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Bern auf Probe: Im Wilden Westen der linksliberalen Utopie

Anna Papst am Mittwoch den 27. Dezember 2017

Im Schlachthaus wird Geige geübt. Vera Urweider, eine von zehn Statist*innen die im neusten Stück der Gruppe PENG!Palast mitwirken, soll Christine Hasler beim Verbreiten hitziger Wild-West-Stimmung begleiten. Hasler gibt den Einsatz und Urweider geigt zu E-Gitarre und wummernden Beats. “Ja, das fägt!” findet Markus Luginbühl am Mischpult. Urweider verspricht, über Weihnachten ganz viel Country zu hören, um den Fiedelstil ins Ohr zu kriegen. “Na dann, fröhliche Weihnachten!” meint Hasler grinsend.

Wem gehört die Stadt? PENG!Palast diskutieren beim Line Dance.

Regisseur Dennis Schwabenland trommelt die Spieler*innen zusammen, die Zuschauer*innen werden gebeten, Platz zu nehmen. Geprobt wird die erste Szene aus “Die Asozialen – Ein Endzeitwestern”. Die traditionelle Schlachthaustribühne wurde abgebaut, stattdessen sitzt man den Wänden des Raumes entlang auf Holzpaletten der SBB. Ein “Saloon der Zukunft” wird hier behauptet, in dem die Stadt Bern als linksliberale Enklave neu erfunden wird.

Und Action! Eine Frau tritt auf und erklärt einem Mann, der ihr nicht zuhört, warum Gentrifizierung kein neues Phänomen, sondern ein alter Hut ist. Die einzige Reaktion des Mannes auf ihre Rede lautet: “So ‘ne Gülle. Ich muss kacken”, und weg ist er. Die Frau kriegt einen Schreikrampf und startet einen Line Dance. Agressionsbewältigung im Wilden Westen? Wenn das Stück seinem Genre treu bleibt, wird hier früher oder später noch geschossen.
“It’s one to the left and one to the right and one to the side and in for the fight. Go!” fordert Hasler durchs Mikrophon auf. Sämtliche Statist*innen steigen in den Gruppentanz ein, sogar der vom Klo zurückgekehrte Mann macht mit. Die Rede der Frau scheint inzwischen bei ihm angekommen zu sein, jedenfalls denkt er ihre soziologischen Theorien weiter und verstrickt sie mit Bandwurmsätzen in eine Diskussion über elitäre Parasiten, während die restlichen Tänzer*innen sich weiter in den Hüften wiegen.

“Stopp! Wir müssen kurz koordinieren!” ruft Schwabendland. Die Crew atmet auf und wischt sich den Schweiss von der Stirn. Die Diskussion zwischen dem Paar müsste durch den Barmann unterbrochen werden, der aber entweder seinen Einsatz verpasst oder zu leise ist. Darum wird jetzt der Satz “Eine Runde Schnaps!” in ansteigender Lautstärke geübt, bis der Barmann ihn so brüllen kann, dass er trotz Musik und klappernder Absätze (Frauen) bzw. quietschender Turnschuhsohlen (Männer) gehört wird. Während allen Wiederholungen muss also getanzt werden. Die Statist*innen geben alles, haben Spass dabei, ein Mann steigert sich zu schnipsen und hüpfen. Als der Satz sitzt, sind alle fix und fertig. Der anschliessende Schlachtruf “Reclaim the city!” kommt entsprechend schlapp daher. Das wird von der Regie bemerkt und vom Ensemble lachend zugegeben.

“Gut, wir üben jetzt die Interventionen, die wackeln noch”, kündigt Schwabenland an. Gemeint sind die Zwischenspiele auf dem Stadtrundgang, der den zweiten Teil des Theaterabends bildet. Es geht raus auf die Strasse, das utopische Bern, das im Saloon der Zukunft herbeigeredet wurde, so die Behauptung, ist zehn Jahre später tatsächlich Wirklichkeit geworden. Wir befinden uns also im Jahr 2028 und werden von kundigen Stadtführer*innen durch die Berner Altstadt geleitet. Simone Gfeller, uns in bleibender Erinnerung als hechelndes SVP-Maskottchen, führt zum ersten verpackungsfreien Laden in Bern. Im Jahr 2028 gibt es in der Altstadt nur noch unverpackte Ware zu kaufen, die “Palette” ist zur historischen Sehenswürdigkeit geworden. Mitten in ihren Ausführungen wird Gfeller unterbrochen, eine Mitspielerin stürmt die Szene und entführt eine der Stadtführer*innen. Gfeller bricht auf offener Strasse zusammen und kann nur noch “Adelheid” schluchzen.

Zwei Stadtpolizisten schauen der lauten Szene zu und amüsieren sich. Die Crew hatte zuvor noch gerätselt, ob man nicht lieber abwarten solle, bis die Polizei ausser Sichtweite sei, bevor man die Probe starte. Eine der Statist*innen fragt jetzt unsicher, ob man in der Altstadt überhaupt schreien dürfe. Alles sei hier irgendwie beschützt, sogar die Klangkulisse. Eine andere findet, natürlich dürfe man das. Sie drückt den Polizisten kurzentschlossen einen Flyer in die Hand. “Spinnst du, denen zu verraten, was wir hier machen? Am Schluss wird es noch verboten!” schimpft ein dritter. Wem gehört die Altstadt? Wer bestimmt? Wer wird bestimmen? Und wer muss gehorchen? Genau diese Fragen sind es, auf die der “Endzeitwestern” von PENG!Palast abzielt. Wir hoffen, die Performance in der Altstadt wurde bis zum Premierendatum noch nicht untersagt.

“Die Asozialen – Ein Endzeitwestern” von PENG!Palast, 28.Dezember 20:30Uhr, Schlachthaus Theater Bern, weitere Vorstellungen bis 7. Januar 2018

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

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