Logo

Bücherkiste: Die blaue Katze – Ein Frauenleben in römischer Zeit

Gisela Feuz am Samstag den 16. August 2014

RomanWomenWritingRömer? Die trugen Toga und Sandalen, hatten Sklaven und assen im Liegen. Cäsar? Der mit dem Lorbeerkranz? Ungefähr so viel oder so wenig dürfte dem Durchschnittsbürger aus dem Geschichtsunterricht, Asterix-Comics oder Hollywood-Schinken wie «Gladiator» bekannt sein. Populäre Erzeugnisse mögen zwar einen Eindruck vermitteln, wie es in Rom bei Brot und Spielen zu und her ging, allerdings ist bei solchen Werken auch immer viel Fantasie mit im Spiel.

Im wissenschaftlichen Umfeld ist Fantasieren verpönt. Darüber setzt sich die promovierte Prähistorikerin Geneviève Lüscher hinweg. In ihrem Roman «Die blaue Katze – ein Frauenleben in römischer Zeit» verknüpft die Wissenschaftsjournalistin gesicherte Fakten zum Imperium Romanum mit einer fiktiven Liebesgeschichte. Dazu stützt sich Lüscher einerseits minutiös auf Quellen aus römischer Zeit wie zum Beispiel den Historiker Tacitus (59–117 n. Chr.), hat sich mit Archäologen und Spezialisten ausgetauscht, alle Schauplätze besucht und lässt nur dort ihrer Fantasie freien Lauf, wo Details zum Leben einer Person nicht verbürgt sind. Auch die Liebesgeschichte zwischen der Helvetierin Mara und dem römischen Hauptmann Marcianus, die als roter Faden durch den Roman führt, ist so wohl nie passiert, das tut aber der Plausibilität von Lüschers Werk keinen Abbruch.

Rückblickend berichtet Mara aus Vindonissa (heutiges Windisch bei Brugg) ihren beiden Töchtern, was sie in den Jahren 68 bis 70 n. Chr. erlebt hat. Im schweizerischen Mittelland, das seit gut 100 Jahren römisch besetzt ist, findet eine langsame Romanisierung statt, einige vornehme Helvetier erhalten das römische Bürgerrecht und nehmen römische Sitten an. Zeitgleich erschüttern Bürgerkriege das Reich, ein Aufstand der Helvetier wird blutig niedergeschlagen und Überlebende werden von Hilfstruppen massakriert. Dörfer werden eingeäschert, Frauen und Kinder versklavt, derweilen in Rom innerhalb kürzester Zeit vier Kaiser nacheinander den Thron besteigen.

Auch Mara wird verschleppt, wobei ihr Weg über die helvetische Hauptstadt Aventicum (Avenches), das Forum Claudii Vallensium (Martigny) und den Mons Poeninus (Grosser St. Bernhard) nach Rom führt. Ihre hohe Bildung erspart ihr das Schicksal gewöhnlicher Sklavinnen, die meist in Bordelle verkauft wurden. Sie wird von einem Gelehrten als Lehrerin für seine Tochter ersteigert und erlebt eine abenteuerliche Überfahrt nach Alexandria. Parallel zu Maras Geschichte erzählt Lüscher diejenige des römischen Hauptmannes Marcianus, der sich unsterblich in Mara verliebt hatte und aus der römischen Armee desertiert, um nach ihr zu suchen.

Das Liebesabenteuer von Mara und Marcianus liest sich süffig, und zum Glück tappt Lüscher nicht in die Happy-End-Falle, sondern spart sich für das Finale noch die eine oder andere Überraschung auf. Es ist aber nicht primär die Lovestory, welche «Die blaue Katze» lesenswert macht, sondern die Schilderungen eines «Frauenlebens in römischer Zeit», wie der Untertitel ankündigt. Lüschers Roman wird zum Geschichtsbuch, allerdings sind die historischen Fakten so verpackt, dass sie nie belehrend wirken. Sie erzählt vom Nebeneinander der römischen und keltischen Sitten, der Leser erhält Einblick in Gesellschaftsschichten, Politik, Militär, Sklavenwesen, Landwirtschaft, wirtschaftliche Beziehungen, Handelsrouten, Architektur, Götterkult, Opferriten, Kommunikationsmittel, Nautik und Piraterie in der damaligen Zeit.

Zudem hat Geneviève Lüscher viele lokale Bezüge in ihren Text eingebaut und skizziert so ein Bild des Alltags im schweizerischen Mittelland zur Römerzeit. Das tut die 61-Jährige in präziser, beschreibender Sprache, die nie ausufert, sondern in ihrem schlichten Duktus die Wissenschaftlerin verrät, und dies macht «Die blaue Katze» zur ebenso lehrreichen wie spannenden Lektüre.

Geneviève Lüscher: Die blaue Katze. Stämpfli-Verlag, Bern 2014. 320 Seiten, ca. 36 Franken.

« Zur Übersicht

Kommentarfunktion geschlossen.