Archiv für die Kategorie ‘Fiction & Facts’

call 0800 00 12 16

Roland Fischer am Donnerstag den 16. August 2018

Wir müssen wieder lernen zuzuhören.

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Zum Beispiel Johanna Kotlaris, wenn sie mit sonorer Stimme eine Geschichte erzählt, am anderen Ende der Leitung.

But then, I kissed you back. And you kissed me back. And I kissed you back.

Am besten mal im Zug, wenn alle bloss ihre Touchscreens streicheln. Call her.

Das Projekt 0800 00 12 16 von Ines Marita Schärer ist eine Telefonnummer, eine Voicemailbox, welche aus der Schweiz kostenlos angewählt und abgehört werden kann. Die Nummer ist eine Plattform zur Veröffentlichung von gesprochenen Texten oder künstlerischen Arbeiten, die auf Sprache basieren. Hier geht’s zum Archiv.
Ines Marita Schärer liest übrigens selber diesen Samstag in der Quartieroase.

Krumme Geschäfte

Roland Fischer am Freitag den 10. August 2018

Buskers all over. Vor allem auf dem Münsterplatz, wo das überalle All sich ausbreitet für ein paar Tage, mit allerlei Inner-, Aufder- und Ausserirdischem. Zum Beispiel Essen aus abartigem Gemüse, mit dem Food Fest.

Oder mit dem ehemaligen KSB-Alien Miko Hucko, die ja mit der Social Space Agency schon einige Erfahrung in Sachen Wel/t/raum-Erkundung hat. Am Buskers entführt sie als Utopian Witness auf eine zeitreisende Stadtführung.

Wir nehmen euch mit auf eine Reise zurück in die dunklen Zeiten des Spätkapitalismus. Damals, als die Welt von Krisen gebeutelt schien und viele Menschen keine Zukunft näher sahen als den Weltuntergang.

Loveletter to a festival: Gugus Gurte

Mirko Schwab am Dienstag den 10. Juli 2018

Liebes, zum sechsten Mal schon, wie ich höre. Die Jahre verfliegen. Im Wind, der Substanz abträgt vom Berg mit jedem Jahr – eine stromlinienförmige Düne versinkt im Plastikmüll. But you no care.

Ein Glas Weisswein auf dich. Du Glitzer-Punk und Sozi-Hedon. Machst Gemeinsinn gemeinhin sinnvoll und all inclusive: Menschen mit Behinderungen, mit Herausforderungen, mit Geltungsdrang oder unbekanntem Talent gehen auf in dir und machen Sachen: Gugus, Dada, Theater, Lärm.

Drüben bei Zuckerberg verkaufen gerade alle ihre Viertagespässe oder versuchen es, die Preise sinken – ist es wegen dir?

Wegen des Musikprogramms allein kämen sie wohl nicht. Da gibt es andere Adressen und das weisst du auch. Du bleibst dir treu und machst Kollekte, aus Kraut und Rüben ein feines Süpplein. Es schmeckt besonders gut in diesem Jahr: Frau Trouble etwa, die sich unberechenbar gemacht hat in selstsamen Liebeleien mit dem Kitsch, Herr Porsche mit seiner Bieler Seelenmusik, Geschlechtsteile, die im Voodoo-Rhythmus wackeln und der Baze, der Klassenbeste, auf produktiven Abwegen – sie sind um die nötige Schärfe besorgt in der allgemeinen Sämigkeit. Eine Sämigkeit, die dir gut ansteht, das weiss ich schon.

Und eben, all inclusive: Zessen, Ztrinken, Diskothek. Und eine Metzgete der Hemmungen hast du dir ausgedacht, du alter Hippie-Schwerenöter. Einen Zungenkuss auf dich, ein zwanglos ausgezogenes Hemd vielleicht?

Ein Hoch auf die Talstation!

Gugus Gurte – Sexy Freunde. Von Mittwoch bis Samstag in und um die Heitere Fahne in Wabern.

Glockenspiele

Mirko Schwab am Freitag den 25. Mai 2018

Der Zytglogge leuchtet frisch frisiert. Schade: Ein weiteres mal hat es die Denkmalpflege verpasst, den Zeitgeist abzubilden im Glockenspiel. Vier Vorschläge für eine modernere Repräsentation der Sandsteinstadt.

