Logo

Triff mich, wo ich leide

Mirko Schwab am Donnerstag den 6. September 2018

Das Schwob-Haus hat sein Innerstes nach aussen gekehrt. Impressionen einer Art Kunstausstellung.

Aldir Polymeris, Nicolle Bussien: «Soulseeker» (Bild: Aldir Polymeris)

«Please call me back / I miss you so much -»

Ich liege auf einer alten Matratze und stehle mich in fremde Leben. Eine Hörmuschel ist mein Schlüsselloch. Voyeur bin ich o. écouteur. Nummerierte Auschnitte fremder Realitäten sind zu hören, konserviert als Audiodateien, Voice Memos, beiläufig aufgenommen oder mit einem ganz bestimmten Ziel – die Geschichten bleiben unbekannt, die Intimität ist anonym.

Aldir Polymeris, Künstler aus diesem unbequemen Dutzend Künstler_innen, die im Schwob-Haus Einblick gewähren in ihr Schaffen. Er führt mich herum an diesem kalten ersten Septembersamstag, der auf die Laune drückt. Und also beste Voraussetzungen bietet fürs Alleinsein mit der Kunst. Wir beginnen im Erdgeschoss und diesem kleinen Zimmer mit der Matratze, das er früher bewohnt hat, das jetzt sein Atelier geworden und heute Kunstwerk ist. In Zusammenarbeit mit Nicolle Bussien, Atelier zweite Etage rechts, ist die Arbeit «Soulseeker» entstanden und hier beheimatet. Ein Softwarefehler eines File-Sharing-Anbieters habe tausende von anonymen Sprachnachrichten ins Netz gespült, erzählt er mir. «Soulseek» heisst das Programm, Peer-To-Peer, seit rund zwanzig Jahren werden so virtuelle Güter ausgetauscht im Graubereich der Legalität. Die beiden Kunstschaffenden haben sich des Fundus von Schnipseln angenommen und nach Kategorien der Intimität geforscht, anhand derer sie die Audiodateien – Konzertmitschnitte, Selbstgespräche, Liebesbekundungen – auf fünf Hörmuscheln verteilt haben.

Ich liege auf einer alten Matratze, es könnte meine sein oder irgendeine. Ich höre diese Stimme und es könnte deine seine oder igendeine. Anonymous intimacy.

Innerhalb weniger Tage sei die ursprünglich geplante kleine Führung für einen Verein der Kunstförderung zu einer regelrechten Ausstellung gewachsen, meint Aldir – zumindest fast. Er verweist auf die speziellen Voraussetzungen dieser «Schwob-Schau»; darauf, dass die Kunstschaffenden dort an die Oberfläche treten, wo sie sich gerade befänden. Im räumlichen Sinn in ihren Atelierstuben, an ihren Schreibtischen, an Leinwänden, an Bildschirmen, die sich im Schwobhaus über drei Etagen und einen grosszügigen Keller erstrecken. Und im zeitlichen Sinn, mit Arbeiten mitten im Prozess, mit Skizzen und mit Auslegeordnungen.

Triff mich wo ich hadere u. leide.
Triff mich rastlos in meiner Bleibe.

Es nachtet ein am Falkenhöheweg. Ausser mir und Aldir ist kaum mehr jemand da, die Weissweinflaschen sind bald leer und die Akkus der Geräte. Die Loops der vielen gezeigten Videoarbeiten erlöschen hie und da. Im Halblicht höre ich einer Klanginstallation von Emile van Helleputte zu, erstes Geschoss rechts. Es spielt ein Orchester aus Schwämmen. Angetrieben von kleinen Propellern und einer Schaltzentrale kriechen die Quader rhythmisch über den Parkettboden.

Ich steige in den Keller herab. Im geräumigen Atelier des Malers Janick Sommer wird der Prozess sichtbar; leere Leinwände, fotografische Vorlagen, New York City, ein verstörend sinnliches Bild einer Frau, die in der Spätsommersonne auf einem Balkon sitzt und dem Einsturz eines Zwillings des World Trade Centers zusieht, Narben des 21. Jahrhunderts, ein Liebespaar, darunter feinfühlige Strukturen, milde Farben, ein Fleck. Wieder hinauf. Christoph Schneeberger: Dragqueens machen sich für einen Auftritt zurecht, Identität, Intimität. Dahinter grossformatige Gemälde, laut, grotesk, fantastisch. Weiter hinauf und zuoberst, im ehemaligen Malsaal von Susanne Schwob selig: Dokumentarfilm im Standbild, angebracht über dem Schnittpult der Filmemacherin Tamara Milosevic. Reflexionen über politischen und religiösen Extremismus.

Frau Schwob hat hier oben Landschaften gemalt und Stilleben. The times they are a changin’.

Christoph Schneeberger. (Bild: Aldir Polymeris)

Die Community im Schwob-Haus, sie beschert dieser kleinen leisen Stadt Akzente. Folgen Sie der Einladung. It’s generous intimacy.

Im Schwob-Haus wird gearbeitet. Immer am Achten aber lädt die Ateliergemeinschaft zu Veranstaltungen rund um die zeitgenössische Kunst, Literatur und andere Dringlichkeiten. Diesen Samstag ausnahmsweise in der Sattelkammer mit Amélie Bodenmanns Ausstellung «F.L.U.S.S.». Es gibt Apéro.

« Zur Übersicht