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sobooks: des Buches Ende?

Miko Hucko am Mittwoch den 22. Oktober 2014

Um praktisch dort anzuknüpfen, wo Fischer gestern aufgehört hat: Sascha Lobo geht es – ganz platonisch – um die Idee des Buches. Wie er an der Rede (Buchmesse Frankfurt, 10.10, 10 nach 10, hihihaha) zur Eröffnung immer wieder betont hat, sei es eben nicht das Papier, die Haptik, die das Buch zum Buch macht, sondern der Text und wahrscheinlich dessen Gliederung in Seiten. Genau so wird das Buch auf sobooks.de verkauft.

Als das Portal an der letzten Buchmesse (2013) gross angekündigt wurde, machte ich mir grosse Hoffnungen, ich war nervös, gespannt, kribbelig – auf was genau, kann ich leider immer noch nicht sagen. Irgendwie hatte ich eine Buchrevolution vor Augen, wahrscheinlich sah ich mich schon drauf und dran, irgendeines Autors Urheberpersönlichkeitsrechte zu verletzen, indem ich ganze Passagen umschreibe oder rausstreiche, weil sie mir einfach nicht passen. Das ist leider auch auf sobooks nicht möglich, der social-media-Werdung des Buches.

Ich weiss auch nicht genau, was mir die Freude daran vermasselt hat. Das übertriebene Unternehmertum und die grosskotzig gewählten Worte an der Rede machten es mir natürlich schon mal nicht leicht. Es wurde schnell klar, dass hier nichts Neues angestrebt wird, sondern die Marktlücke. sobooks verknüpft – zwar nicht ungeschickt – alles, was schon da ist. sobooks ist ein Ort für Selbstverleger (nach eigenen Aussagen sogar mit schlechteren Bedingungen als Amazon). sobooks lässt dich einzelne Texte kommentieren (wie schon Genius das tut). sobooks erschafft eine auf Texten, Fiktionen basierende community, in der auch die Autor_innen mitreden (wie wattpad).

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Das Langweiligste an Sobooks: All das gibt’s nur für die deutschsprachige Leser_innenschaft – für ein Portal in dieser gedachten Grösse ziemlich fragwürdig.  Oder zielorientiertes Verlagsberuhigungsmittel, eine verzweifelte Beatmung für den deutschen Buchmarkt. Aber leider in biederem Design und ohne Haptik. Da bleibe ich lieber bei meinem Papierfetisch.

 

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6 Kommentare zu “sobooks: des Buches Ende?”

  1. Sascha Lobo sagt:

    Lieber Miko Hucko, ich freue mich ernsthaft darüber, auch mal eine kritische Betrachtung zu lesen. Mag sich seltsam anhören, aber ist tatsächlich so, wenig vergiftet so sehr wie zuviel Wohlwollen.

    Aber ich möchte doch erklären, was wohinter steht, zur besseren Einordnung für Sie und die Leser.

    • “übertriebenes Unternehmertum und grosskotzige Rede”
    Was genau an Unternehmertum übertrieben ist aus Ihrer Perspektive, das kann ich nur schwer sagen. Ich weiss aber, dass mich ungeheuer nervt, wenn Leute, die Internetplattformen gründen, so tun, als würden sie in allererster Linie die Menschheit voranbringen. Daher habe ich persönlich immer Wert darauf gelegt, dass Sobooks als Unternehmen auftritt, dem es um die kommerzielle Weiterentwicklung der Buchwelt geht. Den Pukt mit der grosskotzigen Rede dagegen: voll getroffen, stimmt alles, kann man doof finden. Die Erfahrung zeigt, dass leise Töne von der Öffentlichkeit selten beachtet werden, aber dieser Umstand macht “grosskotzige Rede” ja nicht unbedingt sympathischer. Er erklärt sie nur.

    • “nichts Neues”, “Sobooks verknüpft… alles, was schon da ist”
    Hier bin ich etwas irritiert, denn abgesehen davon, dass wir durchaus einige Dinge ganz neu gedacht haben (wenn sie auch nicht von Beginn an zu sehen sein mögen), ist das Wesen der Innovation, bisherige Ideen miteinander zu verknüpfen. Genauer gesagt sind so fast alle Erfolgsmodelle im Netz entstanden, sie haben bisherige Innovationen geschickter miteinander verknüpft, als andere das bis dahin getan hatten.

    • “Ort für Selbstverleger”
    Angesichts der Tatsache, dass wir Verlage wie Hanser oder die Verlagsgruppe Random House mit dabei haben im Verkaufsportfolio, ist das eine unvollständige Aussage. Sobooks ist auch ein Ort für Selbstverleger, aber nicht nur. Das Selfpublishing-Modul, was noch nicht online ist, war übrigens gar nicht von Anfang an geplant. Die Nutzerschaft während der Closed Beta (seit Oktober 2013) hat bloß ein entsprechendes Feedback gegeben, und die Auflösung der starren Grenzen zwischen klassischen Verlagen und Selfpublishing passte sehr gut in unsere Strategie.

