Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Bern auf Probe: Tanz der Genderidentitäten

Anna Papst am Dienstag den 17. April 2018

Perückenköpfe, Sterne, Spiegel und rosarote Plastikpferde: Die Kunst heisst Musical!

 

Betritt man diese Tage die Vidmar 1, wähnt man sich in den späten Achtzigern: Ein riesiger, grünglänzender Stern nimmt die Bühnenmitte ein, die Protagonistin trägt eine Lederkluft mit Bikershorts, Corsage und Fransenjacke. Coiffeurstühle und Perückenköpfe säumen den Bühnenrand, die Seitenwände sind mit Spiegeln versehen; der ganze Raum schafft eine Anlage von Verkleidung und Travestie. Wo ausgefallene Frisuren auf rollbare Sitzgelegenheiten treffen, ist das Musical nicht weit: Geprobt wird „Coco“, geschrieben von Alexander Seibt, komponiert von Marcus Schönholzer. Diesen Beitrag weiterlesen »

Postkarte aus Chur

Gisela Feuz am Samstag den 14. April 2018

Die Wo-ist-Walter-Bücher sind sehr beliebt bei Eltern, weil der Goof dann zumindest für einen Moment mal ruhig ist, wenn er sich in die Wimmelbilder des Briten Martin Handford vertieft, um den jungen Mann mit der Flaschenbodenbrille, Pudelmütze und dem rot-weiss gestreiften Shirt zu finden. Die grossformatigen, detailreichen Bilder wurden zum ersten Mal vor 31 Jahren in Grossbritannien veröffentlicht, seitdem gibts die Bücher mit Weltenbummler Walter in insgesamt 33 Länder in 22 Sprachen zu kaufen.

Walter heisst aber nicht überall Walter. Im Englischen Original wurde das Kerlchen auf den Namen Wally getauft, in Norwegen nennt man ihn Willy, die Spanier und Italienier Walter Wally, in Nordamerika heisst er Waldo, in Frankreich Charlie und in Dänemark Holger. Seit neustem gibt es nun auch eine berndeutsche Version und die heisst Julian. Die Testphase ist gerade im Bündernland angelaufen, offenbar hat man aber vergessen, Julian über die entsprechende Garderobenpflicht zu informieren. Finden Sie ihn trotzdem?

Wer das gestrige Konzert von Julian Sartorius mit Bruno Spoerri bei BeJazz verpasst hat, gehe am 21.4.2018 in die Dampfzentrale. Dort trifft Schlagzeuggott Sartorius auf den New Yorker Multiinstrumentalisten Shahzad Ismaily. Im Anschluss dann Peter Kember, ja genau, narkotisch-psychedelisch-repetitiv-Spaceman 3-Kerner mit seinem Projekt Spectrum.

Kein richtiges Essen im falschen Mercedes?

Urs Rihs am Freitag den 23. März 2018

Seit Montag kreuzt ein neuer Benz die Strassen der Siedlung. Mit goldenem Kühlergrill.
Hie und da macht er Halt am Bordstein und verkauft Grünes, Braunes und vor allem Frisches. Gemüse, Seitan, dies das Veganes. Nur Selbstgekochtes, natürlich – auch der Eistee.

Schöne Sache, vor allem weil nicht Pop-up oder nur so Zwischennutz, sondern hundert Prozent und selfmade und hoffentlich beständig.
Der Jüngling am Steuer und Feuer ist klassischer All-iner, alles oder nichts, ohne doppelten Boden.
Entweder hauts hin oder Feierabend. Selber fahren, selber kochen, selber produzieren.
Zum Verkaufen ist man dann zu dritt in der bereiften Büd, ein richtiges Kleinunternehmen: «Vegan Outlawz».

Entrepreneurship im Blut der Bube – ohne Blut.
«Vegan ohne Mission», wie er beim Gespräch aber beteuert.
Moral und Laktose sind einfach komplizierte Sachen und darum lieber mal halblang mit Tierischem. Muss nicht immer gleich der Grundsatzhammer folgen, das geht auch pragmatischer. Keine Bekehrungswut am Horizont– an diesen Wagen dürfen sich auch verbissene Karnivoren wagen, ohne dabei um ihre Fleischeslust angsten zu müssen.
Neugier wär bei der Konservativfraktion hingegen angebracht. Die Lust aufs Andere darf hier, so zur Abwechslung mal und wenn man dabei auf den Geschmack kommt, umso besser.
Und wer trotzdem nicht will, der hat ja bekanntlich schon.

