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Was Andy Warhol gerne gemacht hätte

Anna Papst am Dienstag den 30. Januar 2018

“I never wanted to be a painter. I wanted to be a tap dancer”, behauptete Andy Warhol von sich selbst. Nachdem man Daniel Borak knapp 90 Minuten lang die Füsse schlackern gesehen hat, ahnt man, warum.

9-Point-Inc nennt sich eine junge Formation von sechs Musiker*innen um den Komponisten Kilian Deissler und den elffachen Stepptanz-Weltmeister Daniel Borak. Der neunte im Bunde ist der Bühnenbauer Raffael Hafner, der in Zusammenarbeit mit Deissler eine Tanzfläche entwickelt hat, die Bühne und Instrument zugleich ist. Neun quadratische Platten, jede einem anderen Instrument nachempfunden, bilden die Grundlage der Komposition “kick the square”. Gespielt wird dieses Neun-Quadratmeter-Instrument von Tänzer Borak. Durch seinen Stepptanz werden die Holzplatten, Gitter oder Metallrohre angeschlagen und zum Klingen gebracht.

Auf diesem Schlagzeug, darf getanzt werden: Stepptanzinstrument und Bühne der Produktion “kick the square”.

Die Idee dazu kam Deissler, als er seinem ehemaligen Schulkollegen Borak nach längerer Zeit wieder über den Weg lief. Beide hatten das Gymnasium abgebrochen, der eine war inzwischen Kompositionsstudent an der Zürcher Hochschule der Künste, der andere feierte als Tänzer und Choreograf Erfolge. Aus musikalischer Perspektive seien ihm die klanglichen Möglichkeiten beim Stepptanz limitiert erschienen, erzählt Deissler. Es reizte ihn, nach neuen klanglichen Qualitäten zu suchen, woraufhin er Borak dazu überredete, auf ungewöhnlichen Flächen zu steppen. Die Suche nach geeigneten Klangkörpern führte ihn zum Küchenbedarfsgeschäft Kuhn Rikon, wo man ihn nach anfänglicher Skepsis enthusiastisch darin beriet, welche Bratpfannen wohl die interessantesten Töne hervorbringen würden, wenn man mit Steppschuhen darauf tanzte.

Erinnert die Fläche mit den fünf Bratpfannen klanglich an eine Cowbell, ist der Quadratmeter mit dem Gitterrost einem Waschbrett, wie es in der Country-Musik eingesetzt wird, nachempfunden. Die vertiefte, mit Polenta bestreute Holzfläche erzeugt beim Tanzen einen Klang von Schlagzeugbesen, betritt Borak mit seinen Steppschuhsohlen das Feld mit den acht Metallstäben, meint man, ein Xylophon zu hören. Zwei nach der Bauweise der Cajon gefertigte Würfel bilden “Snare” und “Bass Drum” der Perkussionsbühne.

Um diese Klangplatten so präzise spielen zu können, dass sie in einer Gesamtkomposition als Rhythmusinstrument  fungieren können, bedarf es einer ausgefeilten Notation, die nicht nur rhythmische Werte, sondern auch Art und Weise der Tanzschritte festhält. Da es eine solche noch nicht gab, haben Borak und Deissler kurzerhand eine entwickelt. Für Borak ist die Aufführung von “kick the square” ein Akt höchster Konzentration. Er, der es nicht gewöhnt ist, im Ensemble zu musizieren, hält mit seinem Tanz nun als “rhythm section” eine sechsköpfige Band zusammen. Klarinette, Trompete, Posaune, Saxophon, Akkordeon und wahlweise E-Bass oder Kontrabass (gespielt von der einzigen Frau im Team) grooven zwischen Swing und neuer Musik.

Aber nicht nur Borak betritt mit diesem Projekt Neuland: Alle Musiker*innen tragen Steppschuhe und tanzen in einem furiosen Höhepunkt des Abends gemeinsam mit ihm auf den neun Quadratmetern Klangfläche, dass die Wände wackeln. Stampfen, hüpfen, hopsen, springen, ein Tanz zwischen Aggression und Lebenslust: Warhol wäre gern dabei gewesen.

Die zweitletzte Station ihrer Tournee führt 9-Point-Inc nach Bern. Heute Abend in der Mahogany Hall um 20.30 Uhr.

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