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Revolution und rosa Negligé

Gisela Feuz am Donnerstag den 5. Oktober 2017

Gleich zwei Filme gibt es die nächsten Tage hier in Bern zu sehen, welche sich mit der Subkultur Punk auseinandersetzen – dabei könnten Herangehensweise und Protagonisten der beiden filmischen Erzeugnisse unterschiedlicher nicht sein.

Da wäre zum einen Shaun Colons Punk-u-mentary «A Fat Wreck» welche dem NOFX-Frontmann Mike Burkett und dessen Laben Fat Wreck Chords gewidmet ist. Seit sage und schreibe 26 Jahren tummelt sich Fat Mike, so Burketts Spitzname, mit seinem kleinen Punk-, Ska- und Hardcore-Label erfolgreich im Haifischbecken der Musikindustrie. Er habe immer mit offenen Karten gespielt und keine seiner Bands abgezockt oder beschissen, sagt Fat Mike. Tatsächlich ist es eine Eigenheit von Fat Wreck Chords, dass mit allen Bands immer nur Verträge über ein Album abgeschlossen werden. So muss die Band nicht beim Label bleiben, wenn sie durchstartet und das Label muss auf der anderen Seite keine zweite Platte herausgeben, wenn die Band floppt. Win-win. Davon konnten sich bis anhin rund 60 Bands überzeugen, darunter Lagwagon, Propagandhi, Anti-Flag oder Rise Against.

Er ist eine schillernde Figur, dieser Mike Burkett, der vorzugsweise mit rosa Negligé auftritt und gerne über S/M-Praktiken referiert – eine schillernde Figur, welche das Herz am rechten oder besser gesagt am linken Fleck trägt und wahrscheinlich deswegen so lange mit seinem kleinen Indie-Label im serbelnden Musikbusiness überleben konnte. So schillernd wie Fat Mike ist denn auch Colons Dokumentarfilm, in welchem unter anderem Musiker von Bad Religion oder den Foo Fighters, aber auch Puppen zu Wort kommen. Puppen mit Iro, versteht sich.

Ganz anders ergeht es da Kevin (Max Hubacher), dem Hauptdarsteller im Debut des Berner Filmemachers Juri Steinhart. Eine hinreissende Tragikomödie hat Steinhart mit «Lasst die Alten sterben» gedreht, ein Coming-Of-Age-Film, welcher zeigt, wie schwer das Erwachsenwerden doch ist, wenn keine Reibung und Abgrenzung mehr möglich ist.

Kevin ist ein cooler Hipster, wie er im Buche steht, vor allem aber ist er wütend und weiss nicht so recht warum. Eigentlich hat er doch alles: Wohlhabendes Elternhaus, Gadgets à gogo, wilde Feiern am Wochenende inklusive Drogen und schnellem Sex auf dem ISC-Klo. Jede Bewegung und jede noch so nichtige Aktion wird selbstredend auf allen Social-Media-Kanälen gestreut und trotzdem ist er gelangweilt und unzufrieden, dieser Kevin, erst recht, als er nach 11 Jahren das Ritalin absetzt.

Ausweg verspricht der Geist der Revoluzzer-Punks der 80er-Jahre und so kauft Kevin Lederjacke und Nietengurt und gründet eine Kommune, wobei die Mitglieder via Casting ausgesucht werden. Ein buntes Trüppchen findet da zusammen, als Initiationsritual werden die Smartphones an die Wand geknallt. Raus aus der Konsumwelt, her mit den richtigen Emotionen, freie Liebe, Drogen, klauen – so lautet ab sofort das Programm der Gang. Spätestens als Kevins Vater (Christoph Gaugler) ebenfalls in der WG auftaucht und sich voll in den Rausch bzw. nackt ins Kommunen-Leben einfügt, läuft Kevins Rebellion aber einmal mehr ins Leere. Eine lustige, polemische und visuell ansprechende Zustandsanalyse der Generation Zuckerwatter liefert Steinhart mit «Lasst die Alten sterben». Hätte man Kinder, würde man ihnen auf der Stelle irgendetwas verbieten. Egal was.

Die Punk-u-mentary «A Fat Wreck» wird am Samstag 7. Oktober als CH-Premier im Planetspade gezeigt, Juri Steinharts Spielfilm-Debut «Lasst die Alten sterben» läuft ab nächsten Mittwoch 11. Oktober im Kino Rex.

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