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Bern auf Probe: Von allen guten Geistern umsorgt

Anna Papst am Mittwoch den 29. November 2017

Auch Schweizer Geister wohnen gerne schön

Es ist 14 Uhr, die Probebühne 3 in der Felsenau ist leergefegt. Die Morgenprobe des Musiktheaters „Alzheim“ ist beendet, Regieteam, Schauspieler_innen und Musiker_innen in der Mittagspause. Nur das Bühnenbild von Ric Schachtebeck ist noch da. Oder vielmehr: Die Probenversion davon. Schachtebeck wird in Kürze eintreffen, doch vorerst bin ich allein in seiner Szenografie. Was erzählt das Dekor über die Produktion, die darin geprobt wird?
„Alzheim“ handelt von Baan Kamlangchay, einer vom Berner Martin Woodtli gegründeten Demenzstation in Thailand, in der die Betreuten weder medikamentös beruhigt noch eingeschlossen werden.

Auf der Probebühne befindet sich ein gedeckter Tisch mit neun Plätzen. Der Tisch ist mit Luftschlangen und batteriebetriebenen Kerzen dekoriert, an jedem Platz steht ein Pappbecher. Auf dem Tisch liegen ein Plastiksack voll ungetoastetem Toastbrot und ein Plastiksack voll hellbeiger Schwämme. Speise und Putzzeug sehen sich zum verwechseln ähnlich. Ist das eine der Gefahren des Älterwerdens? Dass man nicht mehr erkennt, was man in den Mund oder in den Toaster steckt?
Die verschiedenen Sitzgelegenheiten sind ein bunter Mix aus Gartenmöbeln, Holzstühlen, Ledersesseln, Liegestühlen und Campingmobiliar. Socken, die gestopft werden müssen, liegen herum, die Nadel steckt noch drin. Von der Decke hängt eine riesige rotbraune Glocke, die sich bei näherer Betrachtung als umgedrehter Blumentopf entpuppt. In einer Ecke steht ein thailändischer Schrein, daneben ein winziger Gong. Überall im Raum verteilt finden sich Schuhe: Wie zu erwarten in einer Seniorenresidenz sind Adiletten und Birkenstöcke darunter, überraschenderweise aber auch elegante Schnürschuhe und Pumps.

Schachtebeck taucht auf. Als ich ihn frage, was es mit dem Toastbrot und den Schwämmen auf sich hat, lacht er. Das sei eine geniale improvisatorische Leistung der Requisitenabteilung gewesen. Der Regisseur habe zur Probe einer Szene auf die Schnelle nach Toastbrot verlangt, man habe keines zur Hand gehabt, also habe die Requisite in Windeseile Toastbrot aus Schaumgummi hergestellt. Irgendwann konnte echtes Toastbrot beschafft werden, den täuschend echten Fake habe man aber zu Probezwecken behalten. Auch die vermeintliche „Blumentopf-Glocke“ stellt sich als Platzhalter heraus. Auf der echten Bühne hänge an dieser Stelle eine drei Meter hohe, von dschungelartigen Gewächsen überwucherte Pflanzenampel. Mir wird klar: Ein Stück auf der Probebühne einzuüben bedeutet, den Umgang mit einem Bühnenbild, das noch nicht da ist und nur angedeutet werden kann, zu proben. Die exotischen Pflanzen, erklärt Schachtenbeck, weisen auf Thailand hin, genauso wie der Schrein, oder genauer das Geisterhäuschen, das auf jedem überbauten Grundstück vorhanden sein muss, um den Geistern, die das Gelände zuvor bewohnt haben, ein neues Zuhause zu geben.

Vor der Entwicklung der Ausstattung, habe man sich die Frage gestellt, wie man die Welt, in der Menschen mit Alzheimer leben, zeigen wolle. Schnell sei klar geworden, dass man sich als Mensch, der nicht von Alzheimer betroffen ist, nicht anmassen wolle, diese Welt nachvollziehen zu können. Zudem wollte man auch keine Eins-zu-eins-Nachbildung der Demenzstation in Thailand bauen. Das Stück handle zwar davon, aber es erzähle ganz allgemein über das Leben mit Alzheimer. Entstanden sei ein Spielraum, der es den Schauspieler_innen erlaube, die Figuren im Libretto von Jürgen Berger, die alle anhand realer Vorbilder entwickelt wurden, darzustellen. Gleichzeitig werde das Spiel sichtbar gemacht, die Schauspieler_innen treten immer wieder aus der Rolle und geben sich als Schauspieler_innen zu erkennen. Die Musiker_innen sitzen nicht im Orchestergraben, sondern teilen sich den Spielraum mit den Schauspielerinnen, ihre Notenständer seien Teil der Ausstattung.
Durch ihre Demenzerkrankung entfalten manche Menschen völlig neue Persönlichkeiten. Dafür stehen die verschiedenen Schuhe: Ihm falle da das Beispiel einer Frau ein, die sich ihr Leben lang unscheinbar gekleidet habe, und während ihrer Alzheimer Erkrankung ein modisches Bewusstsein entwickelt und sich mit Vorliebe chic gekleidet habe. Das Leben mit der Krankheit habe auch poetische oder humorvolle Seiten. Menschen mit Alzheimer verwenden eine herumliegende Socke vielleicht anders als gewöhnlicherweise, ziehen sie einem Stuhl an, weil sie da drin eine Logik entdeckten.

Wir verlassen die Probebühne. In der Tür werfe ich einen Blick zurück. Möbel und Requisiten kommen mir nach Schachtebecks Ausführungen beseelt vor, lebendig geworden durch die Gedanken, die wir uns zu ihnen gemacht haben. Gut, dass die gerufenen Geister ein Häuschen zum ausruhen haben.

Alzheim, Musiktheater von Xavier Dayer, Regie Ludger Engels, Première 1. Dezember 19:30h, Vidmar 1, Konzert Theater Bern. Weitere Aufführungen Dezember & Januar

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

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