Archiv für die Kategorie ‘Politik & Debatten’

Sommer mit Misstönen

Roland Fischer am Freitag den 7. August 2015

Es ist ja wieder mal so ein perfekter Warum-wegreisen-Sommer. Bern hat den schönsten längsten und am spektakulärsten in die Stadtarchitektur integrierten Park der Welt, hat Abendstimmungen, die man herrlicher an keinem Strand bekommt, hat allenthalben kleinere (und auch mal grössere) Kulturinitiativen, die man draussen geniessen kann.

Perfekt? Moment, nicht so ganz. Laue Nächte sind ja schön und gut, einiges weniger schön und gut sind allerdings die aktuellen Meldungen über den wieder mal wild galoppierenden Berner Nachtleben-Amtsschimmel. Es ist schon ein wenig seltsam, wenn man – wie gestern im Löscher – um zehn Uhr (das heisst wenn es noch dämmernd hell ist) ziemlich bestimmt von der Terrasse verwiesen wird. Kein Vorwurf an die Betreiber, so sind halt nun mal die Regeln auf der Bewillung und man kann es den Verantwortlichen nicht verübeln, dass sie sich in diesem Moment das Leben angesichts kleinkarierter (und offenbar auch explizit profitsüchtiger – es geht da nicht nur um Nachtruhe, sondern auch um den Wert gediegener Liegenschaften) Nachbarn nicht noch schwerer machen wollen.

löscher

Und vor dem Kreissaal? Wenn sich 18 Jahre niemand an etwas gestört hat, dann ist das doch ein deutliches Zeichen dafür, dass die entsprechende Vorschrift ein Papiertiger ist und dass dieser mit vereinten Kräften aus der Stadt gejagt gehört. Und im Hauptsitz? Auch da, Defensive über alles. Und warum zwingt die Gewerbepolizei die ja durchaus bewährten Aarbergergasse-Regeln nun plötzlich auch der Dampfzentrale auf? So wird das nicht gehen, Bern. So wird nichts wirklich spannendes Neues entstehen können. Oder, Herr Forte?

(_)park – ein Nachtrag

Miko Hucko am Donnerstag den 6. August 2015

Schon des Öfteren habe ich Diskussionen mit Kollege F. darüber geführt, ob jetzt die Sprache eine Macht an sich hat. Für mich hat sie eine, und für das Worms Kollektiv wahrscheinlich auch – sonst hätten sie nicht dafür entschieden, den ganzen Juli lang einen Park zu entnennen, um sich dann mit dessen Grenzen, Geschichte und Zukunft auseinanderzusetzen. Und natürlich der Macht, die darin innewohnt.

Dass ich jetzt, nachdem die ganze Chose vorbei ist, darüber schreibe, hat vor allem damit zu tun, dass ich nicht dort war. Und mich erst jetzt damit beschäftige – was sehr schade ist, und gerade auch den Knackpunkt des ambitionierten Projektes ausstellt:

Im Laufe des Performanceprojekts entsteht ein kollektiver Text, der sich mittels Skulptur,
(Sprach)Performances, öffentlichen Gesprächen und Printmedien (Plakate, Flyer, Infoblätter)
ausformuliert.(…)Der kollektive Text schreibt sich über 5 Wochen fort und in die Geschichte der Stadt Bern ein.

worms gemütlich im Kocherpark

worms gemütlich im Kocherpark

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Mensch nach Mass?

Roland Fischer am Dienstag den 23. Juni 2015

mass2

Ich möchte nicht als digitaler Geist herumschwirren, wenn ich schon tot bin.

Sagt eine junge Frau zum Thema medizinische Datensammlungen. Ein Projekt der beiden Berner Künstlerinnen Kathrin Yvonne Bigler und Rahel Bucher sammelt eine Vielzahl solcher Meinungen aus der Bevölkerung, online wie mit Aktionen im öffentlichen Raum. Dann diskutieren Expertinnen und Experten aus verschiedenen wissenschaftlichen Fachbereichen die Ergebnisse aus diesem Meinungsbarometer in öffentlichen Veranstaltungen. So soll ein Dialog auf Augenhöhe zwischen Experten und Laien in die Wege geleitet werden. Zum Einstieg kann man sich ein Hörstück zum Thema anhören oder schauen, was schon gesagt worden ist. Und dann selber seine Meinung äussern!

