Archiv für die Kategorie ‘Bücher & Medien’

Täitänik im Kino Aschtoria

Gisela Feuz am Mittwoch den 9. August 2017

Unser Lieblingswalliser, der Schriftsteller Rolf Hermann, war mit dem Famililenclan im Kino, «Täitänik» stand auf dem Programm. KSB verleiht Hermanns Groossmama Ida-Klara hiermit hochoffiziell den Kritikerpreis für die beste Filmrezension ever. Aber schauen Sie doch selber.

Und falls Sies weniger mit der Populärkultur haben und wissenschaftliche Arbeiten bevorzugen, dann sei Ihnen «Di Evoluschen of de Lötschentaler Daiölökt – Kwuo waadis?» von Tscheims Eibrähäm Ezechiel Morill ans Herz gelegt.

Rolf Hermann liest am 31. August im Café Kairo aus seinem letzen Wurf «Das Leben ist ein Steilhang», ein schmuckes Büchlein, welches kuriose Episoden auf Walliserdeutsch beinhaltet. Keine Sorge. Mit Hochdeutscher Übersetzung. Also das Büchlein. Im Kairo müssen Sie dann schon selber gucken.

Ach, Bundi

Mirko Schwab am Donnerstag den 18. Mai 2017

Er hat keine Website, dafür eine grosse Klappe. Und wir können ihm beim Klettern zuschauen, dem Emanuel Bundi: Autor, Performer, Unikat.

Der Berner Schriftensteller Emanuel Bundi und ein etwas wüster Hund. (Photo ©: ale, www.alexanderegger.ch)

Dieser Text hat folgendes Vorwort: Bundi ist ein guter Freund und wir küssen uns oft auf den Mund. Ob man denn Kritik betreiben könne an einem, den man auf den Mund küsst. Ob das nicht eben genau diese inzestuöse Kulturfuzi-Kuschelei sei, dieses freischaffende «einander am Anus chräbele», wie der Porträtierte selbst es formulieren würde. Dazu muss ich die Begriffe der Freundschaft und der Kritik etwas von ihrer mitgemeinten Unbedingtheit befreien. Zum einen ist es durchaus möglich, manchmal nötig, streng zu sein mit guten Freunden. Im Gegensatz zu flüchtigen Bekannten besteht bei ihnen wenigstens die Gewissheit, dass, sollte einer beleidigt sein, man sich einmal gepflegt auf die Haube geben könnte und gut ist. Zum anderen wird auch der Begriff der Kritik oft als unbedingt, als unbedingt negativ nun, verstanden. Wobei einander 1 runterzuholen natürlich keine wohlgesinnte Kritik sein kann, die sorgfältig begründete Bewunderung aber mit Sicherheit schon.

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Spazieren ist eine Kunst

Roland Fischer am Mittwoch den 17. Mai 2017

Ein Aperçu aus Hinterkappelen. Ein Kulturort abseits vielbegangener Pfade, vor einem Jahr zu Ehren des 2015 verstorbenen Malers, Zeichners und Bildhauers Jean-Louis Piguet eröffnet. Ein «Atelier-Mémoriale» als Gegenposition zum heisslaufenden Kunstbetrieb. Ein Spaziergangsmuseum.

Apropos spazieren:

Spazieren […] muß ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet.

Das schrieb Robert Walser vor genau hundert Jahren, in seiner berühmten Erzählung «Der Spaziergang». Morgen bis Sonntag findet dazu eine vom Robert Walser-Zentrum zusammen mit der Uni Bern abwechslungsreich programmierte Tagung statt. Besonders zu empfehlen: Die Stadtwanderung am Sonntag vom Robert Walser-Zentrum zum Zentrum Paul Klee mit Benedikt Loderer.

Heavy Rotation sucks!

Gisela Feuz am Freitag den 21. April 2017

Er habe mit seinem Wrestling-Projekt «Lightning Beat-Man» in den 90er-Jahren eine Platte aufnehmen wollen, hätte aber zu wenig Geld fürs Mastering gehabt, erzählt Berns Höllen-Priester Reverend Beat-Man. Radio RaBe habe dann vorgeschlagen, dass zu Unzeiten (4 Uhr morgens) die gesamte Platte durch den Äther gejättet werden solle und dass er, Beat-Man, ja dann zuhause eine DAT-Aufnahme davon machen könne. Gesagte getan und so kam der Reverend zu seinem billigen Mastering für eine Platte, welche dann in die ganze Welt verkauft wurde.

