Archiv für die Kategorie ‘Fiction & Facts’

Letzte Runde №1: Albert Einstein

Mirko Schwab am Freitag den 18. August 2017

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade …
Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Letzte Runde!
Heute mit Albert Einstein
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«Und deshalb ist es gut, dass du einmal stirbst» hat er ihm gesagt und ein selbstgerechtes Lächeln hinterhergereicht. Der andere, schon deutlich ältere der beiden Feisten, die sie da sassen und Stangen tranken und Stangen rauchten, sagte darauf nichts. Auch ich fand es recht frech. «Doch, lueg», setzte er nach, «du hast jetzt vielleicht noch deine Ressentiments gegenüber den Neuen, genauso, wie deine Eltern damals, als die Tschinggen raufgekommen sind.» Vom Gesprächsthema verdrossen bemühte ich mich um schnelles Rauchen. «Aber deine Eltern, die sind jetzt tot» raunte er schnörkellos «und den Ernesto, weisst, der von Bethlehem, den findest du ja auch einen Geraden.» Und genauso gehe es dann der nächsten Generation mit den Neuen. Und eben deshalb sei es gut, sagte er, «dass du einmal stirbst.» Also doch: Ein Satz von kühner Weisheit.

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This Is The Funniest Metallica Shred Ever Made. Period.

Mirko Schwab am Donnerstag den 27. Juli 2017

«About the absence of women and the presence of hair.» Die Berner Buckelkatze Roger F. grätscht gesellschaftskritisch ins Stadionkonzert.

Viermal brüderliches Reiben mit Mähne.

Was ist ein Shred? Mensch nehme einen Filmauschnitt eines auf allen ebenen übersättigten Grosskonzerts, eines Events; starring zu viel weisse Mannen mit phallischen Gitarren auf einer zu kolossalen Bühne, zuviel Lichtschau, zuviel mass hysteria – und unterlege den Ausschnitt mit einer Neuinterpretation des Originalsongs in extra verschissen. Ein Attentat auf die hegemoniale Zurschaustellung der eigenen Macht im Popkanon oder auch einfach ein schadenfreudiges Spässchen.

In meiner Fantasie allerdings stecken dahinter Frauen aus aller Welt, die den licks-wichsenden Bühnenchauvis einen reinbremsen. Nicht die generationell-zyklische Lust am Vatermord also, sondern eine feministische Briefbombe wird hier in die youtube trends geschmuggelt. Und auch wenn die meisten der abertausend auffindbaren Shreds inna Interwebs wohl ein sauglatter Einfall gelangweilter weisser Kifferjungs sind, bietet dieses Digitalgenre doch einiges an politischer Projektionsfläche.

Roger F. – White Men With Guitars (Schnitt: Roger F. und Giorgia P.)

 

Wohl auch für Roger Fähndrich also known as Roger F., der gerade seinen Protestsong «White Men With Guitars» im Shredgewand ins lokale Internet abgelassen hat. Nicht einfach als Videoclip, wie er betont haben möchte, und auch mitnichten nur als weitere Metallica-Verballhornung. Nein, hier sind wir erst an der Oberfläche dessen, was Fähndrich mal wieder an subversiver Buckelkatzen-Action bereithält.

Der Text erzählt uns von der Vormachtstellung des weissen, männlichen Gitarrenhelden und seiner Inszenierung als Rebell und Prophet einer besseren Gesellschaft, besserer Werte, die nichts weiter mehr sein kann als ein billig tapezierter Marketinggag und letztlich der Selbsterhaltung ebenjener dicktatur zu dienen hat. Und also sind wir angehalten, nie!, nie mehr zu verfallen diesen white men with guitars als Marionetten von Marionetten. Besser mal das eigene Büchlein plündern und sich rausnehmen aus der ganzen Scheisse. Empfiehlt uns Roger F., weisser Mann mit Klampfe. Ein Widespruch, der keiner Auflösung bedarf und dem Protestsong verleiht, was ihm traditionell fehlt, eben auch den brusthaarigen Gitarrenhelden und ihren Verkündungen fehlt: Ironie.

