Archiv für die Kategorie ‘Bücher & Medien’

Abgekartet

Roland Fischer am Donnerstag den 23. November 2017

Gestern im Araber, im Anschluss an die Preisfeier der städtischen Literaturpreise 2017 – herzliche Gratulation an dieser Stelle an Meral Kureyshi, Flurin Jecker, Martin Bieri und Andri Beyeler sowie ans Aprillen-Team! – gab es Gesprächsstoff. Schliesslich hat die sonst doch sehr betuliche Schweizer Literaturwelt gerade ein kleines Erdbeben erlebt, mit der munteren Tirade von Lukas Bärfuss gegen den Schweizer Buchpreis (leider hinter der FAZ-Bezahlschranke). Hat der Mann recht mit seinem Vorwurf, der Preis sei eine abgekartete Sache – keine Kunstauszeichnung, sondern ein geschickt getarntes Verkaufsförderinstrument der Buchbranche? Die sich notabene auch subtil in die Jury-Entscheide einzumischen verstehe? Man war sich nicht einig. Schiebung! meinten die einen. Ach was, kulturbetriebliche Realitäten, die anderen.

Eindeutiger gestaltet sich die Angelegenheit derzeit im Kunstraum gepard14 im Liebefeld:

Schiebung bezeichnet eine kriminelle Handlung zur Begünstigung von Freunden. Und so ist es auch – Strotter Inst. hat ausschliesslich befreundete Kunstschaffende und Musizierende eingeladen. Das in der Kunstwelt gängige Vorgehen der gegenseitigen Begünstigung wird im Diskurs euphemistisch Kanonbildung genannt.

Man muss sagen: Dieser Strotter Inst. hat einen Freundeskreis, der es mit der Adresskartei eines so manchen Kurators locker aufnehmen kann. Und er weiss auch um die kulturpolitischen Schwierigkeiten, in die er da geraten könnte: Um ein Networking und eine Verköstigung von Zaungästen zu verhindern wurde keine Vernissage durchgeführt. Eine Finissage gibt’s trotzdem, diesen Sonntag. Und schon heute abend zwei sehenswerte Elektronik-Acts: dasOrt «ultra rarer Auftritt mit Kopfkino am Ort – am Ende der Mine» und Meienberg «kühle Geschmeidigkeit, entfesselter Wahnsinn».

Farbenfrohes Reit-Leoprello

Gisela Feuz am Mittwoch den 1. November 2017

Haben Sie als Kind auch so gerne Faltbilder gemalt? Also diejenigen Bilder, auf denen jemand den Kopf übernahm, dann verdeckt weiterreichte, der nächste malte den Rumpf, reichte wieder weiter, undsoweiterundsofort. Die Reitschule hat zum 30. Geburtstag ein Leporello herausgegeben, welches nach diesem Konzept funktioniert. Bloss auf höherem ästhetischen Niveau, versteht sich. Ganz nach dem kooperativen Prinzip liess man einen Bilderbogen von einer Gestalterin zum nächsten Künstler wandern, alle ergänzten sie das Vorangehende mit einem ganz persönlichen Erlebnis aus «ihrem» Reitschuljahr. So sind dreissig ganz unterschiedliche Bilder zusammengekommen.

Die Jahre 1988/1989: Michael Kiener (links) und Dirk Bonsma (rechts)

Die Jahre 1998/99: Renate Wünsch und Rober Butler (links), Urs Gägauf (rechts)

Die Jahre 2006/07: Juerg Luedi (links), Lilo Magento (rechts)

Genau wie die Reitschule ist die gestalterische Vielfalt im Leporello gross. Es gibt Collagen, Zeichnungen, Malarbeiten, Siebdrucke, you name it, someone did it und genau wie die Reitschule selber ist einiges fantastisch, anderes nicht auf den ersten Blick verständlich.
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Bern auf Probe: Mit Peter Arbogast bei den Zeugen Jehovas

Anna Papst am Dienstag den 3. Oktober 2017

Geprobt wird im Keller eines Mietshauses in Zürich, dessen erste zwei Etagen von Jehovas Zeugen belegt sind. Dominik Dusek hat sich für die Lesung seines ersten Romans «Er tritt über die Ufer» eine musikalische Untermalung gewünscht, die nur aus Bass und Effektgeräten besteht. Bekommen hat er – zum Glück, wie sich noch herausstellen wird – Patrik Küng, der ihn mit E-Gitarre, Synthesizer und den erhofften Effektgeräten begleitet. Über den und dessen ehemalige Band Kid Ikarus hat Dusek auch schon für den «Züritipp» geschrieben. Und damit sind wir dem Roman schon verdammt nahe, über dessen Lesungsprobe hier berichtet werden soll. Diesen Beitrag weiterlesen »

An der Sache vorbeigelärmt

Mirko Schwab am Freitag den 22. September 2017

Der Schweizer Musikpreis wird heute verliehen. Und natürlich darf geschossen werden. Trotzdem ist geboten, die Kirche im Dorf zu lassen. Leise Replik auf einen lärmigen Noisey-Text.

