Archiv für die Kategorie ‘Politik & Debatten’

Afro-Schizo

Mirko Schwab am Donnerstag den 14. Juli 2016

Der Mirko, der Schwab und ich erzählen Ihnen heute was von der malischen Rockband Songhoy Blues. Die haben am Dienstagabend den Bieler Pod’Ring beehrt. Es hat geregnet wie selten.

SB

Talent auch im Tanze: Songhoy Blues aus Mali.

Die folgende Schreiberei drängt mal wieder in alle Richtungen. Und da hilft es manchmal, ehrlich zu sein mit Ihnen, mit sich selbst und zu gestehen: Das wird kein formschöner Konzertrapport mit süffig Backgroundinfo und Atmosphäre zum Anfassen. Das wird auch kein Künstlerportrait, nach dessen Lektüre Sie mehr «über die Menschen hinter der Musik» erfahren haben (ach was, da sind Menschen versteckt hinter der Musikkulisse?) und im besten Fall noch gleich die Scherbe bestellen beim Onlinehändler Ihres Vertrauens. Und das wird auch ganz sicher keine flammende Kulturkritik über ethnologischen Kitsch und die verhängnissvolle Faszination fürs scheinbar Fremde. Aber vielleicht von allem ein bisschen? Weil: es war ein gutes Konzert einer sauguten Band, das mir ein paar Fragen bescherte. Also hopp, durch drei!

Mirko übers Konzert:
«Ja eben, wie selten hats geregnet. Mindestens die ganze Schüss brach über die Menge herein, die in ihrer Zahl dadurch halt schon etwas aufgelöst war. Nass bis auf die Unterschläuche und aber ausgetanzt und begeistert blieb man zuletzt zurück. Was war passiert? Das Quartett spielte sich während einer Stunde leichtfüssig durch die Abenddämmerung und in die Herzen der Uhrenstadt. Mit Leichtfüssigkeit auf allen Ebenen: Nicht nur offenbarte Sänger und Ergänzungsgitarrist Aliou Touré sein beeindruckendes Talent im Tanze, auch der Rest der Band bediente die Instrumente gleichermassen entspannt und energetisch – und dribbelte ansatzlos vom Afrobeat zum Sechsachtelblues und wieder zurück!»

Schwab zur Band:
«Nachdem die Band aus ihrer Heimatstadt Timbuktu (da regnets eher selten) fliehen musste, die unter die Kontrolle religiöser Eiferer geraten war, haben sich Songhoy Blues in Malis Kapitale Bamako eingenistet. Wenig später trafen die Desert Blueser auf Damon Albarns Africa Express, was umgehend einen kleinen Hype in der anglo-amerikanischen Indielandschaft entfachte und die Gruppe auf Touren durch den Norden brachte. Die musikalische Rezeptur ist auch anregend: Zum Erbe der malischen Songhoy-Kultur in Rhythmik und Tonmaterial gesellen sich amerikanischer Blues und die Liebe zur Stromgitarre.»

Und ich so zum Schluss:
«Der Regen sei auch ein Glück, ein bonheur, wandte sich Sänger Touré an die klatschnasse Menge. Bands aus fernen Ländern bringen eben immer auch eine neue Perspektive auf die Dinge mit und zaubern uns – kommen sie dazu noch aus diesem Afrika – ein sonniges Lächeln aufs Gesicht. Und dann diese Rhythmen, die haben sie eben im Blut! (Klebt dann der Rhythmus auch auf den Waffen, die aus der Schweiz nach Mali exportiert werden?) Nein, Songhoy Blues sind die falsche Band für Trommelromantik und eindimensionales Kulturpetting. Die imperialistischen Gesten (in all ihren Tarnanzügen) lassen sich dabei aber auch elegant überwinden: Songhoy Blues sind nämlich zuerst einmal eine verdammt gute Rockband. Am Besten, man behandelt sie auch so, schreibt über ihre Platten und geht an ihre Konzerte und ist aufgeregt ob der Mucke.»

«Music in Exile» ist im letzten Jahr auf Transgressive Records erschienen.
Pod’Ring gibts noch bis Samstag in der Bieler Altstadt, u.a. mit Faber und Verena von Horsten.

Idiotengeflügel und Urban Gardening

Milena Krstic am Dienstag den 28. Juni 2016

Vor zwei Jahren gab es die erste, nun ist die zweite Ausgabe des Dislike, dem Magazin für Unmutsbekundung erschienen. Das Mag kommt aus Bern und versammelt Texte, die trotz ungemütlicher Themen Spass machen zum Lesen.

