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Gegen die Beliebigkeit

Mirko Schwab am Samstag den 6. August 2016

Demonstration vor dem Rathaus: Der Jazz ist nicht tot. Und auch nicht flüchtig. Haudenschilds Trio E:Scape hat gestern sein erstes Extended Play getauft.

MH

Michael Haudenschild zwischen Rhodes und Flügel.

Es tötelet ja immer mal wieder an einschlägigen Jazzfestivals. Entweder geben sich die Programmatoren dann klassizistisch-ignorant und schmeissen ein paar Tributabende für gestorbene Virtuosen. Auf der Bühne nicken sich ältere Herren wissend zu, schütteln die alten Tricks und Gimmicks aus dem Hemdsärmel, während sich ein ebenso altes, gutsituiertes Publikum selbst zunickt. Feeling wie damals in den verrauchten Jazzlöchern der Bopblüte, jetzt halt mit Rauchverbot und nummerierten Plätzen. Oder man gibt sich offen und verwässert den Jazzbegriff mit allerhand ungutem Ethno-World-Eso-Klimbim, um der alten Story verzweifelt so etwas wie Vitalität zu injizieren.

Dabei geht das ganz gelenkig. Und es ist der sensiblen Programmation am BeJazz-Sommer zu verdanken, dass dies Interessierte und Dahergelaufene am Freitagabend zur Hauptsendezeit erfahren dürfen. Nach dem obligatorischen Mikrofontest mit Verweis auf die etwas verwaiste Crêpes-Bude stehen also da: Pianist Michael Haudenschild, Bassist Benjamin Muralt und Paul Amereller am Schlagzeug.

Und sofort macht sich die Berner Truppe daran, die gehegten Vorurteile vom Platz zu fegen. Ein Groove wird aufgespannt, kräftig und elegant. Subtilie wird hier nicht mit Leisigkeit verwechselt. Die greifen satt rein, ohne die dynamischen Differenzierungsgrade plattzuwalzen oder die technische Brillanz ermatten zu lassen. Überhaupt zieht die Band, die sie eben hörbar ist statt ein zusammengewürfeltes Projekt, an einem Strang. Soliert wird prägnant und auf den Punkt. Die sanfte Futuristik, die Haudenschild mit ein paar eingeschlauften Gitarreneffekten an die klassische Trio-Ästhetik heranträgt, ist nie aufdringlich oder geschmäcklerisch und immer fünfhundert Meilen entfernt von fusioneskem Kitsch. Im Umgang mit zwei weiteren populären Bau- und Stolpersteinen zeitgenössischer Jazzpraxis zeigt das Trio, wie es klappen könnte mit der Versöhnung von stilistischer Erfrischung und traditionsbewusster Reife. Im Umgang mit Groove nämlich, gleichermassen Erbe und Bürde der Improvisationsmusik. Das Immerfort wird schnell zur Monotonie, wenn niemand tanzen mag, und es fesselt den Solisten. Völlig aufgebrochen aber, auf der Suche nach der grossen Freiheit, bleibt nicht selten die ausgeschlossene Zuhörerschaft zurück, bestellt und nicht abgeholt. E:Scape lösen die ohnehin sehr lebendig vorgetragenen Rhythmen nur kurzzeitig auf, schlagen Löcher fürs lustvolle Föppeln gegen den Strich, fädeln ein – Präzisionsarbeit aus der herrvorragenden Rhythmussektion Muralt-Amereller – und halten wieder draufgängerisch drauf und mit Rückgrat. Zweitens offenbart sich der Stil der Gruppe an den Kompositionen und noch gezielter am Einsatz ungewohnter Taktarten. Der besticht in seiner musikalischen Dringlichkeit, die schiefen Schläge nisten sich intuitiv ein ins musikalisch Gesagte, auch hier im Dienst der Zuhörenden, ohne den Anspruch kunsthafter Herausforderung je preiszugeben.

Mein lieber Jazz, zu deinem Glück hast du so talentierte Erben wie dieses feinfühlige junge Berner Trio. Sonst sähst du alt aus und pfiffest aus dem letzten Loch dein letztes «All The Things You Are», bevor es allen egal wäre, was du denn alles bist und sein kannst.

Die EP «Rise» von E:Scape sollte angehört und erworben werden. Der BeJazz-Sommer endet heute Abend mit Konzerten von Woodoism und Sometimes It Snows In August.

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