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Helldorados epischer Western-Soundtrack

Gisela Feuz am Freitag den 10. Oktober 2014

Ein ungewohntes Bild war das gestern im ISC, aber gerade deswegen sehr erfreulich: Auf der Bühne bediente für einmal nicht ein klobiger Herrentreter das Pedalboard – also das Brett, auf dem verschiedene Gitarren-Effekte versammelt sind – sondern ein graziler Damenfuss in hochhackigem Schuh. Dieser Fuss gehörte zu einem Bein, welches wiederum im Rumpf von Hedvig Mollestad Thomassen endete. Die zierliche Norwegerin, die gestern im ISC mit ihrem Trio den Norweger-Abend eröffnete, ist Absolventin der Musikakademie und was sie ihrer Gitarre entlockte, war entsprechend technisch einwandfreie Arbeit. Frau Feuz, die ja eher mit einem simplen Musikgeschmack gesegnet ist, war das ganze ein bisschen zu prog-rockig und jazzig. Oder anders ausgedrückt: Zu viel Kopf und zu wenig Bauch bzw. Eier.

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Die Hodendichte stieg im Anschluss exponentiell an, als die sechs Mannen von Helldorado die ISC-Bühne betraten. Die Norweger rund um Frontmann Dag Vagle machten gestern Abend ihrem Namen einmal mehr alle Ehre, klangen sie doch nach epischem Westernfilm-Soundtrack, nach kreisenden Geiern, mexikanischen Bohnen und rauchenden Colts. Vor dem inneren Auge drehte sich da der einsame Cowboy noch mal im knarzenden Ledersattel nach der Dame seines Herzens um, und im Wissen, dass ein ungezähmter Kuhbube von der Enge des bürgerlichen Lebens erdrückt würde, galoppiert er einsam davon in den Sonnenuntergang.

Helldorado machen mit ihrer Mischung aus Americana, Rock, Mariachi und Surf nicht nur Musik für die Ohren, sondern vor allem fürs Western-Kopfkino. Die Bösewichte in den Songs tragen «boots made of lizard skin», die Männer heissen «John McMiller» und möchten doch eigentlich aus ihren Jobs als Auftragskiller aussteigen und wenn’s ganz dicke kommt, fackelt der rachsüchtige gehörnte Ehemann schon mal ein ganzes Diner inklusive Frau ab. Klischees? Ja sicher scho, volles Rohr, aber Helldorado dürfen das. Wer singt wie dieser Dag Vagle, wer solch atmosphärische, epische und abgründige Mörderballaden hinbekommt («Johnny’s Song»), welche einem nicht nur die Haare auf den Armen zu Berge stehen, sondern auch noch gleich die brennende Sonne im Nacken, Sand auf den Zähnen und Salz auf den aufgesprungen Lippen fühlen lassen, darf fast alles. Sogar ein bisschen rummackern von wegen «Women shouldn’t drink».

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