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Illustration von Eva Rust zum Text «Predigt zur wunderbaren Geldvermehrung» von Michael Ende.

KSB hat vor zwei Jahren bereits über den Erstling berichtet und das war noch die Zeit, in der gab es nur den Like-Button auf Facebook. Heute können wir mittels Emoticons spezifizieren, wie wir unser Like verstanden haben möchten (mit Härzli, einem grimmigen Gesicht, Sie wissen schon, oder nutzen Sie kein Facebook? Falls nicht: Sie Glückliche/r).

Wie dem auch sei: Die drei Bernerinnen Rebekka Gerber, Sarah Pia und Katja Zellweger haben beschlossen, eine zweite Ausgabe ihres Magazins herauszubringen. Dieses Mal aber sei der Fokus auf Autorinnen und Autoren gelegen, die nicht eigentlich Journalistinnen oder Literaten seien, sondern SpezialistenInnen auf einem bestimmten Themengebiet.

So gibt es etwa einen Beitrag von Stephan Bernard, einem Anwalt aus Zürich, der sich in seinem Text mit dem Titel «Justiz- und Rechtskritik von lechts und rinks» über die Unschlüssigkeit der Linken ärgert und ein herrliches Fazit liefert: «Rebellion kommt heute meist von rechts. Bissigen Linken bleibt letztlich meist wenig anderes als der Exodus aus der Realpolitik übrig, in die oft ebenso humorfreie wie politisch irrelevante Zone linksaussen, ins Urban Gardening, in die politische Einsamkeit oder in den Poetry Slam.» LOL

Zu lesen gibt es auch einen Text von Mark Twain, der im Jahr 1905 über die Tücken des Erlernens der deutschen Sprache wettert. Er macht das so zynisch und bitter, dass es ein Schmaus ist.

Ärgern kann mensch sich aber auch über Frischhaltefolien, Wahlslogans und «Intakte Landschaften» (ein wunderbarer Text von Res Hofmann, einem Botaniker, der über seine Arbeit als Inspektor für die Erhaltung wertvoller Lebensräume schreibt).

Küre hat beim Betrachten des adretten Magazins etwas Schlaues gesagt: «Von einem Heft, das Unmut bekundet, erwarte ich eigentlich, dass es hässlich aussieht und nicht so schick daherkommt.» Auch eine Idee, find ich. Vielleicht für die nächste Ausgabe?

Und falls Sie wissen möchten, was es mit dem «Idiotengeflügel» (einer Konstruktion der Künstlerin Pinar Yoldas) auf sich hat: Das Dislike können Sie hier bestellen, oder in der Münstergass Buchhandlung und im Lehrerzimmer beim Progr direkt erwerben. 

Nicht weiblich, sondern menschlich

Milena Krstic am Dienstag den 21. Juni 2016

Letztes Wochenende fand in Bern der erste Empowerment Day von Helvetia Rockt statt. Zwei Tage lang stand im  Progr und im Frauenraum der Reitschule alles im Zeichen der Frage: Wie kriegen wir hin, dass in Zukunft mehr Frauen auf Bühnen und hinter Mischpulten stehen?

Mensch kann das also auch entspannt angehen, so ein revolutionäres Thema wie die Gleichstellung im Musikbusiness. Der in Bern gegründete Verein Helvetia Rockt hat ein Wochenende lang mit Workshops (etwa zum Thema Live-Technik ) und Netzwerktreffen (für Technikerinnen und Jazzmusikerinnen) dafür gesorgt, dass sich Musikschaffende austauschen und dabei realisieren: You are not alone. Ausserdem traten einen ganzen Nachmittag Bands auf, die sich im Rahmen der Female Bandworkshops formiert haben.

Eine der Bands, die sich im Rahmen der Female Band Workshops formatiert hat.

Die Basler Band Andatilo auf der Bühne der Turnhalle.

Und ich darf Ihnen hier schreiben: Ich war den ganzen Sonntag dort, die Stimmung war top, es gab fantastisches Essen und die Zürcher Musikerin Verena von Horsten plädierte in der Podiumsdiskussion «Frauen als Vorbilder im Musikbusiness» dafür, die Branche umzupflügen und den anscheinend weiblichen Eigenschaften wie dem Zeigen von Gefühlen, Weichheit und Schönheit den Einlass ins Business zu gewähren.

Weil das würde nämlich unsere ganze Gesellschaft ein wenig entspannter machen. Von Horsten schloss ihre Rede mit folgender Tatsache: dass die oben erwähnten Eigenschaften keine weiblichen, sondern ganz einfach menschliche seien.

