barmann» Kehrli eine Laute über die Rübe, Friedenreich zu Glausern aus dem Siechenhaus legt indes Matho Kämpf eine Krone auf. Wieder kräht der Herzog. Ein frivoler Bärentanz der Berner Kultur und ihrem Filz. Der vorderste Tanzbär wird vom folgenden am Anus geleckt, hinter dem Rücken des ersten dann dreht sich der zweite, spuckt zu Boden und lässt sich vom nächsten bedienen, der sein Zünglein spielen lässt und schliesslich spuckt – immer weiter und so fort. Das letzte Herzogs-Krähen. Die weiblichen Kulturschaffenden scharen sich um den Oppenheimbrunnen, Jeszika von Jurassien stellt eine grosse Sanduhr auf den Kopf – die Zeit ist angezählt, time’s up!

Vorschlag III
«Wolfram und Johannes o. der Heldenglogge»

Der Hahn kräht «Fuessbau-Schwizermeischter!» Ein Helden-Tableau wird angerichtet, in gold-schwarz bemalte Ritter jonglieren einen Lederball über den Köpfen ihrer Widersacher hin- und her. And just because we’re going medival: Köpfen ihre Widersacher hinterher. Rotes und blaues Blut tränkt den Heldengrund. Der Hahn kräht « Schölölö!» Der kraushaarige Ritter Wolfram Marcus Wölflîn fliegt durchs Halbrund und fängt mit seiner rechten Hand den Lederball. Der Hahn kräht ein letztes mal recht trunken, bevor der heldenhafte Mohr Johannes Petrus im Turmhelm droben – eine Minute vor der vollen Stund – an die Glocke stüpft. Sie wird in der Folge zwölfmal angeschlagen.

Vorschlag IV
«Glocke der Gastfreundschaft o. der Metaglogge»

Der Hahn lacht. Kleine asiatische Touristen erscheinen auf der Drehscheibe, zücken Stab und Telefon und fotografieren die staunende Schar asiatischer Touristen mit Stab und Telefon, die am Turmfusse sich eingefunden hat.

Summer in the (nein, nicht schrumpfenden) City

Roland Fischer am Samstag den 19. Mai 2018

Die Kunsthalle: eine Institution. Die Bar von Lang/Baumann zum 100jährigen Bestehen, als locker hingeworfenes Sommer-Special gedacht: auch bereits eine, nach dem Eröffnungsabend. Eine 18 Meter tief in den Aarehang getriebene.

Womöglich hat diese Stadt ein bisschen ein Problem mit kultureller Spontaneität. Aber man will nicht klagen, man will da in Ruhe noch so einige Drinks geniessen, ohne den grossen Auflauf gestern.

Fand der Chef (im Bildhintergrund) übrigens auch. Er liess am Mikro verlauten, dass dieser tolle Ort wohl nicht gleich wieder verschwinden werde, nach Ablauf der Bewilligung (wir haben es also gehört). Also, Mirko, falsch: Nimmt man den Zollstock, dann ist Bern grad ein Stück grösser geworden. 50 Quadratmeter, grob geschätzt. Ein gekachelter neuer Stadtplatz mit integrierter Bar und Baumhaus-Charme. Nein, man will nicht klagen.

Bern, Kulturhauptstadt

Roland Fischer am Donnerstag den 1. Februar 2018

Das nennt man dann wohl Medienmisere.

Ein paar Blogs – schauen wir doch mal: Da wäre zum Beispiel der Seelenreiter. Nicht mehr so aktiv wie auch schon, aber da werden nach wie vor regelmässig Homestories aus dem Berner Kulturleben zum besten gegeben. Auch die Bärner Meitschi widmen sich hin und wieder Kulturellem. Noch nicht allzu lang mit dabei ist die Kleinstadt, da geht es eher um kulturelle Frühförderung. Die Kultussen dagegen sind raus – warum eigentlich? Tapfer weiter macht indessen das Journal B, immer wieder mit lesenswerten Beiträgen. Und ein paar neue Akteure, die sich wagemutigerweise gleich im Print versuchen, gibt es ja auch. Und bei RaBe zum Beispiel das Kulturmagazin Subkutan. Und und und. Nicht zu vergessen (Asche auf mein Haupt) natürlich der unverwüstliche Bewegungsmelder. Das alles ist zwar auch meist monetär-prekär, aber selten mit einer Anspruchshaltung  potentiellen Geldgebern gegenüber verbunden.

