Archiv für die Kategorie ‘Bücher & Medien’

Kulturstattgen

Roland Fischer am Donnerstag den 15. Februar 2018

Liebe KSB-Gemeinde, wir müssen jetzt sehr stark sein. Weil Houston, we have a pretty obvious Problem. Allerdings wissen wir nicht genau, in welchem Detail der Teufel steckt, das macht die Sache nicht eben einfacher. Und vielleicht sind wir auch noch selber schuld. Vielleicht.

#Wetoo

Wäre ja auch kein schlechter App-Name. Aber es geht um ganz andere Disruptionen, nämlich um ungute Zustände gesellschaftlicher Art und ihre womögliche Überwindung. Und die Freiheit der Kunst. Und metaphorische Schützengräben. Und das Zerfleischen des Zerfleischens und das Entschuldigen des Entschuldigens. So etwa könnte man den gestrigen Gränni-Abend BRÜSTEBEINEARSCHGESICHT zusammenfassen. Wem das jetzt nicht wirklich weiterhilft: So ging es den Beteiligten gestern auch. Und sie waren auch noch selber schuld. Vielleicht.

Auf der Bühne die halbe KSB-Belegschaft und dazu noch Emanuel Elia Bundi,
Marguerite Meyer und Geneva Moser. Jessica Jurassica war für den digitalen Kommentar zuständig, Lisa Christ war allzu moderat. Die vorgetragenen Kurztexte dafür disparat. Assoziation und Analyse. Mal sehr luzid und mal nicht sehr lustig.

defensives Fotokonzept (Recht am eigenen Bild: auch noch ein Streitpunkt gestern)

Dann Rauchpause (unser Schwab hatte endlich seinen Skandal), dann Diskussion. Irgendwann stand dann mal die Frage nach dem Gesprächs-Geschlechterverhältnis im Raum – geht das Thema vielleicht nur die Frauen an? Der KSB-Veteran erinnert sich noch an Zeiten, als wetoo über Frauenquoten stritten beim Rekrutieren (how 20th century). Aber um Gleichberechtigung ging es gestern ja nicht, sondern um offensichtlichere Missbräuche der Machtstrukturen. Oder ist das etwa dasselbe Problem? Schliesslich wollte man ja nicht über Einzelfälle, sondern über das grosse Ganze reden. Bis zu dem Moment wenigstens, als ein emotionales Votum aus dem Publikum forderte, man solle endlich aufhören, die Vorschläge abzuklemmen, was man denn konkret in Momenten des Machtmissbrauchs tun könne. Mann selbst hätte da gern erwidert: Doch bitte, abklemmen (man darf auch gern ein freundlicheres Wort copypasten – unweigerlich wurde Sprache übrigens noch zu einem weiteren Kampfplatz, als wäre die Sachlage nicht schon unübersichtlich genug), schliesslich war zu einem literarischen Abend geladen worden und nicht zu einem Wie-helfe-ich-mir-selbst-und-damit-auch-der-Welt-Workshop. Freiheit der Kunst eben und ihre Aufgabe bei unübersichtlichen Sachlagen. Aber da war man wohl selber schuld.

Es ging dann aber doch noch um Kultur: Um Skripts im Umgang miteinander, wie es einmal schön genannt wurde auf dem Podium. Tief eingeschriebene Skripts, aber eben: geschrieben, nicht geprägt. Die kann man also umschreiben, im Prinzip. Warum sie sich trotzdem so eisern halten: Das wäre auch eine interessante Frage gewesen. Und auch ein bisschen Psychoanalyse hätte nicht geschadet und die Frage, warum uns dieses Problem bloss so fertig macht. Von wegen klare Verhältnisse – in der Filterbubble wurde munter gestritten. Mitunter fühlte es sich so an, als wäre der einzige gemeinsame Nenner, dass man vom selben Gegner bös in die Mangel genommen wird. Eben: Wetoo. Wir müssen bessere Lieder singen. Und hoffen dass möglichst viele einstimmen. Wobei: Ich persönlich habe nie gern im Chor gesungen.

