Archiv für die Kategorie ‘Daten & Termine’

Kulturbeutel 50/17

Gisela Feuz am Montag den 11. Dezember 2017

Frau Feuz empfiehlt:
Am Dienstag gehts im Dachstock bretthart zur Sache, Wolves In The Throne Room sind zu Besuch, die eine Mischung aus Black Metal, Postrock und Ambient fabrizieren. Am Mittwoch kommen im Schlachthaus Theater Berner Musizierende aus den unterschiedlichen Sparten zusammen, um Geld zu sammeln zugunsten einer lokalen Oranisation. Nebst den Feet Peals von Tätschmeister Patrik Zeller sind diese Jahr auch Ariane von Graffenried, Sandra Künzi, Simon Hari und Dennis Schwabenland mit von der Partie. Am Freitag statten Sie der Dampfzentrale einen Besuch ab: Simon Ho und Michael Fehr spielen ihr fantastisches Album «Bruxelles», im zweiten Teil des Abends performed das Duo KiKu aus Lausanne zusammen mit Blixa Bargeld (ja, DER Blixa Bargeld) und dem New-Yorker-Rapper Black Cracker.

l’orso empfiehlt:
Zeitgenössische elektronische Musik im Sukkulentenhaus des Botanischen Gartens am Sonntag, das ist ADV3NT 2017, eine Veranstaltungsreihe mit therapeutischer Wirkung, denn nichts lässt einen die spätjährliche Hektik besser ertragen, als schräge Klänge zwischen Kakteen und Wolfsmilchgewächsen, glaubt mir und gönnt euch das.
Wer sein sonores Wellness jedocht lieber in dunklen Räumen und im Rauch pflegt, der bewege seine kältestarren Glieder am Samstag in den Raum am Terrassenweg. Dort gibts rauen Beton-Blues von HELL’S KITCHENETTE und das garantiert einiges an Seelenwärme.

Fischer empfiehlt:
In die Dampfere schon am Donnerstag, da gibt es das neue Stück von Unplush zu sehen, es wird dem Vernehmen nach um suizidale Delphine und um Poolputzroboter gehen. Und es wird mehr geboten als einfach ein Tanzstück, der Abend markiert auch gleich den Start von Unplush invites, einem neuen Format der Tanzkompanie, die parallel zu ihren laufenden Projekten immer wieder Events mit Installationen, Performances und DJ/Live Sets kuratieren wir

Die Krstic empfiehlt
die charmante Lücke beim Bollwerk, das Gränni nämlich. Dort spielt am Donnerstag Sir Howald, der Mann mit den Wundergeräten.

Djingis Schwab empfiehlt:
Dito die Krstic, ein Lieblingsgitarrist dieser Howald und nur mit Arztzeugnis verpassbar. Schon heute fragen wir uns einmal mehr ja where the hell?! und tanzen zu den Wüstenboys von Songhoy BluesSie erinnern sich.

Introduction to the Cosmos of Zizi

Milena Krstic am Samstag den 9. Dezember 2017

Die schönsten Liebesbriefe schreibt unser Schwab. Inspiriert kredenze ich einen eigenen. Meiner geht an Zoë Binetti: Tänzerin, Musikerin, Muse und Abvondieserwelt.

Es war Anfang Winter 2015, als mich ein Freund in die Butoh-Klasse der Binetti mitgenommen hat. Ich wusste nicht, worauf ich mich einlassen würde. Ich dachte an esoterisch angehauchte Gschpürschmi-Gymnastik, ich dachte daran, dass sie mir sicher nicht schaden würde so eine Tanzstunde. Aber an etwas Langfristiges glaubte ich nicht. Was sich mir offenbarte war ein Kosmos voller Wissen, Leidenschaft und Verrücktheit. Ich habe eine Frau kennengelernt, die glatt nicht von dieser Welt sein könnte, wäre sie nicht so sehr im Boden verankert und hätte ihren Shit beienander. Das hat sie nämlich.