Ah, und übrigens: Klicken Sie mal auf kulturstadtbern.ch oder auf kulturstattbern.ch – wo landet man denn da, unverschämterweise? Souveräner Kulturjournalismus sieht anders aus, würden wir meinen.

Wenn du Erich Hess in Guatemala triffst

Mirko Schwab am Freitag den 19. Januar 2018

Yallah Kulturbürger*innen! Damit hätten Sie nicht gerechnet, als Sie eben Ihren ABO+-Tagespass gelöst haben: Gastautorin Jessica Jurassica nimmt Sie mit auf eine kleine Tour de Lowlife, Mittelstandsverwahrlosung shady side up. Eine Einführung.

Foto: Jessica Jurassica.

Schon krass, was sich mit unserem bodenlosen Ta-mère-dia-Budget alles anstellen lässt. Jetzt gönnen wir uns schon die zweite Gastautorin nach Frau Papst. Wobei, es geht hier um Balance. Oder wie hat Nick Cave so schön gesagt: An Sonntagen sei er zuerst in die Kirche gesessen, bevor er sich alsdann einen Schuss implementiert hat. A little bit of good, a little bit of bad. Ab nächster Woche also kommentiert hier das Internetphänomen Jessica Jurassica den Berner Zeitgeist und Sie fragen sich mit Recht: Who dat girl? Who she is?

Sie dominiert auf Twitterlänge, denn das asozialmediale Bermudadreieck aus Instagram, Facebook und Twitter ist ihr natürliches Habitat. Durch die verdreckte Linse ihres Drogendealer-Natels schiesst sie ungemütliche Kleinode des kleinstädtischen Abfucks, zwitschert von entgleisten Süchten, psychotischen Fantasien und dem Leben im digitalisierten Alltags-Sexismus. Sie fordert mehr Kokain für Frauen und fragt sich, ob sie wohl der eigenen Bubble entfliehen könnte, indem sie einfach mal einen Polizisten vögeln tät. Alltagsfragen also.

Sie dominiert auf Twitterlänge, denn 280 Zeichen müssen reichen. True talk: Haben Sie letzthin auch die «Republik» abonniert und sich auf ihrem Smartphone durch einen textgewordenen Frontalunterricht gescrollt? Solange, bis Sie nicht mehr sicher waren, ob Sie noch lesen oder schon wegdämmernd ihr Telefon mit dem Zeigefinger befriedigen?

Mit Blick aufs Partielle und Fick auf Normcore der Deutschen Rechtschreibung forscht Jessica Jurassica für KSB nach subjektiven Wahrheiten über ein gottloses Leben zwischen Internethass, Drogenverherrlichung, Menstruationsbeschwerden und den Mauern dieser Sandst1stadt.

«ist das antifa demo oder 1 foto shooting» (Lyrics und Foto: Jessica Jurassica.)

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Disclaimer: Falls Sie sich über die zunehmende Sittenverrohung im Kellergeschoss des Mutterhauses aufregen sollten – they are way beyond.

Sonntagsschock in Rios Ross

Mirko Schwab am Donnerstag den 16. November 2017

Eigentlich wollte ich ja über Mario Hänni schreiben. Wie alles anders kam und ein Geheimnis. Aus der inexistenten Reihe «Das Bundesamt für Talent hat ungleich verteilt.»

Im Gegensatz zum Print können wir uns bei KSB leider keine hochaufgelösten Grafiken leisten: Mario Hänni aka Rio. (Quelle: Berner Kulturagenda. Zwinker-Emotikon.)

