Logo

Art-Brut-Reisli in die Romandie

Gisela Feuz am Freitag den 23. Mai 2014

Die Amseln singen, kein Wölkchen trübt den Himmel – wieso nicht wieder einmal ein Reisli unternehmen? Und wenn sich damit auch gleich der ästhetische Geist beleben lässt: umso besser. Packen sie drum Landjäger, Ovosport, Sport Mint und eine Thermoskanne Tee ein, werte Leserinnen und Leser, und begeben Sie sich an den Bahnhof. Wahlweise kann man auch alle obigen Zutaten weglassen, sich einfach in den Speisewagen setzten und dort ein Bier trinken. Auch gut.

Der Ausflug geht nach Neuchâtel ins Centre Dürrenmatt. In lumpigen 35 Minuten bringt Sie die SBB in die Hauptstadt des Kantons Neuenburg. Falls Sie stramme Wander-Waden haben, dann erklimmen sie doch den Weg bis zum Centre Dürrenmatt zu Fuss. Aber Achtung: stotzig wie ein Sauhund, drum empfiehlt es sich, diese Etappe mit einer kurzen Bussfahrt zu bewältigen. Das von Mario Botta umgebaute Centre Dürrenmatt thront am Hang über der Stadt Neuchâtel und gewährt bei gutem Wetter eine atemberaubende Sicht über den ganzen Neuenburgersee bis hinunter zu den Alpen.

Foto
Nebst der fixen Ausstellung zum Schaffen von Friedrich Dürrenmatt findet sich im Centre Dürrenmatt zur Zeit eine Ausstellung zum Werk von Armand Schulthess, ein faszinierender, vergeisterter und besessener Eremit der Schweizerischen Kunstgeschichte. Der 1901 in Neuenburg geborene Schulthess hat sich im Alter von 50 Jahren komplett von der Gesellschaft abgewendet und im Tessin, genauer im Wald von Auressio, ein 18’000m2 grosses Grundstück erworben und dort bis zu seinem Tod ein Labyrinth des Wissens angelegt. Dafür beschrieb er tausende kleiner Tafeln und Böden von Blechdosen mit Schlagwörtern, Phrasen, Zitaten oder wissenschaftlichen Tatsachen aus dem Bereich der Philosophie, Naturwissenschaft, (Kunst-)Geschichte, Psychoanalyse Esoterik und anderen Gebieten und montierte diese Tafeln zum Teil einzeln, zum Teil aber auch durch Draht zu grösseren Zyklen verbunden an die Kastanienbäume auf seinem Grundstück.

Foto KopieDer Schaffens- und Sammlerdrang von Schulthess ist eindrücklich, sein Werk von eigentümlicher Poesie. Dies sahen allerdings seine Erben anders. Als der menschenscheue Sonderling 1972 verstarb, wurde ein grosser Teil von Armand Schulthess Art Brut-Kunst mit der Schubkarre abtransportiert und vernichtet. Nur Bruchstücke konnten gerettet werden und diese werden nun im Centre Dürrenmatt gezeigt. Die Ausstellung ist definitiv einen Ausflug wert, zumal der Abstieg vom Centre Dürrenmatt zurück an den Bahnhof durch den botanischen Garten erfolgen kann und das charmante Neuchâtel mit seinen Feigenbäumen schon fast mediterranes Flair versprüht. Und das gerade mal eine Speisewagen-Bierlänge entfernt von Bern. Ok. Zwei.

«Le labyrinthe poétique d’Armand Schulthess» wird noch bis am 3. August 2014 im Centre Dürrenmatt gezeigt. Hier gibts mehr zu sehen von Armand Schulthess.

« Zur Übersicht

2 Kommentare zu “Art-Brut-Reisli in die Romandie”

  1. Fischer sagt:

    Bussfahrten zu Dürrenmatt, dem alten Pastor. Sehr schön.

  2. Fischer sagt:

    Und wer sich das Schulthess-Universum lieber in Ruhe zu hause anschauen möchte: In der Edition Patrick Frey ist ein wunderbares Buch über den Kunst-Outlaw erschienen.