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Urheberinnen und ihre Rechte. Eine Grundsatzüberlegung, die leicht als Polemik verstanden werden kann.

Miko Hucko am Freitag den 30. Mai 2014

Beginnen wir ganz von vorne.

Ich mache Kunst. Sagen wir, ich male ein Bild. Jetzt kann ich das entweder bei mir verstecken, weil ich das will, oder – wenn ich das möchte – dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen das gemalte Bild zu sehen kriegen. Weil ich will, dass die Leute das Bild sehen, weil ich das Bild wichtig (oder, achtung: gesellschaftsrelevant) finde. Genau so geht es auch mit Texten, Liedern, Theaterabenden: Ich mache Kunst und will, dass die Leute in Genuss dieser Kunst kommen. Daraus folgt Axiom eins für meine folgende These: Künstlerinnen wollen, dass Kunst möglichst breit wahrgenommen wird.

Ich muss von etwas leben. Sagen wir, Essen, Wohnen, Krankenversichert sein. Axiom zwei: Künstlerinnen brauchen Geld zum Überleben in einer Gesellschaft, die auf diesem Prinzip beruht.

Jetzt kommen wir zum eigentlichen Problem. Nämlich dem, dass diese beiden Annahmen sich ab einem gewissen Punkt zu widersprechen beginnen. Sobald ich diese beiden Dinge nämlich auf irgendeine Art zu kombinieren versuche, bin ich Leidtragende: Entweder ich verdiene kein Geld, weil ich allen die Kunst umsonst zeige, oder ich schränke sofort den Wirkungsbereich ein, nämlich auf die Leute, die es sich leisten können, etwas für Kunst zu zahlen. Das ist die Entscheidung, der sich die meisten Kunstschaffenden stellen und genügend davon (gerade die, die für das Urherberinnenrecht kämpfen) entscheiden sich für Letzeres, manchmal mit der Begründung, es ginge darum, der Kunst einen Wert zu geben. Und Wert heisst scheinbar, dass es etwas kosten muss. Ich zahle Eintritt oder kaufe den Song, und erst damit hat die Kunst einen Wert. Ein für mich irritierender Gedanke. Wird beim Befolgen dieses Argumentationsstranges, beim Einhalten dieser Wertdefinition nicht gerade der Wert der Kunst, der ja eigentlich nicht bemessbar sein sollte, unterlaufen und ausgeliefert? Sollte nicht gerade Kunst mit ihrem Anliegen (siehe Axiom 1) dem widersprechen?

Natürlich könnte auch ich jetzt den einfachen Ausweg wählen und sagen Tja, Kapitalismus, entweder Systemsturz oder her mit der Kohle, schliesslich hat die Kunst einen Wert auf dem Markt und ich verdiene das Geld. Weil es meine Kunst ist, ich für Idee und ihre Projektion in die Realität verantwortlich bin. Sie werden merken: bis zu diesem Satz habe ich explizit kein Possesivpronomen verwendet. Weil für mich eine weitere Problematik hinzukommt, die des sogenannten geistigen Eigentums.

Die Grenzen seines Anfangs und Endes sind total wilkürlich gesetzt – natürlich wie alles in unserer Kultur reines Kunstprodukt ist, das sich verändern lässt, wenn man nur will. Wir schädigend für kulturelles Schaffen dieses geistige Eigentum ist, zeigt sich am besten im Falle des Theaters, das sich als Kunstform oft bei anderen Kunstformen bedient, Texten, Filmen, Musik usw. Manchmal direkt, manchmal unbewusst, manchmal versteckt. Manchmal wird ein Stoff genommen, ein bisschen abgewandelt oder mit einem anderen vermischt und so auf die Bühne gebracht. Wem gehört denn jetzt dieses Kunstwerk?

Ich glaube nicht an geistiges Eigentum. Ich glaube, es ist ein ewiger gegenseitger Strom des sich-gegenseitig-beeinflussens, den man auch als Kunstschaffende/r oft gar nicht bemerkt. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Song Kiosk, von Polo Hofer gesungen, aber scheinbar von irgendeiner Band “erfunden”, die er mal im Urlaub gehört haben soll. Ich möchte eigentlich gerne sagen: Who Cares. Let’s share. Weil alles andere ist eigentlich gelogen.