Weil hier nach Aussage des Interpreten nichts verkauft werden will, kein Promo-Porno abgezogen wird, verzichten wir auf die – an dieser Stelle übliche – Verlinkerei zum Werk. Stellvertretend sei dafür auf meinen Lieblingsshred verwiesen. Und auf der Krstics Lieblingsshred.

(Appendix: Die grössten Freuden bereiten solche Filmchen übrigens dann, wenn die originale Irritation der Band, wahrscheinlich über einen Monitormix, der geringfügig anders geraten als auf den vorangegangenen 157 Konzerten der Welttournee, wenn dieser kurze Moment der Unsicherheit also mit einer besonders miesen Stelle im Shredtrack zusammenfällt. Love that.)

Auf Streifzug in hinteren Ecken

Urs Rihs am Samstag den 1. Juli 2017

Dieser Beitrag nimmt seinen Anfang, wo vieles sonst ein Ende findet. Im Klo – oder genauer, in einem Badezimmer, einem hellhörigen.

Da sass ich nämlich, mit meiner Sonnenbrille auf der Nase und wünschte mir nebst den schützenden Spiegelgläsern einen Radio. Denn in diesen Altbauwohnungen, wer kennt sie nicht, mit ihren Pappwändchen und den verzogenen Holztürchen, dort wo die Latrine meist gleich neben der Küche ist, im schlechteren Fall vis-à-vis des Esszimmers, im schlechtesten gegenüber dem Schlafzimmer – dort, dort verspricht ein Transistor Schutz. Tarnung – es schnöde hier Prüderie wer wolle, Abgehendes gehört ungehört, bitte! – vor offenbarenden Geräuschkulissen. 
Da wird klar, warum Radio Intimität bedeutet und darum nicht von Kommerziellen vergewaltigt werden sollte. Was gibts denn Würdigeres als Kacken begleitet von wunderbar schleierndem Rauschen des Äthers?

Item – jedenfalls erwachte in mir nach dem Toilettengang der Wunsch nach mehr stillen Örtchen, versteckten Plätzchen, hinteren Winkel, wo gute Menschen schön verborgen kulturen und verschleissen.
Am Donnerstag war erste Adresse dazu die Zoo Bar, dort traf sich ein wohldurchmischtes Häufchen, zum Quiz und zum Bier. Bloginterna: Gratulation zum dritten Rang, Frau F!

Zufällig fotografierter Fragenzettel der Gruppe “Die Untertheker” – am Ende einen Platz besser klassiert als Frau F’s Team.

Pub-Rätseln, mensch kennt es, schon seit längerem auch in unserer Stadt ein gern gepflegtes Hobby. Meist vom philisterhassenden Schlag, hoffnungslos der Besserwisserei verfallen, aber nur hintergründig natürlich. Maskierte Klugscheisserei quasi – aber Spass machts eben doch.

Vor allem wenn es so liebevoll vorbereitet und wohlorchestriert von statten geht wie in der Zoo Bar. Die beiden Organisatorinnen – schwerstbelesene wandelnde Enzyklopädien übrigens – erden den nervösen Ehrgeiz der Rategrüppchen mit solch einer Sanftmut, dass trotz des vorherrschenden Übereifers keine gehetzte Stimmung aufkommt. Dazu gibts ihr immer scharf überlegtes und breitgefächertes Fragenblatt: Wissenschaft, Popkultur, Kunst, Geschichte, alles in anspornender Wissensdistanz und schön getaktetem Rhythmus, so schnell macht ihnen das keiner nach.
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Genossen №9: Kuno Lauener

Mirko Schwab am Mittwoch den 29. März 2017

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Kuno Lauener.

Lauener zum Interview vor den Eidgenossen.

Es ist Krise auf der Redaktion.

