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Poetische Tiefsee-Groteske

Gisela Feuz am Sonntag den 6. April 2014

Balts Nill nennt ihn im Vorwort einen «Tintentaucher». Tatsächlich ist der Berner Illustrator und Grafiker Jared Muralt für sein neues Buch tief getaucht und hat das letzte Jahr geistig wohl mehr im Marianengraben als auf der Welt zugebracht. Es sind die bizarren, skurrilen und monströs wirkenden Fische, die tief unter dem Meeresspiegel leben, die es Muralt angetan haben und die er in seinem Buch «Tiefsee-Angler» portraitiert. Dazu hat sich der 32-Jährige die Punktiertechnik angeeignet, die seine liebevollen Zeichnungen wie traditionelle wissenschaftliche Illustrationen wirken lassen. Seit gestern sind Muralts abstruse Zeitgenossen der Tiefe nun im Grand Palais ausgestellt, wobei sich die Ausstellungsmacher etwas Besonderes haben einfallen lassen.

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Ab 300 Meter verliert sich das Licht in den Ozeanen der Welt, ab 1’000 Meter herrscht ewige Dunkelheit. Wer in dieser kargen, kalten und lebensfeindlichen Umwelt überleben will, der muss sich ausgefallene Strategien aneignen. So haben einige Tiefseeangler-Fische äusserliche Merkmale ausgebildet, die einmalig sind im Tierreich: leuchtende, überdimensionierte Angelruten am Körper, Laternen am Kopf und furchterregende, rasiermesserscharfe Zähne sind nur einige der Accessoires, die den Monstern der Tiefe bei der Jagd nach Beute und der Liebe zur Verfügung stehen.

Die Schwärze der Tiefseewelt lässt sich denn auch in Muralts Ausstellung erfahren. So wurde ein Raum komplett abgedunkelt und mit kleinen, schwach-leuchtenden Taschenlampen ausgestattet muss sich der Betrachter im tiefschwarzen Nichts auf die Suche nach den Fischen machen. Als Orientierungshilfe dienen einzig die Leuchtkörper der Tiefsee-Geschöpfe – von Muralt mit Nachtleucht-Farbe eingefärbt – die blass in die Schwärze schimmern. Die ästhetische Wahrnehmung ist somit eine andere: Anstatt dass die ganze Gestalt auf einmal erfassbar ist, muss mit der abgedunkelten Taschenlampe der Fisch erst in seinen Details «ertastet» werden. Die ganze skurrile Groteskheit der Tiefsee-Anglerfische erhält dadurch spezielles Augenmerk – Was wiederum ein durchaus poetisches Seherlebnis erzeugt.

Die Ausstellung «Tiefsee-Angler» ist noch bis am 25.4. Im Grand Palais zu sehen, die Unterwasser-Klangkulisse im «Darkroom» hat Julian Sartorius beigesteuert; Jared Muralts 100 liebevoll gestalteten Fische gibt es auch in Buchform.

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Ein Kommentar zu “Poetische Tiefsee-Groteske”

  1. Herr Zellweger sagt:

    Da hat noch jemand mit dem Künstler gesprochen: http://www.derbund.ch/kultur/kunst/Das-ist-doch-romantisch/story/10431020