Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Bern auf Probe: Datensicherung auf festen Platten

Anna Papst am Dienstag den 21. November 2017

Wie wird man in hundert Jahren über die Zeit, die heute unmittelbar vor uns liegt, berichten? Lacht man darüber, dass führende Wissenschaftler vor einer Übernahme der Weltherrschaft durch künstliche Intelligenz gewarnt haben? Oder ist diese Übernahme vielmehr eingetreten und es lachen nur noch die Maschinen? Wundert man sich, warum die globalisierte Welt trotz des Wissens um die Klimaerwärmung und ihre Auswirkungen zu bequem war, rigorose Massnahmen zu ergreifen? Oder betrachtet man die Prophezeihung der Katastrophe als Akt der Hysterie? Werden die russischen Cyberattacken der letzten Jahre der Anfang einer digitalen Kriegsführung gewesen sein? Die Gruppe Theater Marie zeigt in der Forsetzung ihrer Kurzstückrevue  “Zukunft Europa” Zukunftsszenarien, die sich im Futur zwei abspielen: Was wird sich ereignet haben? Theater Marie hat fünf Autor_innen gebeten, einen Blick in die weltpolitische Glaskugel zu werfen und auf deutsch und französisch über das, was uns geblüht haben wird, zu schreiben. Diesen Beitrag weiterlesen »

Sonntagsschock in Rios Ross

Mirko Schwab am Donnerstag den 16. November 2017

Eigentlich wollte ich ja über Mario Hänni schreiben. Wie alles anders kam und ein Geheimnis. Aus der inexistenten Reihe «Das Bundesamt für Talent hat ungleich verteilt.»

Im Gegensatz zum Print können wir uns bei KSB leider keine hochaufgelösten Grafiken leisten: Mario Hänni aka Rio. (Quelle: Berner Kulturagenda. Zwinker-Emotikon.)

Eigentlich wollte ich ja über Mario Hänni schreiben, so nachhaltig geschockt war ich letzthin. Im Rössli am ersten Wintertag, ein revoltierender Magen und Kopfschmerzen from Hell zu beschwichtigen mit dem für einen kaputtgefeierten Cuerpo eben ganz okayen Rahmsaucen-Tanzpop von Pablo Nouvelle. Hänni bühnenlinks trommelte sich als König ohne Krone durch die ersten Lieder. Damit hatte ich gerechnet. Darum war ich auch gekommen und hab mich noch so gern verschnei-schiffen lassen.

Mit glänzend-gläsernen Augen musste ich dann aber beobachten, wie der Hänni langsam zum Konfektionsmikrofon mit Nierencharakteristik sich beugte, seine Lippen ansetzte, ein schelmisches Lächeln noch darauf – und zu singen begann. Klar und warm erfüllte seine Stimme die viel zu gute Luft im alten Ross, die ein sehr andächtig-anständiges Nichtraucherpublikum aus Psychologiestudentinnen und sportlichen Boys in weissen T-Hemden mit V-Ausschnitt verursacht hatte, in dieses Vakuum hinein stiess also diese Engelsstimme, dass man eine koitale Metapher jenseitiger Dimension erfinden möchte. Und doch besser bleiben lässt. Das Nouvell’sche Vokalsample-Geballer war in der Folge jedenfalls noch Randnotiz.

Eigentlich wollte ich also über diesen Mario Hänni schreiben, angewidert von all dem Talent. Zum Glück hat das die Krstic schon besorgt und auch die Rittmeyer, in treffenden Worten journalistischer Contenance haben sie die Schneise beschrieben, die er durch den hiesigen Jazz und Pop gezogen. Denn wir Kinder vom Bahnhof Blog, wir sollen ja nicht. Jaa nicht, wenn schon das Mutterschiff eben so seriös berichtet hat und jaaa nicht etwa, wenn sich sogar die Krstic from the Clique zu einem Seitensprung hat hinreissen lassen (- bei der Kulturagenda wird sie wohl wenigstens bezahlt, es ist ihr nicht zu verübeln.)

So kommts, dass mir dieser Engelshänni schon zum zweiten mal durch die schiefe Designerbrille entgegenblinzelt mit seinen stahlblauen Augen, dazu noch auf Druckpapier. Das Thema ist abgehandelt, genug gezwitschert im sandsteinernen Hauptstadtdorf.