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Kulturbeutel 49/17

Mirko Schwab am Montag den 4. Dezember 2017

Mirko Schwab empfiehlt:
«Versions Extended» ist Ansage nächsten Donnerstag im Ross. Heisst einerseits: schön bassbetonte Intellekto-Frikklermukke von so illustren Schattengestalten wie Uhuruku (aka nʞnɹnɥn, der mit den Kassetten tanzt), Dim Grimm (aka Dimlite) und Nkelo (nka Yung Repetto). Heisst andererseits auch: Eklektizismus und Genreverwischung mit den jazzgeschulten Ostbrüdern von Eyot. But let’s just not call it Jazzrock nor Fusion, k? Jaja – hin da, Freaks!

Fischer empfiehlt:
To be or not to be gilt ja generell für die Kunst, und vielleicht besonders fürs Kino. Wie passend, dass in der eben angelaufenen (und insgesamt grandiosen) Slapstick-Reihe im Rex in der nächsten Sonntag-Matinee ein legendärer Film namens Film läuft – und dazu auch gleich noch der entsprechende Notfilm. Ok, bisschen Namedropping noch, falls der Teaser nicht gut genug war: Beckett, Buster Keaton, Ross Lipman.

Der Urs empfiehlt:
Dinge am Rauch performen lassen – mit elektronischer Musik spielen – dabei zutanzen und abhören – abhören bis das Sehen wieder angeht: «A SICK SAD WORLD» halt, im International-Styler-Klub, am Freitag. Oder, auch dann, nach Ostermundigen aufs alte Telecom Hochhaus, und beim Erklimmen den Klängen von flash! horchen. Das verspricht eine «über 17 Stockwerke verteilte begehbare Bühne.»
Sounds like a plan to me.

Die Krstic empfiehlt:
Laranja
ist Portugiesisch und steht für die Orange und steht jetzt neu auch für ein Magazin, das mitunter von der Musikerin und Wahlbernerin Elisa Pereira Martins mitgestaltet wurde. In diesem Heft geht es – sehr zeitgenössisch und classy aufbereitet übrigens – um Kunst und Politik. Gefeiert wird am Sonntag ab 15 Uhr, im Werkhof 102, mit frischer elektronischer Musik von unter anderem Belia Winnewisser von α=f/m, unserer ehemaligen KSB-Kollegin Kia Mann und den «uncontrolled unvague unsounds» von Gray Chalk und Trillion Tapeman.

Frau Feuz empfiehlt:
Love, Love, Love! Hippiekacke? Miera. Aber zur Adventszeit darf man. Drum empfiehlt die Feuz das Minifestival «Kleinen Advent der Liebe» am Donnerstag und Samstag im Tojo der Reitschule. Zum einen bestreitet den Berns talentierteste Boyband Trampeltier of Love, zum anderen die vier gefallenen Engel bezaubernden Damen Sandra Künzi, Reg Fry, Nicolette Kretz und Sibylle Aeberli.

Der letzte erste Schnee

Mirko Schwab am Freitag den 1. Dezember 2017

Wir befinden uns im Jahre 2017 n.Chr. Ganz Ostbern ist vom Bürgertum besetzt … Ganz Ostbern? Nein! Ein von unbeugsamen Ostbernern geführter Kulturschuppen hört nicht auf, der Verödung Widerstand zu leisten.

Béatrice Graf und Martina Berther bei der Arbeit. (Photo: Jessica Jurassica)

Der Geruch vom ersten Schnee ist eine seltene Freude. Streife die dickste Jacke über, die ich finden kann. Hätte noch eine dickere im Schrank, aber die sieht scheisse aus. Im Winter bekommt man die eigene Eitelkeit am schmerzvollsten ab. Anker schmerzt auch, klebt in der Hand, doch Deal, der Saft träufelt mir wohlig wohlig inwendig den Hals entlang aufs Herz. An der Brunnadernstrasse spuckt das Tram mich aus aufs seifige Trottoir. Hier könnte die Sandsteinstadt auch Grossstadt sein. Vis-à-vis des vom Netz genommenen Tramdepots aus Zeiten, wo selbst Zweckbauten noch Seele inne war – (Notiz an Miraculix Fischer: Bitte lassen Sie diese meine etwas ordinäre Nostalgie mal kulturgeschichtlich abtropfen bei Gelegenheit. Würd mich freuen. Gruss.) – vis-à-vis dieser jedenfalls schön von der Zeit gestreiften alten Anlage halten drei Tramlinien und zwei Omnibusnummern, dass man schon meinen könnte, man sei am Brennpunkt, Adresse Platz2b, an der Rosette der Urbanität. Halten dazu noch in städtebaulicher Schnodrigkeit mitts auf der Strasse. Ein Hauch Ostberlin vermischt sich mit dem Geruch vom ersten Schnee und der Geruchlosigkeit Ostberns, als ich die letzten Treppenstufen bewältige, hinab in meinen Lieblingskeller.

