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Wachliegen im Seeland

Miko Hucko am Dienstag den 30. September 2014

Regelmässige Leser_innen werden sich daran erinnern, dass ich letztens, als ich mich mit dem Urheberrecht befasst habe, aus Jux damit geschlossen habe, in Bälde seien auch Witze plagiierbar. Ganz so weit ist es zum Glück noch nicht, aber der Gerichtsfall um Urs Mannhart hat mir zu denken gegeben. Die nachfolgende Kurzgeschichte könnte auch ein Plagiat sein, weil ich mich bei einer Reportage von Brunnsteiner habe inspirieren lassen. Aber lesen, vergleichen und entscheiden Sie selbst!

Es ist schon komisch, was mit einer Leiche am Polarkreis im Sommer passiert. Innerst kürzester Zeit zerfällt und verfällt sie, so dass auch mein finnischer Kommissar nicht so recht weiss, was er damit eigentlich anfangen soll. Für eine Autopsie ist einfach zu wenig übrig geblieben. Nachdenklich zieht er an seiner Zigarette, atmet langsam und in kleinen Wölkchen aus. Er dreht sich zu mir um, streckt mir einen Kessel entgegen und deutet auf eine Waldlichtung in der Ferne: “Dort wachsen Beeren zuhauf. Magst du einige für unser Abendessen holen gehen? Aber pass auf, dass du nicht zu Nahe an die Häuser rankommst. Wer weiss, wie die Einwohner auf dich reagieren.” Ich nicke mundfaul. Vielleicht kann er beim Essen besser nachdenken. Scheissjob. Aber vielleicht will er auch nur seine Ruhe haben.

Als ich die Lichtung erreiche, ist dort schon eine junge Frau am Pflücken. Sie trägt nichts als ein weites T-Shirt und scheint schlaftrunken. Ich lächle sie freudig an, rufe ihr einen Gruss zu. Sie reagiert nur kurz und widmet sich den Preiselbeeren – ihr Pflücktempo ist beachtlich! In der Zeit, die ich für meinen kleinen Kessel brauche, füllt sie drei Körbe, unermüdlich pflückt sie weiter, als ich meine Sachen schon wieder zusammenpacke. Sie muss gemerkt haben, wie ich sie anstarre, lächelt mit verzogenem Mund und sagt: “Good Price, Good Business!”. Wie ich darauf jetzt angemessen reagieren soll, weiss ich nicht. Also stelle ich den Kopf leicht schräg, lächle und winke, bevor ich mich umdrehe und zurück ins Dorf laufe.

Der Kommissar hat bereits vorgekocht und sitzt geduckt und misstrauisch am Tisch über seinem Reisbrei. Ich sage: “Vielleicht können die anderen Männer ja etwas erzählen, die Arbeiter, die aus dem Wald zurückkommen?” Der Kommissar schweigt. Na schön, bitte, dann halt nicht. In einem Anfall von Heimweh schalte ich den Fernseher ein und suche den Thailändischen Sender. Nachrichten. Es ist die Rede von einer Schiesserei, bei der ein Agent ums Leben gekommen sei, scheinbar ein Territorialstreit darüber, wer als Nächster die Frauen anwerben dürfe, die im Sommer jeweils nach Finnland verfrachtet werden. Ich schalte wieder aus, denn auf Selbstmitleid habe ich grad keinen Bock.

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3 Kommentare zu “Wachliegen im Seeland”

  1. Herr Zellweger sagt:

    Wir haben imfall kein so grosses Budget für Urheberrechtsklagen.

  2. Miko Hucko sagt:

    ja Chef! ich lasse in Zukunft die Finger von so Experimenten. vielleicht.

  3. Herr Zellweger sagt:

    falls wir jetzt soviel aufmerksamkeit wie urs mannhart bekommen: nur zu!