Und eigentlich wollte ich doch über Mario Hänni schreiben.

Ohne Scheiss: 3x uneingeschränkte Hingehverordnung zur «Carte Blanche» in der Turnhalle am 22. November (als Rio), 13. Dezember und 21. Januar. Das überragende Trio Heinz Herbert dann im Februar wieder – aber das ist noch ein Geheimnis.

Bern auf Probe: Fichen im Trüben

Anna Papst am Dienstag den 14. November 2017

34’000 Fichen habe der Nachrichtendienst der Stadtpolizei Bern über die Jahre angelegt, brüstet sich der Staatsschutzbeamte. Und es wären noch mehr gewesen, hätte es nicht an Personal gemangelt. Gleich zweimal habe man den Vortrag von Giovanni Blumer über die chinesische Kulturrevolution wegen Unterbesetzung verpasst, das fuchse ihn noch heute. Dann wendet der Überwacher sich plötzlich zu der Frau, die neben mir steht und fragt: “Was meinsch, chani da so luut werde? Oder muess eine vom Staatsschutz d Fassig bewahre?”

Wären die heutigen Überwacher doch auch so leicht zu erkennen wir 1968: Stefan Hugi als Staatsschutzbeamter

Er erkundigt sich damit nicht nach der sozialen Norm, – oder nur indirekt -, sondern nach der inszenatorischen Absicht von Schauspielcoach Claudia Gerber. Sie studiert mit ihm, dem Schauspieler Stefan Hugi, den szenischen Stadtrundgang der Gruppe StattLand mit dem Titel “Bern 68” ein. Erstmals 2008 zum vierzigjährigen Jubiläum der 68er-Bewegung gezeigt, wird der Rundgang zum fünfzigjährigen Jubiläum wieder aufgenommen.
Wer bei diesem Stadtrundgang mitläuft, wird zu den verschiedenen Orten geführt, an denen im Jahr 1968 in Bern Geschichte geschrieben wurde: Zur Junkerngasse, wo im legendären Diskussionskeller “Junkere 37” bis spät in die Nacht hinein über eine neue Weltordnung debattiert wurde. Zum Lischetti-Brunnen, der eigentlich Kronenbrunnen heisst. Der Aktionskünstler Carlo Lischetti kandidierte 1971 gemeinsam mit drei weiteren “Untergründlern” für den Berner Stadtradt. Man wollte neben ernsthaften Anliegen wie der Einführung des Stimmrechts ab 18 Jahren in erster Linie die festgefahrene Stadtpolitik aufmischen. Das Wahlplakat zeigte ein Nacktbild der vier, Diesen Beitrag weiterlesen »

Zwölf Mal völlig daneben fokussiert

Urs Rihs am Samstag den 11. November 2017

Wie der Sommer zum Lorrainebad, passt auf unserem Pflaster der Olmo zu Streetwear. Im November feiert der Laden seinen Vierzigsten und zelebriert eine Erfolgsgeschichte. Für seinen Kalender verdient er aber Rüge, denn da passt höchstens eine Brille, aufs hornhautverkrümmte Auge des Fotografen – ein Gedankengang.

Ich geh dort einmal jährlich für eine frische Trainerhose – der Olmo ist aber im Bewusstsein mindestens dreier Generationen und hat sein Image als Laden, der neben dem Verkauf von Mode auch am kulturellen Treiben der eigene Stadt Interesse zeigt, gehegt und gepflegt. Nicht selten sieht man an Veranstaltungen das Banner mit den dicken weissumrandeten Lettern und weiss dabei, Olmo steht eben auch für Subkultur – und gut so.

Erstaunt darum umso mehr, dass sich der Laden seit zwei Jahren einen exklusiven Kalender gönnt, welcher so gar nichts mit untergründigem Avantgardismus zu tun hat und einzig ein Prädikat verdient: U N T E R I R D I S C H !
In einem Werbeartikel der 20 Minuten feierte man den zwischen heteroterroristischen und machochauvinistischen Motiven pendelnden Bilderbogen als kleinen Bruder des Pirelli Kalenders und vergass dabei – die kunsthandwerkliche giga Diskrepanz dabei mal aussen vorgelassen – dass gar dieser Klassiker der, wie soll man sagen, «Garagen-Schmuddel-Ästhetik» den Schritt hin zum Zeitgeist vollzogen hat.