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Kulturbeutel 48/17

Milena Krstic am Montag den 27. November 2017

Die Krstic empfiehlt:
Ich hatte doch bloss den Auftrag, tausend Zeichen Vorschau zur Dubtopia zu schreiben. Und was eröffnete sich mir da? Ein Universum. Phrex’ Enthusiasmus hat mich durchs Email hindurch angesteckt, ich habe Bock auf eine Dubparty. Was gar nicht so einfach zu veranstalten sei, wie Phrex erzählte, da es dafür ein Lautsprechersystem der Sonderklasse brauche, damit das ganze Klangspektrum im Körper spürbar werde. Einen Tipp hat er mir noch gegeben: Nicht zu spät antanzen, da das Soundsystem nah dis nah hochgefahren werde und es überfordernd sein könne, bei den heftigsten Vibrationen erst einzusteigen. Reservieren Sie Samstag die ganze Nacht, um 21.30 Uhr ist Türöffnung im Dachstock und mitunter werden da Ishan Sound aus Bristol und Collynization Soundsystem aus Augsburg für Beschallung sorgen. Ok, ich muss los, eine Dub-Doku gucken. Und Lena Rittmeyers Artikel zum Dub-Grossmeister Adrian Sherwood nochmals lesen.

Djingis Schwab empfiehlt:
Das Punto in 300undSwag Ostbern erteilt zweimal Lektion im Fach «Postphallisches Booking». Mittwoch (mit den verrückten Avant-Sisters von Ester Poly) und Samstag (mit den ebenso verrückten Indie-Schamaninnen von Spill Gold und der Turntable-Queen Princess P) stehen da nämlich ganz unangestrengt unprogrammatisch ausschliesslich Frauen auf der Bühne, ganz einfach darum, weil sie verdammt gute Mucke machen. Helvetia frohlockt.

Fischer empfiehlt:
Schönste Schweizer Bücher anschauen gehen im Lehrerzimmer. Und sich heute abend von der Autorin Tine Melzer persönlich «Taxidermy for Language – Animals», erschienen in der Rollo Press Zürich, vorstellen lassen.

El Oso empfiehlt:
«Bad kids rule the world, self-proclaimed savages
Reign terror, if I die tomorrow I could care less
Ease the stress, fill my vein, damaged brain
All I need is cloudy weather with a little bit of rain» by HO99O9. Das krasseste ISC Booking der Saison, hin da, am Samstag.

Frau Feuz empfiehlt:
Roh, unvorhersehbar und vielleicht sogar ein bisschen gefährlich, aber trotzdem intelligent und emotional, so der Surf-Garagen-Punk von Together Pangea, die am Donnerstag im ISC zu Gast sind. Am Freitag sind Freund*innen der spontanen Sprachkunst im Dachstock bestens aufgehoben, dort messen sich MCs bei der 15. Ausgabe der Ultimate MC Battle. Am Sonntag startet die Reihe Adv3nt im Botanischen Garten, an insgesamt vier Sonntagen bedienen elektronische Klangkünstler Gerätschaften und Regler, um den Bewohnern des Sukkulentenhauses die fleischigen Blätter schön durchzuschallwellnen. Den Start macht am Sonntag das Volca Massaker.

