Archiv für die Kategorie ‘Politik & Debatten’

Ein Abschiedskuss?

Mirko Schwab am Mittwoch den 12. Dezember 2018

Wir unterbrechen für ein bisschen Werbung in eigener Sache.

 

 

 

 

 

 

Girls, Boys: Wir schieben. Per Ende Jahr zieht sich das bestehende KSB-Autorenteam in corpore aus den Tamedia-Strukturen zurück. Aber kein Grund zur Panik: Wir arbeiten fleissig an einem neuen Format und tauchen im Februar 2019 wieder auf – straight from the underground und nur mit den Besten, versteht sich. Lasst uns in Kontakt bleiben.

Global Warning!

Roland Fischer am Mittwoch den 5. Dezember 2018

Just in: Norient Filmfestival is back! Nach einem Jahr Pause macht man gleich ein wenig auf Shnit, mit bereits drei Austragungsorten, die hier nicht Playgrounds oder sowas heissen müssen: Bern, St. Gallen, Lausanne. Auch in Bern wird expandiert, neben der guten alten Homebase in der Reitschule geht es ins City Pub und ins Jugendzentrum newgraffiti. Mut zur urbanistischen Lücke!

Beim Programm setzt man auf den bewährten Spagat: Breitformat über Musik einerseits, breitformatige Musik andererseits. Am zweiten Januar-Wochenende gibt es neben tollen Filmen also auch jede Menge Live-Acts und DJs zwischen kroatischem Folk, Politperformance, Klangexperimenten, UK Funky House und Reggaetón. Zur Eröffnung wartet das kleine feine Festival gleich mit einem Knüller auf: «Matangi/Maya/M.I.A.» über das englisch-tamilische Pop-Chamäleon M.I.A. Ein Film, der seine Spannung «aus dem unauflöslichen Widerspruch zwischen Selbstinszenierung und Politik, zwischen dem buntgefiederten Popstar und der Aktivistin» hole, meinte die FAZ. Schaut man sich an.

Wiit wiit furt vo hie

Roland Fischer am Samstag den 24. November 2018

Belpmoos, Belpmoos… spick mi furt vo hie – oder gerade eher nicht, so wie’s auf der Abflugtafel aussieht. Wir haben ziemlich sicher den Hauptstadtflughafen mit den wenigsten Linienflügen, bloss zweimal in der Woche ist etwas im Flugplan eingetragen.

Aber heute reist man ja sowieso besser im Kopf, oder? Ist zumindest CO2-neutral. Wobei einem da leicht zwei Kategorien durcheinandergeraten: Das Reisen in Geschichten und das Reisen in andere Weltgegenden. Beide gleichermassen horizonterweiternd, versteht sich, und deshalb ja eigentlich beide sehr wünschenswert. Gestern war man apropos in Genf am CERN, wo das NIFFF und Cinéglobe Future Storyworlds spinnen liessen, von ausgewählten Kunstschaffenden. Es ging da irgendwie um Immersivität und womöglich also heutigere Möglichkeiten des Geschichtenerzählens – mithin auch des als «echt» empfundenen Eintauchens in andere Welten, Stichwort virtuelle Realität. Löst sich da etwa die Grenze zwischen fiktionalen und realgeografischen Anderwelten auf? Wäre VR also nicht nur die Zukunft des Geschichtenerzählens, sondern auch die Zukunft des Reisens? Emirates hat kürzlich ein Konzept für ein Flugzeug mit «virtual windows» vorgestellt, «draussen» passiert da nur noch auf dem Screen. Man kann das dann auch auf Zugreisen, auf Hotelfenster und Stadtrundfahrten ausweiten: Dann braucht man sich an diese Anderorte gar nicht mehr zu bewegen, man kann den Sonnenuntergang am Meer oder die Fahrt durch Sibirien auch programmieren.

