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Anatolische Anachronismen

Mirko Schwab am Dienstag den 16. Oktober 2018

Mit Altin Gün war vorgestern wiedermal der Zeitgeist zu Gast im alten Progymnasium. Ein Balanceakt in Vorwärts-Rückwärts.

Ein brav durchmischtes Publikum hat sich den Sonntagabend reserviert. Abfalltrenner und Velofahrerinnen, wohlig rot-grün-mittig. Alt und jung – so würde wohl der Dorfanzeiger melden. Am etwas weniger hüftsteifen Tanzstil geben sich indes die vielen Türken zu erkennen, die den Weg in die Turnhalle angetreten haben. Denn wahrlich: Die niederländisch-türkische Gruppe Altin Gün ist eine der Bands der Stunde.

Das Konzert kommt dann auch rasch ins Rollen. Das Sextett spielt aus den raffinierteren Stücken im Repertoire, die merklich eingetourte Rhythmusabteilung aus Holland braucht kaum Anlaufzeit. Darüber feuert Saz-Virtuoso und Keyboarder Erdinc Yildiz Ecevit seine halsbrecherischen anatolische Linien ab, darunter, eingehüllt in psychoaktive Echoschwaden, Sängerin Merve Dasdemir. Der zunächst warm vorgeschossene Applaus ist bald frenetisch.

Leider sackt die Sache im Mitteldrittel des Konzerts dann merklich ein, was eher an den dünneren Kompositionen liegt als am abgeklärten Bühnenspiel. Wer sich nicht komplett aufs Tanzen verlegt hat, langweilt sich bald an den Bandwurm-Soli und Psych-Rock-Klischees aus der Plattenkiste der LSD-Jahre. Es ist die Story dieser Band: Bassmann und Chef-Digger Jasper Verhulst selbst hat aus seiner Liebe zu türkischer Popmusik der Siebziger eine Band zusammengestellt, per Inserat, die den Sound auf diesen staubigen, halb amerikanisichen, halb orientalischen Verführungen ins 21. Jahrhundert katapultieren sollte.

Und das klappt dann eben halb und immer dann am Besten, wenn die Arrangements wendig, das Gedudel von der Langhals-Laute knappdosiert und die musikalische Perspektivik auch mal vorwärtsgerichtet ist – was gegen Ende des Abends wieder gut gelingt, kurz vor der Zugabe blitzt die anfängliche Idealmischung aus Retro und Futur wieder auf, dass es eine Freude ist. Eben, der Zeitgeist, der zurzeit ganz innig in die Siebziger verknallt ist, er geht um im alten Progymnasium. Und ganz allgemein im Plattenladen. Zwischen Stilkopie als uninspiriertes «in the style of anything nostalgic» und aufregenden Befruchtungen wird zurzeit allerlei veröffentlicht (und als der neu-alte Hot Shit verschrien.)

Wie es sich mit dem Verliebtsein so verhält, ists dann manchmal schön, manchmal peinlich, manchmal langweilig. Altin Gün gehören da doch, soviel war gestern Abend schliesslich klar, zu den Schönheiten.

Das Langspiel «On» ist 2017 auf dem Genfer Label Les Disques Bongo Joe erschienen.

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Ein Kommentar zu “Anatolische Anachronismen”

  1. El Oso sagt:

    … falls wen noch ein Urstück der Verquickung «anatolische Folklore und Pop» wundern tät – diese Brüder waren mal Vorhut der Sache:

    hübsche Scherbe …