Immer wenn der Glocken-Gockel kräht, der Narr in seinen Schellen rührt, die Bärlein tänzeln ringelreih, Chronos seine Sanduhr stürzt und ein Leu die Schläge zählt, die Hans von Thann über die Schindeldächer der alten Stadt schickt, weil es Zeit ist – immer dann also, wenn der Zwölfer nicht recht passieren kann, weil eine Traube Touristen auf der Strasse steht und der entnervte Chauffeur mit dem Gedanken spielt, so eine asiatische Reisegruppe einfach mal im Sinn der Pädagogik leicht anzufahren – immer dann vergibt man hier die Chance, wirklich etwas zu erzählen von dieser Stadt und dem wilden Leben darin. Dabei böte auch das post-millenniale Bern Stoff für Geschichten, erzählt in mittelalterlicher Hemdsärmeligkeit.

Vorschlag I
«Reit for your Reit o. der Rytglogge»

Der Hahn kräht – und trägt jetzt Igelfrisur, ach Erich zu Hesz, du alter Blasebalg – und immer immer die selbe Leier! Die Drehscheibe bringt einen Bären hervor, darauf reitet Retho Nause, der mit langer Schlangenzunge nach einem Reigen schwarzgekleideter Narren faucht. Die Narren heben das Kopfsteinpflaster aus dem Boden und werfen es dem Aargauer Tyrannen als Bsetzi-Steine vor den Latz. Wieder kräht der Hesz. Taugenichtse, Tagediebe, Trunkenbolde: ein Miniatur-Vorplatz wird gezeigt, knöcheltief im Wein tanzen Jung und Alt, stiernackige Ritter geben sich auf die Grinde, zwei Kinder stehen auf einer Scheibe, die sie ins Lot zu bringen versuchen, derweiil die Zeiger der grossen Uhr wild übers Zifferblatt wischen. Kräht der Hesz ein letztes mal, so umarmen sich die Kinder, die Balance ist gefunden und die Zeit wird angezeigt.

Vorschlag II
«Bern und die Kultur o. der Filzglogge»

Der Hahn kräht, diesmal verkörpert durch Herzog von Leduc. Die drei ersten Töne von «O VII IX», ein Lied über die verhinderte Minne, sind zu vernehmen. Die Drehscheibe zeigt den kulturellen Austausch der Generationen: Karl Tellenbach schneidet Simeon v. Hari den Schnauz, Mani «der Barde» Matter zieht Olivarius «dem Barmann» Kehrli eine Laute über die Rübe, Friedenreich zu Glausern aus dem Siechenhaus legt indes Matho Kämpf eine Krone auf. Wieder kräht der Herzog. Ein frivoler Bärentanz der Berner Kultur und ihrem Filz. Der vorderste Tanzbär wird vom folgenden am Anus geleckt, hinter dem Rücken des ersten dann dreht sich der zweite, spuckt zu Boden und lässt sich vom nächsten bedienen, der sein Zünglein spielen lässt und schliesslich spuckt – immer weiter und so fort. Das letzte Herzogs-Krähen. Die weiblichen Kulturschaffenden scharen sich um den Oppenheimbrunnen, Jeszika von Jurassien stellt eine grosse Sanduhr auf den Kopf – die Zeit ist angezählt, time’s up!

Vorschlag III
«Wolfram und Johannes o. der Heldenglogge»

Der Hahn kräht «Fuessbau-Schwizermeischter!» Ein Helden-Tableau wird angerichtet, in gold-schwarz bemalte Ritter jonglieren einen Lederball über den Köpfen ihrer Widersacher hin- und her. And just because we’re going medival: Köpfen ihre Widersacher hinterher. Rotes und blaues Blut tränkt den Heldengrund. Der Hahn kräht « Schölölö!» Der kraushaarige Ritter Wolfram Marcus Wölflîn fliegt durchs Halbrund und fängt mit seiner rechten Hand den Lederball. Der Hahn kräht ein letztes mal recht trunken, bevor der heldenhafte Mohr Johannes Petrus im Turmhelm droben – eine Minute vor der vollen Stund – an die Glocke stüpft. Sie wird in der Folge zwölfmal angeschlagen.