Kurznachricht vom Urs, dem notorischen Styler: «Rockboy, hab da ne Scherbe ausgegraben, dystopisch-postpostmodernes, windschief neo-existenzialistisches Fricklermeisterwerk, Doppel-10inch in einer Auflage von 66 Stück, am Abgrund von japanischem Wave und Afro-Trash über Samples nie veröffentlichter sowjetischer Propagandastreifen und so. Mach doch was drüber, mal wieder was für den lokalen Untergrund …» Jaja, hörs mir an. Dandy Fischer meint, ich gehe zu wenig ins Museum. Ob Theater auch wieder einmal Thema sei. Und ob ich überhaupt wisse, wie eine Galerie von innen aussieht. Stimmt, aber das Wetter. Vielleicht. Joa. Auch von oben herab ist nichts gutes zu erwarten. Frau Feuz, die selbsternannte Chefin, zitiert mich ins Büro. Dass Doppelspurigkeiten mit dem gedruckten Bund tunlichst zu vermeiden seien, Finger weg von Flückiger, Anliker, Lauener, den Jeans for Jesus neuerdings – dass die ins Feuilleton gehörten, in einer anderen Liga spielten. Champions League, Herr Schwab, oder emel mindestens Super League mit europäischen Ambitionen! Das Blog aber, das könne knapp Alternativliga-Niveau halten. Und das auch nur, weil man aus der Alternativliga nicht absteigen könne. Und dann: «Schwab, überlassen Sie das den echten Journalisten!»

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#BernNotBrooklyn

Urs Rihs am Sonntag den 26. März 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.
Zum Beispiel gestern im Garten der Spezies mit den montrealer Ornithologen HELIODROME und ihrem psych-spattered neo-dreamy avant-rap-rock. Der Raum zersetzte sich mal wieder, zerrieben zwischen Klängen einer bazookaähnlichen E-Posaune, polytheistischen Sprechgesang-Halluzinationen und analogen Effektschaltkreisen. Glücklich, wer sich dort selbst verfeinstofflichte – who needs Bushwick if we got Terrassenweg – one love!

we got weird wired

Frisch gepresst #5 «To Do Without»

Urs Rihs am Donnerstag den 23. März 2017

«Frisch gepresst» die Serie auf KSB. Bringt zum Vorschein, was in feuchten Kellerstudios und synthesizerbestückten Dachböden unserer Stadt an Mukke produziert wird – vornehmlich Elektronisches, aber grundsätzlich alles was direkt ab Presswerk in meinem MK landet.

Lasst uns mit Labels beginnen, mit Majors und Indies. Majors: lassen wir bleiben. Indies: folgendermassen. Es gibt die sich unabhängig schimpfenden und trotzdem eben abhängigen Indies. Nach Auflage, Publizität und Erfolg dürstende, sich alle trotzdem an Anlässen wie m4notmusic treffende. Sich da mit günstigem Sekt und Billigbier abfüllende und danach networkende, provisionsfilzende.

Unweigerlich wichtig für die Musiklandschaft, unweigerlich unwichtiger sonst Kommentare bitte unten.

Dann gibt es verbissen alternative Indies – die Sturköpfe, die Stoikerinnen. Die abgehalfterten, die richtig kompromisslosen, optional mit street cred und Persönlichkeitsstörungen. Den Ethos des Scheiterns Echten leidenschaftlich hegend und pflegend, egal ob in Hi- oder Lo-Fi. Hauptsache kommerzielle Aspiration egal null – to do without.

Sie sind hart zu finden, zwischen wuchernden Mülldeponien auf Bandcamp und Soundcloud, schwer aufzuspüren ohne Agenten im Untergrund – denn auch dort gibt es viel Schrott. Doch sie sind da. Unsichtbar für den Hauptstrom, nur jenen bekannt, die tiefer schürfen oder selber produzieren – Dateien Goldgräber oder Tonträger Alchemisten.
Höchste Zeit den Lichtkegel mal wieder zu richten, auf genau ein solches Label. Etwas Bauchpinselei kann denen nicht schaden.

