Logo

Bern auf Probe: Das Metronom des Universums

Anna Papst am Mittwoch den 6. September 2017

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

«Also, das Erste, was wir machen, ist ein Soundcheck wegen der Lautstärke der Clicktracks.» «Wo muss man das einstecken?» «Bei mir ist es zu leise.» «Das ist ja Mono!» «Es ist besser, wenn ihr nur einen Kopfhörer verwendet.» «Jetzt überschlägt es.» «Ich höre nur ein Rauschen.» Das Klangbox-Ensemble, bestehend aus sechs Perkussionisten, kämpft auf ihrer Probe für das Musikfestival Bern mit der Technik.

Um die sich überlagernden Tempi in «Le noir de l’étoile» des Komponisten Gérard Grisey präzise spielen zu können, trägt jeder der sechs Musiker eine «Clicktrack» genannte, individuelle Metronomspur im Ohr. Das Tempo jedes individuellen Clicktracks bleibt dabei keinesfalls dasselbe, sondern wechselt von Takt zu Takt. Kein Wunder, erfordert die Aufführung des Werks höchste Konzentration und das Proben desselben starke Nerven.

Diese scheinen am Montagnachmittag in der Grossen Halle der Reitschule zur Genüge vorhanden zu sein: Der künstlerische Leiter Pascal Viglino gibt mit von Kollege Benoît Piccand verzerrter Mickey-Mouse-Stimme gutgelaunt Anweisungen per Mikrophon. Als die technischen Schwierigkeiten schliesslich behoben sind und das Schlagzeugensemble zu spielen beginnt, stellt man fest: Es rumpelt im Universum. Wie eine Waschmaschine voller Tennisbälle.

Auch Musik mit obligatem Pulsar wird heutzutage mit dem Auto transportiert.

Nicht nur klanglich kommt die Assoziation einer sich drehenden Waschtrommel – ja, eben! – der Komposition nahe. Der Untertitel von «Le noir de l’étoile» lautet: «Musik mit obligatem Pulsar». Der Beschreibung des Festivalprogramms in Leichter Sprache entnimmt man, dass ein Pulsar ein sich sehr schnell drehender (Neutronen-)Stern ist. (Für Leser*innen des Programms in schwieriger Sprache ist dieses Wissen anscheinend vorausgesetzt.)

Ein solcher Neutronenstern entsteht aus der Supernova eines grösseren Sterns und sendet Strahlung im Radiobereich aus, die von der Erde aus gesehen dem Blinken eines Leuchtturms ähnelt – konstant wie ein Metronom. Die Regelmässigkeit der Signale verblüffte die Entdecker des ersten Pulsars PSR B0833-45, genannt Vela-Pulsar, im Jahr 1967 dermassen, dass mangels besserer Erklärung intelligente Ausserirdische als Absender*innen genannt wurden. Gérard Grisey wiederum wollte die hörbar gemachten Signale des Vela-Pulsars in ein Musikstück integrieren, wobei sie unverändert bleiben und ihre Frequenzen die Tempi des Stücks vorgeben sollten.

Womit wir wieder bei unserer Probe in Bern wären. Das All ist inzwischen in die Gänge gekommen, und dass wir auf der Erde mittendrin sitzen, wird einem auch klar, weil man als Zuhörerin ebenfalls mittendrin sitzt, in den ganzen Schlagwerken, die in einem Kreis um das Publikum herum angeordnet sind. Eine Kaskade von Trommelschlägen beschwört ein galaktisches Gewitter herauf, dass es Meteoren regnet, und während ich mich noch frage, ob der Ausruf Stärnehagl! sowie das Adjektiv sternhagelvoll mit diesen astronomischen Vorgängen in Verbindung stehen und warum so viel mehr Männer als Frauen Schlagzeug spielen, verebbt die Musik, und aus den Lautsprechern sind die übertragenen Klänge des Pulsars zu hören. Wie ein Stück Papier, das vor einem Ventilator flattert, meldet sich der Neutronenstern aus dem Universum. «Pause!» ruft Viglino.

Wo steckt eigentlich der Astrophysiker Rudolph von Steiger, der am Donnerstag vor dem Konzert eine wissenschaftliche Einführung hält? «Der muss nicht üben. Der kann es schon.»

«Le noir de l’étoile» von Gérard Grisey, Aufführung durch das Klangbox-Ensemble im Rahmen des Musikfestival Bern, Donnerstag, 7. September, 21:30 Uhr, Grosse Halle, Reitschule Bern

« Zur Übersicht

2 Kommentare zu “Bern auf Probe: Das Metronom des Universums”

  1. Zollinger Anette sagt:

    Spannend, unterhaltsamer und informativer Bericht über die Proben des Klangbox Ensembles. Es macht Spaß auf diese Weise über kreative Arbeit in Bern zu lesen. Weiter so, Anna Papst! Ich bin schon gespannt, was der nächste Blog bringt!

  2. Rudolph Hahnenberger sagt:

    Hoch interessant ! Mehr so Wissen vom Theater!