Wofür es solche Empowerment Day Anlässe überhaupt noch braucht, hier in der Schweiz, in unserem modernen, fortschrittlichen Land? Weil auch hier die Musikerinnen an ihren eigenen Konzerten gefragt werden: «Und wo ist eigentlich dein Kind?» Weil die Bassistin nicht in den Backstage gelassen wird, mit der Begründung, Groupie-Sein reiche halt nicht. Weil Frauen nicht zugetraut wird, mit Musiksoftware umgehen zu können, obwohl sie ihr eigenes Album selbst produziert haben. Weil die Tontechnikerin ein müdes Lächeln kassiert, wenn sie sich der Band als Konzert-Mischerin vorstellt. Weil die «Leistung» der ausgebildeten Pianistin im Konzertbericht mit folgendem Satz honoriert wird: «Auch die Pianistin glänzte in ihrer adretten Jacke.»

First World Problems sind das, sagen Sie? Da pflichte ich Ihnen bei. Aber dumme, unnötige Probleme sind das, solche, die wir schlicht nicht brauchen und deshalb gleich weglassen können.

Die Autorin hat den Workshop «Musikerin oder Musiker: Berichten Medien gleichberechtigt?» moderiert. Und schön, gibt es auch nächstes Jahr wieder einen Empowerment Day.

Tanz die Menschenrechte

Milena Krstic am Sonntag den 29. Mai 2016

Die Grosse Halle der Reitschule wird momentan von Karin Hermes und ihrer Kompanie hermesdance genutzt. Sie sieht Kultur als eine Art Waffe. Ein Augenschein vor Ort zeigt aber: Es geht alles ganz friedlich zu und her.

Da rascheln sie davon, die jungen Tänzerinnen der hermesdance Kompanie.

Da rascheln sie davon, die jungen Tänzerinnen der hermesdance Kompanie.

Nach dem Attentat in Paris verspürte sie das dringende Bedürfnis, «irgendetwas» zu tun. Das ist die Antwort der Wahlberner Choreografin und Tänzerin Karin Hermes, fragt man sie, wie sie auf die Idee gekommen ist, eine Veranstaltung ganz den Menschenrechten zu widmen.

Herausgekommen ist ein Hybrid aus Musik (Leitung: Ali Salvioni), Tanz und Literatur. Und als ich gestern am frühen Abend vor Ort war, bin ich gerade in eine Performance hineingeplatzt, in der Hermes’ junges Ensemble in Papier eingewickelt durch den Raum gerauscht ist, Tänzerin Alina Jaggi wie ein Schmetterling über den Steinboden schwebte und Sopranistin Tina Brcic von der Empore aus ein Ständchen sang. Im Hintergrund waren Transparente zu sehen, auf denen Parolen standen wie «Trinkwasser ist ein Menschenrecht».

Überhaupt erübrigt sich die Frage, weshalb jemand eine Veranstaltung den Menschenrechten widmen will, oder? Es schadet ja nichts, da immer mal wieder darauf aufmerksam zu machen, dass es die eigentlich noch gäbe.

Die Veranstaltung «Culture is a Weapon / Kultur ist eine Waffe» findet auch heute Sonntag statt. Ab 11 Uhr bis 16 Uhr in der Grossen Halle. Das Programm finden Sie hier. Eintritt: Erwachsene 20 Franken, Kinder 10 bis 16 Jahre 8 Franken.

«Chum, Pablo, bou itz dä Park»

Milena Krstic am Dienstag den 3. Mai 2016

Wir wissen es ja mittlerweile alle: Pablo Lobsangs Geduld wurde belohnt und wenn alles nach Plan läuft, steht noch diesen Sommer eine Skateanlage vor der Reitschule (Bericht aus dem Bund hier).

Passend zum Thema hat der Berner Rapper Nisl Anfang April ein Video veröffentlicht, in dem er vor der Reitschule auf seinem Brett herumcruiset und Initianten Lobsang inständig bittet: «Chum, Pablo, bou itz dä Park». Sein Wunsch wurde erhört.

Clip ab.

kleine Rechnungen – 1

Miko Hucko am Freitag den 29. April 2016

Es ist angebracht, so denke ich, dass auch KSB etwas zur erfolgreichsten Schweizer Publikation der letzten Wochen sagt. Nein, werte Leser_innen, ich meine nicht die 50er-Note. Ich meine das Begleitbüchlein zur 50er-Note, das vor Lyrik nur so trieft.