Und für die hartgesottene MarcoCamenischfraktion: Es gibt kein richtiges Essen im falschen Mercedes, schon klar und teures Biofutter für mittagspausenzeitbeschnittene Bruttosozialprodukthamster –  schwierig schwierig … Aber lasst doch die polternden Parolen, bei diesem Foodtruck gibt’s schliesslich für praktisch jedes Budget was qualitativ hochwertiges zu Beissen, selten genug. Preisrange zwischen 6.- (Suppe) und 19.- (Spiessli Teller), schwer fair!
Und im eigenen Garten kann man schliesslich weiterhin unbescholten selber anbauen.

Wo der Benz am Bordstein durch die Woche Halt macht: Montag,11:45-13:30, Mittelstrasse 12, Längass (dort beim Tingel Kringel) – Dienstag, same same as monday – Mittwoch,11:45-13:30, Lorrainestrasse 23 (da beim LoLa) – Donnerstag, 11:45-13:30, Lorrainestrasse 4 (beim Nordring Fair Fashion Laden.)

Bern auf Probe: Eine Lektion in äthiopischer Geschichte

Anna Papst am Mittwoch den 21. März 2018

Gebrehanna Productions möchten individuelle und kollektive Erfahrungen theatral erforschen. Zum Beispiel den Fall des sozialistischen Regimes in Äthiopien.

Wie bringt man einen jahrhundertelangen Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit auf die Bühne? Zum Beispiel, in dem man davon erzählt. Der äthiopischen Regisseur Aron Yeshitila, der inzwischen in Brugg wohnt, wollte in seiner ersten Inszenierung “Kings of Interest” auf die Interessen europäischer Mächte aufmerksam machen, die den demokratischen Wandel in seinem Heimatland immer wieder erschweren. Als Grundsituation wählt er ein Treffen unter Freunden: Seine Gruppe “Gebrehanna Productions”, zur Zeit bestehend aus vier Performenden, zwei davon Schweizer*innen, zwei davon Äthiopier sitzen bei Aron am Küchentisch. Man diskutiert über die neusten politischen Entwicklungen. Während die Schweizerin begeistert und hoffnungsvoll ist, winken die beiden Äthiopier ab: Zuviele Versprechungen wurden schon gemacht und nicht gehalten, als dass man den neusten Versicherungen Glauben schenken würde. Um zu erklären, woher dieser Pessimismus rührt, beginnt man, die letzten 150 Jahre äthiopischer Geschichte zu rekapitulieren, springt bald vom Stuhl auf und spielt in brecht’scher Manier Treffen zwischen politischen Führern nach.

Die Entscheidung, nicht nach einer Identifikationsmöglichkeit mit den involvierten historischen Grössen zu suchen, sondern ein distanziertes, schemenhaftes Spiel zu wählen, ist eine richtige. Dennoch kommt es nach dem ersten Durchlauf zu Diskussionen: Die beiden weissen Schauspieler*innen deutscher Muttersprache haben deutlich mehr Text als die beiden Äthiopier. Was aus pragmatischen Gründen entschieden wurde – die Deutsch- und Englischkenntnisse der beiden letzteren sind begrenzt, und man wendet sich schliesslich an ein Deutsch sprechendes Publikum – wird zum Statement: Wieder scheinen die Europäer*innen das Sagen und damit die Deutungshoheit über die geschichtlichen Ereignisse zu haben. Diese Aussage wollte man aber eigentlich nicht treffen, vielmehr soll die äthiopische Geschichte, die zu grossen Teilen auch europäische Kriegs- und Kolonialgeschichte ist, einmal aus der Sicht eines Äthiopiers erzählt werden.

Die Diskussion über die Wirkung der Textverteilung erweist sich als nicht ganz einfach: Zum einen ist da das Sprachproblem, zum anderen die unterschiedlichen Sehgewohnheiten und Theaterkonventionen. Während die schweizerische Hälfte sich über Tanzeinlagen wundert, die die äthiopische als passend empfindet, kann das Schweizer Testpublikum ein Bild nicht klar lesen, was den äthiopischen Darstellern schon fast zu deutlich ist: Während der Diktator eine Rede hält, erklingt ein Summen, dass zum bedrohlichen Gebrumm anschwillt. Der Führer sieht sich von einem Bienenschwarm bedroht. Das Insekt ist das Symbol der damaligen Widerstandsbewegung, die heute Regierungsmacht ist.