Eine der fünfzehn Nominierten für den Hauptpreis: Elina Duni, Sängerin zwischen Tradition und Avantgarde.

Wenn heute Abend in Basel die Hauptgewinnerin oder der Hauptgewinner des vierten Schweizer Musikpreises verkündet wird, sind die bitteren Zeilen längst verfasst. Kollege Riegel etwa bemängelt bei Noisey, dass nur Alte auf der Shortlist stünden, darüberhinaus noch solche aus unpopulären stilistischen Fächern. «Wieso gewinnen nur alte Menschen den Schweizer Musikpreis?» fragt sich entsprechend die gewohnt poetische Überschrift über dem Text des Musikmagazins von Vice. Blick zurück: Vor einem Jahr wurde Sophie Hunger mit demselben Preis geehrt. Alter: dreiundreissig. Handwerk: Pop. Ergebnis: Scheisssturm.

Im genannten Artikel selbst wird das nicht unterschlagen. Trotzdem verschenkt sich der Text der These, wonach der Musikpreis zunehmend zur Würdigung «hochstehende(r) Musik für alte Menschen» würde. Eines stimmt: Im Vergleich zu den Vorjahren (der Preis besteht seit 2014) ist etwas weniger Pop auszumachen im Spektrum der Nominierten. So what? Nächstes Jahr schon könnte es wieder anders sein.

Die vage Formulierung des Anspruchs, der an die Preisträger*innen gestellt wird, das Fehlen von Kategorien – sie sind gleichzeitig Fluch und Segen dieses Preises. Fluch deshalb, weil sie den Lautsprechern das beste Angebot sind, draufloszustänkern – immer verbunden mit der Anmassung, die musikalische Landschaft eines Landes in ihrer Gänze besser erfassen zu können, als es eine siebenköpfige (swiss so sweet, isn’t it?) Jury von Expertise zu leisten im Stand ist. Für eine gehaltvolle Auswahl, gerne auch mit Akzenten und Überraschungen hie und da, ist die grosszügige Auslegung freilich ein Segen.

Natürlich darf geschossen werden. Ein Preis von hundert Kisten bedarf einer feinen Begründung und ist der Öffentlichkeit ausgesetzt, Denkanstösse und Diskussion sind wichtige Korrektive. Ab er es stellt sich immer auch die Frage der Qualität solcher Wortmeldungen, wenn Kritik offenkundig verkürzt daherkommt. So gibt sich Riegel als Fürsprecher einer Generation «unter 51», Advokat eines koketten «Pöbel(s) von Noisey», der sich ums Musikschaffen in der Vielfalt nicht schert. Das ist erstens eine brüchige Position für einen Musikredaktor, selbst bei Spartenheftern wie Noisey. Zweitens falsch, weil gerade Exponentinnen wie Elina Duni oder Jojo Mayer durchaus viele Bewunderer haben in unserer Generation und als Vorbilder dienen. Und drittens und vor allem ist es: irrelevant.

Ginge es nämlich beim Schweizer Musikpreis um einen Popularitätswettbewerb, hätten auch die von Riegel als spontane Gegenvorschläge angeführten Künstler nicht die geringste Chance. Das ist die musikalische Marktlogik unseres kleinen Lands. Der echte, vielleicht Vice scrollende, kaum je Noisey lesende Pöbel nämlich zuckte mit den Schultern vor Namen wie Fai Baba, One Sentence. Supervisor oder JPTR. Allesamt verdammt gute Projekte, die den Sprung ins Ausland schafften oder schaffen werden, die also vorerst auf die Reperbahn gehören, bitte von Pro Helvetia und Swiss Music Export und den inländischen Förderinstrumenten vergoldet werden sollen. Die aber, schlicht schon aufgrund ihrer relativ kurzen bisherigen Schaffenszeit, kein Thema sein können für einen solchen Schweizer Musikpreis, der auch spezialisierten Lebenswerken von Gewicht und Länge Tribut zu zollen hat, Jürg Wyttenbach als Beispiel.

