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Bern auf Probe: Tanz der Genderidentitäten

Anna Papst am Dienstag den 17. April 2018

Perückenköpfe, Sterne, Spiegel und rosarote Plastikpferde: Die Kunst heisst Musical!

 

Betritt man diese Tage die Vidmar 1, wähnt man sich in den späten Achtzigern: Ein riesiger, grünglänzender Stern nimmt die Bühnenmitte ein, die Protagonistin trägt eine Lederkluft mit Bikershorts, Corsage und Fransenjacke. Coiffeurstühle und Perückenköpfe säumen den Bühnenrand, die Seitenwände sind mit Spiegeln versehen; der ganze Raum schafft eine Anlage von Verkleidung und Travestie. Wo ausgefallene Frisuren auf rollbare Sitzgelegenheiten treffen, ist das Musical nicht weit: Geprobt wird „Coco“, geschrieben von Alexander Seibt, komponiert von Marcus Schönholzer.

Das „Transgendermusical“, wie es im Untertitel heisst, erzählt die Geschichte von Eve-Claudine Lorétan, genannt Coco, der ersten Transfrau der Schweiz, die durch den Dokumentarfilm „Traum Frau Coco“ von Paul Riniker berühmt wurde. Der Regisseur ist an der Probe an diesem Donnerstag dabei, für die Fernsehsendung „10vor10“ wird er im Anschluss ein Interview zu seinen Eindrücken und Erinnerungen an die echte Coco geben. Die Anlage dieses Interviews zeigt gleich mehrere Umstände einer Aufarbeitung des Stoffes auf: Coco selbst ist nicht mehr da, um sich einzubringen oder Stellung zu beziehen, sie hat sich 1998 das Leben genommen. Das öffentliche Bild von Coco ist hingegen bestimmt durch Rinikers populären Dokumentarfilm. Das Musical von Seibt und Schönholzer versucht sich jedoch gar nicht erst an einer historischen Aufarbeitung, vielmehr nimmt es Cocos Geschichte als Folie, um die Frage nach der eigenen Identität und dem Recht darauf, diese auszuleben, zu stellen.

Die Probe schreitet voran zur nächsten Szene. Christoph Marti singt als Ärztin Gilette eine launige Ragtimenummer über die sechzig verschiedenen Geschlechtsidentitäten -“and one of them is for you!“. Das macht Spass, weil Seibt und Schönholzer sich trauen, mit einem Augenzwinkern an das Thema ranzugehen, ohne es der Lächerlichkeit preiszugeben. In seinem anschliessenden Monolog zitiert Marti die Szene aus „Basic Instinct“, in der Sharon Stone ihre übereinandergeschlagenen Beine für einen kurzen Moment öffnet. Während im Film offenbar wird, dass die Dame keine Unterwäsche trägt, zeigt uns Marti eine weisse, ausgefüllte Herrenunterhose. In „Coco“ wird mit Geschlecht und Geschlechtlichkeit Schabernack getrieben.

Trotzdem haben auch berührende Szenen Platz: Die Eltern, die ihr Kind in seinem neuen Körper genau so lieben möchten, und dennoch Mühe haben, zu begreifen, was an ihrem Sohn denn „falsch“ gewesen ist. Coco, die sich selbst in einem Interview als „transsexuelle Anarchistin“ bezeichnete, wird von Mariananda Schempp gespielt, während Gabriel Schneider ihren plumpen, verhassten Männerkörper spielt, der immer wieder auftaucht, sich querstellt, sie blamiert. Es ist ein geschickter Kunstgriff des Autors Seibt, Frauenidentität und Männerkörper miteinander in Dialog treten zu lassen.

Dass hier ein Musical geprobt wird, das seiner Form treu bleibt, merkt man mitunter an den szenischen Anweisungen: „Es ist rechts-links-rechts-tap!“, „Bei der Arie seid ihr du Bein oben und sie Bein unten!“, „Du machst den zweiten Flügel beim Engel auf 3, ja?“. Auf dem Boden ist ein Gitternetz mit zehn Positionen abgeklebt, jeder Song ist durchchoreographiert. Eine Herausforderung für das Schauspielensemble. Acht Tage vor Premiere ist noch Einiges zu tun, allein wer wann welches Requisit mitnimmt ist ein organisatorischer Akt. Aber man spürt, dass da etwas Eigenwilliges am Wachsen ist, und wo einmal eine Szene am Stück gespielt wird, drückt Witz und Leichtigkeit durch. Man darf gespannt sein.
“Coco” von Alexander Seibt,  Premiere Freitag, 20.April, 19:30h,  Vidmar 1,  Konzert Theater Bern

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

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