Gewinnen mit KSB: Am Skilift mit Arno Camenisch

Anna Papst am Mittwoch den 10. Januar 2018

Paul und Georg stehen am Bügellift und warten auf Kundschaft wie Estragon und Wladimir auf Godot. Sie stellen eine Tafel auf, räumen den Weg frei, lassen den Lift laufen, obwohl keiner mitfährt. Sie tun alles, um auch jedem*r nur halbwegs geneigten Schneesportler*in klar zu machen, dass hier ein wunderbarer Skilift zur Benutzung bereit steht. Vergeblich. Im neusten Roman vom Arno Camenisch bleiben die Gäste selbst als der im Titel verheissene “letzte Schnee” endlich fällt aus.
Dabei sei ein Bügellift noch immer die ehrlichste Form, den Berg hochzukommen, stellt Paul fest, und hier in Graubünden, wo der erste Bügellift der Welt in Betrieb genommen wurde, befinde man sich doch am Nabel der Welt.

Wer will sich nicht von einem prächtigen Bügel wie diesem den Berg hochschleppen lassen? (Bild: Philip Renfer)

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Abgekartet

Roland Fischer am Donnerstag den 23. November 2017

Gestern im Araber, im Anschluss an die Preisfeier der städtischen Literaturpreise 2017 – herzliche Gratulation an dieser Stelle an Meral Kureyshi, Flurin Jecker, Martin Bieri und Andri Beyeler sowie ans Aprillen-Team! – gab es Gesprächsstoff. Schliesslich hat die sonst doch sehr betuliche Schweizer Literaturwelt gerade ein kleines Erdbeben erlebt, mit der munteren Tirade von Lukas Bärfuss gegen den Schweizer Buchpreis (leider hinter der FAZ-Bezahlschranke). Hat der Mann recht mit seinem Vorwurf, der Preis sei eine abgekartete Sache – keine Kunstauszeichnung, sondern ein geschickt getarntes Verkaufsförderinstrument der Buchbranche? Die sich notabene auch subtil in die Jury-Entscheide einzumischen verstehe? Man war sich nicht einig. Schiebung! meinten die einen. Ach was, kulturbetriebliche Realitäten, die anderen.

Eindeutiger gestaltet sich die Angelegenheit derzeit im Kunstraum gepard14 im Liebefeld:

Schiebung bezeichnet eine kriminelle Handlung zur Begünstigung von Freunden. Und so ist es auch – Strotter Inst. hat ausschliesslich befreundete Kunstschaffende und Musizierende eingeladen. Das in der Kunstwelt gängige Vorgehen der gegenseitigen Begünstigung wird im Diskurs euphemistisch Kanonbildung genannt.

Man muss sagen: Dieser Strotter Inst. hat einen Freundeskreis, der es mit der Adresskartei eines so manchen Kurators locker aufnehmen kann. Und er weiss auch um die kulturpolitischen Schwierigkeiten, in die er da geraten könnte: Um ein Networking und eine Verköstigung von Zaungästen zu verhindern wurde keine Vernissage durchgeführt. Eine Finissage gibt’s trotzdem, diesen Sonntag. Und schon heute abend zwei sehenswerte Elektronik-Acts: dasOrt «ultra rarer Auftritt mit Kopfkino am Ort – am Ende der Mine» und Meienberg «kühle Geschmeidigkeit, entfesselter Wahnsinn».

Farbenfrohes Reit-Leoprello

Gisela Feuz am Mittwoch den 1. November 2017

Haben Sie als Kind auch so gerne Faltbilder gemalt? Also diejenigen Bilder, auf denen jemand den Kopf übernahm, dann verdeckt weiterreichte, der nächste malte den Rumpf, reichte wieder weiter, undsoweiterundsofort. Die Reitschule hat zum 30. Geburtstag ein Leporello herausgegeben, welches nach diesem Konzept funktioniert. Bloss auf höherem ästhetischen Niveau, versteht sich. Ganz nach dem kooperativen Prinzip liess man einen Bilderbogen von einer Gestalterin zum nächsten Künstler wandern, alle ergänzten sie das Vorangehende mit einem ganz persönlichen Erlebnis aus «ihrem» Reitschuljahr. So sind dreissig ganz unterschiedliche Bilder zusammengekommen.