Ja, das wäre jetzt ein guter Schlussatz gewesen, aber ich will der Willkür des geistigen Eigentums noch einen obendrauf setzen, in klassisch rhetorischer Manier die Argumente ad absurdum führen.  Angenommen, wir weiten dieses Urheberrecht auf Witze (oder Aphorismen, oder Sprichwörtern) aus, was in dieser Argumentation durchaus Sinn macht, weil eine/r sich ja eben den Witz ausgedacht hat. So ist es mit den heutigen Überwachungsmöglichkeiten nur noch eine Frage der Zeit, bis jedes Mal, wenn ich einen Witz erzähle, ein Betrag von meinem Konto abgebucht wird.

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23 Kommentare zu “Urheberinnen und ihre Rechte. Eine Grundsatzüberlegung, die leicht als Polemik verstanden werden kann.”

  1. I. Care sagt:

    “Who Cares. Let’s share. Weil alles andere ist eigentlich gelogen.” ♥ Heisst aber auch: Wer nicht berühmt wird, der ist dazu verdammt, auf ewig M-Budget-Klopapier zu nutzen.

  2. Miko Hucko sagt:

    Heisst es das? Ich glaube eher, die heutige Situation heisst genau das. If everybody shares, kann man ja nix für sich abgraben. und, ehrlich, von den paar Franken Eintritt oder für den Song hat man auch noch nicht Charmin gekauft.

  3. P.A. Brandon sagt:

    Ganz von vorne begonnen, gute Argumente, aber nicht zu Ende gebracht. Was ist mit Axiom 2? Auf das wird gar nicht mehr eingegangen, nur Axiom 1 zählt im Artikel. Wo kommt das Geld her?
    Ich würde gerne eine Fortsetzung Ihrer Gedanken lesen, die sich analog mit Axiom 2 befasst.

  4. Miko Hucko sagt:

    Lieber Brandon, da haben Sie natürlich recht. Ich finde aber, dass die Problematik von Lohnarbeit und sowieso Arbeitswert oder auch wer wie viel Geld für welche Arbeit woher kriegt eigentlich zu Genüge geführt wird auf allen Kanälen und dabei eben immer Axiom 1 untergeht. Der / die Kunstgeniessende wird bereits jetzt im Sprachgebrauch auf KonsumentInnendasein heruntergekürzt, und das finde ich hieran eigentlich das Schlimmste: Von Gönnerin und Geniesser zum Kunden degradiert. Darum habe ich mich hier auf Axiom 1 fokussiert. Axiom 2 hat halt nicht nur mit Kultur zu tun, sondern tut noch ein ganz anderes Fass auf (Carearbeit zum Beispiel).

  5. Bäckermeister sagt:

    Liebe Frau Hucko, ist ihnen bewusst, wie absurd Ihr Artikel ist, dem die Qualität für jegliche Polemik fehlt? Lassen Sie mich ebenfalls “argumentieren” wie sie es getan haben: Ich bin Bäcker. Sagen wir, ich backe Brot (erlerntes Handwerk – also vergleichbar mit geistigem Eigentum). Mir ist wichtig, dass möglichst viele Menschen mein Brot essen können, damit sie nicht hungern müssen (das Brot ist somit “gesellschaftsrelevant”, es verhindert z.B. Kriege). Daraus folgt – Axiom 1 – dass Bäckerinnen (und Bäcker!) wollen, dass möglichst viele Menschen ihr Brot essen können.
    Aber ich als Bäcker muss von etwas Leben und das Mehl bekomme ich ja auch nicht gratis, der Müller und die Landwirtin möchten für ihren Aufwand entschädigt werden. Somit muss ich das Brot verkaufen, was im Widerspruch zu Axiom 1 steht.
    Erachten Sie mich als Bäcker deshalb als schlechteren Menschen, da ich mein Brot trotzdem verkaufe? Denn: Wie sollte ich “Who Cares. Let’s share” leben, ohne in kürzester Zeit komplett bankrott zu sein und gar kein Brot mehr backen zu können? Ist damit der Gesellschaft gedient (so wie sie es von Künstlern – oder doch nur von Künstlerinnen – verlangen)?
    Lösungsansätze für dieses Dilemma gibt es – z.B. das Grundlohnmodell. Lassen Sie uns doch das diskutieren statt (und da unterstelle ich Ihnen jetzt etwas) aufgrund einer persönlichen Kränkung Ihrerseites das Urheberrecht per se als etwas Negatives darzustellen. Noch ein Tipp: Denken Sie doch mal Ihre Überlegungen zu Ende, bevor Sie das nächste Mal zur Feder greifen (bzw. “in die Tasten hauen”).