Jedenfalls stellt sich die Frage derzeit drängender denn je: Gibt es ein richtiges Reisen im falschen, auf diesem seltsamen Kurs, den das Raumschiff Erde seit einer Weile eingeschlagen hat? Und mit dieser gross gestellten Frage – und ihrer Dringlichkeit – erklärt sich wohl auch der Erfolg eines eigentlich sehr unauffäligen Films: Weit – Ein Weg um die Welt. Einmal um die Welt reisen ohne zu fliegen, so einfach ist die Ausganngslage, und so einfach gestrickt ist dann auch der Film: Eine Chronologie von schönen Bildern, staubigen Strassen, struben Momenten. Immersiv ist das durchaus auch, einfach mittels des alten Dok-Erfolgsrezept: Der Emotionalität der Bilder vertrauen und zwischendurch eine eingängige Stimme aus dem Off, die Distanz in Nähe verwandelt. «Reisen heisst Phantasien durch Erfahrungen ersetzen», heisst es ein paarmal sehr programmatisch im Film. Das Seltsame dabei: Dieser Film ist selber ein Phantasmorgon, ein Statthalter, eine Fiktion. Ganz in der Tradition der Grand Tour, die früher ja auch stellvertretend von Aristokraten, Künstlern, Intellektuellen absolviert wurde. Diese brachten dann allerlei Stimulanzien mit nach hause, in Form von Bildern, Büchern, Wunderlichkeiten – das heisst letztlich: in Form von Geschichten, die Sehnsucht gleichzeitig weckten und befriedigten.

Weit läuft (noch ein letztes Mal?) morgen in der Matinee im Kellerkino.

Prozente, Prozente!

Roland Fischer am Samstag den 10. November 2018

Eigentlich müsste man an dieser Stelle ein Hohelied singen. Wo wäre die Schweizer Kulturförderung ohne dieses 1 Prozent des Migrosumsatzes, das in Bildung, Soziales und Kultur fliesst – über hundert Millionen Franken allein letztes Jahr? Und, hmm, unverschämter Gedanke: Wo könnte sie sein, wenn alle grossen Firmen so einen Umsatzobolus zuhanden der Gesellschaft entrichten würden (vernünftig Steuern zahlen wäre im Prinzip auch schon ok)? Man stelle sich mal vor, es gäbe so etwas wie ein Nestlé-Kulturprozent. Oder, geben wir uns ein wenig bescheidener: ein Promille – würde auch schon reichen, um den Migros-Ausgaben Konkurrenz zu machen. Vor ein paar Tagen wurde kommuniziert, dass jetzt auch noch die Online-Umsätze in das Kulturprozent einbezogen werden. Alles auf Kurs also. Oder?

Nein, leider. Das wird kein Hohe-, es wird ein Klagelied. Ende Oktober nämlich war schon eine Kultur-Medienmitteilung rausgegangen, die eigentlich nicht viel Wesentliches vermeldete. Corporate Communication-Speak halt, interessiert hat das kaum jemanden:

Um Raum für Neues zu schaffen und den sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Rechnung zu tragen, wurden die in der Direktion konzipierten und realisierten kulturellen Aktivitäten und Projekte systematisch hinterfragt. Das Popmusikfestival m4music, die Konzertreihe Migros-Kulturprozent-Classics, das alle zwei Jahre stattfindende Migros-Kulturprozent Tanzfestival Steps sowie das Migros Museum für Gegenwartskunst werden weitergeführt. Zusätzlich werden neue Projekte entwickelt [blablabla].

Hedy Graber, seit 2004 Leiterin der Direktion Kultur und Soziales des Migros-Genossenschafts-Bundes, hält fest: «Wir richten unsere Kulturförderung so aus, dass wir [blablabla]. Wir sind überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit Kultur positive Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes hat und wir mit dem Kulturprozent einen wichtigen Beitrag leisten können.»

Was sich hinter der Mitteilung verbarg wurde erst zwei Wochen später klar: Das Hinterfragen traf ein paar Initiativen ganz direkt, insbesondere die wunderbare Arc Artist Residency in Romainmôtier, in der auch unzählige Berner Künstler an Projekten gefeilt haben oder auf neue Ideen gekommen sind. Noch vor kurzem gab es Aufrufe, neue Ideen und Projekte für massgeschneiderte Aufenthalte einzureichen. Nun das Fallbeil:

Mit Bedauern informieren wir sie, dass Arc artist residency seine Türen schliesst Ende 2018. Wir beenden all unsere Aktivitäten und bieten ab 2019 keine Residenzen oder andere Projekte mehr an.