Da grinst er dann, der Gränni

Mirko Schwab am Freitag den 24. November 2017

Il y jaja: Zuwachs am Bollwerk. Heute wird der erste Schaumwein geköpft im Gränni – und die halbe Stadt stellt sich W-Fragen. Wir haben uns deshalb noch rechtzeitig vor der Eröffnung mit einem der Drahtzieher verabredet auf ein Glas.

Storen hoch am Bollwerk 39, Auftritt Gränni.

Inventur: Eine F***book-Seite. Ein hipstoresk verzettelter Schriftzug. Eine Adresse, alles vornehm zurückhaltend in Schwarzweiss. Und ein etwas selbstgefällig windiger Kunstschul-Promotext, der mit brauchbaren Informationen geizt …

Nicht wenigen ist in den letzten Tagen und Wochen der «Gränni» untergekommen als sozialmediales Treibgut – und nicht wenige haben sich gewundert ob der zelebrierten Geheimnistuerei. Als eine bekanntere Band kürzlich ihre Spieldaten veröffentlicht hat und also dieser ominöse Gränni auf dem Tourtableau figurierte, da monierte drunter jemand einigermassen vehement: «WTF is Gränni?»

Ja, what the fuck denn nun? Ich treffe meinen hombre Valentin Hehl an besagter Adresse, Bollwerk 39, an der Hauptschlagader des hauptstädtischen Nachtlebens, schön vis-à-vis des Schandflecks of our hearts. Zwischen Diskothek und Omelettenbar versteckt sich da ein kleines Lokal hinter heruntergelassenen Storen. Hehl, ein schneidiger Mittzwanziger mit unverbrauchtem Gesicht, er geleitet mich herein. Umgeben von mattschwarz gestrichenen Wänden stehen wir dann am Tresen. Eine gleichermassen lieblich und säuberlich selbstgezimmerte Ausschenke, die programmatisch die gesamte Stirnseite des Raums beansprucht.

«Also eine Bar wird das geben» setze ich an. «Auch» hält Hehl dagegen, um dann gleich einen wesentlich fülligeren Ideenkatalog aufzufächern: Kleine Konzerte und kleine Raves, komödiantische Theaterabende und geselliges Kartenspiel, Karaoke und üppige «Tavolate» – überhaupt gastrokultureller Experimentiergeist sei es, der sie hier antreibe an der Hausnummer 39. In der improvisierten Kleinküche hinter der Bar rüsten sich derweil zwei Köche für ein Testessen. Im Publikumsraum steht schon grosszügig Beschallungstechnik bereit. Ja, denke ich bei mir, die haben einiges vor mit diesem Zimmerchen.

Schon am Anfang des Gesprächs stellt Hehl klar, dass nicht er alleine diesen Ort repräsentieren will. Und dass er schon gar nicht für alles verantwortlich zeichne, was es hier bald zu erleben gebe. Ganz generell gehe es nicht darum, die einzelnen Kulturköpfe hinter dem Projekt zu fokussieren. Ein bunter Haufen seien sie, die benachbarte «Chouette» sei zu Teilen involviert, daneben andere, befreundete Köpfe, einige davon aus Hehls angestammtem Veranstalterkollektiv «Fester», andere aus dem Dunstkreis eines weitverästelten Umfelds. Lieber aber weist er mich auf die schrullige Plastik im Eingangsbereich hin. Eine unförmige Herrennatur mit verzogenem Gesicht begrüsst jeden, der das Lokal betritt. Das sei jetzt eben der Gränni. Ein grummliger Schutzpatron und die Gallionsfigur, die im Team sonst keiner sein mag.

«Ein Gränni nur auf Zeit.» Die Sache ist befristet auf runde drei Monate genau, die am 24. Februar zu Ende gehen werden. Ich frage Hehl nach einer Zutat, die man dem Berner Nachtleben mit diesem Ort mitgeben wolle, nach einem Mehrwert, der die blosse Erweiterung vom Angebot übersteigt. Da spielten ihnen sicher die Rahmenbedingungen einer Zwischennutzung in die Karten, die das Experimentieren zulassen würden, die Spontaneität, das Ungeplante. So seien zwar die Wochenenden bis weit ins neue Jahr hinein bereits verplant, unter der Woche aber gäbs noch reichlich Platz – Platz auch für alle, die eine gescheite Idee haben und im Projekt mitmischen wollen. (So drop them Grännis a nice line.)