    • “schlechtere Bedingungen als Amazon”
    Naja, naja. Ich habe auf der Buchmesse erklärt, dass wir Selfpublishern wahrscheinlich weniger als die 70% ausschütten werden, die Amazon in bestimmten Fällen auskehrt. Konkrete Zahlen habe ich nicht genannt, aber Bedingungen bestehen ja nicht ausschließlich aus dem Prozentsatz, sondern auch aus Dingen wie Exklusivität oder technische Möglichkeiten. Ich glaube, wenn es soweit ist, wird man die Bedingungen nicht als “schlechter” bezeichnen müssen, obwohl wir weniger ausschütten (was natürlich dem Umstand geschuldet ist, dass wir ein sehr kleines Unternehmen sind).

    • “Das langweiligste an Sobooks: All das gibt’s nur für die deutschsprachige Leserinnen_schaft”
    Bis hierhin hatte ich viel Verständnis für Ihre Position, Sie sind Leser und Multiplikator, also haben Sie immer Recht oder wenigstens muss ich als Unternehmer so tun, als hätten Sie immer Recht. Bei diesem Schlusskommentar aber werde ich leicht fuchsig. Wir sind bisher ein vollkommen privat finanziertes Unternehmen, absichtlich. Wir haben bisher keine VCs hineingenommen, um nicht in die falschen Fahrwasser zu geraten, sondern nach unseren Vorstellungen den Buchmarkt weiterzuentwickeln. Wir sind – nach einer zugegeben längeren Closed Beta-Phase – in diesen Minuten 12 Tage online. Und dann beschweren Sie sich, dass wir “nur” deutschsprachige Titel dabei haben? Das finde ich unfair.

    Es stimmt allerdings, dass wir noch viel zu wenige Titel online haben, wir bauen gerade einen sehr viel umfangreicheren Katalog auf, und das kann man durchaus kritisieren. Wenn ich auch glaube, dass es sinnvoll ist, erst die Plattform zu entfehlern und rund zum laufen zu kriegen, und dann den Katalog deutlich auszubauen. Die fehlende Haptik aber – da fürchte ich, finden wir vorerst nicht zueinander. Denn das Digitale kann sehr haptisch sein, wenn man eine Ader dafür hat. Wenn nicht, dann nicht.

  2. Fischer sagt:

    also ich melde mich da grad mal an. und miko, ich finde es eigentlich ganz ok, dass sobooks nicht der grosse remix-fleischwolf des buches ist. ich glaub ich erinnere mich an eine frühere präsentation von sascha lobo, in der es noch nicht so um die konkreten technischen details sondern mehr um die idee des buches als integralem (und eben nicht beliebig zerteilbarem) textkörper ging, und dass diese idee unabhängig vom medium funktionieren müsste. was aber auch heisst: in digitalen zeiten muss nicht das buch auseinandergenommen und neu gedacht werden, sondern die art wie es gelesen wird.

  3. Miko Hucko sagt:

    Liebe Sascha Lobo

    Danke erst mal für den angenehmen Ton der kritischen Antwort, das hat sich sonst in diesem Blog noch nicht so durchgesetzt.

    zu 1. – wobei das, wie ich beim Denken merke, eigentlich die meisten Kritikpunkte gleich miteinschliesst.
    Auch ich bin kein Fan dieser digitaler Weltretter_innen, weil sich ja spätestens nach der Registrierung bemerkbar macht, worum es ihnen eigentlich geht, nämlich um die lieben Daten. Dass Sie diese auch angesprochen (und im Portal mitgedacht) haben, rechne ich hoch an, und hat nichts mit dem Unternehmertum zu tun, das ich meine.
    Um nicht unscharf zu werden: ich glaube tatsächlich, dass Sie nirgendwo anecken, sondern sich eben genau da rein passen, wo’s grad noch Platz hat. niemandem das Revier streitig machen, keine potentiellen Kund_innen abschrecken durch eine Neuerung, die das zur Folge haben könnte. das ist das Unternehmerische, das ich meine, und hängt auch direkt mit den anderen Kritikpunkten zusammen.
    Sie nehmen verschiedene, bereits funktionierende Modelle, und kombinieren diese. Sie versuchen ein möglichst breites deutschsprachiges Publikum anzusprechen, ohne dass sobooks eine bestimmte Richtung einschlägt. Sie kombinieren das Elitärste (die FAZ) mit dem Groschenroman – aber ohne Programm, sondern mit Kund_innenwirksamkeit.
    Genau in diese Kritik spielt auch die Deutschsprachigkeit des Portals rein. Es geht mir nicht darum, möglichst viele Titel dabei zu haben, sondern darum, welche, und wie diese aufbereitet sind. sobooks reproduziert m.E. so genau die Problematik des existierenden deutschen Buchmarkts, der sich auf die Sprache konzentriert und so klar abgrenzt von Andersprachigem, dass aber für die deutschsprachige Gesellschaft genau so von Relevanz wäre.

