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(Kein) Skandal-Theater im Schlachthaus

Christian Zellweger am Freitag den 4. März 2016

almidan

Wer: Das Al-Midan-Theater aus dem israelischen Haifa
Was: «Parallele Zeit»/Azaman al-Muazi.
Wo: Im Schlachthaus.
Hintergrund: Hier. Und hier.
Wie: Unterhaltsam, von einer sympathischen Truppe mit komödiantischem Talent, auch wenn am Anfang vielleicht etwas der Drive fehlt. Das mit den Übertiteln klappt heute Abend sicher schon besser.

Sie feiern Geburtstag (mit Kuchen und Kerzen), sie bauen heimlich und enthusiastisch an einer Oud, freuen sich auf den Besuch wie Kinder im Skilager auf den Abschlussabend. Ein ziemlich lustiges Gefängnisleben führen die Palästinenser im israelischen Gefängnis.

Tragik und Kritik blitzen zwar immer wieder auf: Beim Mitgefangenen, ein 15-jähriger Junge aus den Golanhöhen, der an einer Demonstration eine Flagge verbrannt hat, etwa. In der Bestrafungs-?/Folter-?/Isolationshaft?-Szene, die an Jesus am Kreuz gemahnt. In den hoffnungslosen Träumereien. Und natürlich in der eigentlichen Geschichte von Wadie, dessen Wunsch nach einem Sohn unerfüllt bleibt: Gefangene dürfen zwar heiraten, aber keine Kinder zeugen, schon gar nicht, wenn es sich um einen Palästinenser handelt, der einen israelischen Soldaten getötet hat.

In Israel hat das Stück, das in der Berner Altstadt harmlos wirkt, für Wirbel gesorgt: Israels Kulturministerium strich dem Theater kurzerhand die Subventionen – allerdings erst, als das arabische Stück nach längerer Spielzeit auch mit hebräischen Übertiteln gespielt wurde. Dass sich die Familie an der Geschichte, basierend auf dem Mörder ihres Sohnes stört, lässt sich nachvollziehen. Und natürlich ist es politisch, diese Geschichte auf die Bühne zu bringen. Aber Regisseur Bashar Murkus interessiert sich mehr für die Menschen als für Politik. Umso erstaunlicher die Reaktion des israelischen Staates – oder eben Zeuge davon, wie angespannt sich die Regierung gibt.

Und was hat die ganze Geschichte uns zu sagen? Zumindest, auch wenn man es ja eigentlich weiss: Immer wieder geäusserte Behauptungen, dass in der Schweiz (in Westeuropa?) keine Meinungsfreiheit herrschen soll, sind Unsinn. Es hätte sich zwar sicher auch hier irgendein Politiker gefunden, der sich enerviert hätte über sowas und die Subventionen streichen wollte – nur so richtig interessiert hätte das wohl kaum jemanden.

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