Die Jahre 1988/1989: Michael Kiener (links) und Dirk Bonsma (rechts)

Die Jahre 1998/99: Renate Wünsch und Rober Butler (links), Urs Gägauf (rechts)

Die Jahre 2006/07: Juerg Luedi (links), Lilo Magento (rechts)

Genau wie die Reitschule ist die gestalterische Vielfalt im Leporello gross. Es gibt Collagen, Zeichnungen, Malarbeiten, Siebdrucke, you name it, someone did it und genau wie die Reitschule selber ist einiges fantastisch, anderes nicht auf den ersten Blick verständlich.
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Bern auf Probe: Mit Peter Arbogast bei den Zeugen Jehovas

Anna Papst am Dienstag den 3. Oktober 2017

Geprobt wird im Keller eines Mietshauses in Zürich, dessen erste zwei Etagen von Jehovas Zeugen belegt sind. Dominik Dusek hat sich für die Lesung seines ersten Romans «Er tritt über die Ufer» eine musikalische Untermalung gewünscht, die nur aus Bass und Effektgeräten besteht. Bekommen hat er – zum Glück, wie sich noch herausstellen wird – Patrik Küng, der ihn mit E-Gitarre, Synthesizer und den erhofften Effektgeräten begleitet. Über den und dessen ehemalige Band Kid Ikarus hat Dusek auch schon für den «Züritipp» geschrieben. Und damit sind wir dem Roman schon verdammt nahe, über dessen Lesungsprobe hier berichtet werden soll. Diesen Beitrag weiterlesen »

An der Sache vorbeigelärmt

Mirko Schwab am Freitag den 22. September 2017

Der Schweizer Musikpreis wird heute verliehen. Und natürlich darf geschossen werden. Trotzdem ist geboten, die Kirche im Dorf zu lassen. Leise Replik auf einen lärmigen Noisey-Text.

Eine der fünfzehn Nominierten für den Hauptpreis: Elina Duni, Sängerin zwischen Tradition und Avantgarde.

Wenn heute Abend in Basel die Hauptgewinnerin oder der Hauptgewinner des vierten Schweizer Musikpreises verkündet wird, sind die bitteren Zeilen längst verfasst. Kollege Riegel etwa bemängelt bei Noisey, dass nur Alte auf der Shortlist stünden, darüberhinaus noch solche aus unpopulären stilistischen Fächern. «Wieso gewinnen nur alte Menschen den Schweizer Musikpreis?» fragt sich entsprechend die gewohnt poetische Überschrift über dem Text des Musikmagazins von Vice. Blick zurück: Vor einem Jahr wurde Sophie Hunger mit demselben Preis geehrt. Alter: dreiundreissig. Handwerk: Pop. Ergebnis: Scheisssturm.

Im genannten Artikel selbst wird das nicht unterschlagen. Trotzdem verschenkt sich der Text der These, wonach der Musikpreis zunehmend zur Würdigung «hochstehende(r) Musik für alte Menschen» würde. Eines stimmt: Im Vergleich zu den Vorjahren (der Preis besteht seit 2014) ist etwas weniger Pop auszumachen im Spektrum der Nominierten. So what? Nächstes Jahr schon könnte es wieder anders sein.

Die vage Formulierung des Anspruchs, der an die Preisträger*innen gestellt wird, das Fehlen von Kategorien – sie sind gleichzeitig Fluch und Segen dieses Preises. Fluch deshalb, weil sie den Lautsprechern das beste Angebot sind, draufloszustänkern – immer verbunden mit der Anmassung, die musikalische Landschaft eines Landes in ihrer Gänze besser erfassen zu können, als es eine siebenköpfige (swiss so sweet, isn’t it?) Jury von Expertise zu leisten im Stand ist. Für eine gehaltvolle Auswahl, gerne auch mit Akzenten und Überraschungen hie und da, ist die grosszügige Auslegung freilich ein Segen.

Natürlich darf geschossen werden. Ein Preis von hundert Kisten bedarf einer feinen Begründung und ist der Öffentlichkeit ausgesetzt, Denkanstösse und Diskussion sind wichtige Korrektive. Ab er es stellt sich immer auch die Frage der Qualität solcher Wortmeldungen, wenn Kritik offenkundig verkürzt daherkommt. So gibt sich Riegel als Fürsprecher einer Generation «unter 51», Advokat eines koketten «Pöbel(s) von Noisey», der sich ums Musikschaffen in der Vielfalt nicht schert. Das ist erstens eine brüchige Position für einen Musikredaktor, selbst bei Spartenheftern wie Noisey. Zweitens falsch, weil gerade Exponentinnen wie Elina Duni oder Jojo Mayer durchaus viele Bewunderer haben in unserer Generation und als Vorbilder dienen. Und drittens und vor allem ist es: irrelevant.

