Archiv für die Kategorie ‘Hübsch gebaute Stücke’

#BernNotBrooklyn

Urs Rihs am Sonntag den 5. November 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los, zum Beispiel ab jetzt am Zentweg 1a.

Hochgezogene Räume, moderne Industrie, helles Holz, Beton, Glas und dazu dieser Geruch von frisch gebaut – am Zentweg, dort nahe der Autobahn, hinter der Allmend. Dort haben Leute ein Stück Paradies erschaffen.
Eine Beiz, ein Indoorspielplatz und schliesslich eine Boulderhalle. DIY ist hier keine Floskel, sondern eine fast schon religiös umgesetzte Selbstverständlichkeit. Bar, Bühne, Skaterampen, Elementbauten, Kletterwände, alles, wirklich alles ist selbstgemacht und strotzt vor Liebe zum Detail.

Schwebendes U-Boot unter der Decke, ein durch die Wand brechendes Motorschiffchen, eine Indoorfeuerstelle und und und. «bimano» nennt sich das Projekt und gestern war Eröffnung. Finanziert per Crowdfunding und scheissviel Herzblut. Vorzeigeprojekt für eine Bewegung die ein fehlendes Angebot für Kind und Kindgebliebene nicht nur beklagt, sondern einfach Hand anlegt: „they don’t just talk the talk, they walk the walk.“ Und Beleg dafür, dass es eben doch Momente gibt in denen alles stimmt. Die Idee, die Gruppe, die Infrastruktur. Wer diesem Projekt nichts abgewinnen kann, sei schleunigst der Gang zum Seelenklempner ans Herz gelegt oder der Augenschein vor Ort, denn: you will fall in love!

«ZENT» meint die Beiz, die ist aber nur Spitze des Eisbergs vom Spinnerprojekt bimano am Zentweg.

Hübsch gebautes Stück №1 – Die Oberzolldirektion

Urs Rihs am Samstag den 13. Mai 2017

– Hübsch gebaute Stücke – Die KSB-Gang hält Ausschau nach Perlen der Baukunst inmitten unseres von Mittelmässigkeit durchwucherten grauen Dschungels. Erstes Objekt, die Oberzolldirektion an der Monbijoustrasse 40. Ein Bau mit unaufdringlicher und trotzdem selbstbewusster Präsenz. Ein Gebäude das Blicke bannt, ohne Protz – konstruiertes Understatement

Es ist schon ein Weilchen her – an einem verschneiten Mittwochabend im Winter – als die KSB-Gang an einem Tisch über städtische Architektur zu sinnieren begann, bei gutem Rum, Gurkenwasser und Raucherwaren. Wir fragten uns, wo stehen sie, die gut gebauten Stücke, die Gebäude mit Selbstachtung, die Stiloasen mit Ausstrahlung, die der Beliebigkeit die Stirn bieten.

Dabei landete man plötzlich bei diesem Verwaltungsgebäude – welches aussieht als sei es der Feder eines Ligne claire Comic Zeichners entsprungen – dem Hauptsitz der Oberzolldirektion an der Monbijou-Allee. Vielleicht der geschmuggelten Genussmittel auf der Küchenablage des Rockboys wegen, vielleicht aber tatsächlich wegen der beiläufigen Eleganz dieses Gebäudes, mit seiner so nonchalant geschwungenen Hauptfassade als point de vue. Wahrlich ein Blickfang, der Fischer – Bloginterner Architekturspezialist – sprach von einer der stilsichersten Baute unserer Stadt. Erste Nachkriegsmoderne und so – ich traute mich trotzdem mal hin, an den Empfang dieser Bude, um mehr zu erfahren, über die Entstehung und die Geschichte dieses Objekts – es wurde zu einer kleinen Odyssee.

Die klar strukturierte Fensterfassade des Kopfbaus, von der Frontseite her betrachtet.

Gebaut vom Architektenpaar Hans und Gret Reinhard – später berühmt geworden mit ihren Pioniersiedlungen im Tscharnergut, Gäbelbach, Schwabgut u.a. – zusammen mit dem Zürcher Architekten Werner Stücheli. Das Projekt war vom Bund als Wettbewerb ausgeschrieben gewesen und wurde schliesslich an die beiden Erstplatzierten vergeben, eben den Reinhards und ihrem Freund Stücheli – 1944 war das.

Soviel entnahm ich vor meinem Hausbesuch dem Netz und stand nun, weisslicher Cristallinamarmor unter mir, im Eingangsbereich der Oberzolldirektion.

Bauklasse: 6 – Nutzungszone: GG – Geschosse: 8,9 – Bauzustand „Gut“ – Hinweis: Aussenraum von gartendenkmalpflegerischem Interesse – Bewertung: „schützenswert“. (Auszug aus den Akten der Denkmalpflege der Stadt Bern, Inventar Monbijou-Mattenhof)

Portier G*, welcher mich erst äusserst freundlich aus seinem holzgetäfelten Kabinchen im Parterre der Direktion begrüsst, will mir dann aber nicht mehr verraten – obwohl er zweifellos könnte. Dies scheint aber seinen Zuständigkeitsbereich zu überschreiten. Pflichtbewusst übergibt er mir dafür ein Zettelchen mit den Telefonnummern der für das Gebäude beauftragten Denkmalpflegern.

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