Archiv für die Kategorie ‘Politik & Debatten’

Was soll die Schütz?

Roland Fischer am Donnerstag den 5. April 2018

Good News, es gibt wieder ein Neustadtlab auf der Schütz! Da formiert sich gerade ein Verein, der bestenfalls dann auch die kommende, gewissermassen offizielle Zwischennutzung für drei Jahre bestreiten möchte. Zunächst gibt es aber noch einmal eine (von der Stadt finanziell auch wieder unterstützte) Zwischenlösungs-Zwischenlösung.

Sammlung Hans-Ulrich Suter 1319, Bern: Länggasse; Schützenmatt — Rummelplatz; Freizeit, ca. 1925

Den Auftakt zur autofreien Schützenmatte macht das No Borders-No Nations-Festival der Reitschule am 27. und 28. Juli 2018. Dann wird aufgebaut und eine Woche später kann wieder experimentiert werden im Berner Städtebau-Labor. Aber was versucht man da genau eigentlich herauszufinden? Gute Gelegenheit für einen guten Text. Der Stadtplaner Chris­toph Haerle spannt in einem Gespräch mit Philipp Sarasin einen grossen Bogen, von den Foren der Römer bis zu den Public Spaces von heute.

Es erfolgt sogar eine Drei­tei­lung, indem im Hoch­mit­tel­alter, von Italien bis Deutsch­land, die drei Mächte der Politik, der Wirt­schaft und des Kultes ihre je eigenen öffent­li­chen Räume schaffen – den Markt­platz, den Domplatz und den poli­ti­schen Platz, wie etwa in Siena die Piazza del Campo oder in Rom den Campi­do­glio. Das ist der Platz, der eine Loggia hat, von der aus verkündet wird, was die Politik zu sagen hat; der Platz vor der Kirche hingegen ist der Ort der Prozes­sionen, und auf dem Markt­platz steht der Brunnen, an dem nach dem Mercato gewa­schen werden konnte. Mit anderen Worten, das, was bei den Römern, zumin­dest in der Zeit der Repu­blik, noch auf einem Platz zusam­men­ge­halten wurde, hat sich im Mittel­alter auf drei Plätze verteilt.

Das passt nun irgendwie gar nicht mehr heute. Dann kamen die Bürger und reclaimten die Strassen.

Im ausge­henden 19. Jahr­hun­dert aller­dings wurde mit dem bour­geois der Besitz­bürger zele­briert, der sich als Mit-Besitzer des öffent­li­chen Raumes verstand. Hier spielte aller­dings eine listige Dialektik: Indem der bour­geois gegen die voll­stän­dige Verein­nah­mung des öffent­li­chen Raumes durch die Macht auf der Teil­habe, auf der Teil­nahme am öffent­li­chen Raum bestand, war er immer auch citoyen, Staats­bürger, poli­ti­scher Bürger.

Und dann kam, hoppla, die Postmoderne.

[…] die Verbin­dung zur Frage nach dem post­mo­dernen Raum ist sicher darin zu sehen, dass diese neuen Räume nicht mehr auf den Zweck hin konzi­piert wurden, sie für die klas­si­schen poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen oder reli­giösen Funk­tionen auszu­statten.

Von da an kreist das Gespräch eigentlich um eine Leerstelle: Wenn für einen heutigen öffentlichen Raum keine dieser Funktionen mehr gilt, welche tritt dann an deren Stelle? Aber vielleicht ist das ja nicht Problem, sondern Lösung. Denn dann sagt Hearle noch etwas, das man ganz gut als Schütz-Motto brauchen könnte, oder?