Vorschlag IV
«Glocke der Gastfreundschaft o. der Metaglogge»

Der Hahn lacht. Kleine asiatische Touristen erscheinen auf der Drehscheibe, zücken Stab und Telefon und fotografieren die staunende Schar asiatischer Touristen mit Stab und Telefon, die am Turmfusse sich eingefunden hat.

Ostern beim Syrer

Urs Rihs am Sonntag den 1. April 2018

Oder wie ein Haarschnitt zur Einsicht führte.

Gestern traf ich meinen Freund Tobi* – an der Bar – mit neuem Haarschnitt. Nicht wie gewohnt wild, buschig und verfilzt, sondern schön adrett föhnfrisiert und alles in eine Richtung: nach hinten.
Das passt nicht zu Tobi, denn eigentlich ist er mehr so der Typ Jim-Morrison-Mähne.
Tobi geht aber im Dreivierteljahrestackt zum «Syrer», wie er sagt:

«Der macht mir eben die Haare, was soll ich sagen, ich mag meinen Syrer.
Nicht wie Elvys Presley, sag ich ihm, ich will ja keine Nazi Frisur und dann schnippelt und rasiert er drauf los und am Schluss lauf’ ich eben trotzdem mit diesem Rockabilly-Trimm aus seinem Salon. Scheiss drauf, ich mag ihn eben meinen Syrer.»

Tobi hat ein grosses Herz und regt sich aber schnell auch furchtbar auf:

«Und ja lacht nur, ihr instagramalgorithmisierten Gecken, ich sag euch eins, es tät euch allen gut mal zum Syrer. Mal die Eitelkeit in die Ecke zu stellen und dafür dem Handwerk anderer zu vertrauen. Meine Frisur? Scheiss drauf, das wächst schon nach, aber Vertrauen nicht!
Ihr habt alle kaum Vertrauen mehr und quatscht dafür pausenlos rum, was wie und besser und sowieso. Verdammt Kontrollfreaks, ihr kotzt mich an!
Und im gleichen Mass wie euer Misstrauen wächst, wächst auch eure Ignoranz, weil ihr euer eigenes Wirken überschätzt und glaubt, dass ihr mit eurem Kulturschaffen wirklich was bewegen könnt, aber niemand kommt als Kommunist aus dem Brecht Stück, hat der Bichsel mal gesagt und vom Sanitär, der mir auf Piquet letztes Wochenende mein vollverstopftes WC aufgebohrt hat, hab ich mehr profitiert als von manch einem aufgeblasenem Theater und sowieso …

Tobi ist leidenschaftlicher Landschaftsgärtner, leidender Kulturgänger und eine Legende. Auch an der Bar, denn da macht er Punkte klar, ohne grossartig zu labern, meistens reicht eine Anekdote, langt ein mittlerer Ausraster zur Erwirkung einer Einsicht oder neuen Weitsicht.

 

Und darum geh ich morgen mal zum Syrer.

*Jegliche Ähnlichkeit mit wirklichen Geschehnissen oder lebenden Personen wäre rein zufällig.

Kirschblüten und Synthesizer

Milena Krstic am Mittwoch den 28. März 2018

À propos Werbung: Noch immer nicht genug von den Achtzigern? Dann haben wir hier etwas Schmuckes für Sie: Ein Tape, das vor dreissig Jahren von der Berner Band Standard Orbit aufgenommen wurde – und erst jetzt erscheint. 

Kürzlich bin ich in einem Secondhand Vintage Laden in der Altstadt gelandet. Dort habe ich mich verknallt. In ein Trainerjäckli aus den 80ies nämlich. Es hat pinkfarbene Ärmel, am Abschluss ein rotviolettes Bündchen, es ist gerüscht an den Schultern und hat ein orangefarbenes Dreieck auf Brusthöhe appliziert. 100 % Cupro. Kurzum: Ich sehe darin aus wie ein Tequila Sunrise Cocktail. Der Ladenbesitzer hat sich gefreut über meinen Kauf und mir versichert, dass gerade die Jungen verrückt seien nach den breit geschnittenen Rüeblihose und den Trainerjäggli von damals. Mit dem guten Gefühl, dazuzugehören, verliess ich den Laden.