Weg. Zu. Ersatzlos gestrichen. Für obsolet befunden. Wow, Migros. Hier ist in langen Jahren etwas Tolles – und ja, eher Stilles – aufgebaut worden. Nein, das Arc ist kein Crowdpleaser. Aber das muss Kultur ja nicht immer sein, «um positive Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes» zu haben. Vielleicht sind es ja gerade diese Initiativen, die forschen, ausprobieren, diskutieren – ja, die selbst gern hinterfragen -, die am nachhaltigsten wirken. Die national ebenso funktionieren wie international, die sich nicht besonders für Genres interessieren, die Kultur also nicht in Schubladen stecken. Aber in Zeiten der Niederschwelligkeit, der Kennzahlen und des Wachstumsparadigmas (neue Publika müssen erreicht werden! mehr Leute an die Kultur herangeführt! als wäre ihr Seelenrettendes zu eigen und die Kulturvermittler wären Missionare) hat es für solche ergebnisoffenen und mit Liebe und Sorgfalt wie mit Ernst und langem Atem betriebenen Initiativen offenbar immer weniger Platz. Ein Entscheid, der ratlos macht und ehrlich gesagt ein wenig seltsam riecht – mehr nach McKinsey als nach umsichtiger Kulturförderung.

Weil die Dinge hier in Ordnung sind

Mirko Schwab am Mittwoch den 7. November 2018

Mani Matter. Und auch mir ist kürzlich ein halbes Loblied auf die Schweizer Demokratie entfahren. Hat sich angefühlt wie ein Furz. Wie einer, den man zuerst nicht riecht, der dann aber lange in der Zimmerluft stehen bleibt.

Bin über die Bundesterasse gestolpert. Über den Bundesplatz hinein, dem Bundespalast entgegen. Helvetia. Du kolossaler Gugelhopf mit grünem Zuckerguss. Dich fresse ich zum Frühstück auf, bist so süss. Niemand da, nur Du und ich. Nur Du, Demokratie und ich, ein Taugenichts aus dem Leben. Bist so süss, ich fass dich an. Das kann ich, niemand da, keine Polizei, nein, keine Armee, nein. Ich fress dich auf, weil ich dich liebe. Lässt mich ran, ganz nahe ran. Niemand da, dich zu bewachen, nackt und süss bist du da und ich fass dich an, beiss von dir ab, lass dich mir schmecken. Grünspan auf der Zunge – nein, kein Grünspan, sagt das Internet, Kupferhydroxide bzw. Kupfercarbonate – auch gut, ich komm dir nah, ich fass dich an, ich ficke dich, Demokratie, ganz lieb will ich dich ficken jetzt. Und keiner da, keine Polizei, nein, keine Armee, nein.

Der Bundespalast wird nicht, wie in anderen Nationalstaaten üblich, von der Öffentlichkeit abgeschirmt, d.h. von den Taugenichtsen aus dem Leben. Weil die Dinge hier in Ordnung sind. Weil die freiwilligen und ordentlichen Mannli und Froueli, Toggeli, aus dem ganzen Land mit dem Zug anreisen und zu Fuss durch die von schönen Geranien gesäumte Obere Altstadt toggeln. Toggeln dann hin zum Bundespalast, der Haus heisst, weil liebe und ordentliche Leute halt in Häusern wohnen. Und im Bundeshaus drin gehen sie dann schauen, dass die Dinge hier in Ordnung bleiben. Ordentliche und friedliebende Leute sind das hier halt. Das ist schön, das ist schön.

Darum brauchts auch keine Waffen. Blöder Zufall, schlecht gelaufen, kann passieren, wenn die halt dann Waffen bauen, die lieben Leute im Land, kann passieren. Zum Beispiel in Neuhausen am Rheinfall. Aber da gehts ja nicht um Waffen, sicher nicht in erster Linie, da gehts um Präzision und Perfektion und Zuverlässigkeit. Um die Ordnung, der wir schauen müssen.

Aber hier brauchts eben keine Waffen. Blöder Zufall, wie gesagt, dass die lieben Leute dann trotzdem immer wieder Waffen bauen, können es nicht lassen, Lausbuben. Aber schon mit Talent, das muss man sagen, Präzision und Perfektion und Zuverlässigkeit. Und dann wäre es ja schade – da muss man sich nicht unter seinem Wert – also die Waffen – die kann man ja immernoch verkaufen. Irgendwohin, wo die Leute nicht so gut sind in Präzision und Perfektion und Zuverlässigkeit. Das ist schon in Ordnung, sollen dann einfach keinen Seich machen damit.