Diese und andere vergnüglich Anekdoten finden sich im soeben erschienen Buch «RABE – 20 Jahre alternatives Kulturradio in Bern» für welches sieben Rabeisten und Rabeistinnen tief in den Archiven gegraben und Originaldokumente, Fotos, künstlerische Beiträge, grafische Elemente, Kommentare und Einschätzungen zusammengetragen haben. Da wird zum Beispiel berichtet, wie der Rabe einst schlüpfte und on Air ging und wie er sich bis heute in der Berner Medien- und Kulturlandschaft zu behaupten vermochte. Dabei bleibt der Fokus aber nicht alleine auf RaBe, sondern es wird auch ein informativer Überblick geliefert, wie sich die Rundfunkpolitik im Allgemeinen und die radiophone Medienlandschaft in Bern im Spezifischen in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Des Weitern machen zahlreiche Fotos von Events, RaBe-Flaggen an allen mögliche und unmöglichen Ecken und Enden dieser Welt und Abbildungen von Plakate das RaBe-Buch schön bunt.

RaBe ist ein Gemeinschaftsradio, bei welchem Selbstbestimmung und Selbstverantwortung gross geschrieben werden und welches als Sprachrohr für rund 180 Sendungsmachende aus verschiedenen Herkunftsländern fungiert. Das RaBe-Buch gibt einen Überblick über aktuelle Sendungen (zur Zeit 84, davon 24 fremd- bzw. mehrsprachig in 16 Sprachen) und schlüsselt zudem auf, wie der ganze Horst organisiert und finanziert wird, wobei auch Technik-Nerds auf ihre Kosten kommen. Und wer schon immer wissen wollte, wie die Musikredaktion von RaBe funktioniert, welche Kriterien ein Song erfüllen muss, dass er ins «Klangbecken» (das Musikarchiv, welches zum Zuge kommt, wenn keine Live-Sendung läuft) aufgenommen wird und wie oft er dann dort täglich zu hören ist, auch der findet Antwort im RaBe-Buch. So viel sei verraten: Heavy Rotation sucks – es lebe die Vielfalt!

«RABE – 20 Jahre alternatives Kulturradio in Bern» mit Text-, Bild- und Tonmaterial, Zahlen, Fakten, allerlei Wissenswertem und vielen Bilder wird morgen Samstag im Rahmen des Rabe-Festes ab 19 Uhr im Tojo Theater getauft und kann für 35.- hier bestellt werden.

Whisky, Lady, Uschi

Milena Krstic am Donnerstag den 30. März 2017

Gestern taufte Michael Fehr sein Buch «Glanz und Schatten» im Rahmen von Bee-Flat. Wer eine Lesung erwartet hatte, bekam ein Konzert zu hören. Ein pretty grosses sogar.

Vor zwei Jahren war das, als ich an einem Sommerabend in einen der Räume des Progrs trat und mich mit anderen Interessierten in einen Halbkreis stellte, um mir diesen grossgewachsenen Mann im weissen Hemd anzuhören. Fehrs Foto war damals auf fast jeder Titelseite der Schweizer Kulturblätter zu sehen. Da musste doch was dran sein, dachte ich mir.

Und da war was dran. Mit Manuel Troller an der Gitarre und James Gruntz am hinreissend reduzierten Schlagzeug tat er etwas, was leider viel zu selten passiert: Er überraschte. Da stand er, sang Hochdeutsch, aber mit Schweizer Akzent (war das nicht ein No-Go, vorbehalten den PolitikerInnen?), seine Stimme kreischend raspy, seine Hände verwarf er stetig und durch die Fenster strömte abendwarme Sommerluft.

So wusste ich also in etwa, was mich erwarten würde, wenn Fehr sagt, er taufe sein neues Buch, aber mit Band und nicht klassisch am Pult sitzend mit Anknipslampe. Andi Schnellmann spielte Bass, Julian Sartorius bediente das Schlagzeug und wie damals war Manuel Troller Gitarrist. Nicht, dass ich «Glanz und Schatten» gelesen hätte, sogar der «Simeliberg» ist bei mir noch in Folie verpackt. Aber man muss Fehrs Bücher nicht gelesen haben, um diesen Konzertabend begriffen zu haben. Mit einer streberhaften Präzision zog die Band rund um Fehrs wunderlich trippigen Märchen jazzig-bluesige Welten auf und stand ihm bei, als dieser erzählerisch ein Rebhuhn auseinandernahm.