Ein in Cupro-Stoff gegossener Cocktail.

Die 80er sind seit einer gefühlten Ewigkeit hoch im Kurs, sei es in modischer oder in musikalischer Hinsicht. Die Originale bleiben verehrt. Kraftwerk, Yello, oh, Eisbär … Du weisch. Aber wovon Sie wahrscheinlich noch nichts wissen: Standard Orbit gab es damals auch, Berner Lokalhelden, die auf einer Japantournee im Jahr 1988 ein Werk aufgenommen haben – das nota bene erst jetzt erscheint.

«Wir haben Japan einfach so gefühlt», sagt Bandmitglied Andy Fäs im Interview mit der Journalistin Linda Knecht, die der Geschichte auf den Grund gegangen ist. Sie hat ihre Recherche über «Fake in Japan», wie das Werk heisst, in einen Podcast gepackt, der über Radio Kanal K gesendet wurde.

Alarmgeläute, Kirschblüten und eine ein paar Oktaven nach unten geschraubte Stimme, gurgelnde Synthesizer, lustige Beats und der locker flockige Umgang mit Klischees: «Fake in Japan» ist ein äusserst amüsantes Musikerlebnis. Warum das Album zwar aufgenommen, aber erst jetzt veröffentlicht wurde und warum dieser Beitrag unter der Rubrik «Fiction und Facts» läuft? Hören Sie selbst. Als Extra gibt es eine amüsante Musikkritik von Björn Dinggelmann und ein paar Hörproben des Albums.

Love
Ihre Tequila Sunrise

Fake in Japan – Die Berner Kultband Standard Orbit

 

«Einmal Toast Hawaii, aber bitte ohne Ananas»

Urs Rihs am Donnerstag den 8. März 2018

Letzte Woche Kältepeitsche und alle wollen nur noch weg hier. Mit Billigflieger
oder mit Billigbier.

Vor dem Bahnhof, im Rauch neben diesem Sprüngli: «Weisch wie geil wärs iz z Kuba. Mit Rum und Zigarre – La Dolce Vita

Daneben, hinter Glas in diesem tibits: «It’s only 500 Euros to Madagascar – 300 for greenmiles and just another 150 to rent a car.»

Jedem sein Schattenplätzchen an der Oase,
jeder ihr Stückchen Exotik am Strand.
Sehnsuchtsort für wenig Geld in Reichweite.
Wahlweise trink dich für wenig Geld um den Verstand.

Hauptsache weg vom salzverkrusteten Trottoirrand.

«Die sind alle so schön in Havanna.»
«Die armen Schweine in Afrika.»

Fernweh kann Spuren von Kolonialismus und Fetisch enthalten.

Europa: Neue Leichtigkeit tanzt «Afrika Baby» – STUDEYEAH singt «usgrächnet i de feriä».
Und ich bestell im Calypso Toast Hawaii.

Aber bitte ohne Ananas.

BEDEUTUNGSÜBERSICHT: exotisches Aussehen, Wesen; exotische Beschaffenheit, Gestaltung Beispiel: ein Geschehen von pittoresker Exotik.

Kunst im Fumoir

Milena Krstic am Donnerstag den 4. Januar 2018

Kunst am Bau? Nä. Das hier ist Kunst im Fumoir – im Fumoir des Vertrauens, um genau zu sein. Dort wurden vor ziemlich genau vierundzwanzig Stunden Pläne zur Übernahme der WeltBernherrschaft geschmiedet.

Dazu bald mehr. Hier auf lovely KSB.

Kunst? I don’t care, sagte sie und ging von dannen.

 

Introduction to the Cosmos of Zizi

Milena Krstic am Samstag den 9. Dezember 2017

Die schönsten Liebesbriefe schreibt unser Schwab. Inspiriert kredenze ich einen eigenen. Meiner geht an Zoë Binetti: Tänzerin, Musikerin, Muse und Abvondieserwelt.