Es braucht viel Übersetzung, um dieses Stück gemeinsam zu stemmen, aber es lohnt sich: Das Ergebnis lässt sowohl die Performer*innen als auch die Zuschauer*innen einen anderen Blickwinkel auf die eigene Geschichte einnehmen.
“Kings of Interest” von Gebrehanna Productions, 21./23./24. März 20:30 Uhr, Tojo Theater Reitschule Bern

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

«Dinge, die das Herz erfreuen»

Gisela Feuz am Samstag den 17. März 2018

Und wenn man denkt, analog geht nichts mehr, kommt von irgendwo der Beat-Man her. Beziehungsweise Gregor Samsa aus Hamburg. Oder beide zusammen. Lassen Sie mich erklären. Kürzlich fand sich folgenden Nachricht in Frau Feuz’ elektronischem Briefkasten:

Hi,
ich veröffentliche am 11. Mai 2018 ein neues Album (in der Band: Mario Batkovic, Julian Sartorius, Resli Burri und Nicole Izobel Garcia), zur Zeit habe ich sieben Videos in Arbeit, wovon eines ein analoges Vinyl-Video ist ist. Kein Witz! Ich habe das Glück, eines von vier Versuchskaninchen zu sein. Ein anderes ist Motörhead.
Beat-Man

Dass der Berner Blues-Trash-König Beat-Man ein neues Band-Projekt am Start hat, verwundert wenig. Der Mann ist mit einem Tatendrang gesegnet, der jeden Hyperaktiven vor Neid erblassen lässt. Das neue muskalische Unterfangen nennt sich «Reverend Beat-Man and the New Wave» und eine erste Kostprobe offenbart: Der Meister der unheiligen Schreipredigten schreit nicht mehr, sondern singt. Was hingegen definitiv erstaunt in obiger Nachricht ist: «Vinyl-Video» und «Motörhead». Da kommt nun Gregor Samsa ins Spiel, der Chef von Sounds of Subterrania, ein Label, das in Hamburg beheimatet ist und heuer sein 20-jähriges Bestehen feiert.

Eigentlich sei das Vinly-Video schon vor 15 Jahren in Österreich von einem Künstler und einem Physiker entwickelt worden, erzählt Samsa. Mittlerweile sei das Vefahren nun aber so weit verfeinert worden, dass es allen Leuten zugänglich gemacht werden könne. Bei einem Vinyl-Video sind sowohl Bild- als auch Ton-Signal auf einer Single gespeichert. Dieses Signal wird von der Plattennadel abgenommen, in einem Vorverstärker umgewandelt und so wird Video und Song an jedem beliebigen TV-Gerät oder Bildschirm seh- und hörbar. Alles was man braucht, ist ein normaler Plattenspieler, ein Bildschirm und den Konverter. Mit 8 Bildern/Sek. entstehen dabei hübsche Schwarz-Weiss-Videos, die in ihrer Ästhetik an Filme aus den 20er- oder 30er-Jahren erinnern.

Gregor Samsa ist in der Szene bekannt für seine aufwändigen Special-Editionen, welche er für Künstler*innen auf seinem Label fertig. So hat er für Beat-Man etwa den Sarg entworfen oder für die Monsters ein ganzes Bühnensetting in Lego herausgegeben. Wenn Samsa was an die Hand nimmt, dann steckt er viel Liebe und Arbeit in die Sache und das hat sich mittlerweile herumgesprochen. Deswegen habe auch das Management von Motörhead Interesse an seinem Vinyl-Video bekundigt. «Die wissen, dass es mir nicht einfach darum geht, Lemmys Erbe auszuschlachten, sondern die Idee von Rock’n’Roll, welche ja auch Motörhead verkörpert hat, weiterzutragen», sagt Samsa. «Wer eine Vinyl-Single kauft, wird die nicht alleine anhören und anschauen, sondern die Freude daran teilen wollen. Ich fertige keine Massenware, sondern Dinge, die das Herz erfreuen.»

