Logo

SELVE – Der Bildband

Gisela Feuz am Freitag den 7. April 2017

Frau Feuz ist eine Heimweh-Thunerin, wie es im Buche steht. Nein, dort aufgewachsen ist sie nicht, aber blutjung der Enge des Oberlandes entflohen und in die Metropole am Fusse des Schlossberges übergesiedelt. Botz Donnerwetter. Fulehung, Schaudau Open Air, Thunfest … bald einmal konnte Teenager Feuz den ersten Suff verbuchen (Rosé im Mokka, das Glas für 2.50), zog zum ersten Mal an einer Kräuterzigarette und besuchte im Nachtwerk den ersten Rave. Nachtwerk? Sagt Ihnen nichts? Das war ein Club im Selve-Areal. Selve sagt Ihnen auch nichts? Dann schreiben Sie jetzt auf der Stelle Fotograf Christian Helme eine E-Mail und bestellen bei ihm den Bildband «Selve».

1895 eröffnete Gustav Selve nahe der unteren Thuner Altstadt ein Buntmetallwerk, in welchem Platten, Rondellen, Draht- und Munitionszubehör hergestellt wurden. Die Produktion wurde mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges stark ausweitetet und florierte auch während des Zweiten Weltkrieges. An der Spitze des Unternehmens stand lange Zeit als alleinige Inhaberin Else von Selve, die bei der Belegschaft grosses Ansehen genoss. Als Madame Selve 1971 verstarb, übernahm Finanzjongleur Werner K. Rey die Erbgemeinschaft der Firma und fuhr, Sie entschuldigen die saloppe Ausdrucksweise, die Karre so richtig gegen die Wand. Während Rey auf den Bahamas die bleiche Wampe in die Sonne hängte, schloss 1993 in der Selve die letzte Produktionsstätte.

Die Hallen blieben aber nicht lange leer, Gewerbetreibende, Künstler und Bastler zogen ein und ausserdem beherbergte die Selve zu Spitzenzeiten rund 20 öffentliche Vergnügungsstätten (und eine Vielzahl privater Partyräume) wie etwa Cherokee, Chain-Links, Selver-Gärtli, Late Night Americano, Diagonal, Bierhalle, Gatsby-Disco, Basis, Orvis, Nachtwerk, Galerie Dreieck, Willa Wahnsinn oder Kraftstoffbar. Die Partymeile strahlte bis nach Zürich, An einem Freitag- oder Samstagabend strömten gut und gerne 10’000 Besucher durch die Hauptachse, die sinnigerweise Scheibenstrasse heisst. Die Sitten wurden allerdings rauer, es wurde geklaut und gedealt, Gewalt machte sich breit, der Zuschauerstrom begann zu versiege und die vorher immer wieder verlängerten Mietverträge liefen aus. 2007 hatte es sich dann definitiv ausgefeiert und heute stehen dort, wo einst Nachtschwärmer in die Aare Richtung Schwäber (Flussbad Schwäbis) rüberseichten, ein zwölfgeschossiges Hochhaus, Bezirksverwaltungsgebäude und eine ganze Reihe Wohnhäuser.

Die bewegte Vergangenheit, der Wandel von Produktionsstätte zu Vergnügungsviertel und Wohnraum dokumentiert der Thuner Fotograf Christian Helme nun in seinem Bildband «Selve» mit zahlreichen grossformatigen Schwarz-Weiss- und Farb-Fotografien aus rund vier Dekaden. Architekt Guntram Knauer hat dazu ein Vorwort verfasst, in welchem die Entwicklung detailliert wiedergegeben wird. Ein wunderbares Buch, Einblick gibt’s hier. Oh Nostalgie!

« Zur Übersicht

Kommentarfunktion geschlossen.