Archiv für die Kategorie ‘Eins auf die Ohren’

Foyer des Amateurs

Mirko Schwab am Freitag den 13. April 2018

Bizarr. Zwielichtig. Obskur. Heraus zum Abstieg in die fruchtbaren Randgefilde elektronischer Tanzmusik.

Foto: Phil Struck

Mit strenger Brille und angesteckter Zigarette selektiert sich Lena Willikens durchs Unerforschte. Weird shit only kommt hier auf den Plattenteller, zur Erzählung kompiliert in beeindruckender Fingerfertigkeit, mit der die Kölnerin durch die unterschiedlichsten Morphologien musikalischer Entrücktheit streift, ohne je das Leitmotiv der Tanzbarkeit, der Körperlichkeit und der Unmittelbarkeit preiszugeben.

Radio Bollwerk Klubnacht w/ Lena Willikens und Daniele Cosmo. Heute ab 23h im Foyer der Dampfzentrale.

Nicht Rausch, nicht Euphorie

Mirko Schwab am Dienstag den 27. März 2018

Lichterspiel auf der Guillotine. Die Berner Gruppe Lolasister mischt Flimmriges und Verspultes, wunderbar aus der Zeit Gefallenes und Feinsortiertes in gescheiter Popschreibe. Daran hätte sich der Autor eigentlich noch erinnern müssen.

Schwarzweiss image of the band.

«How to find (or at least where to look for it.)» Ich suchte an der Bar. Die letzten Tage waren angezählt und Alkoholismus mal wieder maximal salonfähig. Das hübsche «Micro Jazzfestival» im Keller einer ehemals feinen Villa drüben beim Inselplatz, es versprach den alten Favre (ein schöner, demütiger Mensch he is, hat sich von allen Gästen persönlich verabschiedet mit der Klasse eines Menschen im Einklang, im Reinen) und eine Band auch hinterher, wegen der ich eigentlich gegangen wäre, kommt mir aber grad nicht mehr in Sinn – eben, der Weisswein und jedenfalls ist diese eine Band dann nicht gekommen wegen etwas und dafür eine andere.

Der letzte Schluck im letzten Bus, ein letzter Gruss, im Slalom durch die Gass. Schliesslich, endlich, fick mich, fickt euch, ich liebe euch alle – eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Schüssel, ein Gebell noch,
adémæssi.

So hab ich mich doch wieder trinkend um bleibende Eindrücke betrogen und weiss jetzt, kurz nach Erscheinen der zweiten Videoaufzeichnung dieser anderen Band, dass mir die Musik, damals im Keller, fünf vor Ladenschluss, dass sie mich an der Hand nahm und in sanftes Glück, nicht Rausch, nicht Euphorie, in ein sanftes kleines Glück aber gebettet hat. Tell you why:

Das Quintett um Leoni Altherr macht seine Arbeit sorgfältig. Die Songs sind von formaler Eleganz, die Klangwelt ist mit Bedacht geflochten. Nichts schreit, nichts bellt, nichts tut sich hervor. Mit mondsüchtiger Sicherheit traumwandeln sich Lolasister durch ihre Songs und ja, das könnte gähnend langweilig sein. Dass dem nicht so ist, dafür sorgen die fünf mit ihrer individuellen Klasse einerseits; Altherrs und Hofstetters Schwesterstimmen, Schulers Geflimmer, das er behänd aus alten Orgeln zäuselt und eine der Rhythmusgruppe Utzinger / Keller von Herzen verdankte Arschcoolness, die auch an überschäumenden Temperamenten nicht zerbricht. Zum andern ist da: kompositorischer Witz, Mut zur Schräglage und ganz viel performative Ruhe als stilles Argument, das wirkmächtiger ist, als mancher glauben will (zumal in Zeiten, da das Wort «Performance» im Pop gern Gehampel und Gefuchtel und Feilbieten des eigenen Fleisches meint.)

Wir freuen uns auf den im allgemeinen Geflüster schon angekündigten ersten Tonträger dieser vielversprechenden, den Saumoden der Zeit mit Gelassenheit und Musikallität begegnenden Band. Und empfehlen den Konzertbesuch uneingeschränkt – eben auch nüchtern. Bühnendaten hier.