Er sang und sprach er von einem Hirt (Hirt, jawoll, nicht Hirten), von vom fettgrünen Gras flankierten Landstreichern und von Messern, die ihm in seinen Träumen entgegenflogen.

Und dann erzählte er uns von Uschi Obermaier. Auf einer Amerikareise hatte er die 70er-Jahre Ikone getroffen. So wie das aus seinem Munde klang, hat die Uschi nicht an Wirkung verloren. Der Fehr hatte mich endgültig im Sack. Uschi war schliesslich eine der Heldinnen meiner späteren Jugend. Ich goss mir etwas vom Demeter-Orangensaft, der da auf einem Buffet bereitstand, in ein Weinglas und stoss an auf Fehr, der gerade das Lied «Whisky Lady» darbrachte, eine Hommage an die Uschi.

«Glanz und Schatten» ist bei Der gesunde Menschenversand erschienen. Und hier ein Einblick in Michael Fehrs Agenda.

Songs für die Tauben, die Katz und die Ewigkeit

Mirko Schwab am Mittwoch den 15. März 2017

Dear Chop.

Bild: Ilona Ostwind.

Jetzt also machst du zu. Davon haben sie berichtet in der richtigen Zeitung – aber niemand hat sich bedankt.

Da kommen doch Dinge hoch. Zweinullnullirgend hab ich im vom Vater abonnierten Rockheftli geblättert und durfte dann eine herauslesen aus den Neuerscheinungen. Songs For The Deaf. Parental Advisory. Wir nahmen den Bus in die Stadt, weiter zum Waisenhausplatz, dahin, wo heute dieser seltsame Beck ist mit dem noch seltsameren Werbeslogan. Aber damals eben warst du noch da, auf zwei Etagen. Ein Palast im Herbst der Compact Disc. Danach bin ich oft gekommen nach der Schule. Bin an den Probiersäulen abgehangen mit heissen Ohren unter den abgewetzten Kopfhörern etc. Es ist mir, als hätte ich das Alphabet von dir gelernt beim Blättern in den Registern …

Irgendwann wurde ein Keller aus dem Palast. Irgendwann wurde aus einem Rockheftli das Internet. Irgendwann hatte ich Haare am Sack und etwas Sackgeld. Irgendwann wurde die Welt kompliziert. Liess sich nicht mehr spiegeln auf zwölf Zentimeter im Quadrat. Also drehte sie fortan mit 33 Runden in der Minute. Hätte ich mehr Geld gehabt, ich hätte es nur bei dir verjubelt. Jaja, bisschen Pathos muss drinliegen, natürlich hätte ich es auch weiterhin versoffen. Und manchmal bin ich schon fremd gegangen, als es noch eine Handvoll Alternativen gab. Aber die Konkurrenz hast du überlebt. Sie ist vor dir gestorben.

Schnell mal eine rauchen.
Schweigeminute.

Unsere Beziehung war nie kompliziert. Du warst ein feiner Laden und ich brauchte Rundes. Das hat sich gut ergeben. Und was es mir an seelischen Unannehmlichkeiten sonst ins Leben gespült hat, war immer gut zu ertragen dank dir du meinem lieben Plattenladen.

Danke.

Gestern hab ich meine Letzte gekauft bei dir. 30%. Selten hab ich mich weniger gefreut über einen Rabatt.

XOXO
M

Chop Records ist noch bis Ende Monat offen, Ausverkauf.

Gazette für nicht mal 1 Gazeta

Roland Fischer am Mittwoch den 8. Februar 2017

Eine schöne Wortgeschichte wieder mal: Die Gazette kommt aus Venedig, wo vor fast 500 Jahren das erste Mal ein Flugblatt mit Namen Gazetta di Venezia erschien und nicht mehr als eine Gazeta, die kleinste Münze damals, kostete.

