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Raketkanon-Rampensäue

Gisela Feuz am Donnerstag den 9. April 2015

Zu Hause in Belgien würde das Quartett ja 600er-Hallen füllen, erklärte gestern Abend einer der Veranstalter in der Rössli Bar der Reitschule und begutachtete dabei stirnrunzelnd die etwa 30 Leute, die aufmarschiert waren, um dem musikalischen Schaffen von Raketkanon die Ehre zu erweisen. Das Phänomen ist ein bekanntes: Zu Hause läufts prima, kaum hat man aber die heimischen Gefilde verlassen und wagt sich vielleicht sogar über die Landesgrenzen, müssen die musikalischen Sporen erst wieder neu abverdient werden und das halt oftmals auch vor halbleeren Rängen. In solchen Situationen trennt sich dann die Spreu vom Weizen, beziehungweise wird klar, wie professionell eine Band ist. Wird geschmollt und getrötzelt und das Set freudlos heruntergerattert? Oder aber lässt man sich von einem kleinen Publikumsaufmarsch nicht irritieren und gibt trotzdem das Äusserstmögliche?

Raketkanon taten gestern Abend zweifellos Letzteres. Kurz vor dem Konzert konnte der Tastenmann bei Aufwärmübungen und munterem Einhüpfen beobachtete werden, derweilen der Schlagzeuger sämtliche Barhocker in den hinteren Teil des Raumes verfrachtete. Die Vorbereitungen machten durchaus Sinn, denn kaum erklang das erste ohrenbetäubend laute Gitarrenriff aus den Lautsprechern, wurde auf der Bühne wildestes Abnicken praktiziert und zwar in einer Präzision und Kadenz, die den Abnickern eine Nackenmuskulatur bescheren dürfte, welche selbst gestandene Schwingerkönige erblassen lässt. Ausserdem dürfte das belgische Mannen-Quartett dank dem massiven Strobo-Einsatz auch in den vorderen Reihen auf der schwarzen Liste der Epilepsie-Gesellschaft mittun.

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Was Raketkanon musikalisch praktizierte war grossartig uneinordenbar. Schleppende Sludge-Riffs wurden da mit wilden Post-Hardcore-Ausbrüchen und übersteuerten Synthie-Klängen gepaart, Tempi-Wechsel verhinderten jegliches Anklimatisieren und die stark verzerrten Gesangsfetzen, welche Vokalist Pieter Paul Devos beisteuerte, waren durchaus verstörend und hätten auch einwandfrei als Horror-Film-Soundtrack funktioniert. Besagter P.P. Devos liess es sich im Übrigen nicht nehmen, sich mehrmals von der Bühne zu stürzen, und zwar ohne dass da rettende Hände gewartet hätten. Derweilen unternahm der Schlagzeuger Spaziergänge über den Bartresen und lobte die Zuschauerschaft als «best audience ever». Rampensäue erster Güte sind sie, diese Raketkanon. Und Profis fürwahr!

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