MISM Records, zu gleichen Teilen in Züri wie Bern zuhaus, fiftyfifty. Seit 2009 Vinyl und Tapes raushauend – nur Rohdiamanten versteht sich – nichts Geschliffenes, sondern harter, unverschnittener Stoff. Abstract rap, psychedelic Hip-Hop, prekäre Beats, experimentelle Arrangements – von Bastlern, verstreut über die ganze Kugel: James Reindeer, Bleubird, Bit Tuner u.v.a – noch Fragen? MISM, ein Haufen Aufmerksamkeitsgestörter, dem Versuch der sonoren Selbstmedikation erlegen – was ein Glück.

Aktuell mit einem Release aus dem nordamerikanischen Niemandsland: «To Do Without» vom rap-sorcerer «Babelfishh» – let’s talk it through.

Gefangen im Netz von Abhängigkeiten wäre der fishh fast verendet. Das Trockene hat ihn gerettet, komischerweise – und der Wald, doch dazu später. Sein neues 7 Track Minialbum, eine nicht nur wutgeladene Abhandlung aus der Abgeschiedenheit seines Bauwagens. Selbstversorgend, der Reizüberflutung trotzend, ein Leben im Diminutiv führend, und vielleicht gerade darum – ein Album auf seven inches Singleformat!

Sein Rap mehr Lyrik als Sprechgesang, die Versmasse in allen Regeln der Kunst auslotend, schwer verständlich zuweilen, für die dem Englischen nicht mutterredlich Zugefallenen vor allem. Doch nicht weiter wichtig, denn die Sprache ist hier auch Selbstzweck, geht spielend über den Wortsinn hinaus. Verzweiflung und Leidenschaft, Irrwitz und Virtuosität, universal verständlich.

Babelfishhs Sound gleicht Geistesblitzen, seine Stücke sind mehr Fetzen als Stücke. Ein Mantra auf die willkürlichen Auffassungsspanne des Geistes vielleicht. Das Gehirn folgt keinem Plan, brauchts auch nicht – to do without.

Ein Stromschlag in einer Fabrikhalle, wo er zu entfremden pflegte, bewegte Babelfishh zum drop-out. Er kehrte einfach nicht zurück, klingt romantisch – ist es nicht. Obwohl er danach mit Hund, Freundin und rudimentärem Mobilheim unter Bäume flüchtete. Kein Geld, keine Motivation und zu viel Teufel Alkohol. Er musste grundsätzlich umkrempeln. Lange Zeit hatte er die Musik und Mystik verbannt, sein Zurückfinden katalysierten vor allem die Heads bei MISM. Es gibt keinen tieferen Sinn in dieser Anekdote. Schlicht schön ist er nicht ganz gestrandet, ein Danke in den Kosmos an dieser Stelle.

Aus der Periode am Fliessband bleibt etwas Bemerkenswertes, etwas Konstruktives – etwas was zu hören ist. Aus den sonst hochverdichteten, industriell-knisternden, drumdominierten Instrumentals, scheint plötzlich fleckenweise Erdiges durch – Organisches. Gitarre, Harmonien, Roots. Während dem Schichtbetrieb schepperte Country aus dem Fabrikradio, vom Vorarbeiter eingestellt. Babbelfishh entwickelte eine Faszination für die banal durchschlagenden Texte und für die Eindringlichkeit der Melodien. Babelfishh, der gebeutelte streetpoet im Wald, inspiriert vom Folk, would have been sad – to do without.

Get that 7 inch folks, ihr habt schon dümmer Geld verprasst!

 

Genossen №8: Haiyti aka Robbery

Mirko Schwab am Donnerstag den 9. März 2017

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Haiyti, Underground Superstar.

Früher war es nur ein Spiel, jetzt ist es Realplay. Hayiti vor den Eidgenossen.

