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Grandios verstörend: Ex-Drummer

Gisela Feuz am Samstag den 8. März 2014

«Gute Erholung», wurde einem gestern nach der Visionierung von «Ex-Drummer» im Kino der Reitschule gewünscht. Und die hatte man fürwahr nötig. Der «Feel Bad Movie» des belgischen Regisseurs Koen Mortier gehört zum Verstörendsten und Beelendensten, was Frau Feuz jemals unter die Augen gekommen ist. Trotzdem – oder gerade deswegen – sollte man ihn sich antun, sofern man ihn denn aushält.

Bereits die Romanvorlage von Herman Brusselmans, die sich Koen Mortier vorgeknöpft hat, galt als skandalös und unverfilmbar. Dabei klingt der Plott doch einigermassen harmlos: Drei verwahrloste Gestalten begeben sich im belgischen Quartier Ostende auf die Suche nach einem Drummer für ihre Band und landen dabei bei einem berühmten Schriftsteller. Das Ziel des Unterfangens ist ein einmaliger Auftritt bei einem Rockwettbewerb. So weit so gut. Was anfänglich noch mit verspielten surrealen Elementen beginnt – wundersame Rückwärtsfahrten auf dem Fahrrad und Fortbewegungen an Zimmerdecken – entwickelt sich zum düsteren, trostlosen und brutalst-möglichen Drama.

Drastischer kann man soziales Elend nicht darstellen. So überfällt der lispelnde Sänger in seiner Freizeit Frauen und schlägt diese blutig, der Bassist mit dem steifen Arm muss daheim einen Vater «pflegen», der mit einer Zwangsjacke ans Bett gefesselt ist und dabei die stets von Gewalt begleitete Promiskuität seiner Mutter mitansehen und der taube, verdrögte Gitarrist schlägt zu Hause die Ehefrau, das schreiende Kind wird mit Drogen ruhiggestellt, woran es schlussendlich stirbt. Und da ist dann noch dieser Dries, der Schriftsteller, der sich als Schlagzeuger einspannen lässt, getrieben vom Drang, das soziale Elend zu beobachten. Obwohl wirtschaftlich und sozial besser gestellt, ist der Nihilist eine der übelsten Figuren in «Ex-Drummer», weil er manipuliert, instrumentalisiert und in der Welt der Asozialen versucht, Gott zu spielen.

Tröstliche Momente im Film? Vergessen Sie es. In der Welt von «Ex-Drummer» regiert Gewalt, Exzess, Dreck und Blut. Das Delirium wird mit schnellen Schnitten und hektischer Kameraführung festgehalten, Ekel und Abscheu mit düsterer Unschärfe verdeutlicht. Der Soundtrack von «Ex-Drummer» ist allerdings grandios, haben doch Bands wie Mogwai, Millionaire, Isis und Ghinzu Songs beigesteuert.

Mit Ex-Drummer wurde gestern im Kino Reitschule die Filmreihe «Abgefahren ….» eröffnet. Im Rahmen dieser Reihe wird heute Abend Esteban Sapirs Hommage an die Stummfilmära «La Antena» gezeigt. Weiter sind das opulente Western-Epos «El Topo» (21.3.) und der ebenfalls mit viel Symbolismus ausgestattete «Montana Sacre» (22.3.) des Kultregisseurs Alejandro Jodorowsky zu sehen. Den Abschluss der Reihe macht am 28.3. «Bronson» von Nicolas Winding. Die Vorführungen starten jeweils um 21 Uhr.

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Ein Kommentar zu “Grandios verstörend: Ex-Drummer”

  1. Paul Moser sagt:

    Wie es heute doch so üblich ist: Je extremer, desto erwähnenswerter und sogar sehenswerter – angeblich.