MFB-Lieblingsscherben: Januar / Februar / März

Mirko Schwab am Freitag den 16. März 2018

Back on track im neuen Jahr! Schwab porträtiert im Auftrag der Musikförderung MFB  die liebsten Neuerscheinungen straight outta Bern. Und weil wir Januar-Februar im Winterschlaf waren, melden wir uns heute mit einer Sonderausgabe im Quadrat zurück – vier Platten, dreimal Hype und beste Hoffnung!

Die Kategorie «Hype» ehrt das Langjährige, Brillante, Ausgefeilte und Vielgehörte, das den Berner Pop über die Kantonsgrenzen hinausträgt und im Feuilleton Wellen schlägt. Die Kategorie «Hope» gräbt in den Tiefen des Untergrunds und verstärkt, worüber noch geflüstert wird – Erstlinge, Fundstücke, Demos.

Hype:
Me & Mobi – «Agglo»

Wenn die «Spex» anklopft, scheint der Nerv der Zeit getroffen – und auch ohne den Wink der Popintelligenz dürften wir hinter diese heute erschienene Glanzleistung im Langspielformat ein dickes Ausrufezeichen setzen! Schlotter, Hoppe und Bürki schlagen aus ihrem bipolaren Holz- und Plastik-Instrumentarium den grösstmöglichen Profit, spielen uns eine Musik, die in die Zukunft weist. Spielwitziger Minimalismus als Jazz, der sich nicht schert – und drumherum eine Agglomeration aus arschcoolen Grooves, wohlplatzierten Digitalismen und der auch im Jahr 2018 nicht zu Ende erzählten Geschichte guter Handarbeit.

Hype:
Lo & Leduc – «Update 4.0»

Die hübschen Jungs mit den polyglotten Wortspielen haben sich im Februar mit ihrem vierten «Update» zurückgemeldet. Hueresiech hei mer gseit, wie isch das nume passiert hei mer gseit … Jahrelang hat sich die Kulturjournaille einen abgeschnödet über die gute Laune und dieses Plastikweltmusik-Gebaren wie eine aufblasbare Palme, an deren Ventil ein gewisser Dodo grinsend heisse Luft nachpumpte – und jetzt liegen wir uns alle in den Armen auf der Tanzfläche de la Cuba Bar, wo «079» die alten Akon-, Ashanti- und Aventura-Heuler mühelos zu Fülseln degradiert. Vielleicht fliegt höher, wer auch mal Federn gelassen hat. Props to those boys flyin’ high!

Hype:
Matto Rules – «Hidden Scenes»

Selten hat ein Schlagzeug so sexy geklungen in der Sandsteinstadt. Und nie kamen die Wave-Pop-Nostalgiker von Matto Rules ungezügelter und zeitgenössischer daher als in ihren letzthin in die Welt gesetzten «Hidden Scenes». Dem distanzierten Bariton von Frontmann Bonati stehen unerhört aufreizende, vom Funk hinterrücks begattete Elektropop-Grooves gegenüber, das gewohnt stringente Songwriting und die noch hübscher perlenden Synthesizerfantasien machen auch vor dem grossen Popmoment nicht kehrt. So introspektiv sich die konzeptuelle Rahmung des Albums um die verborgenen Welten des Unterbewusstseins drehen mag, so sehr drehen sich die neun Lieder letztlich im Takt der Diskokugel.

Hope:
Pato
«Es Stück vom Chueche»

Aus Downtown Solothurn erreicht uns der blutjunge Rapper Pato und fordert ein Stück vom Kuchen ein. Verdientermassen. Der Boy flowt. Um die Südstaaten-Beats unserer Zeit scheint er sich einen emanzipierten Deut zu scheren, lieber klaubt er sich ein paar gute Instrumentals alter Schule zusammen und segelt drüber in der sanften Mundart seiner Heimatstadt.

Die MFB hat sich das Fördern junger Berner Popkultur auf die Fahne geschrieben. Die interessantesten Neuentdeckungen finden Sie in der Spotify-Playlist «Sounds Like Bern».

Die Magie der Möglichkeiten

Milena Krstic am Samstag den 3. März 2018

Es gibt da einen Herren in Biel, der fertigt in seiner elektroakustischen Klangkammer wunderliche Musik an. Nur schrammt diese so hart am Hauptstrom vorbei, dass kaum jemand Wind davon bekommt. Geht natürlich gar nicht. Drum stellen wir vor: Tobias Reber in Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Erik Emil Eskildsen und ihren frisch ins digitale Dasein geworfenen Scheiben «Possibilities Vol. 1» und «Possibilities Vol. 2». Ein klein wenig Nerdtalk über Maschinen, Schlafsäcke und die schiere Freude an Regelwerken.