Eigentlich wollte ich ja über Mario Hänni schreiben, so nachhaltig geschockt war ich letzthin. Im Rössli am ersten Wintertag, ein revoltierender Magen und Kopfschmerzen from Hell zu beschwichtigen mit dem für einen kaputtgefeierten Cuerpo eben ganz okayen Rahmsaucen-Tanzpop von Pablo Nouvelle. Hänni bühnenlinks trommelte sich als König ohne Krone durch die ersten Lieder. Damit hatte ich gerechnet. Darum war ich auch gekommen und hab mich noch so gern verschnei-schiffen lassen.

Mit glänzend-gläsernen Augen musste ich dann aber beobachten, wie der Hänni langsam zum Konfektionsmikrofon mit Nierencharakteristik sich beugte, seine Lippen ansetzte, ein schelmisches Lächeln noch darauf – und zu singen begann. Klar und warm erfüllte seine Stimme die viel zu gute Luft im alten Ross, die ein sehr andächtig-anständiges Nichtraucherpublikum aus Psychologiestudentinnen und sportlichen Boys in weissen T-Hemden mit V-Ausschnitt verursacht hatte, in dieses Vakuum hinein stiess also diese Engelsstimme, dass man eine koitale Metapher jenseitiger Dimension erfinden möchte. Und doch besser bleiben lässt. Das Nouvell’sche Vokalsample-Geballer war in der Folge jedenfalls noch Randnotiz.

Eigentlich wollte ich also über diesen Mario Hänni schreiben, angewidert von all dem Talent. Zum Glück hat das die Krstic schon besorgt und auch die Rittmeyer, in treffenden Worten journalistischer Contenance haben sie die Schneise beschrieben, die er durch den hiesigen Jazz und Pop gezogen. Denn wir Kinder vom Bahnhof Blog, wir sollen ja nicht. Jaa nicht, wenn schon das Mutterschiff eben so seriös berichtet hat und jaaa nicht etwa, wenn sich sogar die Krstic from the Clique zu einem Seitensprung hat hinreissen lassen (- bei der Kulturagenda wird sie wohl wenigstens bezahlt, es ist ihr nicht zu verübeln.)

So kommts, dass mir dieser Engelshänni schon zum zweiten mal durch die schiefe Designerbrille entgegenblinzelt mit seinen stahlblauen Augen, dazu noch auf Druckpapier. Das Thema ist abgehandelt, genug gezwitschert im sandsteinernen Hauptstadtdorf.

Und eigentlich wollte ich doch über Mario Hänni schreiben.

Ohne Scheiss: 3x uneingeschränkte Hingehverordnung zur «Carte Blanche» in der Turnhalle am 22. November (als Rio), 13. Dezember und 21. Januar. Das überragende Trio Heinz Herbert dann im Februar wieder – aber das ist noch ein Geheimnis.

Zwölf Mal völlig daneben fokussiert

Urs Rihs am Samstag den 11. November 2017

Wie der Sommer zum Lorrainebad, passt auf unserem Pflaster der Olmo zu Streetwear. Im November feiert der Laden seinen Vierzigsten und zelebriert eine Erfolgsgeschichte. Für seinen Kalender verdient er aber Rüge, denn da passt höchstens eine Brille, aufs hornhautverkrümmte Auge des Fotografen – ein Gedankengang.

Ich geh dort einmal jährlich für eine frische Trainerhose – der Olmo ist aber im Bewusstsein mindestens dreier Generationen und hat sein Image als Laden, der neben dem Verkauf von Mode auch am kulturellen Treiben der eigene Stadt Interesse zeigt, gehegt und gepflegt. Nicht selten sieht man an Veranstaltungen das Banner mit den dicken weissumrandeten Lettern und weiss dabei, Olmo steht eben auch für Subkultur – und gut so.