Wie sich der neue Schuppen im Downtown Bollwerk einleben wird, ob sich daraus eine fruchtbare Perspektivik fürs hauptstädtische Nachtleben erschliesst oder Bewährtes lediglich einen aufgerfrischten Anstrich erhält – es wird sich zeigen. Etwas Mut zur Schräglage wäre dem Projekt sicherlich zu wünschen. Eines ersten schelmischen Erfolgs jedenfalls dürfen sich Hehl und die Grännis schonmal rühmen: Studiert man nämlich das eingangs erwähnte Tourplänchen der Zürcher Band Wolfman etwas genauer, behauptet sich die kleine Kulturbar ganz schön selbstsicher neben der stolzen Luzerner Schüür, dem traditionsreichen Aarauer Kiff und dem weltgewandten Zürcher Exil.

Und da grinst er dann, der Gränni.

Vom 24. November bis zum 24. Februar. Grand opening today. Ab 17 Uhr werden die Wände vor Publikum bepinselt, danach Baile alter Schule mit der Secret Golden Pyramid Raidin’ Boom Bap Clique.

Kulturbeutel 47/17

Milena Krstic am Montag den 20. November 2017

Die Krstic empfiehlt:
Kürzlich sagte Küre zu mir, dass wer Schauspiel studiere, gegen Ende der Studienzeit eine Vorstellungstour durch die renommierten Häuser mache, in der Hoffnung auf ein Engagement. Genau davon handelt das Stück «Das Restpaar» der Dramaturgin Theresia Walser. Die Hauptprotagonistinnen spielen sich um Kopf und Kragen, damit ihr Traum in Erfüllung geht. Ich habe dieses Jahr am Bestival einen Ausschnitt aus der Inszenierung von Saima Sägesser gesehen und war fasziniert von dieser dystopischen Komödie. Ich würde sagen, das ist ein Geheimtipp. Zu erleben von heute Abend bis Mittwoch, 19.30 Uhr, im Gaskessel.

Frau Feuz empfiehlt:
Am Donnerstag gibts im Rex galaktische Bilder mit Retrosound: Matthias Wyder und Philip Theurer alias Sound 8 Orchestra verweben mit Korg MS10, Elektroorgel, Hawaigitarre und weiterer Gerätschaft Easy Listening mit Low Budget-Loungemusik und retrofuturistischem B-Movie-Soundtrack zu einer verwegenen Klangkulisse. Dazu auf der Leinwand: Super 8 Filmchen. Wer lieber verhallte, melancholische Gitarrenklänge mag, der checke am Donnerstag die Spinnerei aus, dort taufen Taro ihr ersters Album.

Mirko Schwab empfiehlt:
Am Freitag gibts zwischennützlichen Zuwachs am Bollwerk: Der Gränni öffnet die Pforten, wird von talentierten Pinselschwinger_innen erstmal aufgehübscht und schliesslich von der berüchtigten Secret Golden Pyramid Raidin’ Boom Bap Clique in die erste Nacht verwickelt. «The hardest chillin’ dj crew in showbiz» ist die Ansage. Go Gränni, Go!

Der Urs empfiehlt:
Schnitzel-Pommes-Rot-Weiss, im Pott sagt man dazu Schnipo Schranke und endlich kriegen wir das auch in Bern erklärt – lange genug hats gedauert, am Mittwoch im Ross.

Fischer empfiehlt:
Ein paar Zukünfte für Europa – kann ja nicht schaden. Das Theater Marie bringt fünf Kurzstücke in Deutsch und Französisch ins Tojo, ab Donnerstag. Ein bekannter Name von der Redaktion drüben ist auch dabei, vielleicht ist’s ja der richtige Moment für einen Laufbahnwechsel. Mehr zu dem Thema schon heute abend im Kornhausforum: Was wird aus «Bund» und «BZ»?

