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Manon in Interlaken

Gisela Feuz am Donnerstag den 16. April 2015

Machen Sie doch mal wieder einen Ausflug, werte Leserinnen und Leser, zum Beispiel nach Interlaken beziehungsweise Klein-China. Das kleine Städtchen zwischen den Seen wartet zwar mit scheusslichen Souvenirläden, einer Armada von noch scheusslicheren Schuh- und Trekking-Läden und einem ästhetisch fragwürdigen Architekturmix auf, bietet aber eben auch ein atemberaubendes Alpenpanorama und zur Zeit eine Ausstellung über eine der berühmtesten und einflussreichsten Pionierinnen der Schweizer Performance-Kunst: Manon.

Sie selber sei ja eine sehr schüchterne und zurückhaltende Person, diese Manon, weiss eine äusserst kommunikative Mitarbeiterin des Kunsthaus Interlaken zu berichten. Die noch nicht ganz 69-jährige Grand Dame der Performance hatte in den 70er-Jahren mit ihrem «Lachsfarbenen Boudoir» und der Serie «La dame au crâne rasé» für Furore gesorgt. In der kleinen aber feinen Exposition «Reise nach Sibirien» in Interlaken werden nebst neusten Installationen, welche Manon extra für diese Ausstellung entwickelt hat, auch Bilder aus der Serie «Elektrokardiogramm 303/304» gezeigt, in denen ausdrucksstark gesellschaftliche und geschlechtliche Rollenbilder untersucht und in Frage gestellt werden.

manon

Ebenfalls sehr berührend sind die gezeigten Fotografien aus der Reihe «Einst war sie Miss Rimini», für welche folgende Ausgangslage galt: «Rimini, ein Sommer in den siebziger Jahren. Eine junge Frau, ein Schönheitswettbewerb im Strandhotel. Der Duft von ein bisschen Glanz. Denn sie wird Miss Rimini. Wer ist sie heute?» Über 50 Mal ist Manon in die Haut dieser jungen, erfundenen Provinz-Schönheitskönigin geschlüpft, um zu zeigen, was aus ihr geworden sein könnte. Entstanden sind berührende Bilder, die verdeutlichen, welche unterschiedliche Bahnen ein Leben doch nehmen kann. Ist aus der ehemaligen Miss Rimini eine schillernde Diva geworden? Eine Heilsarmee-Soldatin, eine feinsinnige Musikerin, eine Nonne, eine Psychiatrie-Patientin, eine gestrenge Ärztin oder kämpft sie mit Krebserkrankung? Mit grosser Sensibilität zeigt Manon hier die körperliche und seelische Fragilität von Individuen, welche Spuren gelebtes Leben hinterlassen, wie Zeit und soziale Bedingungen eine Person modellieren können und thematisiert Vergänglichkeit, Scheitern und Schicksal. Das berührt. Allerdings wird man beim Blick aus dem Fenster jäh aus der ästhetischen Verzauberung gerissen. «Matterhorn calling – since 1865» verkünden grosse Lettern auf dem Schaufenster des gegenüberliegenden Outoor-Kleider-Anbieters. Oh weh, Interlaken.

Manons Ausstellung «Reise nach Sibirien» ist noch bis am 3. Mai im Kunsthaus Interlaken zu sehen.

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Ein Kommentar zu “Manon in Interlaken”

  1. Rentalic sagt:

    its good see the wall hanging with the beautiful pics.