  6. Miko Hucko sagt:

    Ich danke für Ihren Beitrag zu Diskussion, den Sie auch hätten einbringen können, ohne sich durch persönliche Angriffe gleich selbst zu diskreditieren. Dass Sie bei der Hälfte meines Texten stecken geblieben sind, Grundannahmen (die Axiome) mit der nachfolgenden Argumentation verwechseln und meinen obigen Kommentar nicht gelesen haben, der genau das von Ihnen angesprochene behandelt, sagt den Rest.
    Damit sie jetzt nicht das Gefühl haben, ich nähme Sie aufgrund dieser Faktoren nicht ernst, gehe ich gerne auf das von Ihnen gesagte ein.
    Wenn Sie als Bäckerin wirklich Axiom 1 unterliegen würden, dann könnte ich nicht anders sagen als ja. Aber als Bäckerin ist Axiom 1 nicht zwingend, weil sie können auch nur Brötchen backen und sie verkaufen wollen. Das Brötchen ist ein Produkt. Eine Ware mit einem Wert, der sich (wie abstrakt auch immer) messen lässt. Eine Ware, deren Ziel in unserem System es ist, verkauft zu werden. Was nicht heisst, dass Ihnen als Bäckerin das Brötchenbacken nicht Spass machen kann oder dass es nicht schwierig wäre. Aber jetzt machen Sie doch nochmal Ihre Mehl-Mühle-Bäuerin-Rechnung mit Kunst oder Arbeitszeit. Der finanzielle Wert von Kunst ist willkürlich gesetzt. Denn wenn Sie ein Lied EINMAL aufnehmen oder ein Buch EINMAL schreiben, können Sie es theoretisch unendlich oft verkaufen. Und das ist doch frech den Bäckerinnen gegenüber.

  7. Bäckermeister sagt:

    Argumentation? Wo bitte argumentieren Sie? Wenn Sie Argumente hätten, müssten Sie nicht Angst haben, “ein ganz anderes Fass” aufzutun. Das Urheberrechts ist ein Versuch, das von Ihnen als Axiom 1 bezeichnete Ziel einigermassen mit dem Axiom 2 in Übereinstimmung zu bringen. Oder zumindest den Künstlerinnen und Künstlern eine Lebensgrundlage zu ermöglichen. Ob es dies noch kann und in der heutigen Zeit soll, ist diskutierenswert. Geht aber nicht, ohne dass man die Frage nach dem Lebensunterhalt stellt. Da stimme ich P.A. Brandons Kommentar zu – Ihre Antwort darauf ist zu einfach.

  8. Miko Hucko sagt:

    schön, wie Sie auf meine Argumente eingehen. ich diskutiere doch das Urheberrecht im zweiten Teil des Blogs, oder habe ich über Spargeln geschrieben? Meine Antwort ist weder final noch zu einfach, weil Sie einen Teil der Gesamtproblematik behandelt. Wie ich – für Sie wahrscheinlich überraschend – bereits oben erwähne, ist es nicht “ein anderes Fass” sondern “NOCH ein anderes Fass”, weil das, und ich muss mich leider schon wieder wiederholen, auch andere Berufszweige betrifft. Ich spreche hier aber hier konkret über das Urheberrecht, was Sie als Bäckerin eigentlich eigentlich nicht so sehr beschäftigen sollte, als dass Sie hinter Anonymität versteckt blind um sich schlagen müssten. Von Angst war im Übrigen nie die Rede, und wie Sie sich selbst gerade widerlegen, taugt die Polemik ja doch etwas.