Tobias Reber, hier performend im Dienste von pulp.noir. photo (c) Max Roth

Eure Musik würde sich gut zum Meditieren eignen. Was meinst du?
Ich meine, du solltest es ausprobieren! Ich habe keine bestimmte Vorstellung, wie die Musik gehört werden sollte. Im dem Moment, in dem man etwas veröffentlicht, gibt man die Kontrolle ja aus der Hand. Für mich hat das aufmerksame Hören von Musik immer etwas Meditatives, egal, welche Musik es ist. Aber ich glaube zu verstehen, was du meinst: Es ist ein Klangfluss ohne Hektik, in den man einsteigen und wieder aussteigen kann. Passend zum Thema: Ich habe einmal während vierundzwanzig Stunden eine Klanginstallation ausgestellt, die potentiell endlos hätte weiterlaufen können.  Da haben einige Menschen dazu meditiert und sogar den Schlafsack mitgebracht – das hatte ich nicht erwartet.

Eine solche Wirkung kann ich mir durchaus auch für die beiden «Possibilites» vorstellen. Die Alben klingen sphärisch, flächig, sie scheinen keinen Anfang, kein Ende zu haben. Was fasziniert dich an der Endlos-Musik?
Ich mag lange dauernde, sich langsam entwickelnde Musik, weil sie mir ein offenes Hören ermöglicht: Ich kann rein- und rauszoomen, ich kann beiläufig hören oder auch aufmerksam eintauchen und mich auf mikroskopische Entwicklungen konzentrieren. Die Musik auf Possibilities ist keine erzählerische Musik, obwohl ständig An- und Entspannungen geschehen. Die Musik atmet.
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Lüttich, Alabama

Mirko Schwab am Freitag den 2. März 2018

«Oh, kann das jemand für mich reinstellen? Mein Compi ist abgeschmiert.» Sure thing, Fischer le Grand!

«Der Donnerstag ist ja längst der neue Freitag, in Grossstädten wie der unseren. Zumindest an manchen halbschattigen Plätzen, zum Beispiel in irgendso einem Wohnzimmer in Unternull-Stockwerken, an Unternull-Tagen. Und so wird der Les-Amis-Keller jeden ordinären Donnerstag Abend zu Thursday Le Grand, mit Querbeet-Konzerten und anschliessendem Plattenlegen. Gestern brachte das illustre VeranstalterTeam zwei Belgier in den Keller, die besser als Südstaatler denn als Nordnachbarn durchgehen würden. Wild und einigermassen dreckig war das, musikalisch wie textlich. Metoo klammern wir jetzt mal grosszügig aus. Ein wenig wie an der Fasnacht vielleicht: Manchmal muss man auch über die Stränge hauen, um die Stränge zu spüren. Guggenmusik für Leute mit ein bisschen mehr Menschen- und Musikverstand.»

Aber Fischer, seit wann ist denn Belgien unser Nachbarland? Ach, Europa.

Winternacht im Klo

Gisela Feuz am Montag den 26. Februar 2018

Gestern ging die 8. Ausgabe des sonOhr Radio und Podcast Festival zu Ende. Und was für eine Ausgabe das war! Spannende Vorträge zu hochaktuellen Themen gabs, wie etwa dem Erkennnen und Rückverfolgen von manipulierten Audiodateien. Oder aber über Podcasts von Third Ear, welche die halbe dänische Bevölkerung ins Kino locken. Die Westschweizer-Crew K7 Productions produzierte ausserdem mit viel Fantasie, Rasierschaum, Orangen und Klarsichtfolie den Klassiker «War of the Worlds» als höchst vergnügliches Live-Hörspiel und selbstverständlich wurden auch dieses Jahr wieder die besten aus 25 Hörstücken in vier Kategorien prämiert.

Einen sonOhr-Pokal nach Hause nehmen durften: Vanessa Kobelt für ihr Feature «Seeelenverwandt», Barbara Schibli und Andreas von Stosch für ihr Hörspiel «Marderschreck», Christina Caprez für «Die Schande, ein Weib zu sein: Grossmutter, die erste Pfarrerin» und Nico Leuenberger für «Winternacht im Züri-WC». KSB gratuliert! Der Letztgenannte reüssierte übrigens in der Kategorie Flashstory, also in der Kategorie für kurze Stücke. Auch wenn sie eher zu den visuellen Typen gehören, werte KSB-Lesende, so hören Sie sich doch trotzdem kurz Leuenbergers Mini-Reportage an, denn genau so macht man perfektes Kopfkino. Und erst noch passend zu der Gottverdammtenscheisskälte zum Wetter.