Samsas Nischenprodukte erreichen nur einen kleinen Teil der Bevölkerung und sind finanziell nicht lukrativ, zumal Preise so tief als möglich gehalten werden. (Bei der Monsters-Lego-Box geht der Löwenanteil an Lego, der Vinyl-Single-Adapter kostet 178 Euro, womit nur ein Bruchteil der 15-jährigen Forschungsarbeit vergütet werden kann.) Von den vier Künstler*innen, welche als erstes eine Vinyl-Single herausgeben, sind drei einer breiten Masse unbekannt. Er hoffe, dass durch das Interesse an Motörhead auch das Interesse für The Courettes, Frankie Stubbs von Leatherface und Beat-Man gesteigert werde, sagt Samsa. Warum die Wahl dabei ausgerechnet auf den Berner Beat-Man gefallen ist, soll der Mann aus Hamburg gleich selber erklären. Selten hat die Rock’n’Roll-Welt eine schönere Liebeserklärung gehört.

 

Am Dienstag 27. März zeigt Beat-Man im Dachstock der Reitschule fünf Videos zu seinen beiden kommenden Alben, mit dabei wird auch das Vinyl-Video sein. Das Label Sounds of Subterrania feiert vom 26. – 31. März das 20-jährige Bestehen mit diversen Konzerten im Hamburger Hafenklang.

‘Dschnure / Shut Your Mouth

Mirko Schwab am Mittwoch den 7. März 2018

Über ein sehr talentiertes Duo aus Dresden und die Fahrigkeit der Musikvermarktung.

Stimmgewalt ist ein wüstes Wort. Übt gleich selbst Gewalt an den Stimmen, auf die es angesetzt wurde. Gerne verwechseln die floskelfreudigen Sadomasochisten der Promotion – ebenso wie die stinkfaule Musikjournaille – jene diagnostizierte Gewalt mit Feinfühligkeit. Inéz Schaefer ist das wahrscheinlich egal. Sie macht ihre Arbeit, sie macht sie verdammt gut und ob es die Gewalt ist oder die Liebe, die der kleine Mann mit dem Bleistift darin zu erkennen glaubt, ändert im Allgemeinen nichts.

Also:
Shut your mouth. Als mir das Lied letzten Winter im Feed zum Frass vorgeworfen wurde, da fiel ich instantly in Liebe damit; das Schlagzeug direkt ins Gesicht wie ein nasses Tuch, links rechts, und schon ist man mittendrin im wunderschönen Wahnsinn dieser Gruppe. Inéz Schaefer schmettert ihre zuweilen karibisch skandierten Zeilen hinterher und kurz bevor man den Verstand komplett verlöre, Ha!, ist Luft und Frieden: Unter Einsatz eines anmutig glucksenden Vocoder-Geräts seiltanzt sich die Sängerin, eine zurückhaltende Pianofigur als Sicherheitsnetz nur, seiltanzt sie sich in die Höhe und man glaubt Justin Vernon daneben zu erkennen, er nickt ihr zu mit einem Lächeln. Gesichert aber ist folgendes: Moses Schneider, der Bands wie Tocotronic grossartig und Bands wie AnnenMayKantereit mit Sicherheit nicht noch beschissener gemacht hat, dieser findige, zu tontechnischen Abenteuerlichkeiten neigende Intuist, hatte seine geschickten Finger an den Reglern. Schaefer singt, Schneider schält im Hintergrund – das Beste hätten wir beinahe vergessen.

«Minimalistische Beats» behauptet der Pressetext. Und lügt natürlich, jeder Pressetext lügt irgendwo, um der gegenwärtigen Mode einen Gefallen zu tun. (Lügenpresse! Sidenotiz: Die Band hat sich einst in Dresden zusammengetan.) Gelogen also darum, weil die Lieder getragen werden von einer perkussiven Opulenz, vordergründig und aufdringlich im besten Sinn, die mit fiesen Sounds und fiesen Rhythmen so zu operieren weiss, dass ihre Körperlichkeit und Direktheit dabei keinen Schaden nimmt. Dafür verantwortlich zeichnet Demian Kappenstein, Drummer at heart und wild und mindestens die Hälfte.

ÄTNA heisst das ungemein zeitgeistige Duo und brennt mit seiner polytoxischen Mischung aus Electronica und Kammerpop-Songschreibe, aus spätmodernem RxB und in die Klangwelt des Industrial verkanteten Dubmomenten gerade richtig durch. (Besagtes Lied liegt nach Spotify-Beliebtheit mit jämmerlichen 14’000 Hörmomenten auf dem siebten Platz, weit hinter der Pianoballade «Remission» mit 900’000 Plays.)