Überhaupt wird in solcher Kritik ein seltsam schwarzweisses Bild gemalt. «Wir» gegen die andern. Pop gegen die «Elite». Grosszügig übergangen wird hier aber das Selbstverständnis vieler Popmusiker*innen, Teil eines interagierenden, universalmusikalischen Ganzen zu sein. Viele der Biographien dies- und jenseits dieser fragwürdigen Grenzziehung streifen einander oder werden es noch tun. One Sentence. Supervisor taten sich jüngst für einige Konzerte mit dem Oud-Virtuosen Bahur Ghazi zusammen, beinahe die gesamte Band Fai Baba hat an einer Jazzhochschule ihr Handwerk gelernt und man wünschte sich JPTR als treffliche musikalische Zutat einer zeitgenössischen Theaterproduktion. Was der «Pöbel» dazu fände? Ist eben scheissegal.

Gegen eine laute, zickige These, die Platz findet in einer Überschrift, hat dieser Kommentar mit Sicherheit einen schweren Stand. Aber ich plädiere für eine leise und umsichtige Beobachtung dieses für die Schweizer Musiklandschaft in ihrer Ganzheit wertvollen Formats. Gerade weil es sich nicht numerisch, kategorisch oder direktdemokratisch festlegen lassen muss. Der Schweizer Musikpreis verdient es als überblickender, nicht an der aufs Jahr abgerechneten, numerischen Ausbalanciertheit aller erdenklichen Stilrichtungen interessierter Preis, dass Kritik an seiner Praxis ebenso mit ganzheitlichem Blick formuliert wird.

Also abwarten, erstmal easy bleiben und ein bisschen Demut gegenüber den Expert*innen, zwei bisschen Gönnerschaft gegenüber den Prämierten aufbringen – und die Kirche im Dorf lassen. Dorfgeschwätz wirds auch nächstes Jahr wieder zur Genüge geben.

Der Preisverleihung kann ab 19 Uhr via Livestream beigewohnt werden.

Naturschütz

Roland Fischer am Freitag den 25. August 2017

Donnerstag abend. Poesienacht im Boga, in der vielleicht am wenigsten pittoresken Orangerie der Welt. Und das ist jetzt nicht unbedingt kritisch gemeint, der Raum hat durchaus etwas für sich. Und wenn er so voll ist wie gestern (und auch schon am Mittwoch, dem Vernehmen nach), dann ist auch die Akustik einigermassen ok. Gefüllt wurde dieser Raum gestern mit allerlei lyrischem Wagemut, von jungen Autorinnen und Autoren. Und alle bemühten sich – mehr oder weniger bemüht – um einen Bezug zum Boga, zu Flora und Fauna. Würde gut auch ohne gehen, dachte man.

Dann noch weiter rüber zur Schütz, da spriesst ja auch so einiges an Kulturkraut. Und toll dass es da offenbar keinen Chef-Gärtner gibt, dass hier jede Ecke selber etwas anpflanzt und schaut, wie es gedeiht. Zuerst war da also ziemlich dunkel grundierter Jazz, auf der grossen Bühne, eine gute Ladung Sommerend-Melancholie. Und dann noch ein mächtiges Soulorgan drüben beim Roxy, wie zum Trotz. Und es zeigt sich wieder mal: Magerwiesen haben den grössten Artenreichtum.

Täitänik im Kino Aschtoria

Gisela Feuz am Mittwoch den 9. August 2017

Unser Lieblingswalliser, der Schriftsteller Rolf Hermann, war mit dem Famililenclan im Kino, «Täitänik» stand auf dem Programm. KSB verleiht Hermanns Groossmama Ida-Klara hiermit hochoffiziell den Kritikerpreis für die beste Filmrezension ever. Aber schauen Sie doch selber.

Und falls Sies weniger mit der Populärkultur haben und wissenschaftliche Arbeiten bevorzugen, dann sei Ihnen «Di Evoluschen of de Lötschentaler Daiölökt – Kwuo waadis?» von Tscheims Eibrähäm Ezechiel Morill ans Herz gelegt.

Rolf Hermann liest am 31. August im Café Kairo aus seinem letzen Wurf «Das Leben ist ein Steilhang», ein schmuckes Büchlein, welches kuriose Episoden auf Walliserdeutsch beinhaltet. Keine Sorge. Mit Hochdeutscher Übersetzung. Also das Büchlein. Im Kairo müssen Sie dann schon selber gucken.

