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Vier Drummer, eine Frisur und füdliblutter Rock

Gisela Feuz am Sonntag den 19. Juli 2015

Rockstar-Allüren haben sie sich zugelegt, diese Trampeltier of Love. Denn wenn man das Publikum klatschen lässt und keine zweite Zugabe spielt, dann sind das fucking rockstar airs and graces, pfui! Eat this, Kämpf!*

kairoDie Berner Boy-Band Trampeltier of Love eröffnete gestern den zweiten Tag des Kairo Gartenfestivals und trotz tropischen Temperaturen war der Anlass bereits früh sehr gut besucht. Vor dem Kairo sorgten lange Tafeln und Festbänke für heimelige Dorffest-Stimmung, während hinten im Garten vier Schlagzeuger auf ihre Instrumente einhauten. Jawohl, vier, sie haben richtig gelesen. Bei Merz feat. Sartorius Drum Ensemble treffen ja Conrad Lambert, den man in seiner britischen Heimat als Pop-Künstler Merz kennt, und Klangkünstler Julian Sartorius aufeinander. Letzterer hatte auf dem Merz-Album «No Compass will Find Home» die Perkussion einspielt. Später gestaltete er die Songs radikal um und liess vier Schlagzeuge die Begleitung von Merz’ Gesangsparts übernehmen. Genau diese Variante gab es gestern am Gartenfestival zu hören. Grossartiges uneasy Listening war das: abenteuerlich, apokalyptisch, massiv, blitzig und donnerig, dann aber auch hypnotisch und frickelig. Es sei gar nicht so einfach gewesen, in den Sommerferien so viele Schlagzeuger aufzutreiben, hatte eine zuverlässige Quelle verlauten lassen. Und auch nicht einfach dürfte es sein, Schlagzeuger aufzutreiben, die sich überhaupt trauen, zusammen mit einem Julian Sartorius aufzutreten. David Meier, Arno Troxler und Tobias Schramm hiessen die drei mutigen Recken, welche die Aufgabe auf sich nahmen und diese mit Bravour meisterten.

Im Anschluss schwang dann die Frisur von Mama Rosin** das Gitarrenzepter im Kairo-Hof. Duck Duck Grey Duck ist zwar ein grossartig bescheuerter Bandname, aber eine richtig gute Band aus Genf. Bass und Gitarre tragen die Herren hoch geschnallt wie Jazz-Schüler, entlocken tun sie ihren Instrumenten aber eine Mischung aus Surf-Blues, erdigem Rock und warmem Garage-Soul, das ganze wird mit viel Hall und Wah-Wah versetzt und mit einem Schuss Psychedelic angereichert. Voilà. Das Resultat ist ganz formidable und äusserst tanzbar. Einzig die 70er-Jahre Funk-Einschläge sind dann die Sache der Schreiberin nicht.

Den Abend abrunden tat dann eine andere Westschweizer-Combo: John Dear aus Lausanne. Und wie sie das taten. Heilandzack noch mal! Was Guillaume Wuhrmann mit Gitarre und Catia Bellini mit Schlagzeug fabrizieren, ist fadengrader, füdliblutter in-your-face-Rock. Ob das auf die Dauer nicht langweilig wird? Nö. Denn John Dear flechten zwischendurch auch sphärische Postrock-Passagen à la Mogwai ein, wagen einen psychdelischen Pink-Floyd-Abstecher und paaren ihre grosshodigen Stoner- und Hardrock-Riffs auch mal mit verhalltem Blues. Kantig, energiegeladen, wuchtig, dabei aber durchaus auch ironisch und verschmitzt sind John Dear. Oder um es mit den eigenen Worten des Duos auszudrücken: John Dear is a motherfucker. Jawohl. Hoch die Ingwerer!

johndear

«John Dear is a motherfucker» (Bild Patrick Principe)

*Matto Kämpf hat darum gebeten, man möge doch jetzt endlich einmal einen Verriss über einen seiner Auftritte platzieren. Das ist aber auch nach dem gestrigen Abend so gut wie unmöglich, weil Trampeltier of Love tatsächlich prima Unterhaltung bieten, die hier bereits ausgiebig beschrieben wurde.

** Die üppige Lockenpracht des Robin Girod 

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