Sonntagsschock in Rios Ross

Mirko Schwab am Donnerstag den 16. November 2017

Eigentlich wollte ich ja über Mario Hänni schreiben. Wie alles anders kam und ein Geheimnis. Aus der inexistenten Reihe «Das Bundesamt für Talent hat ungleich verteilt.»

Im Gegensatz zum Print können wir uns bei KSB leider keine hochaufgelösten Grafiken leisten: Mario Hänni aka Rio. (Quelle: Berner Kulturagenda. Zwinker-Emotikon.)

Eigentlich wollte ich ja über Mario Hänni schreiben, so nachhaltig geschockt war ich letzthin. Im Rössli am ersten Wintertag, ein revoltierender Magen und Kopfschmerzen from Hell zu beschwichtigen mit dem für einen kaputtgefeierten Cuerpo eben ganz okayen Rahmsaucen-Tanzpop von Pablo Nouvelle. Hänni bühnenlinks trommelte sich als König ohne Krone durch die ersten Lieder. Damit hatte ich gerechnet. Darum war ich auch gekommen und hab mich noch so gern verschnei-schiffen lassen.

Mit glänzend-gläsernen Augen musste ich dann aber beobachten, wie der Hänni langsam zum Konfektionsmikrofon mit Nierencharakteristik sich beugte, seine Lippen ansetzte, ein schelmisches Lächeln noch darauf – und zu singen begann. Klar und warm erfüllte seine Stimme die viel zu gute Luft im alten Ross, die ein sehr andächtig-anständiges Nichtraucherpublikum aus Psychologiestudentinnen und sportlichen Boys in weissen T-Hemden mit V-Ausschnitt verursacht hatte, in dieses Vakuum hinein stiess also diese Engelsstimme, dass man eine koitale Metapher jenseitiger Dimension erfinden möchte. Und doch besser bleiben lässt. Das Nouvell’sche Vokalsample-Geballer war in der Folge jedenfalls noch Randnotiz.

Eigentlich wollte ich also über diesen Mario Hänni schreiben, angewidert von all dem Talent. Zum Glück hat das die Krstic schon besorgt und auch die Rittmeyer, in treffenden Worten journalistischer Contenance haben sie die Schneise beschrieben, die er durch den hiesigen Jazz und Pop gezogen. Denn wir Kinder vom Bahnhof Blog, wir sollen ja nicht. Jaa nicht, wenn schon das Mutterschiff eben so seriös berichtet hat und jaaa nicht etwa, wenn sich sogar die Krstic from the Clique zu einem Seitensprung hat hinreissen lassen (- bei der Kulturagenda wird sie wohl wenigstens bezahlt, es ist ihr nicht zu verübeln.)

So kommts, dass mir dieser Engelshänni schon zum zweiten mal durch die schiefe Designerbrille entgegenblinzelt mit seinen stahlblauen Augen, dazu noch auf Druckpapier. Das Thema ist abgehandelt, genug gezwitschert im sandsteinernen Hauptstadtdorf.

Und eigentlich wollte ich doch über Mario Hänni schreiben.

Ohne Scheiss: 3x uneingeschränkte Hingehverordnung zur «Carte Blanche» in der Turnhalle am 22. November (als Rio), 13. Dezember und 21. Januar. Das überragende Trio Heinz Herbert dann im Februar wieder – aber das ist noch ein Geheimnis.

Kulturbeutel 46/17

Gisela Feuz am Montag den 13. November 2017

Frau Feuz empfiehlt:
Am Donnerstag ist einmal mehr NYC-Legendenalarm angesagt: Die Hardcore-Veteranen Madball kommen auf Besuch ins ISC. Am Freitag und Samstag geht dann in insgesamt sechs Clubs (Dachstock, ISC, Rössli, Bonsoir, Frauenraum,  Turnhalle) eine riesen Kiste über die Bühne die da heisst: Swiss Live Talents Music Marathon. Hinter dem etwas sperrigen Namen verbergen sich insgesamt 40 Live-Konzerte, darunter Perlen wie Brandy Butler, L’Arbre Bizarre, Sons of Morpheus, The Lugubrious oder One Sentence. Supervisor, um nur ein paar wenige zu nennen.