Im Jemen. In Syrien. In Lybien.
Mani Matter? Money Matters.

Ich ficke dich, Helvetia. Ganz langsam. Fick dich schneller. Ich ficke alles, was du gelten lassen willst.

Bevor ich dich auffresse und dich nicht verdauen kann. Dann halt stinkts. Aber eben so, dass man es zuerst nicht riecht. Was einmal reingeht, muss wieder rauskommen. Was einmal raufgeht, muss wieder runterkommen.

Dancing Ausserholligen

Mirko Schwab am Freitag den 21. September 2018

Eigentlich saudoof, so Rollschuhdisko. Eigentlich ein Fall für die Mottenkiste der Achtzigerjahre.

Aber «who gives a fuck» sagt mein Freund Y. immer dann, wenn man sich selbst oder seine Prinzipien nicht allzu ernst nehmen sollte. Er hat recht. Ich hab Prosecco. Die S-Bahn fährt am Europaplatz ein, wo Nebel aufsteigt bis hoch zum Betonbauch der Autobahnbrücke. Bunte Lichter haben sie montiert, Glitzer Glitzer allenthalben, die besten schlimmsten Lieder stehen in der Luft. Lieder einer Zeit, der wir uns nostalgisch erinnern, ohne sie erlebt zu haben. Dancing with tears in my eyes.

Es ist Rollschuhdisko. Und Rollstuhl-. Die «Heitere Fahne» ist mal wieder fremdgegangen, unverkennbar oszillierend zwischen Inklusivität und Sexyness hat sich die verrückte Idealistenschar breitgemacht am Verkehrsknoten, für einen unbeschwerten Tanz auf Rollen. Es ist schön, passiert sowas. Zumal hier, wo das amerikanisierte Bern und das eidgenössische, das Schrebergärtli-Bern und das verlotterte aufeinandertreffen wie sonst nirgendwo, wo die Zwischentöne viel Platz haben im urbanen Kessel zwischen Verkehrsarchitektur, Arbeiterhäusern und Gentrifikation.

Und es ist nicht selbstverständlich. Kollektive wie die «Heitere» prägen damit nicht nur die wichtige Debatte um Kultur in der Öffentlichkeit und überholte Bewilligungspraktiken, um Lärm, Luft und Demokratie, eine Debatte, die gerade erst richtig – voilà – ins Rollen kommt. Gerade die Idealistenkiste aus Wabern leistet mit ihrer eleganten und unprätentiösen Art der sozialen Festerei auch einen wichtigen Beitrag zum Selbstverständnis meiner lieben Sandsteinstadt. Eine derart vielfarbige und gemeinschaftliche Atmosphäre, getragen von Leuten mit und ohne Behinderung oder Haarausfall oder wasimmer, who gives a fuck – dieser seltsame Gegenentwurf zum klassischen Szenenauflauf, zur «quiche urbaine», er wäre im sich selbst stets bis zur Verspannung bewussten Zureich etwa kaum daheim.

Nichts ist peinlich hier zwischen den Brückenpfeilern. Im Diskonebel mischt sich Freiheit unter. Immer dann, wenn man sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

#BernNotBrooklyn

Mirko Schwab am Sonntag den 9. September 2018

Bern ist zwar nicht Brooklyn. Aber auch in der Sandsteinstadt ist burn-out, Weltschmerz, Sonntagsdepression, ist Hoffnung und 1 Schultzerucken. Ein quasi Gastbeitrag unserer Autorin Jessica Jurassica aus dem Abseits (ihr …!)

