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Songs from a room

Mirko Schwab am Donnerstag den 28. Juli 2016

Musik aus dem Schlafzimmer erobert die Welt. Dieser auf leisen Sohlen wandelnde Beitrag aus einem Kämmerchen in Bern-Weissenbühl vertont auch gleich, wieso sich der Begriff des «bedroom producer» gegen die innenarchitektonische Konkurrenz aus Küche, Bad und Wohnzimmer durchgesetzt haben könnte.

DH

Bei Dimitri Howald ist der Gsteiger’sche Dualismus in der Balance. Der junge Gitarrist könnte uns, wenn er wollte, mit technischer Brillanz aus dem Real Book vorlesen und dazu auf der untersten Saite nach New Orleans laufen. Ein Bewahrer ist er zum Glück nicht. Sein gestern veröffentlichter Wink aus dem Schlafgemach tunkt die Tradition in ein kühles Blau, das mehr Shoegaze ist als Blues. Treten Sie ein (und ziehen Sie die Schuhe aus!)

Computer, Interface, Klampfe: Nie zuvor konnte die Geste des Do-It-Yourself so niederschwellig ausgeführt werden. Aus den Schlafzimmern dieser Welt erreichen uns beflissene Produktionen, die, anders noch als in der ersten Hochblüte des popkulturellen Selbermachens, selten mehr knistern und knattern, rumpeln und rattern, sondern in ihrer produktionstechnischen Klarheit und Ästhetik kaum unterschieden wollen werden vom Klang grosser Studios. Aus den Schlafzimmern dieser Welt lassen sich Grammys gewinnen und Hitparaden erklettern. Das geht Howalds meditative Miniatur nur am Rand was an, deren Weg nicht in die weite Welt führt.

Aber hinein ins Schlafzimmer. Wie ein luzider Träumer scheint Howald barfuss durch die ausgesuchten Noten zu schlendern. Er offenbart damit die zweite Bedeutungsebene der Schlafzimmermusik, die Qualitäten des Intimen, Umnachteten und Flüchtigen anzeigend. Undenkbar, diese wunderbaren knapp vier Minuten in einem Wohnzimmer zu verorten. Salonmusik ists nicht, zu hartnäckig hängt die gesprächige Geselligkeit wie Spinnhumpeln von der Wohnzimmerdecke, zu gesellschaftlich wäre auch die Küche in ihrer funktionalen Überstelltheit. Nur aus dem Schlafzimmer erreicht uns eine solch private Musik.

Dimitri Howald ist Gitarrist und Komponist aus Bern und unterhält verschiedene musikalische Projekte, darunter auch eine eigene Trioformation. Deren Debut erscheint im November auf Unit Records.

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