Die Krstic empfiehlt:
Oh, Heiliges Ghetto, see you there, ich komme, weil: Zola Jesus, Gazelle Twin, The Residents und andere tolle. Von Mittwoch bis Samstag in der Dampfzentrale. Auch empfohlen sei Ihnen Die lange Nacht der Bildung, eine Herzensangelegenheit und Alternative zur Langen Nacht der Karriere. Jawoll, ich spiele da selbst auf, aber es gibt genügend andere Gründe, dabei zu sein, weil: «Wir müssen reden. Über Bildung und Karriere, Leistungsdruck und Ausstiegsträume.» Am Donnerstag beim Kirchegmeindehaus Paulus. 

Fischer empfiehlt:
Torpedokäfer, eine szenische Lesung an ungewohntem Ort, nämlich im Lichtspiel. Nächsten Sonntag widmen sich da Iris Boss und Hanna Mittelstädt zusammen mit HF Coltello an der Gitarre der Oktoberrevolution und insbesondere dem deutschen Schriftsteller Franz Jung. Was für ein Leben!

Um nach Russland zu Lenin zu gelangen, kaperte er 1921 zusammen mit einem Genossen ein Schiff. Wegen Schiffsraubs auf hoher See gesucht, wurde er in die Sowjetunion abgeschoben, wo er eine Streichholzfabrik bei Nowgorod aufbaute, so erfolgreich, dass die UdSSR sie an einen schwedischen Konzern verkaufen konnte. Franz Jung war immer ausserhalb der Institutionen und Parteien am Schnittpunkt von Literatur und Politik involviert, darüber hinaus Börsenfachmann und Bohémien, eine bis heute inspirierende und verstörende Figur.

Der Urs empfiehlt:
Wenn bei ZEAL & ARDOR alle Halleluja rufen, weil Gospel mit Metal ja noch nie verquickt, so höret und preiset ALGIERS. Da hallte der Chor schon Jahre früher mit harten Riffs, einfach in der Noise Ecke. Am Freitag schreit sich das ursprünglich aus Atlanta stammende Quartett im Rahmen des bereits erwänten Ghettos die Seele aus dem kollektiven Leib – eine Lieblingsband.
Die sanfte Alternative bietet die Kino Rex Lounge. Rextones mit DJ ZENZI aka Martin Dahanukar, smooth and dancy Jazz Chords from all over.

Mirko Schwab emfpiehlt:
Dreierlei Dolce. Am Donnerstag machen Sie sich auf nach dem Schiffenensee, Bad Bonn x Big Thief, schön traurig schön nordamerikanische Folk-Freuden mit elektrogitarristisch scharfer Kante. Ja, man könnte verarmen, verrückt werden und sein Gehör verlieren ob all der konzertanten Grossartigkeit, die dieser Tage Stadt und Umgebung überfällt. Also bleiben Sie am Sonntag vorerst privat und dekadent – nach folgendem Rezept: zwei bis vier Flaschen Prosecco, den ganzen Tag füdliblutt im Bett liegen, Hasch rauchen und evtl. Liebe machen. Sodann schälen Sie sich in der Abenddämmerung nochmal ausm Nest und spazieren zum Club Soléil in der Dampfzentrale. Herzensbub Sképson (Sohn des Zweifels) nimmt Sie in den Arm.

«And I love horses. I own one myself.»

Mirko Schwab am Freitag den 10. November 2017

Exklusiv. DJ Real Madrid, Pionier weltmusikalischer Qualitätsdiško, Pferdeliebhaber, Mythos. Das Gespräch.

«Chillin in Tiblisi with his bro Goran Koč.»

