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Bern auf Probe: Fichen im Trüben

Anna Papst am Dienstag den 14. November 2017

34’000 Fichen habe der Nachrichtendienst der Stadtpolizei Bern über die Jahre angelegt, brüstet sich der Staatsschutzbeamte. Und es wären noch mehr gewesen, hätte es nicht an Personal gemangelt. Gleich zweimal habe man den Vortrag von Giovanni Blumer über die chinesische Kulturrevolution wegen Unterbesetzung verpasst, das fuchse ihn noch heute. Dann wendet der Überwacher sich plötzlich zu der Frau, die neben mir steht und fragt: “Was meinsch, chani da so luut werde? Oder muess eine vom Staatsschutz d Fassig bewahre?”

Wären die heutigen Überwacher doch auch so leicht zu erkennen wir 1968: Stefan Hugi als Staatsschutzbeamter

Er erkundigt sich damit nicht nach der sozialen Norm, – oder nur indirekt -, sondern nach der inszenatorischen Absicht von Schauspielcoach Claudia Gerber. Sie studiert mit ihm, dem Schauspieler Stefan Hugi, den szenischen Stadtrundgang der Gruppe StattLand mit dem Titel “Bern 68” ein. Erstmals 2008 zum vierzigjährigen Jubiläum der 68er-Bewegung gezeigt, wird der Rundgang zum fünfzigjährigen Jubiläum wieder aufgenommen.
Wer bei diesem Stadtrundgang mitläuft, wird zu den verschiedenen Orten geführt, an denen im Jahr 1968 in Bern Geschichte geschrieben wurde: Zur Junkerngasse, wo im legendären Diskussionskeller “Junkere 37” bis spät in die Nacht hinein über eine neue Weltordnung debattiert wurde. Zum Lischetti-Brunnen, der eigentlich Kronenbrunnen heisst. Der Aktionskünstler Carlo Lischetti kandidierte 1971 gemeinsam mit drei weiteren “Untergründlern” für den Berner Stadtradt. Man wollte neben ernsthaften Anliegen wie der Einführung des Stimmrechts ab 18 Jahren in erster Linie die festgefahrene Stadtpolitik aufmischen. Das Wahlplakat zeigte ein Nacktbild der vier, Kandidatin Margrit Probst wurde prompt gewählt, verliess den Stadtrat aufgrund sexistischer Medienberichterstattung zu ihrer Person aber bald wieder, Carlo Lischetti nahm ihren Platz ein.
Während die Stadtführer_innen von diesen Ereignissen berichten, ohne dazu Stellung zu nehmen, sorgen Schauspieler_innen in verschiedenen Rollen für Diskussionsstoff. Ein “Bünzli” ereifert sich über das ungewaschene Hippiepack, eine Aktivistin demonstriert gegen die griechische Militärdiktatur.
Die letzte Station ist die Kunsthalle, wo aus Protest gegen die Künstler_innen der Postmoderne eine Ladung Mist, gekrönt mit einer toten Ratte deponiert wurde.
Kunstschaffende und Museumsgänger_innen wurden subversiver Aktivitäten bezichtigt, weshalb wir hier auf eben jenen Beamten stossen, der sich über den Personalmangel bei der Überwachung der staatlichen Sicherheit beklagt. Und wieder beklagt. Und wieder beklagt. Es ist ja schliesslich eine Probe. Stefan Hugi spielt trotz Regen, Bise und Temperaturen um 6 Grad konzentriert und feinsinnig. Dabei helfen ihm die langen Unterhosen, die er unter seinem Kostüm trägt. Überhaupt müsse man als Schauspieler auf einem Stadtrundgang mit allem rechnen. Er sei schon mit einer Gruppe in eine Demonstration geraten. Oder eine plötzlich auftauchenden dreissigköpfigen Guggenmusik habe ihm den Weg abgeschnitten, so dass er nicht rechtzeitig zu seinem Auftrittsort gelangen konnte.
Ja, die Stadt Bern mit ihren heutigen Bewohner_innen wird zur Mitspielerin, die die Erinnerung an den Stadtrundgang weiterträgt, wenn dieser längst vorbei ist. Ich werde die Kunsthalle Bern nicht mehr betreten können, ohne an den Misthaufen denken zu müssen, der hier einmal den Eingang versperrt hat. Und mich zu fragen, wer wohl heute mithorcht.

Bern 68, Stadtrundgang von StattLand, Sa, 18. November + Sa, 25. November, 14 Uhr

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

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