Rauchen im Gebüsch

Anna Papst am Mittwoch den 21. Februar 2018

Theaterprobe unter freiem Himmel am Magdi Elnour Theater Festival

 

Als Ahmed Abdel Mohsen die mit ihm befreundete Filmerin Elvira Isenring 2016 einlud, einen Workshop am Magdi Elnour Theater Festival in Khartoum zu geben, wusste sie vom Sudan bloss, was man in der Zeitung las. Und das war wenig. Die internationalen Medien und ihre Leser*innen waren mit der sogenannten Flüchtlingskrise beschäftigt, das Land, in dem fünf Millionen Menschen am Existenzminimum leben, war vom Radar verschwunden.

Isenring beschloss, diese Wissenslücke aus eigener Kraft zu schliessen. Je mehr sie über die jüngere sudanesische Geschichte las, desto klarer wurde ihr, was in der Schweiz alles an uns vorbeigegangen ist. Dass das Land beispielsweise einen eigenen Arabischen Frühling erlebte, weiss hierzulande kaum jemand. Oder dass das Durchschnittsalter der Bevölkerung knapp neunzehn Jahre beträgt.

Die ausgesprochen junge Bürger*innen lechzten nach Ausdruck und Austausch, so Isenring, weil das Land so lange isoliert gewesen sei und unter dem autoritären, streng islamistischen Regime von Präsident al-Baschir noch immer wenig Freiheiten erlaubt seien. Von den Freiheiten in der Kunst, die sich die sudanesischen Kulturschaffenden nehmen, handelt Isenrings Radio-Feature „The Black Elephant – Kultureller Widerstand im Sudan“. Bei ihrem Besuch im Sudan habe sie Leute kennengelernt, über die sie berichten wollte: Junge Künstler*innen, die aller Repression zum Trotz experimentelles Theater machen und mit Witz und Kunstfertigkeit den Alltag in einem Staat, in dem offiziell fast alles verboten ist, auf der Bühne widerspiegeln. Dass in einem Theaterstück am Festival etwa ein Schauspieler einen Betrunkenen darstellt, ist eine kleine Sensation, denn der Konsum von Alkohol ist illegal, Betrunkene darf es eigentlich nicht geben.

Bei Mehera Salim wusste Isenring gleich als sie sie zum ersten Mal sprechen hörte, dass sie im Radio-Feature zu Wort kommen muss. „Ihre Stimme, wie sie die Dinge erzählte – wie ein frischer Pausenapfel.“ Die junge Filmemacherin hat einschneidende Erfahrung mit dem repressiven Staat gemacht: Ihren Kurzfilm „Lust“ durfte sie an keinem Festival zeigen. Die behandelten Themen Liebe und Sexualität seien „eine Zumutung“, wurde ihr mitgeteilt. Dabei wird im Film kein sexueller Akt und keine Nacktheit gezeigt, es geht lediglich um zwei Menschen, die sich küssen wollen. Aber Küsse dürfen wie Betrunkenheit nicht von der Öffentlichkeit gesehen werden. Im Anschluss an ihr Gespräch versteckten sich die beiden Filmerinnen gemeinsam im Gebüsch – um zu rauchen.

Dass im Sudan überhaupt ein Theaterfestival stattfinden kann, führt der Theaterregisseur und Aktivist Maruan Omar, den Isenring ebenfalls befragt hat, darauf zurück, dass es einfach zu viele junge, ehrgeizige Menschen gibt, die sich kulturell engagieren. Die Regierung habe gemerkt, dass sie Kunst zulassen und der jungen Generation dieses Stück Freiheit gönnen müsse, weil sie sich sowieso nicht stoppen lasse. Es ist eine Stärke des Features, dass man alle Gesprächspartner*innen in ihrer Muttersprache reden hört. Isenring hat ganz bewusst darauf verzichtet, die Interviews auf Englisch zu führen. Sie wollte Khartoum einfangen, wie sie es erlebt hat, nicht in einer künstlichen, vermeintlich internationalen Sprache.