wenn nichts mehr hilft hilft dann nur noch lyrik [palmen-emoji]

faschismus oportunismus kapitalismus polizeigewalt herrschaft unterdrückung bern chemnitz charlottesville internet / täglich / tränengas gummischrot hitlergrüsse nazitattoos machtdemonstrationen gewalt drunterkommentare / messerstiche, angedrohte ausgeführte / (sprach)bilder eingebrannt auf der netz haut / gerötet entzündet / sprache der gewalt sprache des krieges kämpferische sprache revolutionäre sprache / männer* und frauen* sprache / spreche ich 1 männliche sprache oder ist sprache eh universell geschlechtslos / spreche ich 1 sprache der gewalt / verstehst du mich / wer bin ich ohne sprache wer / bist du

sexism fascism escapeism / violence silence patience / deafness numbness faceless / labien libido lybien / hardcore normcore glencore / fuckboy sextoy tolstoy / fascism sexism violence / fear power death / deaf death / numerous deaths / verstehst du mich / wer bin ich ohne sprache wer / bist du / VERSTEHST DU MICH

echo

hallo echo

echo

echo

e c h o

twitter dot com

twi t t e r   d  o  t    c   o   m

LOL

[palmen-emoji]

Oder warum der Smiley uns gehört.

Urs Rihs am Freitag den 7. September 2018

Samstagnacht, im Hagel von Gummischrot und beissenden Wolken von Capsaicin, da lag er plötzlich am Boden, zwischen den Scherben, mit Kugelschreiber gezeichnet auf das gelbe Wuchtgeschoss.
Dieser Smiley galt uns – aber gehören tut er das sowieso.

Eine rote Linie überschritten – würde good ol’ Paul Rechsteini wohl sagen. Popkulturelle Appropriation bei der Polizei!
Dieses simple Lächeln, ein Symbol der Attitüde, der COOLNESS, als Waffe der Exekutive missbraucht. Das sagt vieles aus – auch wenn Aussagen grundsätzlich verweigert gehören – über den state of mind einzelner Einsatzkräfte.

Original police-bern material.

Aber erst ein kurzer Blick über die Schulter: Smiley, der oder das – ursprünglich entworfen in den 60ern von einem gewissen Werbegrafiker namens Harvey Ball aus den godfuckin’ U.S. of A. – wurde nach seiner Geburt schnell zu einer Insigne der Gegenkultur. Ende der Achtziger gar zum Gallions-Icon der Acid House Bewegung aus Chicago. Das war pure underground. Dann kam der second sommer of love auf der Insel, der Rave und der Rest ist Geschichte.

Auch im Comic avancierte der gelbe Kreis mit dem nasenlosen Lächeln zum Zeichen der Alternativen, der Kaputten, Zyniker und Antihelden. Am prominentesten vielleicht als «The Button» im Superhero-Noir WATCHMEN ebenfalls aus den 80ies. Oder, knapp zehn Jahre später, im schwerstgesellschaftskritischen SciFi-Gonzo-Epos TRANSMETROPOLITAN als dreiäugige Variante und als Reminiszenz – der Smiley wurde weiterverwendet als Bezeichnendes, als Signifikant: Für das Dagegen.
You dig?

Und natürlich durfte das Proto-Emoji auch im Graffiti nicht fehlen. Unzählige Adaptionen und Varianten gab es davon, wahrscheinlich am konsequentesten und radikalsten wurde es in unseren Breitengraden von «OZ» aka «Oli» in Hamburg gesprüht und umgesetzt. Bis er 2014 von dieser verfluchten S-Bahn in den Tod gerissen wurde – R.I.P. Brother.

Was es zu beweisen galt – der Smiley untermauert Attitüde, wie eingangs festgemacht, und diese speist sich echterweise aus dem Unangepassten. Aus Homo- und Bürgerrechts-Struggles bei der Housemusik, als Ablehnung gegen den Mainstream im Comic und als Ausdruck des eigenen fehl am Platz Seins im Graffiti.
Die Liste wäre – vom Smiley losgekoppelt – um unzählige Beispiele zu erweitern. Wichtig ist, füttert sich Attitüde nicht aus «echtem» Leiden, untergräbt sie sich selbst, wird hohl und brüchig.

Wenn nun einzelne Köpfe im Polizeikorps es für nötig halten, ihre Geschosse mit Botschaften zu bekritzeln, bevor sie es auf Kopfhöhe verpulvern, dann kommt dabei erster Dinge ein archaischer Drang zum Zug, welcher über Jahrtausende bereits verbrieft ist.
Schon die Römer versahen ihre Schleudergeschosse mit Nachrichten an ihre Feinde und dass in zeitgenössischen Kriegen Bomben mit Schriftzügen versehen werden ist bekannt. Zum Nachdenken – aber nicht weiter tragischer als ohnehin schon.

