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Bern auf Probe: Literatur gehört auf die Bühne!

Anna Papst am Mittwoch den 14. Februar 2018

Ursina Greuel las 2014 in der Zeitschrift Theater der Zeit ein Interview mit Melinda Nadj Abonji. Die Autorin äusserte sich darin nach einer unglücklichen Uraufführung ihres inzwischen unter dem Titel „Schildkrötensoldat“ erschienen Romans wie folgt: „Literatur, die literarische Sprache erscheint mir geradezu unvereinbar mit dem Theater zu sein, das ich als Ort der Überbelichtung empfinde, der ohne Tricks und (mediale) Effekte nicht mehr auskommt.“ Dieser Satz provozierte die Regisseurin Ursina Greuel, die auch den Stücktext gelesen und Gefallen daran gefunden hatte, so sehr, dass sie Kontakt zu Nadj Abonji aufnahm. Die beiden Frauen lernten sich kennen und die Regisseurin wollte der Autorin gerne beweisen, dass ihr Roman und die Bühne sehr wohl zusammenpassen. Nadj Abonji war sehr zurückhaltend, ihr war die Lust auf Theater zeitweilig vergangen und auch die Arbeit am Roman wollte sie vorerst beiseite legen. Greuel wartete, bis drei Jahre später der Roman beendet und die Lust auf eine szenische Umsetzung zurückgekehrt war.

“Dumm wie Brot” scheint Zoli seinen groben Mitmenschen. Er schweigt – und bäckt. “Soldat Kertész!” ist ab 22. Februar im Schlachthaus Theater zu sehen.

Es ist kein Zufall, dass sich Greuel herausgefordert sah, zu beweisen, dass zeitgenössisches Theater und literarische Sprache miteinander einher gehen können. Seit dem Ende ihres Studiums beschäftigt sich die Regisseurin mit Stücken, bei denen die Sprache im Zentrum steht. Wenn sämtliche Effekte, „Verzierungen“, wie sie es nennt, wegfallen, bleiben nur die Schauspieler*innen und die Sprache übrig. Das reiche, um Theater zu machen. Diese Reduktion auf das Wesentliche trieb sie an, nach Jahren in denen sie die konventionelle siebenwöchige Probezeit gewohnt war, die Stückbox ins Leben zu rufen. In diesem Format steht der Text im Zentrum, geprobt wird lediglich fünfzehn Tage, auf ein aufwändiges Bühnenbild wird verzichtet. Wenn die Proben für die Stückbox anfangen, müssen die Schauspieler*innen den Text bereits angelernt haben. Greuel sieht darin kein Problem: „Orchestermusiker*innen üben ihre Stimme auch, bevor sie zur gemeinsamen Probe erscheinen.“ Man reise auch wie Orchestermusiker*innen: Mit dem Zug. Wenn man kein Bühnenbild habe, brauche man auch keinen Lastwagen, um es zu transportieren.

Nächste Woche kommt die ÖV-fahrende Truppe mit dem Stück „Soldat Kertész!“ nach Bern. Womit wir wieder bei Melinda Nadj Abonji wären: Die Autorin liess sich nach der Fertigstellung ihres Romans nochmals mit dem Theater ein und suchte gemeinsam mit Greuel die Passagen für die Inszenierung aus. Der Aufführungstext trägt den Untertitel „Monolog eines Verstummten“. Während im Roman ein inzwischen Verstummter in Rückblende aus seinem Leben erzählt, ist auf der Bühne neben einem sprechenden Schauspieler auch ein Schauspieler in einer stummen Rolle anwesend. Zwischenzeitlich war der sprechende Schauspieler krank, so dass Greuel mit der stummen Rolle alleine proben musste. Das sei eine etwas absurde Situation gewesen, habe aber funktioniert, weil man zu zweit die Situationen entwickelt, und den sprechenden Schauspieler nach seiner Genesung quasi implementiert habe. „Ein bisschen wie in der Oper“. Eine Nähe zur Arbeit von Musiker*innen zieht sich durch die gesamte Beschreibung der Probenarbeit der Stückbox: Die Hauptarbeit an der Sprache habe wiederum darin bestanden, mit musikalischen Prinzipien eine Abwechslung in die Textfläche zu bringen, die ein langes Zuhören ohne Ermüdungserscheinungen erlaube. Zudem beuge die formale Herangehensweise auch eine emotionale Dopplung vor. Der Text sei selbst so dicht geschrieben, dass es platt wirke, wenn man ihn zu gefühlsbetont spreche.

Hier einer, der nicht mehr sprechen kann, aber den ganzen Abend Teig knetet und bäckt, da einer, der siebzig Minuten Text stemmt, aber ansonsten unbeholfen und ungelenk wirkt – dieser Gegensatz ist Greuel von Anfang an stimmig für eine Inszenierung des Monologs des verstummten „Zoli“ erschienen. Und Nadj Abonji? War regelmässig bei den Proben dabei und brachte ihre Ideen und Bedenken ein. Sie hat das Stück inzwischen mehrfach gesehen und ist glücklich über seine Zweitaufführung. Auch das ist eine Besonderheit der Stückbox: Während sämtliche Theater nach Uraufführungen gieren, sorgt die Stückbox dafür, dass Stücke zeitgenössischer Dramatiker*innen auch nach erfolgter Uraufführung noch gespielt werden. Geteiltes Glück für Schreibende und Zuschauende.

“Soldat Kertész!” von Melinda Nadj Abonji, Inszenierung Ursina Greuel, 22.-24. Februar jeweils 20:30Uhr, Schlachthaus Theater Bern

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

 

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