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Dosenfrass und Diskofreuden

Mirko Schwab am Samstag den 14. Oktober 2017

Zweimal Plastik, einmal geil. Schwabs Eindrücke einer komplizierten Konzertnacht.

Plastik, wenn er glänzt: Hüften schwingen mit Crimer. (Photo: Sevastian L.)

Ein verheissungsvoller Glitzer-Dreier im Dachstock war die Affiche. Bei Zeiten und bei Sinnen hin mein Ziel. Block und Stift lagen parat auf dem Tisch, eine Flasche Pastis stand da plötzlich auch – und der schmale Grat zwischen dem Vor- und dem Verglühen war mal wieder betreten. Bruder Käfigturm schlug die Elf und ich mal vor, zu schieben. So schoben wir uns auf die Gasse. Lleya aus Österreich standen da schon fast nicht mehr auf der Bühne und hätten ohne Rücksicht auf Nachfrage ihre «Zugabe» gleich ans Set hintendrangenäht, wie mir schulterzuckend kolportriert wurde. Mehr ist da leider nicht zu berichten, Zigizeug ist ausgegangen und also erstmal nach dem Bahnhof losgestolpert. Kommt Ausgang eigentlich daher, dass einem Geld und Zigis und Serotonin irgendwann immer ausgehen?

Das zweite Konzert beginnt, Treppe rauf, endlich da. Die auf Headliner hergerichete Bühne betreten drei gutgelaunte, gutaussehnde Australier («all the way!») und machen sich hinter ihre Instrumente. Aus den Boxen ballert ein auf Mass und Masse produziertes Ableton-Projekt ins versammelte Publikum hinein, Einheitsbrei aus modisch verquengeltem Gesang und elektronischer Tanzmusik Marke voriges Jahr. Dazwischen gutgelauntes Nachfragen, ob auch Bern noch bei Laune sei, «what a wonderful city, thank you so much guys» und hinein ins nächste perfekt durchprogrammierte Eintopfgericht, aus der Konserve aufgewärmt in der Mikrowelle eines gewieften Produzenten. Hie und da werden auch die sichtbaren Instrumente gefingert fürs Fotoalbum. Das Gerücht geht um, dass die grosse Trommel samt Mikrofonierung ein konzertlang kein einziges hörbares Signal zum Mix beisteuert, dass der Gesang bisweilen aus der Tüte kommt, wird nicht mal mehr verschleiert. Vielleicht waren auch die gutaussehenden Crooked Colours nur Hologramme. Oder aus Pappe. Die ganze Maskerade jedenfalls wäre verkraftbarer, käme aufregendes elektronisches Gebastel aus der Büchs. Wäre – unredliche, lauwarme Ware aber ist was hier feilgeboten. «All the way from Australia» betonen sie noch einmal, irgendeinen Exotismus zu bemühen, den die anmassende Normalmusik von Geisterhand nicht leisten kann.

Bleibt Hoffnung für den vom Hype umwehten dritten Akt. Crimer aus der Ostschweiz, plötzlich cool wie Österreich. Auch er bedient sich der Möglichkeiten unserer Zeit und zupft die Beats säuberlich vorbereitet aus der Trickkiste. Allerdings steht er da allein hinter einem Tischchen und weist sich so als Trickspieler aus. Die genüsslich gefertigte Synthesisten-Tanzmusik des Neo-Neu-Romantikers orientiert sich dann mit einer gewissen, fast kopistischen Drastik an einer nie ganz untergegangen Zeit; der Zeit auf Rollschuhen, introvertiertes Tanzen with tears in your eyes – und macht Laune. Von grandioser Dramaturgie ist diese Songschreibe, von bestechender Qualität ist der stilecht vorgetragene Bariton-Gesang, von verführerischer Grandezza auch der Hüftschwung. Zwischen den Hits wird mal unbeschwert dahingeplaudert, mal den Club-Hotel-Animateur gegeben. Immer schön schräg und der schelmischen Parodie ganz nah. Dass wir nicht mehr die Achtzigerjahre schreiben, beweist dann der skurpellos hyperkapitalistisch ausgeschlachtete Werbeblock für die Crimer-Marchandise vor Ende des Konzerts (Crimer-Socken, Crimer-Bett- und Unterwäsche) – 1984 hätte man sich mit einer Schallplatte wohl begnügt, die heutige Musikanten-Realität aber ist, wir wollen hier nicht jammern, eine andere.

Ein eigenartiger Abend wars im heiligen Holzgebälk. Ein mal gänzlich unguter, mal fescher Hauch Eurovision lag in der Luft. Und auf geographische Kohärenz scheissend liesse sich bilanzieren: Switzerland zwölf, Australia zero points.

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