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Schräge Vögel auf dem Leninberg

Gisela Feuz am Samstag den 18. Oktober 2014

Einträchtig sitzen sie nach der Vorstellung draussen auf dem Bänkli und paffen eine Zigarette: Artyom Shilov vom russischen Theater Pokoleniy und der Berner Entertainer, Clown und Schauspieler Marco Morelli. Unterhalten sei schwierig, erklärt Morelli, denn er spreche praktisch kein Englisch geschweige denn Russisch und Artyom kein Deutsch. Aber trotzdem verstehe man sich. Verstanden hatte man sich vorher auch drinnen auf der Bühne des Schlachthaus Theaters, wo «Alle Vögel sind schon da – Ein Kongress in Zimmerwald» aufgeführt worden war, und zwar halb in Russischer, halb in Deutscher Sprache. Wieso russische Schauspieler bei einem Stück aus der Feder von Ariane von Graffenried und Matto Kämpf mitmachen? Ganz einfach aus dem Grund, weil Zimmerwald in gewissen russischen Kreisen bekannter ist als Bern oder Zürich und in der Gemeindeverwaltung der kleinen Ortschaft auf dem Längenberg lange Zeit regelmässig Postkarten aus der Sowjetunion eintrafen, die an ein Lenin-Museum adressiert waren, das es dort allerdings gar nicht gibt. Der Grund: 1915 hatte in Zimmerwald eine historische Konferenz stattgefunden, bei der Revolutionäre aus zwölf Ländern getarnt als Ornithologen diskutierten, wie die sozialistische Internationale neu formiert werden könne. Mit von der Partie war auch ein Herr namens Lenin, weswegen Zimmerwald als Bezugsort in der Sowjetunion so populär wurde.

Dieses historisch verbürgt Treffen auf dem «Leninberg» diente von Graffenried und Kämpf als Grundlage für ihr Stück «Alle Vögel sind schon da». 99 Jahre später lassen sie linke NostalgikerInnen, Umweltaktivisten der Brigade Feuervogel (einer radikalen Abspaltung von Greenpeace) und eine übermotivierte Dorflehrerin im Sääli des Restaurants Beau Séjour aufeinandertreffen. Sie alle proben auf ihre Art und Weise den Aufstand gegen die Welt, wobei lange nicht klar ist, wer denn nun eigentlich echt und wer getarnt ist, welche Vögel nun wirklich vom Aussterben bedroht sind und wer schlussendlich das neue Manifest verfassen soll.

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Die Stärke von «Alle Vögel sind schon da» liegt vor allem in den schauspielerischen Einzelleistungen. Mit welcher Präzision z.B. Sergey Mardarh Berndeutsch spricht, wie er den Gastwirt des Beau Séjours und vor allem die Hexe Baba Jaga gibt, ist äusserst vergnüglich. Zudem besticht auch die Schlichtheit der Requisiten, mit denen das Bühnenbild gestellt wird, wird da ein in Karton verpacktes Klavier doch schnell mal zum Panzer umgewandelt. Weiter sorgen Einschübe wie etwa die ästhetische Bildanalyse von sozialistisch-realistischen Werken für erheiternde Momente. Mit 140 Minuten ist das Stück allerdings ein bisschen gar lang geraten und die Wechsel zwischen der Vergangenheit und Aktualität verlangen dem Publikum doch einiges ab. Aber wieso auch nicht: Sozialistische Revolution war und ist schliesslich auch nicht nur Zuckerschlecken.

«Alle Vögel sind schon da – Ein Kongress in Zimmerwald» wird im Schlachthaus Theater noch an folgenden Daten aufgeführt: Sa 18., So 19., Do 23., Fr 24. und Sa 25. Oktober.

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