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Was soll die Schütz?

Roland Fischer am Donnerstag den 5. April 2018

Good News, es gibt wieder ein Neustadtlab auf der Schütz! Da formiert sich gerade ein Verein, der bestenfalls dann auch die kommende, gewissermassen offizielle Zwischennutzung für drei Jahre bestreiten möchte. Zunächst gibt es aber noch einmal eine (von der Stadt finanziell auch wieder unterstützte) Zwischenlösungs-Zwischenlösung.

Sammlung Hans-Ulrich Suter 1319, Bern: Länggasse; Schützenmatt — Rummelplatz; Freizeit, ca. 1925

Den Auftakt zur autofreien Schützenmatte macht das No Borders-No Nations-Festival der Reitschule am 27. und 28. Juli 2018. Dann wird aufgebaut und eine Woche später kann wieder experimentiert werden im Berner Städtebau-Labor. Aber was versucht man da genau eigentlich herauszufinden? Gute Gelegenheit für einen guten Text. Der Stadtplaner Chris­toph Haerle spannt in einem Gespräch mit Philipp Sarasin einen grossen Bogen, von den Foren der Römer bis zu den Public Spaces von heute.

Es erfolgt sogar eine Drei­tei­lung, indem im Hoch­mit­tel­alter, von Italien bis Deutsch­land, die drei Mächte der Politik, der Wirt­schaft und des Kultes ihre je eigenen öffent­li­chen Räume schaffen – den Markt­platz, den Domplatz und den poli­ti­schen Platz, wie etwa in Siena die Piazza del Campo oder in Rom den Campi­do­glio. Das ist der Platz, der eine Loggia hat, von der aus verkündet wird, was die Politik zu sagen hat; der Platz vor der Kirche hingegen ist der Ort der Prozes­sionen, und auf dem Markt­platz steht der Brunnen, an dem nach dem Mercato gewa­schen werden konnte. Mit anderen Worten, das, was bei den Römern, zumin­dest in der Zeit der Repu­blik, noch auf einem Platz zusam­men­ge­halten wurde, hat sich im Mittel­alter auf drei Plätze verteilt.

Das passt nun irgendwie gar nicht mehr heute. Dann kamen die Bürger und reclaimten die Strassen.

Im ausge­henden 19. Jahr­hun­dert aller­dings wurde mit dem bour­geois der Besitz­bürger zele­briert, der sich als Mit-Besitzer des öffent­li­chen Raumes verstand. Hier spielte aller­dings eine listige Dialektik: Indem der bour­geois gegen die voll­stän­dige Verein­nah­mung des öffent­li­chen Raumes durch die Macht auf der Teil­habe, auf der Teil­nahme am öffent­li­chen Raum bestand, war er immer auch citoyen, Staats­bürger, poli­ti­scher Bürger.

Und dann kam, hoppla, die Postmoderne.

[…] die Verbin­dung zur Frage nach dem post­mo­dernen Raum ist sicher darin zu sehen, dass diese neuen Räume nicht mehr auf den Zweck hin konzi­piert wurden, sie für die klas­si­schen poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen oder reli­giösen Funk­tionen auszu­statten.

Von da an kreist das Gespräch eigentlich um eine Leerstelle: Wenn für einen heutigen öffentlichen Raum keine dieser Funktionen mehr gilt, welche tritt dann an deren Stelle? Aber vielleicht ist das ja nicht Problem, sondern Lösung. Denn dann sagt Hearle noch etwas, das man ganz gut als Schütz-Motto brauchen könnte, oder?

Ich bin der festen Über­zeu­gung, dass öffent­liche Räume nur dann gute öffent­liche Räume sind, wenn sie funk­tional unter­be­stimmt sind.

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