Dass bei der Kantonspolizei aber offensichtlich mit popkultureller Symbolik der in die Schranken zu weisenden Gruppe kokettiert wird, lässt auf noch andere Defizite schliessen.
Wohlstandverwahrlost?
Das sind wir in unserem westlich-neoliberalen Diskurs alle, das greift auch bei der Exekutive als Begründung ihrer Verfehlungen nicht weit genug.
Vielmehr scheint hier tatsächlich die eigene Attitüde auf sandigem Grund zu stehen.
(Obwohl das Leiden vorhanden wäre.)
Vielleicht weil man merkt, dass sich das subjektive Sicherheitsgefühl im städtischen Kontext mehr und mehr von der «präventiven Präsenz» der Polizei zu lösen scheint? Oder weil die Uniform so schrecklich spannt und der Helm drückt?

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur: Cool sein dürft ihre noch lange nicht – dafür müssen erst die Waffen weg.
Und der Smiley, das Lachen –
das gehört uns.

The acid one.

“The Button” – WATCHMEN

TRANSMETROPOLITAN

“OZ”

 

 

 

Privilegiert: Was tun?

Clemens Kuratle am Samstag den 25. August 2018

Ego muss weg! Wie verhalten als aufgeklärter Cis-Mann in der aufgeheizten Gender-Debatte? Ein Versuch eines Leitfadens.

Der Text den ich hier schreibe, ist stark von Alexander Rowland geprägt. Als schwuler, weisser Mann, im Süden der USA mit verschiedensten Ungleichheiten konfrontiert, führt er die Equality-Debatte auf eine Weise, welche die Fronten nicht verhärten will.

Ich spreche zu den Männern, welche die Ungleichheit in unserer Gesellschaft wahrnehmen, Veränderung anstreben und doch manchmal des Sexismus bezichtigt werden, weil sie die falschen Dinge sagen oder tun. Ich spreche auch aus der Sicht dieser Männer, aber nicht als Fürsprecher.

Es geht darum, dass wir uns eine dickere Haut zulegen müssen!

Im Gegensatz zum offenen Sexismus, welcher den Frauen Gleichberechtigung untersagt, in dem er ihnen Stimm- und Wahlrecht, Autofahren und vieles mehr verweigert, haben wir es beim modernen Sexismus mit der Negierung von Zuständen, welche Frauen benachteiligen, zu tun. Das geschieht häufig auch unbewusst.
Von dieser Definition ausgehend, kann wahrscheinlich kein Mann von sich behaupten, noch nie eine sexistische Aussage gemacht zu haben. Hier komme ich bereits zu einem wichtigen Punkt:
Das sollte eine Erleichterung für uns alle sein!
Beim Angehen von soziokulturellen Problemen geht es nämlich nicht in erster Linie darum, Schuldige zu finden, sondern veraltete Denkmuster und Strukturen zu erkennen und durch Bessere zu ersetzen. Erster Schritt dazu, ist die Erkenntnis, dass wir alle diese Muster in uns tragen und aktiv durchbrechen müssen, um als Gesellschaft voranzukommen.

Mit dem Vorwurf des Sexismus konfrontiert, findet Man(n) sich zu oft beim Halten eines unsinnigen Monologs wieder, welcher dem weiblichen Gegenüber aufzeigen soll, dass die Anschuldigung nicht zutrifft. Genau hier aber wird das gesellschaftliche zu einem individuellen Problem verkehrt.
Vorwürfe müssen ausgesprochen und Missstände sollen angeprangert werden. Unsere Reaktion hingegen entscheidet, ob wir Teil der Lösung oder Teil des Problems werden. Kritik ist wertvoll. Wir entscheiden, ob sie uns betrifft.  Wenn dem auch nur am Rande so ist, haben wir etwas gelernt. Der zuweilen harsche Ton und auch die Provokation als Stilmittel gehören bei einer echten Debatte dazu, aber nehmen wir doch bitte unser männliches Ego da raus. Denn, und hier komme ich zu der angestrebten dicken Haut:

Ob wir persönlich angegriffen werden oder nicht, ist unbedeutend!

