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sonOhr: wohliges Fläzen zum Kopfkino

Gisela Feuz am Sonntag den 15. Februar 2015

«In den 50er-Jahren wurde nicht selten der wöchentliche Hörspieltermin wie ein Theaterbesuch eingeplant und vom übrigen Alltag abgeschirmt. Wenn Hörspielzeit war, sassen wir immer schon eine Viertelstunde vor der Ansage am Radiogerät und drehten an den Knöpfen. Sobald die Sendung anfing, hatten wir das Gefühl, als seien wir selber der Äther, und körperlos geworden schlüpften wir zu den imaginären Stimmen in den Apparat. Eine Stunde, die wir am liebsten zu einer Ewigkeit gedehnt hätten.» (Ludwig Harig, Schrifsteller und Hörspielmacher)

Bis zur Erfindung aus Ausbreitung des Fernsehens gehörte das Hörspiel zu den beliebtesten Unterhaltungsformen. Namhafte Literaten wie etwa Bertolt Brecht, Gottfried Benn, Friedrich Dürrenmatt, Ingeborg Bachmann, Günter Eich, Max Frisch und etliche andere fabrizierten in den 50er-Jahren Hörstücke fürs Radio und für viele Schauspieler war es eine Ehre, wenn nicht gar ein Muss, Hörstücken ihre Stimme zu leihen. In den Nachkriegsjahren, als Gedrucktes Mangelware war, sassen in Deutschland bis zu 12 Millionen Menschen vor den Radio-Apparaten, wenn in den Abendstunden Hörspiele ausgestrahlt wurden.

homeAuch heute noch ist das Radio das meist genutzte Medium, wenn auch das Interesse nachzulassen scheint und Hörspiele – einst die Königsdisziplin des Hörfunks – zu einem Nischenprodukt geworden sind. Zum Glück aber gibt es das sonOhr Hörfestival, an welchem es Hörstücke in unterschiedlichster Form und mit vielfältigen Inhalten zu hören gibt. Akustische Roadmovies, Satiren, Features, (experimentelle) Dokumentationen, Klanginstallationen, Radio-Novela und gar ein Live-Hörspiel werden im Kino Kunstmuseum und im Kulturpunkt im Progr in jeweils einstündigen Blöcken geboten. Letzterer wurde übrigens mit alten Möbeln und Stehlampen in ein richtig gemütliches Wohnzimmer verwandelt, so dass man eine Ahnung bekommt, wie es in den 50er-Jahren gewesen sein dürfte, wenn sich die ganze Familie vor dem Radiogerät versammelte. Da zieht sich die geneigte Zuhörerschaft auch gerne mal die Schuhe aus und fläzt wohlig auf Sofas und Sesseln, währenddem man sich ganz dem Kopfkino hingibt.

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Kulturpunkt-Wohnzimmer

Gehen Sie hin! Das sonOhr Hörfestival findet noch heute Sonntag statt mit Wettbewerbsblöcken um 13, 14.30, 16 und 17.30Uhr im Kulturpunkt im Progr und 12:30, 14, 15.30, 17, 18.30Uhr (live-Hörspiel) im Kino Kunstmuseum. Dort werden dann heute Abend auch die Wettbewerbs-Gewinner bekanntgegeben und gekürt.

Wer sich für die Geschichte des Hörspiels interessiert, dem sei «Kleine Geschichte des Hörspiels» von Hans-Jürgen Krug ans Herz gelegt, erschienen bei UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz.

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