OLMO, Quo Vadis? Das ist nicht Hipster Chic, sondern ganz einfach ein Misstritt.

Auch beim Reifenhersteller wurde nämlich die Schablone der jungen, perfekt modellierten Frau, als zudienende Verführerin, getauscht. Getauscht gegen einen Graufilter, welcher die Verschlusszeit zugunsten der Persönlichkeiten der Abgebildeten verlängert. 2016 von Annie Leibovitz mit ihren Porträts starker Frauen und Peter Lindbergh dieses Jahr, mit seinen Bildern von Hollywoodschauspielerinnen jeder Altersklasse, mehrheitlich angezogen. Ein Quantensprung für das selbsternannte «Kunstwerk erotischer Fotografie», dass lange genug Schaufenster jenes Herrschaftsdiskurses war, welcher beispielsweise Eskapaden weinsteinschen Ausmasses erst überhaupt ermöglicht.

Natürlichkeit und Persönlichkeit statt Künstlichkeit und Oberfläche, das ist mittlerweile «State of the Art» und sollte es auch langsam bei uns im Dorf sein. Speziell für Akteure, welche massgeblich den Mode- und somit natürlich auch Geschlechterdiskurs prägen, gerade auch junger Menschen.
OLMO, dein Kalender fungiert doch auch als Visitenkarte der geschäftseigenen Corporate Identity. Und da sagst du 2017 zu deinem Vierzigsten: «Wir sind hart festgefahren in den Geschlechterrollen, haben keinen Sinn für Ästhetik und sind postpubertär» – das ist Scheisse!
Zumal es auch im kleinen Bern emanzipierte, selbstsichere, wirklich gute Fotografie gäbe (Beispiele gefällig? 1, 2 – Anklopfen dort übrigens immer gratis).
Lieber OLMO, auf die nächsten 40 Jahre wünsch ich dir was, dass du in der Szene engagiert bleibst und dabei lernst den Schärfepunkt richtig einzustellen. Bei deinem letzten Kalender war das nämlich zwölf Mal völlig daneben fokussiert.

PS @ Boy K. Lagerfield – Ich weiss, du würdest auch Hungertote in Kauf nehmen, damit auf dem Laufsteg nicht die Normalität Einzug hält, sondern weiterhin Illusion und «Körperkunst». Aber du sagst auch: «Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.» Was soll man da noch entgegnen – still a long way to wisdom old man?

«And I love horses. I own one myself.»

Mirko Schwab am Freitag den 10. November 2017

Exklusiv. DJ Real Madrid, Pionier weltmusikalischer Qualitätsdiško, Pferdeliebhaber, Mythos. Das Gespräch.

«Chillin in Tiblisi with his bro Goran Koč.»

Niemand kenne die südöstliche Sonnenseite von YouTube so gut wie DJ Real Madrid, sagte uns sein wortkarger Manager am Telefon, mehr sei da nicht zu sagen. Dann brach die Verbindung ab. Ein Informant hatte uns gesteckt, dass Real wohl einer einflussreichen Musiker-Dynastie entstamme, der sogenannten Koč-Familje, aus der auch die infamose Goran Koč y Vokalist Orkestar Band hervorgegangen ist. Von Nachkommen «around the globe» ist die Rede, eine mazedonische Zeitschrift betitelte ihn einst als «Dschingis Khan der Grossraumdiskotheken» und auch nach Kalifornien führen die Hinweise. Eines Nachts soll er auf einer Poolparty von Kanye aufgetreten sein, woraufhin der Gastgeber ihn zum Halbgott ernannt und den Titel «Kanye East» verliehen habe. Sowieso führe er tausend Namen und tausend Pässe, überhaupt habe er tausend Ehefrauen, Autos, Pferde. Andere Spuren führen nach Marrokko und Westafrika, verlieren sich im Wüstensand, zerbrechen an der Sprachbarriere.

