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Bern auf Probe: Jodelbekehrung

Anna Papst am Dienstag den 17. Oktober 2017

Der Chorleiter holt mich mit seinem roten Citroën vom Bahnhof ab, auf der Rückbank liegt ein Keyboard. Über eine gewundene Strasse fahren wir an Wald und Wiese vorbei, ein Fuchs huscht über die Fahrbahn. Wahrscheinlich ist er unterwegs, um dem Hasen Gute Nacht zu sagen. Unser Ziel ist das Schulhaus Zumholz in Milken, Probelokal des „Jodelchörli Sunneschyn“. Die Schule wurde vor gut zwei Monaten geschlossen und die Kinder in ein Gesamtschulhaus versetzt. Im Schulzimmer, in dem der Chor probt, hat seither niemand mehr die Wandtafel geputzt. Sie ist noch immer bunt bemalt mit Herzen, einem fetten Zumholz-Schriftzug und der Nachricht „Bitte alles nicht löschen“. Eine Namensliste hängt neben dem Eingang. Was wohl aus Marc, Flavia und Angel geworden ist?
Es wird nicht mehr gerechnet hier, nur noch gejodelt, doch auch das will geübt sein. Um 20 Uhr, eine halbe Stunde vor dem offiziellen Probebeginn, treffen drei „Jutzerinnen“, d.h. Solo-Jodlerinnen ein, um ihre Passagen zu üben. Ihre Jodler haben keinen Text. „Tief wird auf jo gesungen, hoch auf ju oder jü“, erklärt der passionierte Chorleiter Georges Hunziker und singt es gleich vor. „Es ist eigentlich ganz simple, und doch zerbricht man sich zuweilen den Kopf darüber, ob ein Ton noch auf jo gesungen werden soll, oder schon auf ju.“ Der Jodelchor Sunneschyn wurde 1963 von elf Frauen gegründet, wer nicht zu den Singübungen erschien, musste 50 Rappen Strafe bezahlen.

Jodeln statt büffeln: Probe im Schulhaus Zumholz

Um halb neun füllt sich das Schulzimmer. Rund 30 Frauen zwischen 18 und 70 Jahren proben heute Abend das Herbstprogramm namens „Morge u Abe“. Gemeinsam mit dem gemischten Jodeldoppelquartett „Echo von Giebelegg“ aus Rüeggisberg und der Alphorngruppe „Aberot“ aus Rüeschegg werden sie vier Konzerte bestreiten. Die Frauen heben an zu singen: „Abezyt du bringsch mir Fride, nach dem lange ghetzte Tag“. Tatsächlich meine ich zu spüren, wie sich nach einem Tag, der schon über 15 Stunden andauert, in diesem verlassenen Schulhaus, umgeben von weiblichem Choralgesang, eine elysische Ruhe über mich hinabsenkt. Da bricht der einzige Mann im Raum das Lied ab. „Ihr müsst euch die zweite Zeile vorstellen: Himmelwiit es Meer vo Stärne! Singt mal mit der Vorstellung dieser Weite. Dann kriegt ihr den Klang, den wir uns wünschen.“ Der Elan des Chorleiters multipliziert sich mit der sichtlichen Freude der Sängerinnen. Beim zweiten Anlauf singt der Chor feiner und doch intensiver, es schwingen die Obertöne, der Alt bereitet einen warmen Boden, der Sopran schwebt hauchzart darüber.

Man kann das alles kitschig finden, aber man will nicht. Dafür ist es gesanglich einfach zu gut. Zwischen sphärischen Klängen und archaischem Naturgesang wechselnd, erzeugen die schlichten Harmonien der Jodellieder eine magische Stimmung. Weil die Sängerinnen nicht in Trachten, sondern in Jeans und Pullover proben, verliert das Jodeln hier seinen Folklore-Touch und wird zur entrückenden Vokalmusik. Am Ende der Probe darf sich eine der Frauen ein Lied wünschen, weil sie Geburtstag hatte. Sie wünscht sich das Volkslied „Am Morge früeh“. Sie wandere so gerne, erklärt sie auf meine Nachfrage, und dieses Lied mache Lust zum Losziehen.

Konzerte des Jodlerchörli Sunneschyn: 19. Oktober, Kirche Rüschegg, 21. Oktober, Kirche Rüeggisberg, 27. Oktober Kirche Oberbalm, 29. Oktober Kirche Guggisberg

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

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