Ich bin der festen Über­zeu­gung, dass öffent­liche Räume nur dann gute öffent­liche Räume sind, wenn sie funk­tional unter­be­stimmt sind.

jessica jurassica #8

Mirko Schwab am Samstag den 31. März 2018

Yallah Kulturbürger*innen! Gastautorin Jessica Jurassica nimmt Sie mit auf Tour de Lowlife, Mittelstandsverwahrlosung shady side up.

auf einer toilette im bundeshaus wird eine linie koks gezogen / in einem backstage speed gerupft / in irgendeinem schummrigen keller eine pille geschmissen / vor dem casa marcello folie geraucht / irgendwo an einer fiesta am stadtrand liegt ein filz unter einer zunge / im rosengarten zündet sich jemand einen joint an //

alltägliche lebensrealitäten / umgeben von einer unumstösslichen mystisch-dämonisierten aura und im schatten der kriminalität / also übernimmt man halt selbst die verantwortung für sich und den konsum und für andere und für das was einem passiert / versuchen die kids halt selbst den umgang mit den stoffen zu lernen / meistens erfolgreich / manchmal weniger / und manchmal geht jemand kaputt dabei / irgendwo zwischen überdosiert und schlecht informiert und stigmatisiert und kriminalisiert / aber alles ist gut solange man unsichtbar ist und nicht zur problem gruppe gezählt wird / im schatten des untergrunds bleibt / während die öffentlichkeit den weissen teufel an die wand malt und von suchtfreier gesellschaft träumt / während in jeder einzelnen bar dieser stadt jemand mit einem bier sitzt und den feierabend mit nervengift begiesst

Jessica Jurassica ist unsere neue Gastautorin, die in unregelmässigen Abständen aus dem bernischen Prekariat berichtet. Zur Erinnerung: Boy Schwab hat hier ausführlich introduced.

Liebe BesetzerIn

Mirko Schwab am Freitag den 30. März 2018

Ich bin einer eben dieser, die du der doppelten Moral bezichtigst. Ich mache Musik für Geld (manchmal) und organisiere Musik für Geld (sometimes) und schreibe über Musik für Geld (pafrois).

Dieser Text erscheint nur deshalb, weil die Mutter der Selbstbereicherung, Ta-mère-dia!, so sehr keinen Fick auf dieses Blog gibt, so sehr, dass sie nicht nur keine anständige Entlöhnung aufbringen mag für die Zeilen, die wir aus uns herausprügeln (ajvt). Sie nimmt wahrscheinlich nicht mal Notiz davon und ich kann hier also treten, schreien, quängeln im Schatten meiner fetten und trägen Mutter.

Darum lass uns über Selbstbereicherung reden. Und lass uns das am Beispiel meiner fetten Mutter tun. Und am Beispiel der Reitschule und ihres Dachstocks, der schon lange leise und jetzt mal wieder laut in die Kritik geraten ist, Kollateralkritik, ich weiss, aber eben latent – und Kritik vielleicht auch von dir. Weil du findest, dass der Kommercedes Benz hier falsch parkiert habe, weil du findest, dass die Bilettpreise zu hoch seien oder die Barpreise oder die Bühnenkante. Und weil du glaubst, dass sich da oben Menschen auf dem Buckel anderer oder zumindest auf dem Buckel einer Idee selber bereichern würden.

Was ich sehe: Im Dachstock wird Geld verlangt von Leuten, die bereit sind, Geld zu zahlen für die Kunst. Die Preise liegen weit unter dem, was der Markt (who dat boy?) rechtfertigen würde und zwar deshalb, weil da oben fürs Putzen und fürs Plakatieren alle gleich viel verdienen. Wenig. Einige leben davon. Dann vielleicht ermöglicht ihnen die mit Herzblut und einem glühenden ideellen Überbau (heisst: sinnvoll) verrichtete Arbeit eine Existenzgrundlage. Bleibt Geld übrig, wird es weiterverwendet. Für die Kunst, die sich nicht «lohnt» und für die Politik des Mittelfingers, den auch ihr erhebt.
Zwischen dieser Existenzgrundlage als Nährboden und der Selbstbereicherung besteht ein grosser Unterschied in der Welt, wie ich sie verstehe.

