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Bizarre Musikgenres Teil 14: Pagan Metal

Gisela Feuz am Dienstag den 17. Juni 2014

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Pagan Metal oder auch Folk Metal.

Letztes Wochenende bevölkerte eine wundersame Spezies das Greenfield Open Air. Besagte Gattung besteht aus vorwiegend jugendlichen Geschöpfen, die Schottenröcke, Wams, Gamaschen, ein wallendes Gewand oder auch mal einen Hexenhut tragen, ein Trinkhorn mit sich führen und generell gerne die Garderobe mit mittelalterlichen Accessoires aufpeppen. Der Grund für den Putz waren wohl die Bands Saltatio Mortis und Eluveitie, die beide melodischen Rock bzw. Metal mit Elementen aus der mittelalterlichen Folkmusik anreichern und entsprechend dem Genre Folk oder Pagan Metal zugerechnet werden.

Die Schweizer Band Eluveitie (etruskische Form des keltischen Wortes Helvetios, also «der Helvetier»), die im Ausland erheblichen Erfolge feiert und in Übersee so richtig grosse Stadien füllt, ergänzt ihren Death- oder Black-Metal gerne mit typisch folkloristischen Instrumenten wie Rahmentrommeln, Flöten, Fiddeln oder Dudelsäcken, wobei es nicht einer gewissen Komik entbehrt, wenn ein gestandenes langhaariges Mannsbild eine Flöte bedient. Man stelle sich den Aufriss-Spruch im Backstage vor: «Hey Baby, ich bin Flötist bei einer Metal-Band.» Die Text sind bei Eluveitie phasenweise wenig mitsingfreundlich, werden sie doch zum Teil in einer rekonstruierten Form des helvetischen Gallisch verfasst.

Die Deutschen Saltatio Mortis (lat. für Totentanz) sind zwar nicht in der ganz harten Metal-Ecke zu verorten, bedienen sich nebst der gängigen Rock-Gerätschaften aber auch gerne Instrumenten wie Schalmei, Marktsackpfeife, Mandola oder Harfe und haben sich zudem nach mittelalterlicher Manier lustige Namen wie Alea der Bescheidene, Lasterbalk der Lästerliche und Luzi das L zugelegt. Wer sich solche Musik anhört? Offenbar mehr Leute, als einem bewusst ist, ist doch das letzte Album von Saltatio Mortis namens «das schwarze Einmaleins» im 2013 auf Platz eins der deutschen Album-Charts geklettert, während Eluveitie im März diesen Jahres als erste Metal-Band überhaupt den Swiss Music Award in der Kategorie «Best Live Act» abgeräumt hat. O tempora! O mores! (In helvetisches Gallisch müssen sie das schon selber übersetzten.)

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5 Kommentare zu “Bizarre Musikgenres Teil 14: Pagan Metal”

  1. Matthias Roggo sagt:

    Sehr geehrte Frau Feuz! Es ist sicher so, dass die Geschmäcker verschieden sind. Was im Land von KROKUS und SHAKRA beelendet, ist die Verleugnung des Schweizer Rock und Hard Rock. Es muss immer wieder daran erinnert werden, dass die Schweiz seit 1980 Rockbands aller Art hervorbringt, die absolut mit der Weltelite mithalten könnten, wenn hierzulande Finanzierung und Management in Sachen Rock funktionieren würden. Es ist mir nicht bekannt, dass andere europäische Länder (England ausgenommen) so viele konkurrenzfähige Bands pro Kopf haben wie unser Land, und dies trotz den widrigen Arbeits- und Lebensbedingungen am Rande des Existenzminimums! Darüber sollte man sich besser nicht lustig machen. Man muss kein Patriot sein, aber die Schweizer Rockszene ist etwas Besonderes. Damit erreichen wir ein internationales Publikum. Bitte nehmen Sie das zur Kenntnis. Es zwingt Sie ja niemand, “unverständliche” Rockmusik zu hören.

  2. Martin Gasser sagt:

    Ich wohne im eisigen Norden (Island). Hier kommt solcher Sound im “normalen” Radio (DRS 1 entsprechend). Passt perfekt zur Landschaft. Gib mal “Skálmöld” auf youtube ein.

  3. Frau Feuz sagt:

    Werter Herr Roggo, na vergessen Sie mal die Skandinavier nicht. Und die Belgier.
    Ich gebe Ihnen recht, dass Bands wie Krokus und Celtic Frost in der Heimat zu wenig Beachtung bekamen. Ob da allerdings nur Finanzierung und Management dran schuld sind, wage ich zu bezweiflen. Ich glaube viel mehr, dass der Schweizer Markt schlichtweg zu klein ist.
    Wenn Sie meinen Text dahingehend interpretieren, dass ich mich über das Bemühen von Schweizer Bands an der Rockspitze mitzutun lustig mache, dann haben Sie mich missverstanden. Nichts liegt mir ferner. Ich habe lediglich das Genre oder Phänomen Pagan Metal aufgegriffen und dazu Eluveitie und Saltation Mortis (nota bene eine Deutsche Band) als Beispiele herangezogen.

    Trinken Sie doch einen Brennivin auf mich, werter Herr Gasser!

  4. Als jahrzehntelanger Beobachter der Schweizer Szene und als Vater des Drummers von Eluveitie muss ich schon sagen, dass die Schweiz trotz international konkurrenzfähiger Bands die Rockmusik noch immer nicht als künstlerisch wertvoll betrachtet. In Sachen Förderung oder Anerkennung von Rockmusik ist die Schweiz ein Entwicklungsland, so als ob noch immer die Devise von Urban Junior (Voodoo Rhythm Records) ¨gültig wäre: Das isch Tüüfumusig, das isch komischi Musig für komischi Lüt.
    Typisch folgendes: Ein mit mir befreundeter dänischer Musiker wurde nach dem Konzert an der Bar gefragt, was er denn von Beruf sei, er antwortete “Musiker” und erhielt darauf die lapidare Frage: Und sonst arbeitest du nichts? So ist das hier, in diesem Land: Musiker ist kein “Beruf”, sondern Begleiterscheinung und gilt kaum als seriös. Es gibt unzählige Beispiele, dass erfolgreiche CH-Bands erst den Umweg übers Ausland machen mussten, um anerkannt zu werden.

  5. Frau Feuz sagt:

    dass die Schweiz trotz international konkurrenzfähiger Bands die Rockmusik noch immer nicht als künstlerisch wertvoll betrachtet

    Da sprechen Sie diversen MusikerInnen aus dem Herzen, werter Herr Sutter. Allerdings kämpft nicht nur die Rockmusik mit diesem Problem, sondern praktisch alle Sparten fernab von The Voice of Switzerland und ähnlichen Formaten.