Ja, das einzige, was an dieser Band wirklich nervt: Die beiden sehen bei all der Begabtheit auch noch verdammt gut aus.

Finden Sie sich heue bei Bee-Flat im Progr ein. ÄTNA spielt auf, die – vielleicht etwas gar gut – bekömmliche Basler Folkpopgruppe Serafyn eröffnet. 19:30.

Postkarte aus Fränwilje-Tobenlosch

Anna Papst am Mittwoch den 28. Februar 2018

Der wunderschöne Erdenfleck ist bilingue und wir sind es auch: Wir diesjährigen Autor*innen des Stück Labors haben uns für eine Schreibretraite im Gasthaus “Des Gorges” in Frinvillier-Taubenloch, ja, eingenistet, und erzählen auf Französisch und Deutsch von poststrukturalistischen Soldaten und gefallenen Kosmonauten, von gebrochenen Verbrechern und Löchern in der Wirklichkeit.

Innerhalb der nächsten zehn Monate werden unsere Stücke in Basel, Bern und Genf uraufgeführt werden, aber noch befinden wir uns in der Autorenblase, in der jede Änderung nur eine Backspacetaste entfernt ist. Wenn der Kopf zu voll und der Magen zu leer ist, fallen wir dreimal um und landen bei Juri im Restaurant. Vier Wildschweinwürste später rattert die Gedankenmaschine wieder, es klappert die Tastatur. “Schreiben ist eine einsame Tätigkeit”, lautet gefühlt jede zweite Überschrift eines Interviews mit einem*r Autor*in. Schön, dass wir an diesem einsamen Ort zu viert sind.

Taubenlochschlucht (schönes Wort)

Im Gasthaus “Des Gorges” kann man fantastisch essen und tief schlafen

Im Stück Labor wird Gegenwartsdramatik gebraut

Dieser Schrieb wird Ihnen präsentiert von der Tamedia AG

Mirko Schwab am Samstag den 24. Februar 2018

Die Widersprüche aushalten. Es ist so ein Satz, den mein lieber Bongoboi Urs gerne einschiebt, wenn sich die Fronten zu verhärten drohen, der Diskurs Fratze zeigt statt Fruchtbarkeit. Es geht um das Dazwischen und die Demokratie. (Und um «Duscholux»!)

Die Widersprüche aushalten. Nichts beschreibt die Sandsteinstadt, in der wir leben, wohl besser als dieses Leitmotiv.

Bild: Jessica Jurassica

Und eines ist sicher: Das Wort «Diskurs» in der Kopfzeile hat noch nie jemanden zum Weiterlesen eingeladen und also Gratulation von Herzen, wenn Sie jetzt noch bei mir sind. Aber zwischen all den lustvollen und aus Überzeugung treuen Kulturgängen und Rezensionen, nebst dem Blick fürs Spezifische, nebst Rosinen, Ausschnitten, Momenten und all den Nahaufnahmen aus der Mitte unseresgleichen, im Abseits vielleicht (ihr Wichser!) – da könnte kurz Platz sein für die Frage nach den sandsteinernen Rahmenbedingungen und einer kollektiven Identität im Widerspruch.

Mach mal halblang (that’s what she said!). Was meinst Du zu erkennen?

Ich lebe zwischen Bundeshaus und Polizeirevier über den Stromleitungen der Strassenbahn, über Strassenmusik und Guggenmusik, über den Stromwegen des Tourismus, der Gschaffigkeit und des Rumlungerns. Eidgenossen und Marcellos Casa und das Bellevue-Fumoir sind sich nah. Projektionen am Parlament erklären mir die Schweiz in Bild und Ton, dann hat das Bürgertum eine Schlöf hingemacht, dann ist Markt. Dann ist Umzug dagegen oder dafür, Alertalerta. Amt und Bank, Armut auf Bänkli, Schachspielen und mit Drogen dealen. Irgendwo dazwischen sind wir alle.

Vorgestern las ich Rysers brillanten WOZ-Report über Kokain. Auf Kokain. Gestern gab ich mir Battlerap, freute mich an Punchlines like «Ich hab mit deiner behaarten Mutter Analsex auf Speed», diskutierte über Feminismus und war gut zu einer Frau. Heute gehe ich ins Stadion und schreie in der Kurve aus Linken und Rechten, Idioten und Gescheiten, Stadtchauvinisten und Landeiern, lasse mich von Werbung penetrieren bei jedem Eckball, jeder Einwechslung, jeder Gelben Karte, obwohl ich wirklich keine «Lust» habe auf ein neues Bad, fick dich «Duscholux» oder befriedige dich selber mit der Brause, ich gehe ins Stadion und träume von einem Meistertitel, der eigentlich wertlos, eigentlich sinnlos und doch aufs Ehrlichste mit meinem Glück – und dem vieler vermeintlich sehr anderer – versponnen ist.