Zurück zur fetten Mutter. Die verlangt auch Geld für ihre Idee, den Journalismus. Im Unterschied zum Dachstock aber, der für seine Idee bereit ist, weitgehend auf Gewinn zu verzichten – individuell auf höhere Löhne und kollektiv im Nullsummenspiel – im Unterschied dazu lässt die fette Mutter ihr einstiges Innerstes langsam verkümmern und wirft es dem Markt (who him is?) vor zum Frass, investiert nach dessen Logik gerade dort, wo die Gewinne stimmen. Und anstatt den (noch dazu oftmals schmutzigen) Profit zurückzugeben an eine sinnvolle Idee, an eine Philosophie, schaut sie zu, wie sich das Geld schön weitervermehren lässt in den Mühlerädern sinnleerer, trauriger Selbstzweckbranchen oder schiebt sich den Gewinn gleich selbst in ihren faltigen, fetten Börsenarsch.

Es scheint mir wichtig, auch in grundsätzlicher Kritik in Verhältnissen zu denken. Wir, die Heuchler, die sich auf das Spiel einlassen, Geld nehmen und versuchen, etwas Sinnvolles vielleicht oder etwas Schönes immerhin damit zu treiben oder einfach nur zu leben von dem, was wir auzudrücken haben – wir sind am Seilziehen gegen die Selbstbereicherer, Kulturfeinde und Egoisten.

Willst du dieses Seil zerschneiden? Nur, damit die Lager eingegrenzt wären und die Feindbilder einfarbig? Damit es endlich nichts mehr zu diskutieren gäb?

Dass die Reitschule ein Ort ist, der sich grundsätzlich mit der Welt auseinanderzusetzen hat, ihre impliziten und expliziten Verträge brechen darf, ist richtig. Es hat sie zum wichtigsten Ort dieser Stadt gemacht. Dass die Reitschule auch ein Ort ist, der Teile der Welt, wie sie ist, anerkennt und dank dieser Anerkennung die Welt von innenher verändern kann, ist genauso richtig. Es hat die Reitschule vielleicht über die Zeit gerettet.

Mit dem Dachstock lässt sich reden.
Die fette Mutter hört mich nicht.

Liebe.
mrk

Lasst uns das System von innen aufmischen!

Gisela Feuz am Mittwoch den 28. März 2018

«Ein überwiegend weisses, männliches Line-Up fördern wir nicht.» Katja Lucker fand letzten Samstag klare Worte auf dem M4Music-Podium «Gender, who cares?!» zum Thema Gleichstellung in der Musikbranche. Lucker ist Geschäftsleiterin des Berliner Unternehmens Musicboard, welches es sich zum Ziel gesetzt hat, neue Impulse für die Pop- und Rockwelt zu setzen, beziehungsweise diese zu unterstützen, wofür der GmbH Landesgelder zur Verfügung stehen. Wenn Katja Lucker über fehlende Frauen und mangelnde Diversität in Line-Ups von grossen Festivals spricht, dann tut sie das mit Bestimmtheit und zeigt auf, dass durch ihre Art von «Erpressung» durchaus eine Verbesserung eingetreten ist. «Früher haben die vorwiegend männlichen Festivalmacher einfach ihre Kumpels angerufen und die auf die Bühne gestellt, heute sind die Line-Ups von Festivals, welche bei uns um Subventionsgelder anfragen, einiges vielfältiger.»

vlnr: Katja Lucker, Philippe Phibe Cornu, Regula Frei, Sandro Bernasconi, Hedy Graber, Moderation: Anne-Sophie Keller

Was im multikulturellen Berlin vorgelebt wird, stecke bei vielen Schweizer Festivals wie zum Beispiel auch dem Gurtenfestival noch in den Kinderschuhen, kritisierte Regula Frei von Helvetiarockt, was Gurten-Papa Phibe Cornu mit seinen Aussagen indirekt bestätigte (Frauenanteil Gurtenfestival 2018: etwas über 20%). Man sei aber auf gutem Wege, die Vielfalt auf den Bühnen zu erhöhen, sagte er. Ihm sei die Problematik von einseitigen, weiss und männlich dominierten Line-Ups lange schlichtweg nicht bewusst gewesen, sagte Sandro Bernasconi vom Open Air Basel. Erst im Gespräch mit weiblichen Bekannten sei er für diese Thematik sensibilisiert worden.