über das gegenwärtige Theater

Miko Hucko am Freitag den 19. Juni 2015

(dieser Text enstand im Rahmen meines Aufenthaltes an den Schillertagen Mannheim – sein Titel bezieht sich auf diesen Text von Schiller)

Mit dem Theater geht es mir ein bisschen wie mit Europa. Ich glaube daran, dass es eine gute Sache ist. Ich glaube daran, dass dieser Überbegriff Sinn macht und einen Wert hat. Aber nicht so, wie es zur Zeit steht. Wir müssen das Theater strukturell neu denken, damit es in der heutigen europäischen Gesellschaft überhaupt noch eine Bedeutung haben kann. Und wir müssen die europäische Gesellschaft strukturell neu denken, damit sie für das Theater überhaupt noch eine Rolle spielt.

Ja, das Theater – und vielleicht die Kunst im allgemeinen – krankt an genau dem, an dem auch die Europäische Union krankt: Zu viel Überbau, zu viel Institution, zu viele grosse Leuchttürme, starre Hierarchien, kein Bezug zu der Bevölkerung. Wenn Bezug zu einer Bevölkerung hergestellt oder gesucht wird, dann wird meist nur eine gewisse gebildete Oberschicht erreicht oder miteinbezogen.

Vom gegenwärtigen deutschsprachigen Theater kann ich also sagen: Ich möchte, dass wir es grundsätzlich neu denken, sonst trete ich aus. Den Gedanken des Aufhörens kenne ich nicht nur von mir, sondern von vielen Berufskolleg_innen, seien sie frei schaffend oder an einem Haus angestellt. Mindestens einmal im Jahr wird die Situation so unerträglich, dass der fast schon rituelle Seufzer des Aufhörens der Kehle der Theaterschaffenden entflieht. Und siehe: selten glauben die Betroffenen nicht mehr an das Theater – aber wie das Theater beschaffen ist, macht sie fertig.

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«usw. usf.»

Roland Fischer am Mittwoch den 3. Juni 2015

Es gibt wieder mal Anlass, über die Definition von Kultur zu streiten! Merci Frau Schaller!

UNESCO:

Die Kultur kann in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schliesst nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen.

Stadt Bern:

alle Aspekte des kulturellen städtischen Lebens, zum Beispiel Quartieraktivitäten, Tourismus, Nachtleben, Menschen mit Behinderung, Menschen mit Migrationshintergrund, Kinder- und Jugendkultur, Denkmalpflege, Baukultur, Bibliotheken, Ausbildungsstätten usw. usf.

In der alten Kulturstrategie, kurz und knapp:

Kultur ist alles, was nicht Natur ist.

Hartmut Böhme:

Zugleich ist zu beobachten, was vermutlich zur Eigenart von Kultur selbst gehört: daß sie nach innen hin integrativ, nach außen hin hierarchisch und ausgrenzend funktionieren. […] Demarkationszeichen, welche das zur jeweiligen Kultur Andere abstoßen, exterritorialisieren und entwerten: gerade darüber aber laufen die Prozesse der Identitatsbildung und Selbstaffirmation von Kulturen. Das scheint ein Zeichen davon zu sein, daß Kulturen immer ‘schwach’ sind. Sie sind ihrer symbolischen Zentren ungewiß, die ja tatsächlich aus Fiktionen gebildet, deswegen zwar nicht weniger effektiv, doch aber von der unaufhebbaren Unruhe des Kontingenten getrieben sind.

Ist Denken Luxus?

Gisela Feuz am Freitag den 22. Mai 2015

Wissen sie, was das Schöne ist am Philosophieren, werte Leserschaft? Es kann nicht einfach das Smartphone gezückt und eine richtige Antwort gefunden werden. Und ausserdem machen wir es alle täglich. Sie nicht? Na haben Sie schon einmal einen Tag lang auf rationale Entscheidungen, Intuition, Gefühl, Stimmungen, die Interpretation der Wahrnehmung, Zweifel, Überzeugungen, Meinungen und Wünsche verzichtet? Eben. Wird der philosophische Begriff etwas weiter gefasst, so stellen wir alle bewusst oder unbewusst fast ständig philosophische Überlegungen an.