Google fragt irgendwas, ich stimme zu.
Avocado kommt von irgendwo, ich lange zu.
Du sagst irgendwas, ich höre zu.

Im Dazwischen sind wir alle. Und das ist unser Glück. In unserer kleinen Sandsteinstadt verdichtet und verdoppelt sich der Widerspruch, denn wir sitzen alle am selben Tisch und im selben Tram. Sind selbst schon wandelnde Widersprüche. Auch wenn wir uns auf dem Dachboden verschanzen, Transparente aus den Fenstern hängen, Blasen aufblasen, Mauern hochziehen, gescheite Dinge behaupten und dumme Dinge schönreden (s/o to myself!) – es ist zu eng hier im Sandsteingemäuer, als dass wir uns nicht grüssen würden oder auf die Schuhe stehen und uns miteinander zu konfrontieren haben.

Es ist zu eng unter der Hirnrinde, als dass wir uns nicht selber ständig widersprechen würden. Das ist unser verdammtes Glück.

Rauchen im Gebüsch

Anna Papst am Mittwoch den 21. Februar 2018

Theaterprobe unter freiem Himmel am Magdi Elnour Theater Festival

 

Als Ahmed Abdel Mohsen die mit ihm befreundete Filmerin Elvira Isenring 2016 einlud, einen Workshop am Magdi Elnour Theater Festival in Khartoum zu geben, wusste sie vom Sudan bloss, was man in der Zeitung las. Und das war wenig. Die internationalen Medien und ihre Leser*innen waren mit der sogenannten Flüchtlingskrise beschäftigt, das Land, in dem fünf Millionen Menschen am Existenzminimum leben, war vom Radar verschwunden.

Isenring beschloss, diese Wissenslücke aus eigener Kraft zu schliessen. Je mehr sie über die jüngere sudanesische Geschichte las, desto klarer wurde ihr, was in der Schweiz alles an uns vorbeigegangen ist. Dass das Land beispielsweise einen eigenen Arabischen Frühling erlebte, weiss hierzulande kaum jemand. Oder dass das Durchschnittsalter der Bevölkerung knapp neunzehn Jahre beträgt.

Die ausgesprochen junge Bürger*innen lechzten nach Ausdruck und Austausch, so Isenring, weil das Land so lange isoliert gewesen sei und unter dem autoritären, streng islamistischen Regime von Präsident al-Baschir noch immer wenig Freiheiten erlaubt seien. Von den Freiheiten in der Kunst, die sich die sudanesischen Kulturschaffenden nehmen, handelt Isenrings Radio-Feature „The Black Elephant – Kultureller Widerstand im Sudan“. Bei ihrem Besuch im Sudan habe sie Leute kennengelernt, über die sie berichten wollte: Junge Künstler*innen, die aller Repression zum Trotz experimentelles Theater machen und mit Witz und Kunstfertigkeit den Alltag in einem Staat, in dem offiziell fast alles verboten ist, auf der Bühne widerspiegeln. Dass in einem Theaterstück am Festival etwa ein Schauspieler einen Betrunkenen darstellt, ist eine kleine Sensation, denn der Konsum von Alkohol ist illegal, Betrunkene darf es eigentlich nicht geben.

Bei Mehera Salim wusste Isenring gleich als sie sie zum ersten Mal sprechen hörte, dass sie im Radio-Feature zu Wort kommen muss. „Ihre Stimme, wie sie die Dinge erzählte – wie ein frischer Pausenapfel.“ Die junge Filmemacherin hat einschneidende Erfahrung mit dem repressiven Staat gemacht: Ihren Kurzfilm „Lust“ durfte sie an keinem Festival zeigen. Die behandelten Themen Liebe und Sexualität seien „eine Zumutung“, wurde ihr mitgeteilt. Dabei wird im Film kein sexueller Akt und keine Nacktheit gezeigt, es geht lediglich um zwei Menschen, die sich küssen wollen. Aber Küsse dürfen wie Betrunkenheit nicht von der Öffentlichkeit gesehen werden. Im Anschluss an ihr Gespräch versteckten sich die beiden Filmerinnen gemeinsam im Gebüsch – um zu rauchen.