  9. e.c. palermo sagt:

    trotzdem, schade, dass sie axiom 2 aufgeben. wie sie zu beginn sagen: spannend wird es eigentlich erst durch beide axiome und den daraus entstehenden widerspruch.

    axiom 1 als lanze gegen das urheberrecht zu verwenden, finde ich etwas seltsam. wäre anders, wenn das urheberrecht grosse finanzielle hürden aufbauen und kunst für viele unzugänglich machen würde. dafür sorgt aber, wenn überhaupt, in gewissen bereichen der kunst eher der freie und boomende markt.

    plus: dass ihnen “geistiges eigentum” als begriff nicht gefällt, ok. wie wär’s mit “geistigem beitrag”? weil, dass man unter einfluss steht, schliesst ja nicht aus, dass man auch eigenes leistet. und dass man dafür stutz bekommt, geht m.e. in ordnung. hat der polo auch gemacht mit dem kiosk (und noch ein bisschen mehr, nämlich die autorenrechte grad alle für sich beansprucht).

  10. Miko Hucko sagt:

    ich würde Axiom 1 nicht unbedingt als Lanze bezeichnen, eher so als eine Art, das zu überdenken. viel mehr stört mich eigentlich, wie wackelig und willkürlich das alles ist, auch wenn wir es geistigen Beitrag nennen. Weil dann könnten wir’s ja auch grad wieder abschaffen, weil dann alle ihren Beitrag leisten und so Geld kriegen müssten – bei den Witzen zumindest.

  11. e.c. palermo sagt:

    dass die grenzziehung im einzelfall schwierig sein kann, heisst m.e. nicht, dass deshalb alles willkürlich ist. wir sind uns wohl einig, dass es das genie, das alles aus sich selber schöpft, nicht gibt. das heisst aber umgekehrt nicht, dass alles nur noch copy&paste ist.

    dass ich als geniesser oder konsument von kunst (oder kultur) auch ein wenig meinen kopf anstrenge, bezüge herstelle und somit auch eine eigene leistung erbringe – fair enough. man kann ja meinetwegen sogar sagen, dass das kunstwerk ohne die kunstkonsument/innen nicht als solches existieren würde. aber trotzdem habe ich das buch nicht selber geschrieben, die platte nicht selber eingespielt, das bild nicht selber gemalt. ich könnte es auch nicht. und ich möchte, dass ich weiterhin kunst von menschen geniessen kann, die das besser beherrschen als ich. sonst wäre mein leben grauer und trauiger. womit wir, sorry, natürlich wieder bei axiom 2 wären.

  12. Bäckermeister sagt:

    Sie diskutieren in ihrem zweiten Teil die Problematik der UrheberSCHAFT und nicht des UrheberRECHTS (oder müsste ich UrheberLINKS schreiben, da Ihnen dies ja sicher näher ist). Mit der Aussage “Who Cares. Let’s share” liefern Sie – auch wenn Sie da sicher anderer Meinung sind – keine Antwort. Denn die entscheidende Frage hat ja P.A.Brandon gestellt: Wo kommt das Geld her?
    Genau deshalb schreibe ich Ihnen als Bäckermeister: Ihre Fragen zur Urheberschaft betreffen eben nicht nur Künstlerinnen und Künstler. Auch ich als Bäcker (die Geschlechtsumwandlung habe ich noch nicht gemacht) fühle mich mit der jetzigen Situation der Lohnarbeit, des Eigentums etc. nicht wohl. Wenn Sie als Künstlerin mir keine alternativen Lösungsansätze bieten können, bzw. darauf verweisen, dass dies ein zu grosses Thema ist, wer liefert dann neue Impulse?
    Ich fordere Sie auf: Nehmen Sie sich und die Kunst ernst. Machen Sie NOCH ein Fass auf. Denn so lange dieses verschlossen bleibt, brauchen wir Kunst nicht.