Frau Feuz wagt jetzt mal zu behaupten, dass hier einer der Hunde begraben liegt, die zu niedrigen Frauenquoten auf Schweizer Bühnen führen. Nicht böser Wille oder eine ernsthafte Diskriminierungsabsicht, sondern vielmehr fehlendes Bewusstsein, dass da etwas im Argen liegt. Drum: Darüber reden, reden und nochmals reden und zwar mit allen, die es hören wollen, und insbesondere mit allen, die es nicht hören wollen.

Und aber vor allem auch: Ladies tut euch zusammen, ergreift selber die Initiative und die Instrumente, werdet Tontechnikerinnen, Tourmanagerinnen, Jurymitglieder, Agentinnen, Veranstalterinnen, Produzentinnen und Bookerinnen! Unterstützt euch gegenseitig, rekrutiert andere Ladies! Lasst uns das System von innen aufmischen, bis Egalität und Diversität eine Selbstverständlichkeit geworden sind und wir dann wirklich mit ruhigem Gewissen sagen können: «Gender, who cares?!»

P.S. Beim M4musc lag der Frauenanteil gemäss Aussage von Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur Soziales der Migros-Genossenschaft, gesamthaft bei 44%. Am selbigen Abend standen ein paar Strassen weiter in der Marsbar bei Zayk, ebenso bei den Hexen im Dynamo 100% Ladies auf der Bühne. Schön!

P.P.S. Bevor Sie in die Kommentarspalten-Tasten hauen, werte Leserschaft, möchte ich noch den Vertreter des Berliner Labels Springstoff zitieren: «Wer heute als Booker kein diverses Line-Up präsentiert, hat ganz einfach seinen Job nicht richtig gemacht.» Diese Aussage bestätigte draussen bei der Zigarette danach der Vorzeigebooker aus der freiburgischen Pampa. Musiker würden ihm zuhauf angeboten, nach Frauen müsse man bisschen tiefer graben. Aber wer sich bemühe, könne durchaus ein diverses Line-Up auf die Beine stellen. Und der Mann weiss, wovon er spricht.

jessica jurassica #4

Mirko Schwab am Sonntag den 25. Februar 2018

Yallah Kulturbürger*innen! Damit hätten Sie nicht gerechnet, als Sie eben Ihren ABO+-Tagespass gelöst haben: Gastautorin Jessica Jurassica nimmt Sie mit auf Tour de Lowlife, Mittelstandsverwahrlosung shady side up.

Montage: Jessica Jurassica

lowlife lohnarbeit am heineken zapfhahn im rücken der YB fankurve / dafür sorgen dass die nüchternen betrunken werden und die betrunkenen noch betrunkener und die betrunken-hungrigen satt / dass der schaum auf dem bier nicht zu viel und nicht zu wenig ist / dass die YB wurst auf dem mit senf werbung bedruckten pappteller neben dem brötchen liegt / man weiss nie so recht ist es wirklich brot oder ist es karton / ist es pop kultur oder faschismus / ist es sklaverei oder lohnarbeit / aber alle sind nett solange die boys in führung sind und manchmal gibt es trinkgeld aus mitleid weil das bier auf der theke gefriert // und die mitarbeiterinnen working class heroines / halb befreit aus doppelter ausbeutung / damals irgendeine lowlife arbeit im gastro und zuhause irgendein lowlife boy der fürsorge und fütterung einfordert / verlebt aber nicht gelebt aber nicht gebrochen

Jessica Jurassica ist unsere neue Gastautorin, die in unregelmässigen Abständen aus dem bernischen Prekariat berichtet. Zur Erinnerung: Boy Schwab hat hier ausführlich introduced.

Dieser Schrieb wird Ihnen präsentiert von der Tamedia AG

Mirko Schwab am Samstag den 24. Februar 2018

Die Widersprüche aushalten. Es ist so ein Satz, den mein lieber Bongoboi Urs gerne einschiebt, wenn sich die Fronten zu verhärten drohen, der Diskurs Fratze zeigt statt Fruchtbarkeit. Es geht um das Dazwischen und die Demokratie. (Und um «Duscholux»!)

