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Todtraurige Realität

Roland Fischer am Freitag den 2. November 2018

Halloween! Dia de los Muertos! Und die Blätter fallen. Der Gevatter macht Geklapper. Auch auf den Berner Bühnen.

Heute im Bund, zum Tod des Iwan Iljitsch, der am Mittwoch Premiere hatte:

«Sterben in Bern» sollte der Abend eigentlich heissen, und es erklären darin, vom Psychoonkologen und der Radiologin bis zum Bestatter und der Pfarrerin ganz reale Berner Fachleute im Dialekt und ab Band, was Sterben in der Bundesstadt bedeutet, wie es vor sich geht, was man darüber wissen muss und was es kostet.

Einen Tag später dann doppelt die Dampfzentrale nach, im Rahmen von Tanz in Bern. Der zerbrechliche Zauberer und Provokateur Steven Cohen begeht ein ebenso stilles wie heftiges Ritual auf der Bühne: Put your heart under your feet … and walk! Oder im Undertitel: à Elu.

Und was Cohen da anrichtet ist keine leichte Kost. Elu ist tot, Elu ist nicht mehr da, Elu ist eine Lücke, ein Loch, ein himmelschreiendes Unrecht. Cohen versucht Bilder zu finden für den Verlust, live auf der Bühne wie in verschiedenen Video-Einspielungen. Was macht man mit seinem Schmerz, wenn er unfassbar, untragbar wird? Man ertränkt ihn in Blut und Todesgeschäft, im Schlachthof. Das Video dazu ist so unerhört wie betörend, man weiss nicht wann man etwas ähnlich Ehrliches gesehen hat – vielleicht kann man nur im grössten Schmerz so nackt dastehen.

Nichts sei gespielt in diesem Theatertempel, sagt Cohen dann noch, alles sei «real». Auch diese posttheatrale Platitüde lässt man ihm durchgehen, weil diese Realität nichts mit dem nüchternen Dokumentartheater zu tun hat, wie es am KTB (und derzeit sowieso allenthalben) versucht wird. Cohen wählt die grösstmögliche Künstlichkeit, um nächstmöglich ans Ungeheuer Tod heranzukommen. Und bringt uns damit eine brutale, zauberhafte, furchtbar fragile Bühnen-Sternstunde. Zum Schluss holt er sich nicht mal seinen Applaus, sondern verschwindet einfach im Nebel. Und lässt uns allein mit all dem, was er da aufgetischt hat. Man hat noch lang zu kauen daran. Was man übers Sterben wissen muss? Nichts! Weil es nichts zu wissen gibt, nichts zu begreifen, und schon gar nichts zu versöhnen. Was es kostet? Das Leben!

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