Noch nicht mal einen Fünfer kostet die neueste Gazette aus Bern, nämlich die Hauszeitschrift des Länggass-Tee. Der Laden ist ja gewissermassen Subventionsgeber für eine ganze Schar von Kulturschaffenden mit diversen Talenten – da lag es also nahe, daraus etwas zu schöpfen. Herausgekommen ist eine sehr schön gestaltete halbjährliche Publikation, deren erste Ausgabe sich dem Thema «roh» widmet. Roher Tee? Man findet via Google tatsächlich rasch zur Länggass-Tee-Webseite, mit überraschenden Infos zum Beispiel zu einem raren, postfermentierten (post was auch immer) Pu Er:

Eine seltene Spezialität aus Yunnan: Ein roher Pu Er in Top-Qualität von einem einzigen 500-700jährigen Teebaum. Die Verfügbarkeit ist natürlich sehr klein, der Tee wird deshalb nicht gepresst. Traditionell verarbeitet, an der Sonne getrocknet.

In der Gazette, die es im Laden im gewöhnungsbedürftigen, aber dem Layout wunderbar entsprechenden Schallplattenformat auf Papier oder hier auch als pdf gibt, liest man noch einiges mehr zu rohem Kochen und frei zum Thema assoziiertes Literarisches. Sowie so manches Wissenswertes rund um Tee natürlich. Ich meine, die kennen die Bäume, von denen der Tee kommt!

Höhenfeuer 2.0

Milena Krstic am Samstag den 24. Dezember 2016

Jawoll, da sind wir schon zu spät dran, um Ihnen eine Weihnachtsgeschenk-Empfehlung abzugeben. Aber Sie können sich «Gaumbenfieber», den Foto-Comic aus Bern, auch so ziehen.

Im Brocki-Chique auf Wanderschaft. Foto: Pius Bacher

Ist das eigentlich ein Trend unter uns jungen Menschen, sich in eine Alphütte zu verkriechen, alleine oder mit Friends, und sich abseits von Internet und fliessend Wasser ein Abenteuer zu gönnen? Dort können wir unseren Brockenstuben-Chique zelebrieren und Kaffee schlürfen aus Titan-Tassen, UNO spielen und zäme öppis Feins chöcherlen.

Diese Ästhetik, oder eben diesen Trend,  haben nun ein paar junge Menschen aus Bern aufgegriffen und ihre Ideen dazu in das Buch «Gaumenfieber» fliessen lassen. Der Foto-Comic ist kürzlich beim jungen Verlag Union Bild erschienen und erzählt in «94 Fotografien und wenig Text», wie die Macher*innen selbst erklären, die Geschichte von fünf jungen Leuten, die sich drei Tage lang in eine Alphütte verabschieden.

Was gemütlich werden soll, wird zu einem gespenstischen Splatter-Erlebnis: da erscheinen gruslige Gestalten und passieren zwischenmenschliche Liebes-Scharmützel.

Es ist ein kurzweiliger Spass, sich durch die kontrastreichen Fotografien von Pius Bacher zu blättern und mitzuverfolgen, was für ein Schauermärchen sich diese (aus Berns Kulturleben bereits zum Teil bekannten) Leuts ausgedacht haben (Regie: Joel Hafner). Schön ausgesucht sind auch die Schauplätze: das Walliser Obergoms und Lengtal am Nufenenpass nämlich. Und dank dem trashigen SennentuntschiAspekt gibts einen zusätzlichen Amüsement-Faktor.

Die Vernissage ist schon gewesen. Sie können «Gaumbenfieber» für CHF 16.- (exkl. Versand) hier bestellen. 

PS. Beim Durchblättern von «Gaumbenfieber» ist mir Fredi M. Murers Film «Höhenfeuer» in den Sinn gekommen. Wäre doch etwas, sich dieses poetische Werk über die Festtage mal (wieder?) anzusehen.

Weiterlesen!

Roland Fischer am Donnerstag den 24. November 2016

Bern ist ein wenig überall, wenn es um Literatur geht. In Berlin, in Biel – und natürlich in Luzern. Matthias Burki vom Verlag «Der gesunde Menschenversand» rechnete in seiner Dankesrede gestern in der Progr-Aula vor, dass gut die Hälfte seiner Autoren einen Berner Bezug haben und das Verhältnis bei den publizierten Titeln sogar 70:120 beträgt, was ihn selber ein wenig überrascht habe. Dass in der Laudatio zum von der Stadt vergebenen «Weiterschreiben»-Preis zuvor einigermassen umständlich durchdekliniert worden war, inwiefern der Verlag sehr viel mit Bern zu tun hat und mehr per Zufall in Luzern ansässig ist, war allerdings ein wenig kleinkrämerisch. Kantönligeist bei der Kulturförderung: Das fände man inzwischen eigentlich gern ein wenig von gestern.