Das Fumoir riecht nach kaltem Rauch. Nach einem Gestern. Meinen Kaffee mag ich nicht recht austrinken, wozu denn wach bleiben? Und also ist auch die Tasse kalt und nichts ist los. Nicht am Billardtisch, die Kugeln starren sich an in einem ewigen Mexican-Standoff. Nicht an der Jukebox nebendran, der Musik fehlt das Münz und so schweigt sie. Die Aschenbecher sind leer wie die Bänke wie die Gläser wie die Blicke der Vereinzelten, die sich hier eingefunden haben. Sie haben ihr eigenes Gestern die Treppe hinaufgeschleppt, um ihm nachzuhangen. So wie ich.

Im Internet ist das anders.

Haiti. Hayti. H-A-I-T-H-Y. «Meinten Sie: Haiyiti?» Nach einem halben Jahr schüchterner Beobachtung – hab ab und zu verstohlen reingeklickt, wenn grad niemand herum war – brennt die Liebe jetzt heiss und öffentlich und ich kann ihren Namen richtig schreiben. Mit Haiyti kommt man gut durchs Leben. Es scheint, als habe sie sich meinen ganzen Schmerz aufgeladen. Als könne sie in Hauptsätzen erfassen, was sich mir in hypotaktischer Diffusie entzieht. Und bei alldem ist sie unantastbar, unzerstörbar, digital. Haiyiti ist Rapperin.

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White Riot in der grauen Halle

Mirko Schwab am Samstag den 25. Februar 2017

Am heutigen Tag genau vor dreiundreissig Jahren spielten The Clash in der Berner Festhalle.

Vor dreiunddreissig Jahren einunddreissig – und alive: Joe Strummer, der ewige Held.

Und die war schon damals eine angegraute Fingerübung humorloser Hochbauzeichner. Nach dem Krieg gebaut für Volkstümliches, wurde sie in den 1970er und 80er-Jahren immermal wieder von der Pophistorie gestreift. Im müffeligen Zweckbau kehrten die Moody Blues ein, Zappa und Cash, Joan Baez und sogar die Stones gaben hier 1973 ein als schwierigschwierig kolportiertes Doppelkonzert.

Wenig später entbrannte im angloamerikanischen Raum, was dem psychedelischen Kater der frühen Siebziger eine klare Haltung der Ablehnung entgegenbrachte: Punk. (In der Festhalle hörte man derweil Genesis zu …) Und aus dieser Zeit, da sich offenbar jede zweite Feierabendband «nach einem Konzert der Sex Pistols» gegründet hatte, bleibt wenig so nachhaltig in wärmster Erinnerung wie The Clash. Die Londoner verstanden es, dem Rotzigen das Schlitzohrige zu lehren. Und schenkten den berühmten drei Akkorden obendrauf die Coolness und den Groove. Spätestens by 1979 war klar: Strummer, Jones, Simonon und Headon sind die geilste Gang auf dem Planeten.

Von dieser Gang waren 1984 noch Frontmann und Poet Joe Strummer sowie Bassmann und style provider Paul Simonon übrig. Mick Jones und Topper Headon wurden gegangen – der kongeniale Gitarrist Jones konnte sich mit der wiederholten Einstellung Bernie Rhodes’ als Manager nicht arrangieren. Und Schlagzeuger Headon sich nicht mit dem Heroin. Und also waren dem Maul der einst geilsten Gang des Planeten zwei Zähne ausgeschlagen und die Spötter nannten es: The Clash II.