Ach, Bundi

Mirko Schwab am Donnerstag den 18. Mai 2017

Er hat keine Website, dafür eine grosse Klappe. Und wir können ihm beim Klettern zuschauen, dem Emanuel Bundi: Autor, Performer, Unikat.

Der Berner Schriftensteller Emanuel Bundi und ein etwas wüster Hund. (Photo ©: ale, www.alexanderegger.ch)

Dieser Text hat folgendes Vorwort: Bundi ist ein guter Freund und wir küssen uns oft auf den Mund. Ob man denn Kritik betreiben könne an einem, den man auf den Mund küsst. Ob das nicht eben genau diese inzestuöse Kulturfuzi-Kuschelei sei, dieses freischaffende «einander am Anus chräbele», wie der Porträtierte selbst es formulieren würde. Dazu muss ich die Begriffe der Freundschaft und der Kritik etwas von ihrer mitgemeinten Unbedingtheit befreien. Zum einen ist es durchaus möglich, manchmal nötig, streng zu sein mit guten Freunden. Im Gegensatz zu flüchtigen Bekannten besteht bei ihnen wenigstens die Gewissheit, dass, sollte einer beleidigt sein, man sich einmal gepflegt auf die Haube geben könnte und gut ist. Zum anderen wird auch der Begriff der Kritik oft als unbedingt, als unbedingt negativ nun, verstanden. Wobei einander 1 runterzuholen natürlich keine wohlgesinnte Kritik sein kann, die sorgfältig begründete Bewunderung aber mit Sicherheit schon.

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Spazieren ist eine Kunst

Roland Fischer am Mittwoch den 17. Mai 2017

Ein Aperçu aus Hinterkappelen. Ein Kulturort abseits vielbegangener Pfade, vor einem Jahr zu Ehren des 2015 verstorbenen Malers, Zeichners und Bildhauers Jean-Louis Piguet eröffnet. Ein «Atelier-Mémoriale» als Gegenposition zum heisslaufenden Kunstbetrieb. Ein Spaziergangsmuseum.

Apropos spazieren:

Spazieren […] muß ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet.

Das schrieb Robert Walser vor genau hundert Jahren, in seiner berühmten Erzählung «Der Spaziergang». Morgen bis Sonntag findet dazu eine vom Robert Walser-Zentrum zusammen mit der Uni Bern abwechslungsreich programmierte Tagung statt. Besonders zu empfehlen: Die Stadtwanderung am Sonntag vom Robert Walser-Zentrum zum Zentrum Paul Klee mit Benedikt Loderer.

Heavy Rotation sucks!

Gisela Feuz am Freitag den 21. April 2017

Er habe mit seinem Wrestling-Projekt «Lightning Beat-Man» in den 90er-Jahren eine Platte aufnehmen wollen, hätte aber zu wenig Geld fürs Mastering gehabt, erzählt Berns Höllen-Priester Reverend Beat-Man. Radio RaBe habe dann vorgeschlagen, dass zu Unzeiten (4 Uhr morgens) die gesamte Platte durch den Äther gejättet werden solle und dass er, Beat-Man, ja dann zuhause eine DAT-Aufnahme davon machen könne. Gesagte getan und so kam der Reverend zu seinem billigen Mastering für eine Platte, welche dann in die ganze Welt verkauft wurde.

Diese und andere vergnüglich Anekdoten finden sich im soeben erschienen Buch «RABE – 20 Jahre alternatives Kulturradio in Bern» für welches sieben Rabeisten und Rabeistinnen tief in den Archiven gegraben und Originaldokumente, Fotos, künstlerische Beiträge, grafische Elemente, Kommentare und Einschätzungen zusammengetragen haben. Da wird zum Beispiel berichtet, wie der Rabe einst schlüpfte und on Air ging und wie er sich bis heute in der Berner Medien- und Kulturlandschaft zu behaupten vermochte. Dabei bleibt der Fokus aber nicht alleine auf RaBe, sondern es wird auch ein informativer Überblick geliefert, wie sich die Rundfunkpolitik im Allgemeinen und die radiophone Medienlandschaft in Bern im Spezifischen in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Des Weitern machen zahlreiche Fotos von Events, RaBe-Flaggen an allen mögliche und unmöglichen Ecken und Enden dieser Welt und Abbildungen von Plakate das RaBe-Buch schön bunt.