Ich plädiere dafür, dass wir, die privilegierten Männer, in der Hitze der Debatte Nachsicht üben. Sexismus schafft Unzufriedenheit, welche sich manchmal an den Falschen entlädt. Wir aber können uns entscheiden, ob wir unsere Energien dafür verwenden, uns aufwändig ins scheinbar rechte Licht zu rücken, oder ob wir in solchen Situationen Introspektion üben, den Vorwurf richtig einordnen oder komplett verwerfen und danach weiter daran arbeiten, bessere Menschen zu werden.

Letzteres würde uns Privilegierten eigentlich besser stehen.

Die Jahre der Selbstreflexion, die Auseinandersetzung mit Rollenbildern, das Ausmerzen von Denkmustern, welche eine emanzipierte Frau zwingend hinter sich hat, dürfen auch von uns Männern verlangt werden. Das bedeutet, sich der Rolle des Privilegierten bewusst zu werden, mit all seinen Konsequenzen! Wer sich diesem Prozess nicht aussetzen will, bleibt Teil des Problems.

Wir sind nicht perfekt und das wissen auch die geschätzten Frauen. Es hat keinen Zweck, den Schein wahren zu wollen. Lieber langsam aber stetig, gemeinsam die verkrusteten, alten Denkmuster durchbrechen, oder nicht?

Für die <3.

Als Kuratle ein Teenager war, lebte Alex Rowland während einem einjährigen Studienaufenthalt im Elternhaus des Autors. Er war Anfang zwanzig, wollte Schriftsteller werden und hatte sich kurz zuvor geoutet. Seine Familie ist eher fromm. Rowland ist mittlerweile selbständiger Anwalt. Er lebt in Atlanta, Georgia; wo er Teil einer privilegierten, weissen Mehrheit ist. Seine Texte publiziert er auf Facebook.

Von Stadtgeldern und der Kunst davon zu profitieren

Urs Rihs am Samstag den 16. Juni 2018

Der KSB hatte letzte Woche darauf aufmerksam gemacht, dass im Netz über die Kulturgelderverteilung vernehmlasst wird – auch dein Senf könnte also Gewicht haben – aber der online auszufüllende Fragebogen birgt viel Obskurität und niederschwellig ist das mitnichten. Darum – Zeit, um etwas auszulichten.

Der nächsten Vierjahresplanung für die Kulturförderung, das betrifft die Jahre 2020 bis und mit 2023, sollen insgesamt Fr. 2’275’000.- mehr zufliessen. Sieben Prozent mehr als bis anhin. Das ist erster Dinge natürlich zu begrüssen, bestimmen doch gerade die Beträge, welche als sogenannt «freie Mittel» zur Verfügung gestellt werden, massgeblich über das Aktionspotential der nichtinstitutionellen Szene.

Bei etwas genauerer Betrachtung der vom Amt für Kultur vorgeschlagenen Verteilschlüssel, fallen aber schnell Asymmetrien auf. Zwischen den Spartenkommissionen: Theater (Fr. 1’000’000.- Fördergeld bis anhin, gleichbleibend), Musik (Fr. 615’000.- bis anhin, soll auf Fr. 690’000.- gestockt werden), Literaturkommission und Kunstkommission (jeweils Fr. 200’000.- bis anhin, sollen beide auf Fr. 225’000.- gestockt werden).
Die Spartenkommissionen setzen sich aus Delegierten aus der Szene zusammen. Die «freien Mittel» werden von diesen Kommissionen an Gesuchstellende verteilt.

In Szenegesprächen, zwischen Amt und geladenen Leuten aus den Szenen, wurden die Bedürfnisse im Vorfeld sondiert, um zu eruieren, wo das Geld hinfliessen soll. Klingt gut – birgt Probleme.