Die Widersprüche aushalten. Nichts beschreibt die Sandsteinstadt, in der wir leben, wohl besser als dieses Leitmotiv.

Bild: Jessica Jurassica

Und eines ist sicher: Das Wort «Diskurs» in der Kopfzeile hat noch nie jemanden zum Weiterlesen eingeladen und also Gratulation von Herzen, wenn Sie jetzt noch bei mir sind. Aber zwischen all den lustvollen und aus Überzeugung treuen Kulturgängen und Rezensionen, nebst dem Blick fürs Spezifische, nebst Rosinen, Ausschnitten, Momenten und all den Nahaufnahmen aus der Mitte unseresgleichen, im Abseits vielleicht (ihr Wichser!) – da könnte kurz Platz sein für die Frage nach den sandsteinernen Rahmenbedingungen und einer kollektiven Identität im Widerspruch.

Mach mal halblang (that’s what she said!). Was meinst Du zu erkennen?

Ich lebe zwischen Bundeshaus und Polizeirevier über den Stromleitungen der Strassenbahn, über Strassenmusik und Guggenmusik, über den Stromwegen des Tourismus, der Gschaffigkeit und des Rumlungerns. Eidgenossen und Marcellos Casa und das Bellevue-Fumoir sind sich nah. Projektionen am Parlament erklären mir die Schweiz in Bild und Ton, dann hat das Bürgertum eine Schlöf hingemacht, dann ist Markt. Dann ist Umzug dagegen oder dafür, Alertalerta. Amt und Bank, Armut auf Bänkli, Schachspielen und mit Drogen dealen. Irgendwo dazwischen sind wir alle.

Vorgestern las ich Rysers brillanten WOZ-Report über Kokain. Auf Kokain. Gestern gab ich mir Battlerap, freute mich an Punchlines like «Ich hab mit deiner behaarten Mutter Analsex auf Speed», diskutierte über Feminismus und war gut zu einer Frau. Heute gehe ich ins Stadion und schreie in der Kurve aus Linken und Rechten, Idioten und Gescheiten, Stadtchauvinisten und Landeiern, lasse mich von Werbung penetrieren bei jedem Eckball, jeder Einwechslung, jeder Gelben Karte, obwohl ich wirklich keine «Lust» habe auf ein neues Bad, fick dich «Duscholux» oder befriedige dich selber mit der Brause, ich gehe ins Stadion und träume von einem Meistertitel, der eigentlich wertlos, eigentlich sinnlos und doch aufs Ehrlichste mit meinem Glück – und dem vieler vermeintlich sehr anderer – versponnen ist.

Google fragt irgendwas, ich stimme zu.
Avocado kommt von irgendwo, ich lange zu.
Du sagst irgendwas, ich höre zu.

Im Dazwischen sind wir alle. Und das ist unser Glück. In unserer kleinen Sandsteinstadt verdichtet und verdoppelt sich der Widerspruch, denn wir sitzen alle am selben Tisch und im selben Tram. Sind selbst schon wandelnde Widersprüche. Auch wenn wir uns auf dem Dachboden verschanzen, Transparente aus den Fenstern hängen, Blasen aufblasen, Mauern hochziehen, gescheite Dinge behaupten und dumme Dinge schönreden (s/o to myself!) – es ist zu eng hier im Sandsteingemäuer, als dass wir uns nicht grüssen würden oder auf die Schuhe stehen und uns miteinander zu konfrontieren haben.

Es ist zu eng unter der Hirnrinde, als dass wir uns nicht selber ständig widersprechen würden. Das ist unser verdammtes Glück.

«I hane Meinig, doch für ds Dänke si angeri da»

Milena Krstic am Dienstag den 20. Februar 2018

Von denen kann es kaum genug geben: von Beiträgen zu Nein zu No Billag. Gestern Abend hat mich per Whatsapp einer aus Bern erreicht: Rapper Nisu ist in die Rolle von Hr. Schweizer und MC Blochi geschlüpft und hat einen Protest-Hudigäggeler geschnitzt.

Ziemlich gewitzt. Und natürlich verdient das Ding einen Ehrenplatz in der Vitrine der Nein zu No Billag Botschaften.