Ich war 1984 noch kaum ein feuchter Traum. Und auch kaum jenen feuchten Traum hatte damals wohl mein Vater, der mit dem Fieber im Bett lag. Da hat man andere Träume. Neben ihm auf dem Nachttisch lag vielleicht dieses nie eingelöste Billet (should I stay or should I go?) –  und so kann er mir nichts davon erzählen. Am darauffolgenden Montag handelte die Berner Zeitung das Konzert jedenfalls mit einem solidlangweiligen Konzertbericht ab, der sich wie der Matchbericht eines torlosen Unentschiedens liest. Und insofern ganz gut zur bis heute gültigen Solitärkompetenz des Blattes passt: Sportjournalismus. Wahrscheinlich war das Konzert ebenso solide und ein bisschen langweilig. Wahrscheinlich verhallten Joe Strummers Schlachtrufe schon etwas müde im halbvollen Geviert. Wahrscheinlich parodierten die angeheurten Tourmusiker in Jones’ Abwesenheit die Projektion der kredibilsten Gang auf dem Planeten, eine Idee, die The Clash in den Jahren davor so unwiderstehlich und allen stilistischen Neugierigkeiten zum Trotz verkörperten. Und wahrscheinlich war der Sound wirklich kacke.

Aber ich war ja nicht da. Es hätte einfach gut zur Festhalle gepasst, die, selbst aus der Zeit gefallen, alles pophistorische Schwemmholz überlebt hat. Und das Schwemmholz ist – auch wenn einst die geilste Gang auf dem Planeten – vor der Altersmorschheit nicht gefeit.

Die Schlacht um «KLEINE MUKDISHO»

Urs Rihs am Donnerstag den 23. Februar 2017

Es war ein Kampf auf Zeit, «KLEINE MUKDISHO» – am Randweg 21 – hätte niemals auf Dauer gehalten werden können. Zu erdrückend die Übermacht der staatlichen- sowie gesellschaftlichen Exekutivorgane. Das war auch den Rebellen klar, trotzdem opferten sie sich auf – im wahrsten Sinne – und vermochten ihre Hochburg rund zwei Jahre zu verteidigen.
Ein Bericht, vom Verlust eines unscheinbar aber wertvollen Ortes.

Diese Geschichte beginnt nicht in Somalia, nicht in Mogadischu, sondern auf einem Parkfeld in der Lorraine, mit einer Horde Tanzender, einem lichterloh brennenden Grill und Bob Marley.
So brannte sich mir dieser Ort erstmals in mein Bewusstsein. Im Sommer vor zwei Jahren, auf dem Weg ins Lorraine-Bedli. Eine Fest – um 13:30 Uhr – alles laut, alles ausgelassen, alle besoffen, alle bekifft, oder alles beides. Durch den Ghettoblaster hämmerte «Burnin‘ and Lootin‘» – zwei Stunden später, die meisten der Rebellen lagen auf dem Asphalt, mit dem Gesicht nach unten, aber – wenn nicht mit Kotze – mit einem Lächeln auf den Lippen. Damals war der Ort ohne deklarierten Namen, dafür aber meist mit einigen wehenden Fahnen im Fenster – hellblau, ein weisser Stern, verschiedene Formen – die Flaggen somalischer Milizionäre.

In den folgenden beiden Jahren war ich durchschnittlich zwei Mal pro Woche dort – weil nebst dem Weg an die Aare, bei MUKDISHO eben auch ein zu frequentierendes Studio liegt – und das Bild wiederholte sich, ungeachtet von Wetter oder Saison, das Fenster war immer offen, die Leute auch, das Volumen meist am Anschlag, die Polizei auch.

Der Rebellenführer J* war ein Chamäleon – war mal Diplomat, mal Erzieher, war mal am Schlichten, mal selber völlig am Ausrasten – er war wohl ein Schluckspecht, aber keinesfalls ein Wendehals, er war alles andere als ein Opportunist. Er glaubte an diese kaputten Menschen, die hier verkehrten, die er zu sich einlud, obwohl sie seinen Mietvertrag aufs Spiel setzten, er brauchte sie, er war Panafrikaner und er war sicherlich sowas wie ein Posthumanist. J* regierte KLEINE MUKDISHO libertär, es gab wenig Regeln – doch etwas zählte, ein Mensch ein Wort und keinen Stress anfangen, das war die Devise!