Ausserdem war es Isenring wichtig, auch die Rolle Europas zu thematisieren. Im Zuge der Flüchtlingskrise wurde ein EU-Nothilfe-Treuhandfonds für Afrika ins Leben gerufen, an dem sich auch die Schweiz beteiligt. Hilfsgelder werden jedoch nicht für Bildung und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung eingesetzt, sondern für die staatliche Grenzsicherung, damit keine Flüchtlinge über den Sudan nach Europa kommen. Die sudanesische Regierung sichert die Grenzen und damit ihre eigene Macht – finanziert von den Ländern, die vorgeben, die autokratische Herrschaft zu verurteilen.
Dass der Bericht, der von so weit her kommt, also direkt mit uns zu tun hat, wird wohl auch die Zuhörer*innen am SonOhr Festival leer schlucken lassen, wenn sie am Samstag im Kino Rex „The Black Elephant“ lauschen. Das Feature dauert fast eine Stunde. Eine Stunde, in der man miteinander im Kino sitzt, wobei die Leinwand schwarz bleibt, während der Film im Kopf abgeht.

 

“The Black Elephant- Kultureller Widerstand im Sudan” ist im Rahmen des SonOhr Festival am Samstag, 24. Februar um 18 Uhr im Kino Rex zu sehen.

Näbegrüsch zu Stärbegrüsch

Mirko Schwab am Freitag den 12. Januar 2018

Papi stürzt sich wiedermal ins Chaos und macht dabei eine gute Falle. Die Boys tollen. Ja: 2018 könnte die generationelle Tektonik dem Rap-Eiland Bern zu neuen Vulkanausbrüchen verhelfen.

Back inna days hat Greis über seine Pumaturnschuhe nachgedacht. Es war eins vor Millenium und ich so fünf vor zwölf, Neocolor und immer Räuber, nie Poli. Pit hätte mir vielleicht auf dem schneebedeckten Roten Platz die Fresse gewaschen im Kalten Krieg 19hundert99. (Und immer Para wegen den Albanern aus der Para.) Iroas hat womöglich mit japanischen Spielkarten gehandelt oder die Kleinen um wertvolle Glitzer-Panini betrogen. Roumee hat indes wahrscheinlich Fantasyromane gelesen. Oder Nietzsche.

Back inna days, als die Trams und Busse noch
und wir auch grün hinter den Ohren,
naseweiss und der Winter noch,
so blauäuig und der Rote Platz.

(«Nostalgisches RGB»
s/o to Marc von der Kommentarspalte)

Fast zwei Dekaden später betrachtet sich Greis, da er auf dem Sofa liegt und Fazit zieht, ein Zwischenfazit immerhin. Sosolala, naja. Roumee hat ihn mittlerweile bart- und bars-technisch frech eingeholt und ist nun um die Consciousness bestellt. Iroas und Pit machen wie immer schöne Punchlines. Der Beat ist aus dem besten Gestern – es ist ein Fest für Jung und Alt. Das könnte natürlich alles peinlich sein, wenn sich Papi G. nicht die feinsten Gangsterklamotten übergezogen hätte, nicht ein so stilsicheres Spiel triebe in seiner Greisen-Rolle. Denn den Hiphop muss man dieser Bande wahrlich nicht erklären. Und so macht einer auf dem Sofa liegend, laisser faire die beste Falle. Derweil sich rundherum die Kleinen – «Stich Stich Stärbegrüsch» – verbal auf die Rübe geben, der kompetitiven Brüderlichkeit frönen und das stabile Code-Repertoire des Berner Chaos-Rap bespielen. Schön auch, dass es einem dabei nicht langweilig wird.

Sie haben eine Songkritik erwartet? Nice.

Und schliesslich hört man munkeln, dass zwischen PVP und Chaostrupp eine sogenannte One Love im Gedeihen begriffen. Wir wünschen gutes Gelingen und freuen uns schon auf den nächsten Bubenstreich.

MFB-Lieblingsscherben: November

Mirko Schwab am Mittwoch den 6. Dezember 2017

Schwab porträtiert im Auftrag der Musikförderung MFB jeden Monat die liebsten Neuerscheinungen straight outta Berne. Die Kategorie «Hype» ehrt das Langjährige, Brillante, Ausgefeilte und Vielgehörte, das den Berner Pop über die Kantonsgrenzen hinausträgt oder im Feuilleton Wellen schlägt. Die Kategorie «Hope» gräbt in den Tiefen des Untergrunds und verstärkt, worüber noch geflüstert wird – Erstlinge, Fundstücke, Demos.