Clip ab und ja, äbe, man kann es nicht genug oft sagen: Abstimmen gehen, Darlings.

Kulturstattgen

Roland Fischer am Donnerstag den 15. Februar 2018

Liebe KSB-Gemeinde, wir müssen jetzt sehr stark sein. Weil Houston, we have a pretty obvious Problem. Allerdings wissen wir nicht genau, in welchem Detail der Teufel steckt, das macht die Sache nicht eben einfacher. Und vielleicht sind wir auch noch selber schuld. Vielleicht.

#Wetoo

Wäre ja auch kein schlechter App-Name. Aber es geht um ganz andere Disruptionen, nämlich um ungute Zustände gesellschaftlicher Art und ihre womögliche Überwindung. Und die Freiheit der Kunst. Und metaphorische Schützengräben. Und das Zerfleischen des Zerfleischens und das Entschuldigen des Entschuldigens. So etwa könnte man den gestrigen Gränni-Abend BRÜSTEBEINEARSCHGESICHT zusammenfassen. Wem das jetzt nicht wirklich weiterhilft: So ging es den Beteiligten gestern auch. Und sie waren auch noch selber schuld. Vielleicht.

Auf der Bühne die halbe KSB-Belegschaft und dazu noch Emanuel Elia Bundi,
Marguerite Meyer und Geneva Moser. Jessica Jurassica war für den digitalen Kommentar zuständig, Lisa Christ war allzu moderat. Die vorgetragenen Kurztexte dafür disparat. Assoziation und Analyse. Mal sehr luzid und mal nicht sehr lustig.

defensives Fotokonzept (Recht am eigenen Bild: auch noch ein Streitpunkt gestern)

Dann Rauchpause (unser Schwab hatte endlich seinen Skandal), dann Diskussion. Irgendwann stand dann mal die Frage nach dem Gesprächs-Geschlechterverhältnis im Raum – geht das Thema vielleicht nur die Frauen an? Der KSB-Veteran erinnert sich noch an Zeiten, als wetoo über Frauenquoten stritten beim Rekrutieren (how 20th century). Aber um Gleichberechtigung ging es gestern ja nicht, sondern um offensichtlichere Missbräuche der Machtstrukturen. Oder ist das etwa dasselbe Problem? Schliesslich wollte man ja nicht über Einzelfälle, sondern über das grosse Ganze reden. Bis zu dem Moment wenigstens, als ein emotionales Votum aus dem Publikum forderte, man solle endlich aufhören, die Vorschläge abzuklemmen, was man denn konkret in Momenten des Machtmissbrauchs tun könne. Mann selbst hätte da gern erwidert: Doch bitte, abklemmen (man darf auch gern ein freundlicheres Wort copypasten – unweigerlich wurde Sprache übrigens noch zu einem weiteren Kampfplatz, als wäre die Sachlage nicht schon unübersichtlich genug), schliesslich war zu einem literarischen Abend geladen worden und nicht zu einem Wie-helfe-ich-mir-selbst-und-damit-auch-der-Welt-Workshop. Freiheit der Kunst eben und ihre Aufgabe bei unübersichtlichen Sachlagen. Aber da war man wohl selber schuld.

Es ging dann aber doch noch um Kultur: Um Skripts im Umgang miteinander, wie es einmal schön genannt wurde auf dem Podium. Tief eingeschriebene Skripts, aber eben: geschrieben, nicht geprägt. Die kann man also umschreiben, im Prinzip. Warum sie sich trotzdem so eisern halten: Das wäre auch eine interessante Frage gewesen. Und auch ein bisschen Psychoanalyse hätte nicht geschadet und die Frage, warum uns dieses Problem bloss so fertig macht. Von wegen klare Verhältnisse – in der Filterbubble wurde munter gestritten. Mitunter fühlte es sich so an, als wäre der einzige gemeinsame Nenner, dass man vom selben Gegner bös in die Mangel genommen wird. Eben: Wetoo. Wir müssen bessere Lieder singen. Und hoffen dass möglichst viele einstimmen. Wobei: Ich persönlich habe nie gern im Chor gesungen.