thinking.jpg (JPEG-Grafik, 490 × 250 Pixel)

Ach so, Sie haben sich an der Uni während 32 Semestern mit Kant, Hegel, Wittgenstein, Descartes, Voltaire und Horkheimer beschäftigt, strecken nun den Zeigefinger in die Luft und verkünden eifrig: «Der Begriff ‘Philosophie’ ist für eine akademische Disziplin reserviert, in der klare, strenge und stringente Spielregeln herrschen!»? Dann  haben Sie natürlich auch recht. Trotzdem sei Ihnen der Aufsatz «Marktplatz vs. Elfenbeintunnel» von Dr. Lisa Herzog im aktuellen Themendossier von Philosophie.ch ans Herz gelegt, in welchem sie die akademischen Elfenbeinturm-Denker mit Sokrates kontrastiert, der gerne im alten Athen auf dem Marktplatz Bürger mit seinen Ansichten aufschreckte.

Philosophische Fragen sollen Teil unseres Alltags sein und sind es auch und genau diese Tatsache wird morgen Samstag bei einer Podiumsdiskussion vertieft behandelt. Die Gesprächsleitung übernimmt Olivia Bosshart, diskutieren werden Autor Detlef Berentzen (taz.die Tageszeitung), Ethikerin Barbara Bleisch (SRF Sternstunde Philosophie) und Barbara Schmitz (Privatdozentin der Universität Basel). Sie sind alle herzlich eingeladen mitzutun. Mit oder ohne 32 Semester auf dem Bucke.

«Ist Denken ein Luxus? Philosophie im Alltag» findet am Samstag 23. Mai um 19 Uhr im Berner Generationen Haus statt. Das aktuelle philosophische Themendossier  finden Sie hier.

(inter)disziplinierte Gedankenfetzen

Miko Hucko am Dienstag den 19. Mai 2015

Die Biennale ist ja jetzt definitiv weg vom Fenster. Auso. Gab es neben der Biennale ein anderes interdisziplinäres Festival in der Stadt und ich habe es verpasst? Klar, es ist ja nicht immer alles rund gelaufen, aber die Biennale, die gab’s.

  • Die Ateliervergabe im PROGR verläuft nach Sparten.
  • Das Kulturbüro in Bern will bei meiner Anmeldung unbedingt wissen, welcher Sparte ich als Künstlerin denn zuzuordnen sei.
  • Die KulturStadtBern selbst hat ihre Kommissionen in vier Sparten aufgeteilt. Hörspiele, Videoproduktionen und allerlei ähnlich Dazwischenfallendes muss also durch mehrere Gremien, oder wird vielleicht eher hin und her geschoben weil es nirgendwo hinein passt.
  • Es gibt kein Haus, und nur wenige alternative Initiativen, die einen Schwerpunkt auf Interdisziplinarität setzen.
  • Wir leben in einer Zeit, in der sogar die HKB-Abgänger_innen vor allem lernen, sich nicht auf eine Disziplin festzulegen, sondern immer die Form zu suchen, die zum Inhalt passt. Das kann von Fotografie über Aktion bis hin zum Popsong reichen.

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AUA! oder auch: äuä

Miko Hucko am Donnerstag den 30. April 2015

Warum bist Du eigentlich noch keine Aussteigerin geworden?

Gab es einfach keine Theaterstücke, die dich dazu animiert haben, Pinguin, Püppiprotestiererin oder Politaktivist zu werden? Die dich für eine Alternative begeistern konnten, deine Utopien herausgefordert haben?

Wir können uns schwer vorstellen, wie fest ein Theaterstück uns zu irgendwas bewegen kann oder sollte – meistens gehen wir nach dem Theater wieder nach Hause und denken, woa, das war jetzt schon noch krass – und alles bleibt so wie bisher. Vor etwa einenhalb Jahren haben wir im Rahmen eines Stückes mal darüber nachgedacht, ob sich der Impact von Theater nicht etwa messen liesse: Wie fest hat mich dieses Stück dazu bewegt, jetzt wirklich etwas verändern zu wollen?