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Wie tanzen die heutigen Tode?

Gisela Feuz am Samstag den 12. November 2016

Wie gehen sie um mit Todesmeldungen, werte KSB-Leserschaft? Ich bin ehrlich: Ich tu mich saumässig schwer mit dem ollen Sensemann. Vielleicht hat es damit zu tun, dass der Tod in unserem Alltag nicht mehr existiert. Klar doch, im Tatort sieht man ab und an eine Leiche auf dem Seziertisch, aber wann haben Sie zuletzt in Realität sterbliche Reste gesehen? Wir versuchen so gut als möglich den Tod zu verdrängen, Leichenwagen kommen nur noch nachts, Verblichene werden auf dem Totenbett drapiert und zurechtgepimpt, damit alle Anzeichen von Zerfall nicht mehr sichtbar sind. Genau da liegt doch aber die Krux, nicht? Den Schrecken werden wir dem Senseman nicht nehmen können. Nie. Aber zumindest kann man den grimmen Genossen ins gleissende Tageslicht bzw. aufs Tanzparkett zerren und ihn so zu einem Teil des Lebens machen. Damit würde er vielleicht auch ein ganz klein wenig weniger unsäglich, denn schliesslich ist der Tod ja auch nur allzu menschlich. Keiner beschreibt dies treffender als Balts Nill:

Die Tode
«Es gibt so viele Tode wie Lebende. Deiner geht neben dir her, er zählt jeden deiner Schritte und liest deine Gedanken, nachts wacht er neben dir und merkt sich deine Träume. Er hat ein Riesengedächtnis, und in deiner letzen Sekunde spielt er dir dein Leben als Film ab. Aber vielleicht hast du auch einen ganz anderen Tod neben dir, einen vergesslichen Tod, der verliert dich eines Tages aus den Augen, und wenn du alt bist und gehen möchtest, lässt er dich warten, und du rufst nach ihm, aber er hat dich schlicht vergessen. Vielleicht hat er einen anderen getroffen, eine Verwechslung. Oder du hast Glück, und ein musikalischer Tod begleitet dich, wenn du auf dem letzten Loch pfeifst, ein zweistimmiges Requiem, für dich allein, aber vielleicht hast du einen dummen Tod neben dir, der dich vor ein Auto laufen lässt, während dir in den Sinn kommt, dass du vorhin deine Cumulus-Karte hast liegenlassen, oder ein leichtsinniger Tod ist mit dir, der lässt dich auf eine Klippe steigen und ruft «Spring, ich fang dich auf!» Vielleicht hast du ja einen witzigen Tod, der sticht dir die Pointe mitten ins Herz, oder du hast einen höflichen Tod, der klopft leise an die Tür und lässt dir Zeit, dich umzuziehen, oder du hast einen eifrigen Tod, der nimmt auch noch deine Frau und deine Kinder mit, oder einen schludrigen Tod, der macht dasselbe und murmelt sorry. Und vielleicht hast du ja einen sanften Tod, aber der ist scheu und kommt nur, wenn du schläfst, nicht zu verwechseln mit dem faulen Tod, der dich einfach liegen und verrotten lässt. Es gibt viele Tode, grosse, kleine, erfahrene, unerfahrene, sympathischere und weniger sympathische, einige sind ziemlich schön, viele aber sind hässlich, und sie alle halten um deine Hand an & wollen tanzen.»

totentanz1

Der obige Text «Die Tode» stammt aus der Begleitbroschüre zum «Totentanz?», einem sechs Meter langen Leporello, welches der Berner Grafiker und Illustrator Jared Muralt gezeichnet hat und zu welchem Multiinstrumentalist und Journalist Balts Nill die Texte beigesteuert hat. Der «originale» Berner Totentanz von Niklaus Manuel feiert dieses Jahr seinen 500. Geburtstag, dies der Anlass für Muralt und Nill in Zusammenarbiet mit Vatter & Vatter einen zeitgenössischen Totentanz zu schaffen.