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Ein letzter Brief

Urs Rihs am Freitag den 11. November 2016

Lieber Sandro

Wie ein verdammter Stromschlag 15002300_10209332742014546_8807122885401704626_o– mein Herz hat für eine Millisekunde zu schlagen aufgehört – hat es mich getroffen, am Dienstag, als ich es erfahren habe, mein lieber Sandro.
Nach dem lauten MC letzte Woche, jetzt noch du, der Leise, der stille Master of Ceremonies.
30 Jahre Reitschule, Dachstock, Kino, im ganzen Haus hast du gewirkt, belebt. Vor zwei Wochen noch deine letzte Show, «Swans». Ich war nicht da, weil Gira mich ankotzt, aber No-Wave, Japanoise, Industrial; das hast du mir nahegebracht, beigebracht zu mögen – denn niemand mag auf Anhieb Throbbing Gristle. Deswegen, wie oft habe ich es gehört, wenn es um deine Konzerte ging: «Sändu Zeugs», verkopft, elitär, ermüdend. Aber das warst du nie, das so zu konstatieren wäre nichts als verkennend. Du hast Anti-Kultur propagiert, die Medien oft verwünscht, Promo gehasst, Werbung für ein Konzert als pure Anbiederung empfunden. Schöngeistig, talentiert und dandyesk, das warst du. Zuweilen zynisch, dabei aber niemals ohne Selbstironie oder Galgenhumor. «Zynismus bedeutet von allem den Preis zu kennen und von nichts den Wert.» Dieses Gainsbourg Zitat hast du mir auf den Weg gegeben, mit einem schelmischen Lächeln auf deinen Stockzähnen.
 Dabei hast du auch genervt Sandro, mit deinem sturen Kopf, deinem Selbstdeterminismus. Reinreden lassen wolltest du dir nicht und helfen lassen noch viel weniger. Dein Eskapismus – kein Natel, kein E-Mail und keine böse Aussenwelt – war auch Eitelkeit mein Freund. Die Verweigerung als Mittel zum Zweck, zur Warnung der Selbstachtung. So dein Mantra gegen den Zeitgeist, in welchem der Verlautbarungszwang der Menschen gleichzeitig ihre Bankrotterklärung darstellt und Unmengen an leeren Silben nur Nichtigkeit unterstreichen. 
Aber so sehr du die Abgründe unserer Natur kanntest und verachtet hast, so sehr warst du eben auch ein Philanthrop, ob dus hören willst oder nicht. Deine Ideale, deine Haltung und nicht zuletzt natürlich deine Veranstaltungen, sind für immer Beweis dafür. Ein anarchistischer Geist, mit ausgeprägtestem Gerechtigkeitssinn, streng, konsequent und süchtig nach konzentrierter Essenz. Nach künstlerischem Ausdruck; die bare Währung unserer Schöpfungskraft. Der Beleg für Hoffnung, ohne sich eines Dualismus bedienen zu müssen. Dafür hast du gelebt und dabei von den besten Anschauungsbeispielen nach Bern gebracht.

Hiermit will ich dir danken Sandro, aber nicht nur für dein endgültiges Engagement, sondern schlicht auch für deine Art zu denken und dein Wissen zu teilen. Deinen unerschöpflichen Schatz an popkulturellem Knowledge hast du immer allen preisgegeben, die einzige Bedingung die du dabei gestellt hast, war Interesse, Neugier und vielleicht eine Runde guten Single Malt.
Privates kam dabei quasi nie auf den Tisch und darum habe ich dich eigentlich auch nicht gekannt. Aber das spielt keine Rolle. Gegenseite Seelenbalsamierung hast du immer anderen überlassen, Persönliches anzusprechen schien irgendwie taktlos, belanglos und Gespräche mit dir waren darum umso ergiebiger.

Hätte ich dir was wünschen können, ich hätte dir etwas Distanz gegönnt. Abstand vor dir selbst, vor dem Haus, welches dich so ausgezehrt hat. Eine Unmöglichkeit ich weiss, aber als Teil deiner Wahlfamilie gebe ich dir hier wenigstens noch einen letzten Soundtrack mit auf den Weg. Wohin auch immer dieser gehen mag. Ich hoffe die Nummer wird deinen Ansprüchen gerecht.

Mit solidarischen Grüssen, der Urs

Wer gemeinsam mit FreundInnen und Wahlfamilie Sandro gedenken will, finde sich doch am Dienstag 6.Dezember ab 18:00 Uhr im Dachstock ein. Zum Konzert von «Boris» – Japanoise mit Stoner Anleihen Sandro hatte sich unglaublich auf diesen Gig gefreut.

 

 

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Ein letzter Brief”

  1. Ruedi sagt:

    Ich werde sicher zum Konzert von Boris kommen. Danke Sandro.