Diese Idee werde ich für die Dauer des AUAWIRLEBEN an den gezeigten Stücken ausprobieren. Introducing: the gigu-o-meter. Dieser misst also nicht die künstlerische Qualität eines Theaterabends, sondern die Stärke, mit der dieser mich dazu motiviert, allen mal GIGU entgegenzuschreiben. Die Masseinheit gigu ist folgendermassen konfiguriert: C ist am schwächsten. Da habe ich mir nicht einmal während des Stücks politische Gedanken gemacht. Dann CC, CCC, B, BB, BBB und schliesslich A, AA und AAA. Bei Triple A würde quasi gleich im Anschluss an den Applaus ein Aufstand losbrechen.

 

Das AUAWIRLEBEN Theaterfestival beginnt heute und dauert an bis zum 10. Mai – fast überall in Bern.

Helle Köpfe von gestern

Roland Fischer am Dienstag den 17. März 2015

Wow, es war voll. Montag früher Abend im Stadttheater, bis hinauf zum zweiten Rang alle Plätze besetzt: die Affiche hat gezogen, sage ja niemand mehr, Philosophie sei ein intellektuelles Spartenprogramm. Aber es war ja auch nicht irgendjemand geladen, zur zweiten Ausgabe der diesjährigen Berner Reden – man freute sich auf den philosophischen Troublemaker Peter Sloterdijk und seine helvetische Kleinformat-Ausgabe René Scheu, die sich über Fortschritt und Verfall unterhalten wollten.

20150316_191635Beste Voraussetzungen für einen inspirierenden Feierabend also, zumal der eigentlich ja geschätzte Max Moor die Moderation übernahm und man deshalb keine Angst vor hochkultureller Behäbigkeit zu haben brauchte. Und dann beschäftigte man sich, im gediegen gedimmten Raum herumschauend, doch bald einmal mit der Frage, woher das Stadttheater wohl die guten alten Glühbirnen für die Beleuchtung des guten alten Theatersaals bezieht, beziehungsweise ob man die vorsorglich kistenweise gehortet hat, irgendwo im Keller, damit man für die nächsten Jahrzehnte versorgt ist. Natürlich, das war dann Fortschritt und Verfall der sehr belanglosen Art, aber irgendwie schafften es die Herren unten auf der Bühne nicht, für grössere lebensphilosophische Fallhöhe oder Tiefenschärfe zu sorgen.

Max Moor ging seine Aufgabe, die Langsprecher zu Prägnanz zu zwingen, einigermassen übermotiviert an, und die beiden Philosophen gefielen sich allzu oft in Causerien und Gemeinplätzen. Scheu vor allem konnte nicht verhehlen, dass er viel eher als tadellos angezogener PR-Mann in Sachen Liberalismus taugt denn als origineller Denker. Sloterdijk seinerseits war wenig angriffslustig und schien sich eher dezent zu langweilen. Und so landete man zum Schluss dann allen Ernstes bei der Diagnose allgmeiner Kommunikationslosigkeit in Zeiten allzeit offener digitaler Kommunikationskanäle. Altherrenkritik war das, oder wiederum mit den Glühbirnen gesprochen: helle Köpfe für die gute, heimelige Stube – aber halt ziemlich von gestern. Ein paar grelle Neonlampen wären einem lieber gewesen.

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was tun (Gedanken an einem verschnegneten Samstag Nachmittag)

Miko Hucko am Samstag den 21. Februar 2015

HINWEIS: die nachfolgenden Gedanken und Ausführungen sind unvollständig! wer liest, darf gerne mitdenken und kritisieren.

 

Was, habe ich mich heute früh gefragt, ist eigentlich heutzutage noch eine radikale Geste? Entzündet hat sich diese Frage am aktuellen Interview mit Mark Fisher in der WOZ, an diesem neuen Godardfilm und einer anschliessenden Diskussion darüber.

Wir sind irgendwie gefangen in dieser zeitlos-machtlos-postmodernen Retroexistenz, sowohl politisch als auch kulturell. Kulturell kann das Verschiedenes bedeuten – Mark Fisher ist nunmal Poptheoretiker und spricht vor allem davon, wie auch der neuste Song schon wieder wie etwas klingt aus den 70er, 80ern,90ern. Ich bin nun einmal Theaterwissenschaftlerin und stelle fest, dass vor allem collagiert, zitiert und Stoff bearbeitet wird. Und dass vieles der Performancekunst schon in den 70ern da war, habe ich glaub auch schon öfter festgestellt.

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