Dass im Sudan überhaupt ein Theaterfestival stattfinden kann, führt der Theaterregisseur und Aktivist Maruan Omar, den Isenring ebenfalls befragt hat, darauf zurück, dass es einfach zu viele junge, ehrgeizige Menschen gibt, die sich kulturell engagieren. Die Regierung habe gemerkt, dass sie Kunst zulassen und der jungen Generation dieses Stück Freiheit gönnen müsse, weil sie sich sowieso nicht stoppen lasse. Es ist eine Stärke des Features, dass man alle Gesprächspartner*innen in ihrer Muttersprache reden hört. Isenring hat ganz bewusst darauf verzichtet, die Interviews auf Englisch zu führen. Sie wollte Khartoum einfangen, wie sie es erlebt hat, nicht in einer künstlichen, vermeintlich internationalen Sprache.

Ausserdem war es Isenring wichtig, auch die Rolle Europas zu thematisieren. Im Zuge der Flüchtlingskrise wurde ein EU-Nothilfe-Treuhandfonds für Afrika ins Leben gerufen, an dem sich auch die Schweiz beteiligt. Hilfsgelder werden jedoch nicht für Bildung und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung eingesetzt, sondern für die staatliche Grenzsicherung, damit keine Flüchtlinge über den Sudan nach Europa kommen. Die sudanesische Regierung sichert die Grenzen und damit ihre eigene Macht – finanziert von den Ländern, die vorgeben, die autokratische Herrschaft zu verurteilen.
Dass der Bericht, der von so weit her kommt, also direkt mit uns zu tun hat, wird wohl auch die Zuhörer*innen am SonOhr Festival leer schlucken lassen, wenn sie am Samstag im Kino Rex „The Black Elephant“ lauschen. Das Feature dauert fast eine Stunde. Eine Stunde, in der man miteinander im Kino sitzt, wobei die Leinwand schwarz bleibt, während der Film im Kopf abgeht.

 

“The Black Elephant- Kultureller Widerstand im Sudan” ist im Rahmen des SonOhr Festival am Samstag, 24. Februar um 18 Uhr im Kino Rex zu sehen.

Bern auf Probe: Literatur gehört auf die Bühne!

Anna Papst am Mittwoch den 14. Februar 2018

Ursina Greuel las 2014 in der Zeitschrift Theater der Zeit ein Interview mit Melinda Nadj Abonji. Die Autorin äusserte sich darin nach einer unglücklichen Uraufführung ihres inzwischen unter dem Titel „Schildkrötensoldat“ erschienen Romans wie folgt: „Literatur, die literarische Sprache erscheint mir geradezu unvereinbar mit dem Theater zu sein, das ich als Ort der Überbelichtung empfinde, der ohne Tricks und (mediale) Effekte nicht mehr auskommt.“ Dieser Satz provozierte die Regisseurin Ursina Greuel, die auch den Stücktext gelesen und Gefallen daran gefunden hatte, so sehr, dass sie Kontakt zu Nadj Abonji aufnahm. Die beiden Frauen lernten sich kennen und die Regisseurin wollte der Autorin gerne beweisen, dass ihr Roman und die Bühne sehr wohl zusammenpassen. Nadj Abonji war sehr zurückhaltend, ihr war die Lust auf Theater zeitweilig vergangen und auch die Arbeit am Roman wollte sie vorerst beiseite legen. Greuel wartete, bis drei Jahre später der Roman beendet und die Lust auf eine szenische Umsetzung zurückgekehrt war.

“Dumm wie Brot” scheint Zoli seinen groben Mitmenschen. Er schweigt – und bäckt. “Soldat Kertész!” ist ab 22. Februar im Schlachthaus Theater zu sehen.

Es ist kein Zufall, dass sich Greuel herausgefordert sah, zu beweisen, dass zeitgenössisches Theater und literarische Sprache miteinander einher gehen können. Seit dem Ende ihres Studiums beschäftigt sich die Regisseurin mit Stücken, bei denen die Sprache im Zentrum steht. Wenn sämtliche Effekte, „Verzierungen“, wie sie es nennt, wegfallen, bleiben nur die Schauspieler*innen und die Sprache übrig. Das reiche, um Theater zu machen. Diesen Beitrag weiterlesen »