Wir wollten 1 Homestory. Auf ein grosszügiges Anwesen am Strand hätten wir spekuliert, auf Rosé vom Brunnen und Fleisch vom Pferd. Doch niemand weiss, wo DJ Real Madrid wohnt. Niemand weiss, wo er herkommt. (Und bei den 200 Franken im Monat, die uns ta mère-dia hier in der Blogosphäre zugesteht, da liegt mehr Recherche einfach grad nicht drin. Keine Zeit.)

Immerhin hatten wir Fragen, eine lange Telefonnummer und einen Soundcloud-Link.

Herr Real …
I’m DJ Real.

Also, in Bern kennt man Sie noch nicht. Stellen Sie sich vor.
I’m DJ Real. Former soccer player. I like beach. I like fruits, if you know what I mean. Music is passion. And it is my money machine as well. And I keep it real. If you know what i mean …

Ja. Was machen Sie an einem gewöhnlichen Arbeitstag?
I do not work. I do the beat. And I love to sleep. And I do chillaxing a lot.

Das ist auch wichtig. Kennen Sie Bern, Herr Real – was wissen Sie über die Sandsteinstadt?
Sand? I love that city! I live near the beach. And I love horses. I own one myself.

À propos Pferde: Was halten Sie von der Schweizer Musiklandschaft? Schaffen es von Zeit zu Zeit auch hiesige Künstler_innen in Ihre Auswahl?
I love to support young artists. For example Faber. I ripped a piece called something with «schuner sein» from youtube. I will play it one day. And I like to play Lo and Lidug, really simple beach music for make persons happy.

Am 22. Dezember werden Sie sich vor dem ausverkauften Dachstock beweisen müssen, die Stimmung an der Afterparty zum Faber-Tourabschluss hängt von Ihrem Geschick ab. Wie gewinnt man ein Publikum, dessen «Objekt der Begierde» gerade die Bühne verlassen hat?
It is easy. Just be better. No problem for DJ Real.

Wieso sprechen Sie in der dritten Person von sich selbst?
DJ Real is the beat. The beat does not talk in first person.

Ok. Was verbindet Sie denn eigentlich mit diesem tsürcher Chansonier? Wie kams zur Zusammenarbeit?
He is a really big fan of DJ Real. He wrote my management that it would be the best xmas present, if DJ Real would play. And I’m a generous man. And I like beach city bern. And I like party.

Wie Sie vielleicht wissen, ist die Reitschule in Bern ein betont politischer Ort. Was ist ihre politische Botschaft, die Sie dem Publikum an Ihrem Auftritt zu vermitteln gedenken?
Show respect to other persons. I play lot of different music from different places. And it works. Everyone dance together. This is music.

In der Tat vermengen Sie Tanzmusik vielerlei Provenienz, Herr Real – welche Musik von Welt interessiert Sie überhaupt nicht?
The crappy german nonsense shit music. And I do not like goa music.

Lassen Sie uns zu den dringenderen Fragen übergehen: Was empfehlen Sie unserer verstockten verehrten Leserschaft als idealen Soundtrack fürs Liebesspiel?
I recommend the song «Let Me Go» of Branko or «Tender» of Tekno feat. Kcee. Then you make love good.

Sie haben das letzte Wort.
Be respectful. Dance a lot. Dont be greedy. Makes unhappy. Try drugs sometimes, opens you up. See you on the dancefloor.

Gewinnen mit KSB: In die ausverkaufte Dampfzentrale

Christian Zellweger am Mittwoch den 8. November 2017

Es wird getanzt zur Zeit in Bern. Am Samstag mit einer Premiere: Michael Clark ist in der Schweiz, zum ersten Mal. «to a simple rock ‘n’ roll…song» heisst das Stück, das in der Dampfzentrale auf die Bühne kommt. Eine Hommage Clarks an seine eigene musikalische Prägung durch Erik Satie, Patti Smith und David Bowie. «Ballett vom Pop aus gedacht», liest man andernorts, und Clark sei ein «ikonischer Stilist mit schillernder Sexyness, dessen wildes Leben in glamouröser Kunst gipfelt». Durchaus ein vielversprechender Abend also auch für jene, die sich nicht als klassisches Tanzpublikum bezeichnen würden.

Dumm nur: Die Vorstellung am 11. 11. in der Dampfzentrale ist ausverkauft. Gut aber: Wir haben noch 2 x 2 Tickets zu verlosen. Schreiben Sie einfach eine Mail an christian punkt zellweger ät derbund punkt ch. Der Zufall entscheidet. Viel Glück!