Erstaunt darum umso mehr, dass sich der Laden seit zwei Jahren einen exklusiven Kalender gönnt, welcher so gar nichts mit untergründigem Avantgardismus zu tun hat und einzig ein Prädikat verdient: U N T E R I R D I S C H !
In einem Werbeartikel der 20 Minuten feierte man den zwischen heteroterroristischen und machochauvinistischen Motiven pendelnden Bilderbogen als kleinen Bruder des Pirelli Kalenders und vergass dabei – die kunsthandwerkliche giga Diskrepanz dabei mal aussen vorgelassen – dass gar dieser Klassiker der, wie soll man sagen, «Garagen-Schmuddel-Ästhetik» den Schritt hin zum Zeitgeist vollzogen hat.

OLMO, Quo Vadis? Das ist nicht Hipster Chic, sondern ganz einfach ein Misstritt.

Auch beim Reifenhersteller wurde nämlich die Schablone der jungen, perfekt modellierten Frau, als zudienende Verführerin, getauscht. Getauscht gegen einen Graufilter, welcher die Verschlusszeit zugunsten der Persönlichkeiten der Abgebildeten verlängert. 2016 von Annie Leibovitz mit ihren Porträts starker Frauen und Peter Lindbergh dieses Jahr, mit seinen Bildern von Hollywoodschauspielerinnen jeder Altersklasse, mehrheitlich angezogen. Ein Quantensprung für das selbsternannte «Kunstwerk erotischer Fotografie», dass lange genug Schaufenster jenes Herrschaftsdiskurses war, welcher beispielsweise Eskapaden weinsteinschen Ausmasses erst überhaupt ermöglicht.

Natürlichkeit und Persönlichkeit statt Künstlichkeit und Oberfläche, das ist mittlerweile «State of the Art» und sollte es auch langsam bei uns im Dorf sein. Speziell für Akteure, welche massgeblich den Mode- und somit natürlich auch Geschlechterdiskurs prägen, gerade auch junger Menschen.
OLMO, dein Kalender fungiert doch auch als Visitenkarte der geschäftseigenen Corporate Identity. Und da sagst du 2017 zu deinem Vierzigsten: «Wir sind hart festgefahren in den Geschlechterrollen, haben keinen Sinn für Ästhetik und sind postpubertär» – das ist Scheisse!
Zumal es auch im kleinen Bern emanzipierte, selbstsichere, wirklich gute Fotografie gäbe (Beispiele gefällig? 1, 2 – Anklopfen dort übrigens immer gratis).
Lieber OLMO, auf die nächsten 40 Jahre wünsch ich dir was, dass du in der Szene engagiert bleibst und dabei lernst den Schärfepunkt richtig einzustellen. Bei deinem letzten Kalender war das nämlich zwölf Mal völlig daneben fokussiert.

PS @ Boy K. Lagerfield – Ich weiss, du würdest auch Hungertote in Kauf nehmen, damit auf dem Laufsteg nicht die Normalität Einzug hält, sondern weiterhin Illusion und «Körperkunst». Aber du sagst auch: «Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.» Was soll man da noch entgegnen – still a long way to wisdom old man?

An der Sache vorbeigelärmt

Mirko Schwab am Freitag den 22. September 2017

Der Schweizer Musikpreis wird heute verliehen. Und natürlich darf geschossen werden. Trotzdem ist geboten, die Kirche im Dorf zu lassen. Leise Replik auf einen lärmigen Noisey-Text.

Eine der fünfzehn Nominierten für den Hauptpreis: Elina Duni, Sängerin zwischen Tradition und Avantgarde.

Wenn heute Abend in Basel die Hauptgewinnerin oder der Hauptgewinner des vierten Schweizer Musikpreises verkündet wird, sind die bitteren Zeilen längst verfasst. Kollege Riegel etwa bemängelt bei Noisey, dass nur Alte auf der Shortlist stünden, darüberhinaus noch solche aus unpopulären stilistischen Fächern. «Wieso gewinnen nur alte Menschen den Schweizer Musikpreis?» fragt sich entsprechend die gewohnt poetische Überschrift über dem Text des Musikmagazins von Vice. Blick zurück: Vor einem Jahr wurde Sophie Hunger mit demselben Preis geehrt. Alter: dreiundreissig. Handwerk: Pop. Ergebnis: Scheisssturm.