Es war Anfang Winter 2015, als mich ein Freund in die Butoh-Klasse der Binetti mitgenommen hat. Ich wusste nicht, worauf ich mich einlassen würde. Ich dachte an esoterisch angehauchte Gschpürschmi-Gymnastik, ich dachte daran, dass sie mir sicher nicht schaden würde so eine Tanzstunde. Aber an etwas Langfristiges glaubte ich nicht. Was sich mir offenbarte war ein Kosmos voller Wissen, Leidenschaft und Verrücktheit. Ich habe eine Frau kennengelernt, die glatt nicht von dieser Welt sein könnte, wäre sie nicht so sehr im Boden verankert und hätte ihren Shit beienander. Das hat sie nämlich.

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Bern auf Probe: Einkaufen mit Johannes Dullin

Anna Papst am Dienstag den 7. November 2017

Er probe nie für seine Stücke, er lerne lediglich Text, antwortet Johannes Dullin mir auf die Frage, ob ich ihm einen Probenbesuch abstatten dürfe. Um Text zu lernen gehe er am liebsten einkaufen oder spazieren, dabei könne ich ihn gerne begleiten. Also wandern wir an einem Donnerstagmorgen durch die Regale der Migros Bolligen. Dullin kauft alles ein, was nicht bei ihm im Garten wächst, der Text seines Stücks „The best piece of this season“ liegt im Kindersitz seines Einkaufwagens und bleibt während der ganzen Shoppingtour relativ unbeachtet. Denn die Geschichte, dass er beim Einkaufen am besten Text lernen könne, ist wohl, so dämmert es der Berichterstatterin, nichts weiter als das: eine Geschichte. Ein Gefallen für die Journalistin, die eine Story braucht, gewitzte Eigenvermarktung von Dullin, der steuert, wie über ihn berichtet wird.

Lernmethode Dullin: Wenn bei der Kasse der Text noch nicht sitzt, ist immerhin der Einkauf erledigt.

Man nimmt ihm seine Behauptung nicht übel, lässt sie sich doch prima mit dem Thema seines Stücks verbinden: Dullin versucht darin, das Phänomen der Fake News und Alternativen Fakten für die Bühne nutzbar zu machen. Fast jedes Theaterstück, so seine These, beginne mit einer Lüge. Da behaupte eine_r jemand anderes zu sein als er_sie ist, und für die Dauer des Abends akzeptiere das Publikum diese Behauptung als gegeben. Der Schauspieler verteidige seinerseits die Lüge unter Aufwand seines gesamten Könnens, bis die Frage nach dem Wahrheitsgehalt obsolet würde, weil wir uns zu gut unterhalten fühlten, um die Lüge entlarven zu wollen.

Im Fall von Johannes Dullin weckt schon der Titel beinahe unerfüllbare Erwartungen, an denen sich der Performer den gesamten Abend abarbeiten wird. Was macht ein Stück zum besten der Saison? Um das herauszufinden, sagt Dullin, müsse ich schon schauen kommen. Aber er wolle mir Folgendes verraten. Er würde sehr lange alles tun, um die Zuschauer_innen ins Boot zu holen, um dieses im Anschluss komplett zu versenken.

Bei aller Albernheit ist Dullin ein Perfektionist. Seine Arbeiten bezeichnet er als Kompositionen, in denen jedes Element seinen Platz hat und Publikumsnähe und Experiment sich stets die Waage halten. Während er früher oft mit Improvisationen gearbeitet hat, kreiert er seine Arbeiten heute lieber am Schreibtisch. Er vergleicht seinen Arbeitsprozess mit der Anfertigung eines Mobiles. Das Befestigen eines ersten Objektes setzt er mit der Formulierung einer ersten Idee gleich. Um dieses erste Element in Balance zu halten brauche es ein zweites, um diese Zweierkonstruktion auszutarieren ein drittes, und so weiter, bis das Mobile in perfekter Balance schwebe.
Vielleicht ist das Bild des Mobiles für Dullin selbst ohne Signifikanz, erfundene Pseudopoesie für das schreibende Gegenüber. Die Inspiration fürs eigene Schaffen, die es in einem auslöst, ist jedoch echt. Darum wechselt man bei diesen Alternativen Fakten nicht den Sender, sondern bleibt am süssen Lügenbrei dieses begnadeten Geschichtenerzählers kleben.

The best piece of this season von Johannes Dullin,  10. November, Schlachthaus Theater 20:30 Uhr

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.