Hype:
Yangboy$ – «FKA Radio»

Von Feuilleton keine Spur, zum Glück, heute gilt das Gehype auch dem Untergrund. Sie erinnern sich: Die Weirdos aus dem Westen, Cloud Kleefeld – wir hatten sie bereits im August zu den Hoffnungsträgern ernannt. Und sie haben geliefert: Zehn neue Tracks zwischen schwereloser Highness und fiesen Psychotrancebeats, stilsicher und zeitgeistig dekoriert mit zischenden Tremor-Hats und viel digitaler Wittiness. Auch Pillenbub Jonny Bunko hat vorbeigeschaut in den Darksome-Studios und rauscht gewohnt hemmungslos durch vier Features auf dieser nicht selten grandios komödiantischen Radioshow. Non-Sense, Punchlines und Ringtones aus dem frühpolyphonen Zeitalter. Ein Fest der Selbstironie – denn Philosopher-Boy Vo weiss: «Gisch du dir Müeh / Bisch du nume e Bitch.»

Hope:
Willibald – «While We Feel Romantic On Rooftops»

Und weil wir heute Tag des Nachdrucks feiern, spielen wir auch hier bereits gelobhymte Musik. Aus dem Eintrag: «Nieder mit dem Elektrophallus»

«Auf «While We Feel Romantic On Rooftops» gibts nichts, was in der Geschichtsschreibung der Popmusik nicht schon angeklungen wäre, auf einer Jaguar, Jazzmaster, Telecaster irgendwo – und desto erfreulicher ist es, schürft die Band so schnörkellos die alten Wunden und macht der totgeglaubten Gitarrenmukke ein feines Fest in fünf beseelten Liedern. Atemberaubend halsbrecherisch trommelt sich da Christine Wydler bisweilen in Ekstase, drückt Charli Grögli am Viersaiter aufs Fuzz-Pedal. Und eine helle Freude auch der schamanische, von Tonmeister Stefan Allemann blendend inszenierte Gesang der Debo Spiller.»

Still true. Kleiner kritischer Nachtrag: Akutelle Songs sucht man in den Weiten des Internetz allerdings vergebens, so sei auf untenstehende Vorabversion verwiesen. Oder erstehen Sie die hübsch einkartonierte Kompaktdisk direkt an der Quelle.

Die MFB hat sich das Fördern junger Berner Popkultur auf die Fahne geschrieben. Die interessantesten Neuentdeckungen finden Sie in der Spotify-Playlist «Sounds Like Berne».

Der letzte erste Schnee

Mirko Schwab am Freitag den 1. Dezember 2017

Wir befinden uns im Jahre 2017 n.Chr. Ganz Ostbern ist vom Bürgertum besetzt … Ganz Ostbern? Nein! Ein von unbeugsamen Ostbernern geführter Kulturschuppen hört nicht auf, der Verödung Widerstand zu leisten.

Béatrice Graf und Martina Berther bei der Arbeit. (Photo: Jessica Jurassica)

Der Geruch vom ersten Schnee ist eine seltene Freude. Streife die dickste Jacke über, die ich finden kann. Hätte noch eine dickere im Schrank, aber die sieht scheisse aus. Im Winter bekommt man die eigene Eitelkeit am schmerzvollsten ab. Anker schmerzt auch, klebt in der Hand, doch Deal, der Saft träufelt mir wohlig wohlig inwendig den Hals entlang aufs Herz. An der Brunnadernstrasse spuckt das Tram mich aus aufs seifige Trottoir. Hier könnte die Sandsteinstadt auch Grossstadt sein. Vis-à-vis des vom Netz genommenen Tramdepots aus Zeiten, wo selbst Zweckbauten noch Seele inne war – (Notiz an Miraculix Fischer: Bitte lassen Sie diese meine etwas ordinäre Nostalgie mal kulturgeschichtlich abtropfen bei Gelegenheit. Würd mich freuen. Gruss.) – vis-à-vis dieser jedenfalls schön von der Zeit gestreiften alten Anlage halten drei Tramlinien und zwei Omnibusnummern, dass man schon meinen könnte, man sei am Brennpunkt, Adresse Platz2b, an der Rosette der Urbanität. Halten dazu noch in städtebaulicher Schnodrigkeit mitts auf der Strasse. Ein Hauch Ostberlin vermischt sich mit dem Geruch vom ersten Schnee und der Geruchlosigkeit Ostberns, als ich die letzten Treppenstufen bewältige, hinab in meinen Lieblingskeller.

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