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Falls Sie es noch nicht besitzen: Es liegt an unzähligen Bankschaltern auf und erleichtert die Angestellten ungemein, so wurde mir berichtet, denn am Monolog aus dem Stegreif zu diesem Thema haben die Banker_Innen schnell die Lust verloren. Schade, ein gutes Gesprächsthema war’s immer. So habe ich mich in den letzten Wochen ein paar mal einfach in ein Lokal gesetzt und den neuen Schein vor mir liegen lassen. unglaublich, wie sogar in dieser sonst eher fremdenscheuen Stadt die Menschen das Gespräch gesucht haben. wenn es nur immer so einfach wäre. Item.
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part of the art world

Miko Hucko am Donnerstag den 7. April 2016

leider hat mein Handy den Geist aufgegeben, sonst wäre hier jetzt ein schönes Crowd-Selfie des Vortrags in der Kunsthalle gestern. die art world war ganz schön present, ich würde sagen, grob 1.5 mal so viele Gäste wie ursprünglich gestuhlt. die Luft zum schneiden dick. der Vortragende quasi eine Ikone unter den deutschsprachigen Relevanzzuweisenden: Diedrich Diederichsen. (womit klar ist, dass hier ein Bild von ihm hinmuss, dass ich aus dem Internet gelesen habe)

es ging, laut Titel, um (über)Produktion und Wert. es ging ziemlich viel um Wert, Arbeit, Dialektik, Material, Lebenszeit und Geschichte einer Künstlerin, wie diese quasi unberechenbare Lebenszeit in den Wert des Kunstwerks einfliesst. um die Materialität von Kunstwerken, ihre Objekthaftigkeit, die heutzutage nicht mehr einfach so gegeben ist, sondern durch Verträge oder Zertifikate erst entsteht, Kunst, die vielleicht aus reinen Verträgen besteht. mehr zu diesem Thema von DD lesen Sie zB. hier.

war das ein guter Vortrag? also, über die Vortragskunst von DD lässt sich wenig reklamieren. ein gewinnender Mensch, leicht verschmitzt, der auch längste Schachtelsätze ohne sprachwirrwarr auszusprechen vermag. es hat sich gut angefühlt, zuzuhören, ich fühlte mich wieder ein bisschen wie an der Uni, ein zwei Dinge aufschnappen, assoziativ weiterdenken, umherschweifen. aber es irgendwie nicht der Vortrag, den diese Stadt gerade braucht. Zeitgeist kann nicht immer getroffen werden.

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«I’m clueless here»

Milena Krstic am Mittwoch den 23. März 2016

Zürcher Musikerin Evelinn Trouble hat vor gut zwanzig Stunden diesen Post auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht:

Ratlos sei sie – und spricht uns damit aus dem ♥.

#BernNotBrooklyn

Christian Zellweger am Sonntag den 20. März 2016

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist nachts mächtig was los.

Freitagnacht, die Dampfzentrale singt mit Peter Licht.

Erlebten Sie eine wilde Nacht in Bern und haben per Zufall ein passendes Föteli dazu? Dann posten Sie es auf einer digitalen Plattform unter dem Hashtag #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es pünktlich zum Katerfrühstück.

Noch ein paar Gedanken zur Reitschule

Roland Fischer am Donnerstag den 10. März 2016

Terrorismus, Vandalismus, Aktivismus – es liegt ja alles nah beisammen. Konnte man unlängst auch in einer Medienmittelung der Queen Mary University of London lesen:

The paper’s importance lies in the fact that – because terrorists often also engage in low level activities such as vandalism, graffiti, anti-government leaflet distribution and banner posting before major attacks – the model could potentially be used to help uncover terrorist bases before more serious incidents occur.

Terrorist base! Äh, oder doch nur Versteck einer Sprayerbande? Gefunden haben die Londoner nämlich erstmal einfach einen Künstler, wenn auch – ok – nicht irgendeinen: die Wissenschaft hat endlich die wahre Identität von Banksy enthüllt. Behauptet wenigstens Dr Steve Le Comber from QMUL’s School of Biological and Chemical Sciences. Er hat eine Methode namens Geographic profiling mal nicht auf epidemiologische, sondern auf künstlerische Outbrakes angewandt. Und glaubt so den Urheber der bestgehütetsten Geheimnisse der Kunstwelt endlich eingekreist und dingfest gemacht zu haben.

reitschule

Funktioniert übrigens für jeden Mückenschiss, findet Dr Le Comber.

Geographic profiling is reportedly very efficacious. Steven Le Comber said that the method could not only stop criminals dead in their tracks but that it could also potentially thwart epidemics. He said that during a malaria outbreak in Cairo “we found that if we used the addresses of people with malaria we could find the mosquitoes that were spreading the disease very easily.”

Damit sollten die 1000 Franken Belohnung Le Comber eigentlich ziemlich sicher sein.