  13. Miko Hucko sagt:

    ah, so meinen Sie das! natürlich kann man diesen Blogbeitrag als Plädoyer für Vollsubventionen lesen: Damit die, die Bücher schreiben etc. das weiterhin tun können, ohne damit sich selbst zu schaden, indem der Kreis der Leserinnenschaft eingeschränkt wird. das wäre ja eine der Lösungen, von denen ich irgendwie ausgegangen bin, dass die Blogleser (sic) selbst ein bisschen eins und eins aus dem Text zusammenzählen, in quasi mit-weiter-denken anstatt mir Denkfaulheit zu unterstellen.

    Die Urheberschaft und das gegenwärtige Urheberinnenrecht gehen doch Hand in Hand, weil das Recht von eben dieser Schaft ausgeht, und ohne eine Beschäftigung mit der Schaft das Recht nichts weiter ist als blosse Fassade, hinter sich reformistisch versteckt werden kann, siehe “entweder Systemsturz oder her mit der Kohle”.

    Sie finden also, zwischen Brot und Kunst besteht kein Unterschied, wie ich ihn im letzten Kommentar zur Diskussion gestellt habe?
    Im Übrigen habe ich nicht gesagt, dass ich keine Impulse liefern will als Künstlerin, ich finde auch, dass Kunst das tun sollte, da gehe ich mit Ihnen total einig, aber eben – ich wiederhole mich mittlerweile wirklich ungern – diese Diskussion wird ja bereits geführt, und zwar ziemlich breit, und das hier ist nunmal ein Blog und ich habe nunmal einen Fokus gesetzt.

  14. Miko Hucko sagt:

    eben, lieber Palermo, und das ist wirklich nicht als Angriff gemeint: den Text weiterdenken, genau das habe ich wahrscheinlich zu fest erwartet oder habe zu wenig den Kanal dafür geöffnet im Text selbst. Andererseits machen wir das hier ja genau auch, eine Funktion die ich am Internet noch mehr schätze eigentlich als die sogenannte Piraterie. ;)

  15. Bäckermeister sagt:

    Nur eine kurze Replik: Ja, wenn Sie von der Urheberschaft und dem -recht ausgehen, pädiere ich dafür, Brot und Kunst gleichzustellen. Denn genau darin liegt der Grundgedanke des Urheberrechts. Wenn schon für die Kunst andere Herstellungs- und Distributionsbedingungen gelten sollen, so fordere ich diese Gedankenspiele auch für meinen Berufszweig ein. Denn mit der Gleichstellung von Brot und Kunst bezeuge ich auch, dass ich Kunst als ein lebenswichtiges Grundbedürfnis anerkenne.

  16. Ilona Thibault Schiemann sagt:

    Lieber Bäckermeister, Ihre Übersetzung der Hucko’schen Argumentation von Kunstwerken auf Backwaren ist nicht schlüssig. Gerade weil die Herstellungs- und Distributionsbedingungen andere sind, müssen wir die zwei auseinander betrachtet untersuchen. Die Urheberschaft und das Urheberrecht bei Brötchen funktioniert anders als bei Kunstwerken. Zur Veranschaulichung will ich zwei Gedankenexperimente machen.
    1. Brötchen/Waren: Sie wollen ein Brötchen backen. Dazu benötigen Sie Zutaten wie Mehl, Wasser etc. Es ist Ihnen verboten, diese einfach von Ihren Nächsten zu stehlen. Indem Sie die Zutaten allerdings bezahlen, erhalten Sie das Recht, diese für Ihre Brötchen zu verwenden. Obwohl die Müllerin einen Beitrag an den Brötchen geleistet hat, erhält sie nichts von Ihrem Erlös. Mit dem Zahlen der Zutaten verliert sie gewissermaßen Ansprüche auf Ihr verdientes Geld.
    Jetzt übersetze ich quasi diese Mechanik zurück auf Kunstwerke, und dadurch sollte sich zeigen, dass Brötchen (Waren) und Kunstwerke nicht miteinander vergleichbar sind.
    2. Roman/Kunstwerk: Ich will einen Roman schreiben über die Kulturszene der Stadt Bern. Dazu muss ich natürlich wissen, wie es um die Kulturszene der Stadt Bern bestellt ist (das sind gewissermaßen meine Zutaten). Also besuche ich Theater, kaufe Bücher, setze mich ins Ballet etc. Für all das bezahle ich (so wie Sie für Ihre Zutaten). Jetzt benutze ich in meinem Roman ein Zitat aus einem anderen Buch, weil ich finde, dass diese Passage ideal in meinen Bern-Roman hineinpasst.
    Das ist mir nun verboten, weil ich das geistige Eigentum einer anderen Autorin verletze. Obwohl ich für die Kunstwerke bezahlt habe, genieße ich kein Recht, das erhaltene Kunstwerk so weiter zu benutzen, wie ich es gerne möchte. Ich darf es nicht reproduzieren, ohne die ausdrückliche Genehmigung des Urhebers/der Urheberin.
    Was ich also sagen möchte: Waren und Kunstwerke können nicht gleich behandelt werden und Ihre Backkunst (die ich damit nicht in Frage stellen möchte) können Sie nicht als Einwand gegen Frau Huckos Argumentation wenden. Es ist durchaus berechtigt über Lohnarbeit zu diskutieren und Künstler_innen können da durchaus Impulse liefern, aber Sie können Frau Hucko nicht vorwerfen, nicht Ihr Wunschthema (ich unterstelle Ihnen da mal, dass Sie schlechte Erfahrungen gemacht haben) behandelt zu haben, wenn sie ein ganz anderes besprechen wollte.