Ginge es nämlich beim Schweizer Musikpreis um einen Popularitätswettbewerb, hätten auch die von Riegel als spontane Gegenvorschläge angeführten Künstler nicht die geringste Chance. Das ist die musikalische Marktlogik unseres kleinen Lands. Der echte, vielleicht Vice scrollende, kaum je Noisey lesende Pöbel nämlich zuckte mit den Schultern vor Namen wie Fai Baba, One Sentence. Supervisor oder JPTR. Allesamt verdammt gute Projekte, die den Sprung ins Ausland schafften oder schaffen werden, die also vorerst auf die Reperbahn gehören, bitte von Pro Helvetia und Swiss Music Export und den inländischen Förderinstrumenten vergoldet werden sollen. Die aber, schlicht schon aufgrund ihrer relativ kurzen bisherigen Schaffenszeit, kein Thema sein können für einen solchen Schweizer Musikpreis, der auch spezialisierten Lebenswerken von Gewicht und Länge Tribut zu zollen hat, Jürg Wyttenbach als Beispiel.

Überhaupt wird in solcher Kritik ein seltsam schwarzweisses Bild gemalt. «Wir» gegen die andern. Pop gegen die «Elite». Grosszügig übergangen wird hier aber das Selbstverständnis vieler Popmusiker*innen, Teil eines interagierenden, universalmusikalischen Ganzen zu sein. Viele der Biographien dies- und jenseits dieser fragwürdigen Grenzziehung streifen einander oder werden es noch tun. One Sentence. Supervisor taten sich jüngst für einige Konzerte mit dem Oud-Virtuosen Bahur Ghazi zusammen, beinahe die gesamte Band Fai Baba hat an einer Jazzhochschule ihr Handwerk gelernt und man wünschte sich JPTR als treffliche musikalische Zutat einer zeitgenössischen Theaterproduktion. Was der «Pöbel» dazu fände? Ist eben scheissegal.

Gegen eine laute, zickige These, die Platz findet in einer Überschrift, hat dieser Kommentar mit Sicherheit einen schweren Stand. Aber ich plädiere für eine leise und umsichtige Beobachtung dieses für die Schweizer Musiklandschaft in ihrer Ganzheit wertvollen Formats. Gerade weil es sich nicht numerisch, kategorisch oder direktdemokratisch festlegen lassen muss. Der Schweizer Musikpreis verdient es als überblickender, nicht an der aufs Jahr abgerechneten, numerischen Ausbalanciertheit aller erdenklichen Stilrichtungen interessierter Preis, dass Kritik an seiner Praxis ebenso mit ganzheitlichem Blick formuliert wird.

Also abwarten, erstmal easy bleiben und ein bisschen Demut gegenüber den Expert*innen, zwei bisschen Gönnerschaft gegenüber den Prämierten aufbringen – und die Kirche im Dorf lassen. Dorfgeschwätz wirds auch nächstes Jahr wieder zur Genüge geben.

Der Preisverleihung kann ab 19 Uhr via Livestream beigewohnt werden.

Naturschütz

Roland Fischer am Freitag den 25. August 2017

Donnerstag abend. Poesienacht im Boga, in der vielleicht am wenigsten pittoresken Orangerie der Welt. Und das ist jetzt nicht unbedingt kritisch gemeint, der Raum hat durchaus etwas für sich. Und wenn er so voll ist wie gestern (und auch schon am Mittwoch, dem Vernehmen nach), dann ist auch die Akustik einigermassen ok. Gefüllt wurde dieser Raum gestern mit allerlei lyrischem Wagemut, von jungen Autorinnen und Autoren. Und alle bemühten sich – mehr oder weniger bemüht – um einen Bezug zum Boga, zu Flora und Fauna. Würde gut auch ohne gehen, dachte man.