Bern auf Probe: Einkaufen mit Johannes Dullin

Anna Papst am Dienstag den 7. November 2017

Er probe nie für seine Stücke, er lerne lediglich Text, antwortet Johannes Dullin mir auf die Frage, ob ich ihm einen Probenbesuch abstatten dürfe. Um Text zu lernen gehe er am liebsten einkaufen oder spazieren, dabei könne ich ihn gerne begleiten. Also wandern wir an einem Donnerstagmorgen durch die Regale der Migros Bolligen. Dullin kauft alles ein, was nicht bei ihm im Garten wächst, der Text seines Stücks „The best piece of this season“ liegt im Kindersitz seines Einkaufwagens und bleibt während der ganzen Shoppingtour relativ unbeachtet. Denn die Geschichte, dass er beim Einkaufen am besten Text lernen könne, ist wohl, so dämmert es der Berichterstatterin, nichts weiter als das: eine Geschichte. Ein Gefallen für die Journalistin, die eine Story braucht, gewitzte Eigenvermarktung von Dullin, der steuert, wie über ihn berichtet wird.

Lernmethode Dullin: Wenn bei der Kasse der Text noch nicht sitzt, ist immerhin der Einkauf erledigt.

Man nimmt ihm seine Behauptung nicht übel, lässt sie sich doch prima mit dem Thema seines Stücks verbinden: Dullin versucht darin, das Phänomen der Fake News und Alternativen Fakten für die Bühne nutzbar zu machen. Fast jedes Theaterstück, so seine These, beginne mit einer Lüge. Da behaupte eine_r jemand anderes zu sein als er_sie ist, und für die Dauer des Abends akzeptiere das Publikum diese Behauptung als gegeben. Der Schauspieler verteidige seinerseits die Lüge unter Aufwand seines gesamten Könnens, bis die Frage nach dem Wahrheitsgehalt obsolet würde, weil wir uns zu gut unterhalten fühlten, um die Lüge entlarven zu wollen.

Im Fall von Johannes Dullin weckt schon der Titel beinahe unerfüllbare Erwartungen, an denen sich der Performer den gesamten Abend abarbeiten wird. Was macht ein Stück zum besten der Saison? Um das herauszufinden, sagt Dullin, müsse ich schon schauen kommen. Aber er wolle mir Folgendes verraten. Er würde sehr lange alles tun, um die Zuschauer_innen ins Boot zu holen, um dieses im Anschluss komplett zu versenken.

Bei aller Albernheit ist Dullin ein Perfektionist. Seine Arbeiten bezeichnet er als Kompositionen, in denen jedes Element seinen Platz hat und Publikumsnähe und Experiment sich stets die Waage halten. Während er früher oft mit Improvisationen gearbeitet hat, kreiert er seine Arbeiten heute lieber am Schreibtisch. Er vergleicht seinen Arbeitsprozess mit der Anfertigung eines Mobiles. Das Befestigen eines ersten Objektes setzt er mit der Formulierung einer ersten Idee gleich. Um dieses erste Element in Balance zu halten brauche es ein zweites, um diese Zweierkonstruktion auszutarieren ein drittes, und so weiter, bis das Mobile in perfekter Balance schwebe.
Vielleicht ist das Bild des Mobiles für Dullin selbst ohne Signifikanz, erfundene Pseudopoesie für das schreibende Gegenüber. Die Inspiration fürs eigene Schaffen, die es in einem auslöst, ist jedoch echt. Darum wechselt man bei diesen Alternativen Fakten nicht den Sender, sondern bleibt am süssen Lügenbrei dieses begnadeten Geschichtenerzählers kleben.

