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Suffä, figgä, frässä

Milena Krstic am Donnerstag den 28. Januar 2016

Klar, ich hätte einen sprachlich schöneren Titel wählen können (alternativ wäre «Das Tier in dir» im Angebot gewesen). Aber so, wie er jetzt da steht, passt er besser zur Show, die der Cirque de Loin gestern im Schlachthaus Theater geboten hat. Mit ihrem Stück «Mendrisch» feierten sie Premiere.

Mendrisch Schlachthaus Theater Cirque de Loin

Wunderbar vulgär: Newa Grawit und Tuk Frederiksen. Foto: Sabrina Christ

Haben Sie schon einmal ein Freilichttheater besucht? Das sind diese Openair-Veranstaltungen im Schweizer Sommer, in denen in irgendeiner Bucht, Schlucht oder auf einem Bergzipfel ein Heimatstück aufgeführt wird. Mit Vorlieben geht es da um Tell oder etwas Heidiähnliches und ganz wichtig: eine Liebesgeschichte, etwa zwischen einer Magd und einem Soldaten, also viel Drama.

Was der Cirque de Loin, diese liebenswürdig schräge Kompanie, damit zu tun hat: Ihr neustes Stück «Mendrisch» gleicht einer Abrechnung mit der Freilichttheater-Romantik. Da ist also diese heruntergekarrte Wagensiedlung im berglerischen Nirgendwo, deren BewohnerInnen rüden Umgang pflegen: Mobbing, Schläge, Fäkalsprache und hierarchische Ordnung sind Programm. Also eher Verding-Kind-Realität.

Inspiriert von Schweizer Sagen und Mythen hat der Zürcher Schauspieler und Regisseur Michael Finger gemeinsam mit dem von ihm gegründeten Ensemble ein blutrünstiges Bild von Aussteigern geschaffen, die saufen, ficken und fressen. Da muss auch das fünf Monate alte Baby dran glauben. Sie sind schockiert? Dann gehen Sie sich «Mendrisch» (das ist übrigens dieses Berg-Unwesen mit Geisskopf) nicht angucken.

Für alle anderen gilt: Have fun und verabschieden Sie sich von jeglichen Konventionen. Dann könnten Sie nämlich viel Spass haben und sich nebenbei in die tollen Schauspielenden verknallen, die von Akrobatik bis schlechtestem Slapstick alles zu bieten haben. «Mendrisch» ist ein rasantes Stück, das die Grenzen des schlechten Geschmacks im Sekundentakt überschreitet. Das hätte schief gehen können – funktioniert aber in «Mendrisch» trotzdem, irgendwie.

Szene für Szene verwandeln sich diese Aussteiger-Underdogs in das, was wir Menschen am Ende, wenn es nichts mehr zu verlieren gibt, eben doch sind: Animals!

Róisín Murphy hat mit «Primitive» ein schönes Lied zum Thema geschrieben:

If you call out tonight
And hear the call of the wild, reply
You are animal, animal
Not so deep inside

Das Stück läuft noch bis am 7. Februar. Alle Daten finden Sie hier. 

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3 Kommentare zu “Suffä, figgä, frässä”

  1. Kummli Oscar sagt:

    Wenn schon Berndeutsch, dann bitte Berndeutsch, Frau Krstic:
    Suffe, figge, frässe
    Gell?

  2. Die Krstic sagt:

    Danke für den Hinweis, Herr Kummli. Aber das mit dem «ä», das war extra. Ich finde, so klingt das noch einen Zacken ordinärer als nur mit einem schwachen «e» am Schluss.

  3. Die Krstic sagt:

    Lesen Sie übrigens auch: Die Besprechung aus der BZ. «Die Schreibende fragte sich während des Stücks mehrmals, warum sie sich das überhaupt antut.» Word. http://www.bernerzeitung.ch/region/bern/das-will-man-nicht-sehen/story/17355745