Niemand kenne die südöstliche Sonnenseite von YouTube so gut wie DJ Real Madrid, sagte uns sein wortkarger Manager am Telefon, mehr sei da nicht zu sagen. Dann brach die Verbindung ab. Ein Informant hatte uns gesteckt, dass Real wohl einer einflussreichen Musiker-Dynastie entstamme, der sogenannten Koč-Familje, aus der auch die infamose Goran Koč y Vokalist Orkestar Band hervorgegangen ist. Von Nachkommen «around the globe» ist die Rede, eine mazedonische Zeitschrift betitelte ihn einst als «Dschingis Khan der Grossraumdiskotheken» und auch nach Kalifornien führen die Hinweise. Eines Nachts soll er auf einer Poolparty von Kanye aufgetreten sein, woraufhin der Gastgeber ihn zum Halbgott ernannt und den Titel «Kanye East» verliehen habe. Sowieso führe er tausend Namen und tausend Pässe, überhaupt habe er tausend Ehefrauen, Autos, Pferde. Andere Spuren führen nach Marrokko und Westafrika, verlieren sich im Wüstensand, zerbrechen an der Sprachbarriere.

Wir wollten 1 Homestory. Auf ein grosszügiges Anwesen am Strand hätten wir spekuliert, auf Rosé vom Brunnen und Fleisch vom Pferd. Doch niemand weiss, wo DJ Real Madrid wohnt. Niemand weiss, wo er herkommt. (Und bei den 200 Franken im Monat, die uns ta mère-dia hier in der Blogosphäre zugesteht, da liegt mehr Recherche einfach grad nicht drin. Keine Zeit.)

Immerhin hatten wir Fragen, eine lange Telefonnummer und einen Soundcloud-Link.

Herr Real …
I’m DJ Real.

Also, in Bern kennt man Sie noch nicht. Stellen Sie sich vor.
I’m DJ Real. Former soccer player. I like beach. I like fruits, if you know what I mean. Music is passion. And it is my money machine as well. And I keep it real. If you know what i mean …

Ja. Was machen Sie an einem gewöhnlichen Arbeitstag?
I do not work. I do the beat. And I love to sleep. And I do chillaxing a lot.

Das ist auch wichtig. Kennen Sie Bern, Herr Real – was wissen Sie über die Sandsteinstadt?
Sand? I love that city! I live near the beach. And I love horses. I own one myself.

À propos Pferde: Was halten Sie von der Schweizer Musiklandschaft? Schaffen es von Zeit zu Zeit auch hiesige Künstler_innen in Ihre Auswahl?
I love to support young artists. For example Faber. I ripped a piece called something with «schuner sein» from youtube. I will play it one day. And I like to play Lo and Lidug, really simple beach music for make persons happy.

Am 22. Dezember werden Sie sich vor dem ausverkauften Dachstock beweisen müssen, die Stimmung an der Afterparty zum Faber-Tourabschluss hängt von Ihrem Geschick ab. Wie gewinnt man ein Publikum, dessen «Objekt der Begierde» gerade die Bühne verlassen hat?
It is easy. Just be better. No problem for DJ Real.

Wieso sprechen Sie in der dritten Person von sich selbst?
DJ Real is the beat. The beat does not talk in first person.

Ok. Was verbindet Sie denn eigentlich mit diesem tsürcher Chansonier? Wie kams zur Zusammenarbeit?
He is a really big fan of DJ Real. He wrote my management that it would be the best xmas present, if DJ Real would play. And I’m a generous man. And I like beach city bern. And I like party.

Wie Sie vielleicht wissen, ist die Reitschule in Bern ein betont politischer Ort. Was ist ihre politische Botschaft, die Sie dem Publikum an Ihrem Auftritt zu vermitteln gedenken?
Show respect to other persons. I play lot of different music from different places. And it works. Everyone dance together. This is music.

In der Tat vermengen Sie Tanzmusik vielerlei Provenienz, Herr Real – welche Musik von Welt interessiert Sie überhaupt nicht?
The crappy german nonsense shit music. And I do not like goa music.

Lassen Sie uns zu den dringenderen Fragen übergehen: Was empfehlen Sie unserer verstockten verehrten Leserschaft als idealen Soundtrack fürs Liebesspiel?
I recommend the song «Let Me Go» of Branko or «Tender» of Tekno feat. Kcee. Then you make love good.

Sie haben das letzte Wort.
Be respectful. Dance a lot. Dont be greedy. Makes unhappy. Try drugs sometimes, opens you up. See you on the dancefloor.