  17. Miko Hucko sagt:

    interessanter Gedankengang, da wäre ich nicht drauf gekommen!
    Wenn wir das zu Ende denken, hiesse das ja: Falls wir Brot und Kunst gleichstellen wollten, letztere also “als Lebensnotwendig anerkennen”, wie Bäckermeister das wünscht, müssten wir die Urheberrechte abschaffen.
    Hm. Da muss ich noch drüber nachdenken.

    @Bäckermeister, noch zu Ihrer Replik: Wahrscheinlich habe ich mich im letzten Kommentar schon wieder zu undeutlich ausgedrückt. Ich meinte, dass von einem Urheberrecht sprechen ohne sich zuvor mit der Idee der Urheberschaft und ihrer allfälligen Nichtigkeit auseinanderzusetzen nichts als blosse Fassade sei, weil die Akzeptanz der U-schaft das U-recht bedinge. Und erstere habe ich eben in Frage gestellt und somit automatisch das U-recht.

  18. e.c. palermo sagt:

    darf ich auf axiom 1 zurückkommen? sogar ohne verbindung zu axiom 2? bin mir nämlich nicht so sicher, wie allgemeingültig das ist. auf die frage, ob er es nicht bedaure, nie die massen erreicht zu haben, meinte der grosse und verblichene townes van zandt einmal, das sei ihm eigentlich egal, er hätte mit seinen songs vor allem eines im sinn gehabt: ein wenig an gottes lehnstuhl rütteln.

    auch was die gesellschaftsrelevante kunst i.e.s. betrifft, zweifle ich ein wenig daran, dass es immer darum gehen muss, möglichst viele zu erreichen. manchmal wohl eher, die richtigen und wichtigen zu vertwütschen.

    und wenn wir uns dann doch um die verbindung der beiden axiome kümmern: steht in axiom 1 nicht “wollen”? mir scheint, sie machen daraus dann implizit ein “wollen müssen”. weil, wenn ein kunstschaffender ihre auffassung über breitenwirkung und urheberrecht teilt, kann er ja schlicht darauf verzichten, sein urheberrecht durchzusetzen. problem gelöst – es sei denn, sie möchten alle künstler/innen zwingen, auf diese weise die möglichst breit wahrgenommen zu werden.

    gut möglich, dass das urheberrecht in seiner jetzigen ausgestaltung für künstler/innen mitunter ein mühsames und semiwillkürliches ding sein mag, das ihren kreativen prozess sabotiert. nur ist mir nicht recht einsichtig, was das mit axiom 1 zu tun hat. und ob unter dem strich etwas gewonnen ist, wenn man das lästige ding dann halt einfach rübisundstübis abschafft.

  19. Miko Hucko sagt:

    Ja, darum heisst es eben Axiom: eine Grundannahme, von der die Diskussion ausgeht. Wenn eine Künstlerin eben nicht dieser Grundannahme entspricht, so entfällt die anschliessende Diskussion für ihn völlig.