Von verschiedenen Seiten wurde ich auf das augenscheinliche Ungleichgewicht angehauen.
Gerade bei Köpfen aus der Ecke der bildenden Künste, welche also speziell von der stärkeren Berücksichtigung der Kunstkommission profitieren würden, ist ein gewisser Missmut über die Vorlage auszumachen, und verständlich. Warum?
Gesuche die der Kunstkommission zufallen, sind oft solche für prozessorientierte, flüchtige Projekte – ohne vermarktbares Produkt am Schluss. Im Gegensatz zu einem Theaterstück auf der Bühne etwa, welches Eintrittsgelder generiert. Oder ein Musikalbum, welches sich verkaufen lässt.
Heikel, denn solch sog. «ephemere» Kunst trägt die Selbstausbeutung quasi im Genmaterial – wer spricht schon Geld für Projekte, bei welchen am Ende nichts Handfestes vorzuweisen bleibt?
Wichtig wär’s, gerade in Zeiten eines durchökonomisierten internationalen Kunstmarkts – vermag doch genau diese Kunst gesellschaftlich gefurchte Vorstellungen ihrer selbst zu sprengen.

Solche Arbeiten realisieren sich darum nur quersubventioniert durch harte Loharbeit der KünstlerInnen.

Aus der Vernehmlassungsvorlage ist zu entnehmen, dass der Kunstkommission künftig Fr. 225’000.- zukommen soll, also Fr. 25’000.- mehr als bis anhin. Knapp 1,1% des gesamten Fördergeldzuschusses von Fr. 2’275’000.-.
Im Vergleich zur geplanten Blähung des Budgets für kostengünstigere Ateliers beispielsweise, von Fr. 119’000.- (Budget 2018) auf Fr. 340’000.- (9,7% des gesamten Zuschusses) – dem neu gebildeten Topf für «Distribution» und «Promotion», Fr. 150’000.- (6,6% des Zuschusses) –  oder dem ebenfalls neuen Finanzierungsgefäss «Infrastruktur Altstadt» Fr. 100’000.- (4,4%) – wirkt das tatsächlich spärlich.

Platz zum «Schaffen» ist ein wichtiges Bedürfnis und dass die Altstadtkeller nicht gänzlich privatisiert werden, gilt es zweifelsohne zu berücksichtigen. Aber das Kulturgeld fliesst in diesen beiden speziellen Punkten direkt in die Taschen von Immobilien InhaberInnen. Das gilt es sich bewusst zu machen.

Auch wenn der Quervergleich von Budgetpunkten einer Milchbuchrechnung gleichkommt und einer genauen Analyse der politischen Vorbedingungen bedürfte – sollte der Löwenanteil der Gelder nicht dahinfliessen, wo am meisten «Eigenleistung» bis anhin nicht oder nur sehr gering vergütet wurde, zur Gesundung der Aktiven?

Gerade wenn sich der Stadtpräsi im Vorwort der Vernehmlassungsvorlage wie folgt zitieren lässt: «Die Arbeit professionellen Kulturschaffenden soll besser anerkannt werden, es sollen faire Arbeitsbedingungen gelten und Förderbeiträge sollen branchenübliche Gagen ermöglichen.»

Warum das Amt für Kultur da lieber neue Finanzierungstöpfe generiert, als den Spartenkommissionen direkt mehr Geld zur Verfügung zu stellen, bleibt wunderlich.
Ein antidemokratisch anmutender Reflex und man fragt sich auch, ob hier wer Angst hat die Zügel aus der Hand zu geben.

Die direkten Fördergelder sind nicht gleichbedeutend mit den «freien Mittel» für die Szenen. Davon müssen die Beträge für fixe Budgetpunkte der Spartenkommissionen abgezogen werden. Von den anhin Fr. 200’000.- in der Kunst wurden Fr. 80’000.- effektiv als freie Mittel vergeben.

Wer entscheidet eigentlich über die Priorisierung der Bedürfnisse? Wer bestimmt deren Dringlichkeit?

Auf telefonische Rückfrage beim Amt für Kultur, erhalte ich eher schmallippige Antworten. Es ginge ja momentan genau darum, per Online-Fragebogen etwaige Unstimmigkeiten zu bereinigen.
Und auf die Asymmetrien zwischen den Sparten angesprochen, werde ich auf die Zahl der eingegangenen Gesuche aus den letzten Jahren verwiesen.
Ich hake nach, gerade der Haufen für Infrastruktur – Gesamthaft Fr. 321’00.- (14%) – interessiert mich. Ich werde auf eine Antwort per Mail vertröstet, am Dienstag war das – bis heute nichts gekriegt.
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