RaBe ist ein Gemeinschaftsradio, bei welchem Selbstbestimmung und Selbstverantwortung gross geschrieben werden und welches als Sprachrohr für rund 180 Sendungsmachende aus verschiedenen Herkunftsländern fungiert. Das RaBe-Buch gibt einen Überblick über aktuelle Sendungen (zur Zeit 84, davon 24 fremd- bzw. mehrsprachig in 16 Sprachen) und schlüsselt zudem auf, wie der ganze Horst organisiert und finanziert wird, wobei auch Technik-Nerds auf ihre Kosten kommen. Und wer schon immer wissen wollte, wie die Musikredaktion von RaBe funktioniert, welche Kriterien ein Song erfüllen muss, dass er ins «Klangbecken» (das Musikarchiv, welches zum Zuge kommt, wenn keine Live-Sendung läuft) aufgenommen wird und wie oft er dann dort täglich zu hören ist, auch der findet Antwort im RaBe-Buch. So viel sei verraten: Heavy Rotation sucks – es lebe die Vielfalt!

«RABE – 20 Jahre alternatives Kulturradio in Bern» mit Text-, Bild- und Tonmaterial, Zahlen, Fakten, allerlei Wissenswertem und vielen Bilder wird morgen Samstag im Rahmen des Rabe-Festes ab 19 Uhr im Tojo Theater getauft und kann für 35.- hier bestellt werden.

Whisky, Lady, Uschi

Milena Krstic am Donnerstag den 30. März 2017

Gestern taufte Michael Fehr sein Buch «Glanz und Schatten» im Rahmen von Bee-Flat. Wer eine Lesung erwartet hatte, bekam ein Konzert zu hören. Ein pretty grosses sogar.

Vor zwei Jahren war das, als ich an einem Sommerabend in einen der Räume des Progrs trat und mich mit anderen Interessierten in einen Halbkreis stellte, um mir diesen grossgewachsenen Mann im weissen Hemd anzuhören. Fehrs Foto war damals auf fast jeder Titelseite der Schweizer Kulturblätter zu sehen. Da musste doch was dran sein, dachte ich mir.

Und da war was dran. Mit Manuel Troller an der Gitarre und James Gruntz am hinreissend reduzierten Schlagzeug tat er etwas, was leider viel zu selten passiert: Er überraschte. Da stand er, sang Hochdeutsch, aber mit Schweizer Akzent (war das nicht ein No-Go, vorbehalten den PolitikerInnen?), seine Stimme kreischend raspy, seine Hände verwarf er stetig und durch die Fenster strömte abendwarme Sommerluft.

So wusste ich also in etwa, was mich erwarten würde, wenn Fehr sagt, er taufe sein neues Buch, aber mit Band und nicht klassisch am Pult sitzend mit Anknipslampe. Andi Schnellmann spielte Bass, Julian Sartorius bediente das Schlagzeug und wie damals war Manuel Troller Gitarrist. Nicht, dass ich «Glanz und Schatten» gelesen hätte, sogar der «Simeliberg» ist bei mir noch in Folie verpackt. Aber man muss Fehrs Bücher nicht gelesen haben, um diesen Konzertabend begriffen zu haben. Mit einer streberhaften Präzision zog die Band rund um Fehrs wunderlich trippigen Märchen jazzig-bluesige Welten auf und stand ihm bei, als dieser erzählerisch ein Rebhuhn auseinandernahm.

Er sang und sprach er von einem Hirt (Hirt, jawoll, nicht Hirten), von vom fettgrünen Gras flankierten Landstreichern und von Messern, die ihm in seinen Träumen entgegenflogen.

Und dann erzählte er uns von Uschi Obermaier. Auf einer Amerikareise hatte er die 70er-Jahre Ikone getroffen. So wie das aus seinem Munde klang, hat die Uschi nicht an Wirkung verloren. Der Fehr hatte mich endgültig im Sack. Uschi war schliesslich eine der Heldinnen meiner späteren Jugend. Ich goss mir etwas vom Demeter-Orangensaft, der da auf einem Buffet bereitstand, in ein Weinglas und stoss an auf Fehr, der gerade das Lied «Whisky Lady» darbrachte, eine Hommage an die Uschi.

«Glanz und Schatten» ist bei Der gesunde Menschenversand erschienen. Und hier ein Einblick in Michael Fehrs Agenda.