The best piece of this season von Johannes Dullin,  10. November, Schlachthaus Theater 20:30 Uhr

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

Bern auf Probe: Gurlitts schrecklich nette Familie

Anna Papst am Dienstag den 31. Oktober 2017

Wenn eine Gruppe seit 18 Jahren Theater macht, sammelt sich einiges an. Im Proberaum von Schauplatz International, einem Urgestein der Freien Szene, lassen sich unter anderem ein Ruder-Fitness-Gerät, ein Keyboard, drei Fahrräder, rund 60 Klappstühle, drei Kaffeemaschinen, eine Mikrowelle, zwei Turnmatten, eine Gitarre, ein Fussball, eine Bratpfanne, eine Spritzflasche zur Pflanzenbewässerung und ein Skianzug finden. Das buntgemischte Sammelsurium erinnert an den Inhalt eigener Keller-, Estrich- und anderer Stauräume. In dieser vertrauten Kollektion von Übriggebliebenem macht man es sich gerne gemütlich, um von sich zu erzählen. So wie Marianne Kaiser, die am heutigen Probentag von Anna-Lisa Ellend für das Projekt „Gurlitts entarteter Schatten“ interviewt wird. Darin geht es um ein fiktives Familientreffen der Gurlitts, die alle irgendwie mit Kunst zu tun haben. Biographien und Kunstbezug der behaupteten Gurlitt-Familie speisen sich aus Interviews mit dem Schauspieler Nico Delpy und vier Bernerinnen und Bernern, die die Familienmitglieder auf der Bühne verkörpern.

Was an diesem Familientreffen wohl verhandelt wird? Probefoto von “Gurlitts entarteter Schatten”, geschossen von Schauplatz International Mitglied Anna-Lisa Ellend

Marianne Kaiser wird eine Tante von Cornelius Gurlitt spielen, die aus einem engen Tal kommt. Bei ihr selbst ist es das Emmental. In einem behüteten Mehrfamilienhaus, in dem neben ihren Eltern und Geschwistern auch noch Grosseltern, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen gewohnt haben, ist sie aufgewachsen. Es wurde ihr im Emmental aber bald zu eng. Mit Marschmusik und Dorfchilbi konnte sie nicht viel anfangen. Als Jugendliche verschlang sie das Buch „Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und war fasziniert vom kaputten Berliner Milieu. Bleich sein, fand sie, die mit ihren roten Backen quasi das Inbild des gesunden Landlebens war, das Nonplusultra.
Während Marianne Kaiser erzählt, führt Albert Liebl Protokoll, das neunzigminütige Gespräch wird vom Klicken der Computertastatur begleitet. Anna-Lisa Ellend stellt ihre Fragen der Chronologie des Heranwachsens entlang, kommt von Privatem auf Zeitgeschichtliches zu sprechen. Marianne Kaiser erzählt von Zaffaraya, von einer Zeit, in der es jede Woche eine Demonstration inklusive Sitzstreik vor der Schützenmatte gab. Später protestierte man gegen die Atomtests unter Jacques Chirac oder pilgerte nach Mühleberg um gegen hiesige AKWs mobil zu machen.

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Kulturbeutel 44/17

Urs Rihs am Montag den 30. Oktober 2017

Der Urs empfiehlt:
Eines der besten Deutschrap Dinger dieses Jahres live, der Schwab berichtete, Trettmann im Stock, am Freitag. Und wenn wir schon street sind, geht doch am Samstag an der Monbijoustrasse 6 vorbei, zur Layup Neueröffnung. Der Laden trägt seit 16 Jahren hart zum Stadtbild bei und zieht nun um. Wichtiger Schuppen für die Kreativszene der Stadt und Schnittstelle verschiedener Subkulturen.

Mirko Schwab empfiehlt:
Schwierig schwierig, denn my boi Urs hat Recht. Im Moment gibts eigentlich nur noch einen – und der heisst Tretti. Zum Glück tut sich auch abseits der abgetanzten Konzertlokale was: Das Schwobhaus in der Länggasse ist so ne feine Adresse, wo die Bohème am Sonntagnachmittag zu den aparten Neunzigerjahre-Reminiszenzen der Berliner Girlie abkatert. Wichtiger Move für die Ketaminszene der Stadt und Bittstelle zerriebener Rotweinhuren.

Die Krstic empfiehlt:
Die Donnerstagnächte sind die neuen Samstagnächte. Gilt das eigentlich noch? Ich bin nicht mehr ganz so up to date, aber empfehlen kann ich Ihnen das Trio Komfortrauschen aus Berlin trotzdem. Live gespielter Minimal, federnd frisch, get your sneakers and your freak on. Am Donnschti im Ross, präsentiert von meinen Lieblings BlauBlau Records.