  20. e.c. palermo sagt:

    hui, ich dachte schon, der kommentar habe sich in den endlosen windungen des www verdünnisiert. aber schau.

    jedenfalls: wenn axiom 1 nur für diejenigen künstler/innen gilt, die es unterschreiben, und wenn man die brötchenfrage (axiom 2) aussen vor lässt – leben wir dann nicht in der besten aller welten, auch mit dem urheberrecht? weil, wenn jemand axiom 1 anhängt und findet, das urheberrecht laufe diesem axiom zuwider, dann verzichtet er oder sie einfach darauf, seine oder ihre produktion zu copyrighten und das urheberrecht darauf durchzusetzen – et bien voilà quoi. oder habe ich jetzt etwas übersehen?

  21. Miko Hucko sagt:

    ja, ich habe ihn aus dem Spamfilter gerettet! Sie haben nix übersehen, es ist tatsächlich so einfach. Das Problem sind aber eben genau die Leute (und deren gibt es ja quasi eine ganze Lobby), die das nicht verstanden haben: Wenn man eben viele Leute erreichen WILL, kommt man in diese ganze Krux rein. Aber es wird nicht darüber gesprochen, dass genau das die Krux ist, sondern einfach mal wütend auf den “illegalen Fans” rumgeschlagen. oder sich gewundert, warum “die Kunst” nicht gekauft wird. Oder auf Leuten, die auf die Krux hinweisen, wie man ja sehen konnte. Und Künstler_innen, die auf Copyright verzichten, werden von Kollegen des Ausverkaufs der Kultur bezichtigt. und darum leben wir eben nicht im Paradies.

  22. e.c. palermo sagt:

    liebe frau hucko, merci fürs ‘rausfischen!

    was mir noch nicht ganz einsichtig ist: gibt es denn wirklich einen zwang, irgendwelchen urhebervereinigungen wie der suisa u.ä. beizutreten? und war es z.b. bei deichkind nicht sogar so, dass sie youtube trotz gema-mitgliedschaft ohne weiteres die online-verbreitung ihrer videos hätten erlauben dürfen – so sie das denn gewollt hätten?

    was die dominante stimmung angeht, so scheinen die ansichten recht verschieden zu sein – womöglich durchaus zutreffend und branchen- und positionsabhängig. sven regener war bei seinem berühmten ausfall jedenfalls der meinung, etwas unglaublich unpopuläres zu sagen, was ihn gewissermassen zum alten sack degradiert. und auszusprechen, was viele seiner kolleg/innen bloss denken, aber nicht öffentlich zu formulieren wagen.

    und ja, ich bin in dieser frage latent konservativ. so unsexy und reformbedürftig das urheberrecht ist, mir sind die sexyness und demokratisierungspropaganda der gratisverbreitungsmegaunternehmen noch viel suspekter. womit ich ihnen nicht unterschoben haben möchte, sich irgendwie positiv zu letzteren geäussert zu haben.

  23. Miko Hucko sagt:

    Lieber Palermo
    nein, Zwang gibt es keinen, wäre ja noch schöner. Aber da liegt mE auch nicht der Hund begraben. Ich habe Mühe mit zwei Dingen.
    1. Damit, dass ich, wenn ich einen Textschnipsel oder Liedschnipsel von jemand anderem weiterverwende (also in einen neuen Kontext setze), immer noch dem Urheberrecht unterliege.
    2. Damit, dass Leute sich über die Leute aufregen, die nun einmal keine Lust haben, sich dem U-Recht zu unterwerfen, und zwar konsequent beidseitig. Es wäre ja ein Hohn, wenn ich meine Sachen freigebe, aber gleichzeitig dafür zahlen würde, Inhalte daraus von jemand anderem zu nehmen. Das Copyleft ist mir da schon ganz rechter.

    Zu den Gratisverbreitungsmegaunternehmen: Die finde ich nur wieder ein Problem, sobald jemand ein Geschäft damit macht, weil das ja eben auch nicht Sinn der Sache ist. Ich finde – kurz und gut – mit Kunst sollten sich keine Geschäfte machen lassen.