Im genannten Artikel selbst wird das nicht unterschlagen. Trotzdem verschenkt sich der Text der These, wonach der Musikpreis zunehmend zur Würdigung «hochstehende(r) Musik für alte Menschen» würde. Eines stimmt: Im Vergleich zu den Vorjahren (der Preis besteht seit 2014) ist etwas weniger Pop auszumachen im Spektrum der Nominierten. So what? Nächstes Jahr schon könnte es wieder anders sein.

Die vage Formulierung des Anspruchs, der an die Preisträger*innen gestellt wird, das Fehlen von Kategorien – sie sind gleichzeitig Fluch und Segen dieses Preises. Fluch deshalb, weil sie den Lautsprechern das beste Angebot sind, draufloszustänkern – immer verbunden mit der Anmassung, die musikalische Landschaft eines Landes in ihrer Gänze besser erfassen zu können, als es eine siebenköpfige (swiss so sweet, isn’t it?) Jury von Expertise zu leisten im Stand ist. Für eine gehaltvolle Auswahl, gerne auch mit Akzenten und Überraschungen hie und da, ist die grosszügige Auslegung freilich ein Segen.

Natürlich darf geschossen werden. Ein Preis von hundert Kisten bedarf einer feinen Begründung und ist der Öffentlichkeit ausgesetzt, Denkanstösse und Diskussion sind wichtige Korrektive. Ab er es stellt sich immer auch die Frage der Qualität solcher Wortmeldungen, wenn Kritik offenkundig verkürzt daherkommt. So gibt sich Riegel als Fürsprecher einer Generation «unter 51», Advokat eines koketten «Pöbel(s) von Noisey», der sich ums Musikschaffen in der Vielfalt nicht schert. Das ist erstens eine brüchige Position für einen Musikredaktor, selbst bei Spartenheftern wie Noisey. Zweitens falsch, weil gerade Exponentinnen wie Elina Duni oder Jojo Mayer durchaus viele Bewunderer haben in unserer Generation und als Vorbilder dienen. Und drittens und vor allem ist es: irrelevant.

Ginge es nämlich beim Schweizer Musikpreis um einen Popularitätswettbewerb, hätten auch die von Riegel als spontane Gegenvorschläge angeführten Künstler nicht die geringste Chance. Das ist die musikalische Marktlogik unseres kleinen Lands. Der echte, vielleicht Vice scrollende, kaum je Noisey lesende Pöbel nämlich zuckte mit den Schultern vor Namen wie Fai Baba, One Sentence. Supervisor oder JPTR. Allesamt verdammt gute Projekte, die den Sprung ins Ausland schafften oder schaffen werden, die also vorerst auf die Reperbahn gehören, bitte von Pro Helvetia und Swiss Music Export und den inländischen Förderinstrumenten vergoldet werden sollen. Die aber, schlicht schon aufgrund ihrer relativ kurzen bisherigen Schaffenszeit, kein Thema sein können für einen solchen Schweizer Musikpreis, der auch spezialisierten Lebenswerken von Gewicht und Länge Tribut zu zollen hat, Jürg Wyttenbach als Beispiel.

Überhaupt wird in solcher Kritik ein seltsam schwarzweisses Bild gemalt. «Wir» gegen die andern. Pop gegen die «Elite». Grosszügig übergangen wird hier aber das Selbstverständnis vieler Popmusiker*innen, Teil eines interagierenden, universalmusikalischen Ganzen zu sein. Viele der Biographien dies- und jenseits dieser fragwürdigen Grenzziehung streifen einander oder werden es noch tun. One Sentence. Supervisor taten sich jüngst für einige Konzerte mit dem Oud-Virtuosen Bahur Ghazi zusammen, beinahe die gesamte Band Fai Baba hat an einer Jazzhochschule ihr Handwerk gelernt und man wünschte sich JPTR als treffliche musikalische Zutat einer zeitgenössischen Theaterproduktion. Was der «Pöbel» dazu fände? Ist eben scheissegal.