Fischer empfiehlt:
Die zweite Woche von Tanz in Bern. Da gibt es neben viel tollem Tanz auch zwei lohnende Vorträge: Am Samstag von Christian Budnik zum Thema «Mensch-Maschine» und am Sonntag von Barbara Duden zum Thema «Innere und äussere Bewegung in ihrem Dialog».

Frau Feuz empfiehlt:
Stöck Wyys, Stich! Am Mittwoch gibts Jassturnier 2.0 in der Zarbar. Am Samstag klauben sie dann aus ihrer Singles-Sammlung Nick Kershaw, Belinda Carlisle (oder was auch immer für andere Verbrechen Sie Zuhause horten) aus dem Plattenschrank und marschieren damit ins Wohnzimmer zur Singles Night – The Records Player Party.

Nieder mit dem Elektrophallus

Mirko Schwab am Samstag den 28. Oktober 2017

Es rumort im Berner Untergrund. Und die Stromgitarre lebt hoch. Auch dank Willibald, die am 11. November ihre neue EP vorlegen.

Deborah Spiller von Willibald bei der Arbeit. (Photo: JBDUBOIS)

Gitarre, Bass und Schiessbude, die Urformel. Elementare Anmut des Rocktrios. Hier wird nicht gefummelt, denn fürs solistische Gewichse fehlt die zweite Geige, die verknechtete Rhythmusgitarre. Das Gewicht lastet auf dem Dreier gleichermassen und das Primärziel ist energetisch. Dreimal laut und ohne Schabernack.

Oft wurde das Rocktrio für tot erklärt und mit ihr die ganze Gitarrenmusik, als wäre sie wirklich gestorben an diesem trüben Dienstag im April 1994. (Zur Stirn, zur Brust, nach links und rechts.) Doch die musizierende Zunft blieb erfinderischer als der gemeine Musikjournalist, immer mal wieder liess sich was aufregendes anstellen mit dem alten Saitenscheit. Ja, man kann die Gitarre auch zerschlagen, zertreten, verstümmeln und in Brand stecken – das Popgedächtnis aber ist der Roadie, der sogleich eine neue, funktionstüchtige und einwandfrei in gedroppt D gestimmte Klampfe auf die Bühne zurückbringt.

Trotzdem ist es gut, wird die Kulturgeschichte der Stromgitarre von Zeit zu Zeit neu verhandelt und um ein Kapitel bereichert: «Girls who play guitars» heisst das im Schrieb begriffene – und nochmal mit Blick zurück in den amerikanischen Nordwesten 199X – das schon unlängst begonnene. Nieder mit dem Elektrophallus! Ein Kapitel also schreiben, um es obsolet zu machen – denn eigentlich ist es schrecklich langweilig, über das biologische Geschlecht einer Instrumentalistin oder eines Instrumentalisten nachzudenken. Doch vorerst leider nötig.

Womit wir bei Willibald wären, einer der Bands der Stunde in dieser herbstlichen Sandsteinstadt und – zufällig oder programmatisch, who cares in near future – zwei Girls und ein Boy: Gitarre, Schiessbude und Bass. Aus der kommenden EP liegen schon Schnipsel parat im Interwebs, die eine äusserst ansprechende Mischung aus entrücktem Gaze und grobkörnigem Garage-Gestus versprechen. Auf «While We Feel Romantic On Rooftops» gibts nichts, was in der Geschichtsschreibung der Popmusik nicht schon angeklungen wäre, auf einer Jaguar, Jazzmaster, Telecaster irgendwo – und desto erfreulicher ist es, schürft die Band so schnörkellos die alten Wunden und macht der totgeglaubten Gitarrenmukke ein feines Fest in fünf beseelten Liedern. Atemberaubend halsbrecherisch trommelt sich da Christine Wydler bisweilen in Ekstase, drückt Charli Grögli am Viersaiter aufs Fuzz-Pedal. Und eine helle Freude auch der schamanische, von Tonmeister Stefan Allemann blendend inszenierte Gesang der Debo Spiller.

(Thanks for saving Rock’n’Roll, dear Willibald.
At least till tomorrow morning.)

Bitte notieren Sie: 11.11.17, Release «While We Feel Romantic On Rooftops» (Oh Homesick Records) von Willibald. Getauft wird in der schönen Spinnerei.