Alles Pisse

Urs Rihs am Mittwoch den 7. Februar 2018

Gestern, ein Höhepunkt der Dringlichkeit im I nternational S styler C lub – Pisse aus Hoyerswerda war da. Wer da?
Pisse!

Müde von diskurskritikdreschenden MisepeterInnen komm ich aus dem Sitzungszimmer, knall mir den ersten Korn Appenzeller hinter die Binde und verscheisspiss mich zu Scheisse Pisse ins ISC –

Ein konzeptuell konzeptzerreissendes Postneuewelle-Viergespann aus grossem Nachbars Osten, welches seit seiner Gründung im Zwölf alles bezüglich Indiemusikschmutztbusinesstechnischem so hart konsequent an die Wand fährt, dass es jeder allesdurchdringenderverwertungslogikkritischen Persona eine scheiss pisse Freude sein muss. Und trotzdem oder gerade desswegen sind sie hype.

«Alle machen einen schönen Spagat zwischen Karriere hier und Abfuck dort. Die Generation ˓Soliparty˒ hat sich hier im wahrscheinlich sichersten Land der Erde in die Depression gefeiert und draußen ersaufen die Menschen im Mittelmeer. Syrien, der ganze nahe Osten, Ukraine, Afrika…alles im Arsch. In ganz Europa marschieren neue Rechte… Griechenland und so weiter und so fort…alles im Arsch…. und wir kaufen uns Second-Hand-Schuhe für 100€ und spülen unsere vegane Pizza mit handgemachter Fairtrade-Rhabarberpisse in den Hals.»

(Das Zitat ein Auszug aus einem der selten aus erster/m Hand Mund geführten Interviews des Quartetts)

110 Dezibel in live – ich fass mir beim Konzert nicht an die Ohren und stopf mir auch nichts in ihre Vorgänge, aus Respekt vor der Kraft durch Freude, obwohl es gesundheitsprophylaktisch wohl zu empfehlen gewesen wäre. Aber «Empfehlenswert» ist ohnehin linksliberale Spiesserkackepisse.

Und darum nur eins noch, wenn du in Zukunft das Glück hast diesen Namen in deiner Nähe spielen pissen zu hören, geh hin und stell dich!

Veränderung passiert nicht aufgrund aufgeblasener Phrasen oder nur Attitüde, sondern aufgrund von Überzeugung und der konsequenten Auseinandersetzung mit Widersprüchen.
Darum wird’s von Pisse zur Wahrung der Hoffnung auch nie breitbrüstige Parolen ab der Bühnenfront geben, sondern höchstens Zitate derselben in Form gelbgrünroter Wimpel im Bühnenhintergrund.

Bella Ciao und natürlich alles Pisse!

Wie sieht man denn aus, wenn man performende Menschen per digitalem Klotz während der Show festzuhalten sucht? Respektlos! Darum hier anstelle, das wunderbare Konzertposter.

 

Suppe, Brot und so ein Käse

Roland Fischer am Dienstag den 6. Februar 2018

Medienmisere, die Zweite. Echt jetzt, Berner Zeitung?

Und dazu ein Artikel vom Kulturredaktor persönlich, der kleinlich die Finanzen eines einzelnen von der städtischen Kulturabteilung geschmissenen Abends durchrechnet. Ein Müsterchen:

Warum die Stadt für einen «Vernetzungsanlass» die teuerste Band der Stadt engagieren muss, bleibt offen. Gesichert ist hingegen die Information, dass die Stadt bei der Verpflegung der Gäste weit knausriger war. Der Apéro war offeriert, danach waren Getränke und Essen kostenpflichtig. «Suppe, Brot und Käse gab es für 6 Franken.»

Und dem Bund fällt nichts besseres ein als nachzulegen und gelangweilte Politiker abzutelefonieren, um weitere routiniert-empörte Stimmen einzuholen. Merci, können wir dann weitermachen und über Kultur reden? Und darüber, wie viel sie wo kosten darf und soll? Es gäbe da ein paar wichtige Fragen zu klären, glaubs.