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Mit Dänen im Kairo-Keller

Urs Rihs am Freitag den 10. Februar 2017

Gestern Donnerstag im Kairo-Keller, traf sich auf ein Wiedersehen, wer sommerzeits im Garten festete.

Nach einem dieser Nachmittage – lesen im Lorrainebad, auf kalkgehärtetem Frottiertuch liegend, neben Freunden, lachen, baden, rauchen – landeten wir auf der Dachterrasse des Hofs, zum Essen, zum Trinken und zum Hören. Gartenfestival war angesagt.
Beim Kochen noch Lambchop aus den Boxen, dann Anna Calvi, im Sinn schon bei der Trouble. Dann plötzlich, verzerrt durch die Rauchschwaden unseres qualmenden Webers, diese Klänge. Americana, mit staubigem Timbre, Orgel-untermalt, Tindersticks-mässigen Vocals, Wilco Verve, wer zur Hölle…?
Einmal über den Terrassenrad gelugt und die Frage runter zur Mischerin: «Yo Bery, who’s that? Fuckin nice!» Sie: «Hey, hani o nid kennt, so Dänä, heisse DESOTO CAUCUS, si aube mit Giant Sand am Start gsi.» Damnit, klar, kurz etwas Grillasche übers Haupt gestreut, Howe Gelb, war auch schon oft in Bern, Giant Sand: Tucson-Sound – so klingt die Wüste! – Alternative-Country vom Feinsten, und das sind seine Jungs.

Das Konzert von DESOTO CAUCUS trifft uns mitten in die von Sonne, Speis und Trank aufgeweichte Seele, einer dieser Momente – musikinduziertes Endorphinflash, völlig überdosiert…

Schnitt – halbes Jahr später – gestern, wieder in der Lorraine, diesmal in der eisigen aber. Und nicht unter dem freien Himmel, sondern im Keller, im Kairo-Keller. Selbe Truppe, mal sehen wie sich das im Winter macht. Der erste Ton schrammt, die ersten Worte hallen und der Funken springt sofort: DESOTO CAUCUS, empfiehlt sich auch gekühlt.

Die Stimmung ist locker – viele gute Menschen – herzlich, fast euphorisch, trotz der dämpfenden Wetter-Tristesse. Vielleicht der genau richtige Kontrast für diese Truppe, welcher musikalisch die Sonne von Arizona aus dem Allerwertesten scheint. Aber eben, sind ja eigentlich Dänen, die sind auf Du mit Kälte. Auch mit subtiler Ironie und Wortwitz übrigens, die Texte und Arrangements ihrer fragil-dynamischen Stücke sind durchzogen davon. Ein schrulliger Humor – Motor dieser skandinavischen Charmebolzen.

«I hope some of this fun up here, reaches you down there» Raunt Sänger Nikolaj Heyman von der Bühne. «Absolutely!» entfährt es mir.
Eine gute Stunde wird gespielt, Singer-Songwriter Melancholie trifft auf Indie, trifft auf Groove, trifft taktweise auf Funk(!). Wohlüberlegt alles, mit dieser scheinbaren Zufälligkeit, wunderbar unaufgeräumt. Und natürlich blitzt auch hie und da die Lust an Verstärkerwänden auf, schliesslich eine Rockband, wie seitens Musiker verschmitzt versichert wird.

Nach dem Konzert ein kurzes „Bye Guys“ in den Raum gerufen und schnell die Treppe wieder hoch. Arbeit wartet, leider bleibt keine Zeit für ein Zigarettchen danach mit den Herren. Dem einzigen was diesem Konzert im Untergeschoss fehlte, etwas Rauch, auch um Ausdünstungen zu schleiern -Grillrauch hätts getan, aber der nächste Sommer kommt, und DESOTO CAUCUS hoffentlich auf ein ebenso baldiges Wiedersehen.

«DESOTO CAUCUS», gestern im Kairo-Keller.