Gegen eine laute, zickige These, die Platz findet in einer Überschrift, hat dieser Kommentar mit Sicherheit einen schweren Stand. Aber ich plädiere für eine leise und umsichtige Beobachtung dieses für die Schweizer Musiklandschaft in ihrer Ganzheit wertvollen Formats. Gerade weil es sich nicht numerisch, kategorisch oder direktdemokratisch festlegen lassen muss. Der Schweizer Musikpreis verdient es als überblickender, nicht an der aufs Jahr abgerechneten, numerischen Ausbalanciertheit aller erdenklichen Stilrichtungen interessierter Preis, dass Kritik an seiner Praxis ebenso mit ganzheitlichem Blick formuliert wird.

Also abwarten, erstmal easy bleiben und ein bisschen Demut gegenüber den Expert*innen, zwei bisschen Gönnerschaft gegenüber den Prämierten aufbringen – und die Kirche im Dorf lassen. Dorfgeschwätz wirds auch nächstes Jahr wieder zur Genüge geben.

Der Preisverleihung kann ab 19 Uhr via Livestream beigewohnt werden.

Der Prophet von der Marktgasse

Mirko Schwab am Freitag den 1. September 2017

September 1: Schwab tut, was er zum kalendarischen Herbstbeginn stets machen tut: Den Sommer verabschieden. Heuer mit einem Gruss an den unbekannten Akkordeonisten.

Unter meinem Küchenfenster hat es ihm gut gefallen, dem Propheten von der Marktgasse. Den ganzen Sommer über kam er Tag für Tag, machte es sich auf dem kleinen Klappstuhl bequem und spielte den Winter aus seinem Akkordeon heraus. Auf und ab, mit einer fast terroristischen Beharrlichkeit und zur Unterhaltung des Gassenpublikums, dessen geschäftiges Auf und Ab sich gut vertrug mit dem Prinzip heavy rotation. Nur ich da oben in der Teufelsküche blieb immer zugeschaltet, adressiert vom Nihilisten mit dem Klappstuhl. Gefangen im Loop der Verkündigung eines schwanenden Berns.

Dem Maronihäuschen-Bern.
Dem Rendez-Vous-Bundesbern.
Dem Zibelemärit-Bern.
Dem Weihnachtsmarkt-Bern.
Dem Glühwein-Bern.
Dem Gringweh-Bern.
Dem Schneematsch-Bern.

Dem versalzenen Bern.
Dem überzuckerten Bern.
Dem geruchlosen Bern.

Spiel ihn noch einmal, unbekannter Mann. Und dann fahr mit mir in die halbjährige Nacht. Aber lässt das Akkordeon daheim, gell?

Letzte Runde №1: Albert Einstein

Mirko Schwab am Freitag den 18. August 2017

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade …
Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Letzte Runde!
Heute mit Albert Einstein
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«Und deshalb ist es gut, dass du einmal stirbst» hat er ihm gesagt und ein selbstgerechtes Lächeln hinterhergereicht. Der andere, schon deutlich ältere der beiden Feisten, die sie da sassen und Stangen tranken und Stangen rauchten, sagte darauf nichts. Auch ich fand es recht frech. «Doch, lueg», setzte er nach, «du hast jetzt vielleicht noch deine Ressentiments gegenüber den Neuen, genauso, wie deine Eltern damals, als die Tschinggen raufgekommen sind.» Vom Gesprächsthema verdrossen bemühte ich mich um schnelles Rauchen. «Aber deine Eltern, die sind jetzt tot» raunte er schnörkellos «und den Ernesto, weisst, der von Bethlehem, den findest du ja auch einen Geraden.» Und genauso gehe es dann der nächsten Generation mit den Neuen. Und eben deshalb sei es gut, sagte er, «dass du einmal stirbst.» Also doch: Ein Satz von kühner Weisheit.

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