    Beim Selbstverleger_innentum gebe ich Ihnen recht, das war zu ungenau. Die Haptik jedoch hat im digitalen vor allem mit Optik und Gameplay (salopp gesagt) zu tun, und die ist mir eben bei sobooks doch zu bieder.

  4. Miko Hucko sagt:

    @Fischer: Nein, es muss nicht unbedingt auseinandergenommen werden, das war ja auch nur so eine Fantasie von mir. aber eine Hinwendung zu neuen Techniken des Lesens lässt sich eben bei sobooks auch nicht wirklich erkennen. Ich lese ja nicht anders, sondern teile das gelesene. Aber das Leseverhalten selbst wird da nicht angesprochen.
    Mit der Social Spac Agency haben wir uns ja an der Buchmesse genau damit auseinandergesetzt, dass Bücher immer einen bestimmten Pfad, ein bestimmtes Leseverhalten fordern, und wie sich aktiv damit umgehen lässt. Deshalb sind wir gemeinsam an die Präsentation, die uns eben wegen dem fehlenden neuen Fokus (oder der fehlenden Möglichkeit, diesen Fokus einzubringen) enttäuscht hat. Aber jetzt, wo ich registriert bin, hey, vielleicht kommt mir eine Idee, wie sich damit umgehen liesse.

  5. Sascha Lobo sagt:

    Liebe Miko Hucko,
    erstmal Entschuldigung, ich bin meinem ersten Impuls, dass Miko ein Männername sei, ungeprüft gefolgt, Verzeihung. Präzise gekontert mit “Liebe Sascha Lobo”, vor allem auch deshalb, weil Sascha in vielen Ohren ein Unisex-Name ist, da scheinen wir ein Schicksal zu teilen.

    Ich habe ja im ersten Anlauf sehr, sehr geschickt den Vorwurf der Biederkeit nicht adressiert. Das liegt daran, dass ich ihm ärgerlicherweise nicht in vollem Umfang widersprechen kann, oder vielmehr: ich weiß ziemlich genau, was gemeint ist. Das allerdings ist Absicht, denn als Publikum stellen wir uns nicht nur das medium.com-Publikum vor, das digital höchst gebildet ist, sondern auch tendenziell die “normale” Leserschaft. Und die müssen wir ersteinmal daran gewöhnen, ein Buch überhaupt onlin zu lesen, also als eine Art Website zu begreifen. Das ist nämlich alles andere als selbstverständlich, dementsprechend haben wir in den ersten Tagen immer mal wieder Mails bekommen, wo man denn jetzt das Buch herunterladen könne.

    Die “Biederkeit” würde ich gern umtaufen in “Konventionalität” und damit wäre ich dann auch voll einverstanden, die ist gewollt, weil die Leute nicht zuviele neue Sphären auf einmal vertragen. Ich selbst auch nicht, übrigens, das hat mit mangelnder digitaler Bildung oder ähnlichen komischen Vorwürfen nichts zu tun, sondern ist zutiefst menschlich (glaube ich).

    Dass wir die “Sprache des deutschen Buchmarkts” versuchen zu sprechen, stimmt, und hat damit zu tun, dass wir nicht gegen die bestehenden Verlage, Autoren, Autorinnen und Agenten operieren wollen, sondern gemeinsam mit ihnen. Dieser Unterschied wird von den betreffenden Personen sehr stark an eben der Sprache festgemacht, und da eine Lösung zu sein, die supermodern und hypernetzhaft erscheint, aber vertraute Anknüpfungspunkte bietet, ist ebenfalls: volle Absicht.

    Was schließlich die Programmatik angeht: da sind wir noch sehr, sehr am Anfang. Wir sind ja zugleich Buchhandelsplattform und Buchcommunity, da ist ein inhaltliches Profil nichts, was man von Anfang an festlegen sollte, glaube ich, das muss sich auch etwas von selbst fügen. Wer kommentiert viel und gern? Wer nutzt die sozialen Instrumente am besten oder am meisten? Das wissen wir noch nicht, da müssen wir dazulernen.

    Das Programm des eingebauten eigenen Verlags dagegen, das wird man demnächst, so hoffe ich jedenfalls besser erkennen können. Mehr mag ich noch nicht verraten, ich kann ja hier im Blog nicht alles erzählen ;)

  6. Miko Hucko sagt:

    Unter Konventionalität ist dieser Kritikpunkt doch ganz gut zusammengefasst. dann bin ich jetzt einfach mal gespannt und warte, dass “das Visionäre” noch kommt, sobald sich die Leute an sobooks gewöhnt haben.