Dann noch weiter rüber zur Schütz, da spriesst ja auch so einiges an Kulturkraut. Und toll dass es da offenbar keinen Chef-Gärtner gibt, dass hier jede Ecke selber etwas anpflanzt und schaut, wie es gedeiht. Zuerst war da also ziemlich dunkel grundierter Jazz, auf der grossen Bühne, eine gute Ladung Sommerend-Melancholie. Und dann noch ein mächtiges Soulorgan drüben beim Roxy, wie zum Trotz. Und es zeigt sich wieder mal: Magerwiesen haben den grössten Artenreichtum.

Täitänik im Kino Aschtoria

Gisela Feuz am Mittwoch den 9. August 2017

Unser Lieblingswalliser, der Schriftsteller Rolf Hermann, war mit dem Famililenclan im Kino, «Täitänik» stand auf dem Programm. KSB verleiht Hermanns Groossmama Ida-Klara hiermit hochoffiziell den Kritikerpreis für die beste Filmrezension ever. Aber schauen Sie doch selber.

Und falls Sies weniger mit der Populärkultur haben und wissenschaftliche Arbeiten bevorzugen, dann sei Ihnen «Di Evoluschen of de Lötschentaler Daiölökt – Kwuo waadis?» von Tscheims Eibrähäm Ezechiel Morill ans Herz gelegt.

Rolf Hermann liest am 31. August im Café Kairo aus seinem letzen Wurf «Das Leben ist ein Steilhang», ein schmuckes Büchlein, welches kuriose Episoden auf Walliserdeutsch beinhaltet. Keine Sorge. Mit Hochdeutscher Übersetzung. Also das Büchlein. Im Kairo müssen Sie dann schon selber gucken.

Ach, Bundi

Mirko Schwab am Donnerstag den 18. Mai 2017

Er hat keine Website, dafür eine grosse Klappe. Und wir können ihm beim Klettern zuschauen, dem Emanuel Bundi: Autor, Performer, Unikat.

Der Berner Schriftensteller Emanuel Bundi und ein etwas wüster Hund. (Photo ©: ale, www.alexanderegger.ch)

Dieser Text hat folgendes Vorwort: Bundi ist ein guter Freund und wir küssen uns oft auf den Mund. Ob man denn Kritik betreiben könne an einem, den man auf den Mund küsst. Ob das nicht eben genau diese inzestuöse Kulturfuzi-Kuschelei sei, dieses freischaffende «einander am Anus chräbele», wie der Porträtierte selbst es formulieren würde. Dazu muss ich die Begriffe der Freundschaft und der Kritik etwas von ihrer mitgemeinten Unbedingtheit befreien. Zum einen ist es durchaus möglich, manchmal nötig, streng zu sein mit guten Freunden. Im Gegensatz zu flüchtigen Bekannten besteht bei ihnen wenigstens die Gewissheit, dass, sollte einer beleidigt sein, man sich einmal gepflegt auf die Haube geben könnte und gut ist. Zum anderen wird auch der Begriff der Kritik oft als unbedingt, als unbedingt negativ nun, verstanden. Wobei einander 1 runterzuholen natürlich keine wohlgesinnte Kritik sein kann, die sorgfältig begründete Bewunderung aber mit Sicherheit schon.

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Spazieren ist eine Kunst

Roland Fischer am Mittwoch den 17. Mai 2017

Ein Aperçu aus Hinterkappelen. Ein Kulturort abseits vielbegangener Pfade, vor einem Jahr zu Ehren des 2015 verstorbenen Malers, Zeichners und Bildhauers Jean-Louis Piguet eröffnet. Ein «Atelier-Mémoriale» als Gegenposition zum heisslaufenden Kunstbetrieb. Ein Spaziergangsmuseum.

Apropos spazieren:

Spazieren […] muß ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet.

Das schrieb Robert Walser vor genau hundert Jahren, in seiner berühmten Erzählung «Der Spaziergang». Morgen bis Sonntag findet dazu eine vom Robert Walser-Zentrum zusammen mit der Uni Bern abwechslungsreich programmierte Tagung statt. Besonders zu empfehlen: Die Stadtwanderung am Sonntag vom Robert Walser-Zentrum zum Zentrum Paul Klee mit Benedikt Loderer.