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Bloss eine Liebesgeschichte

Roland Fischer am Mittwoch den 22. Januar 2014

Es ist etwas sehr Seltsames an dem Film. Da funktioniert einiges ganz und gar nicht, so dass man fast ein wenig froh ist, wieder aus dem Kino raus zu sein – und dann lässt er einen doch lange nicht los. Eines jedenfalls ist klar: Man wird «La vie d’Adèle» Unrecht tun, wenn man den Film auf die (ja, natürlich, ganz schön gewagten) Sexszenen reduziert. Aber man sage jetzt nicht, so eine Reduktion wäre ja sowieso ein bisschen simpel und entlarvend für den Zuschauer – der Regisseur Abdellatif Kechiche tut nämlich das seinige, um den Film so seltsam aussehen zu lassen.

Also: Im Grunde ist das eine ziemlich einfach gestrickte und erzählte Liebesgeschichte – zwischen zwei Frauen, nun gut -, darum bräuchte es eigentlich keinen grossen Rummel zu geben, und Festivalaufmerksamkeit bekommt so etwas sonst auch nicht unbedingt. Aber das reicht Kechiche nicht. Also bläst er das Ganze auf drei Stunden auf und quält uns mit endlos langen banalen Szenen – wozu man ohne weiteres auch den Sex zählen darf. Dazu immer mal wieder eine bedeutungsschwangere Kamerafahrt oder eine dokumentarisch anmutende Nähe zum Geschehen – und schon hat man es nicht mehr mit einem Film, sondern mit einem cineastischen Werk zu tun.

Und wo der Comic von Julie Maroh noch die Geschichte eines (allzu) zaghaften Coming Outs erzählt hat, interessiert sich der Film für gesellschaftspolitische Untertöne kaum mehr, weil er sozusagen selbst der Magie dieser Körper und Gesichter verfällt. Sehr direkt zeigt Kechiche das, mit wenig Feingefühl, muss man sagen. Manche werden das für grossen Mut halten, für Radikalität, die ja derzeit überhaupt gern gesehen ist, nicht nur im Kino. Man kann es auch ein wenig schamlos finden, zusammen mit der wohl von Anfang an einkalkulierten Skandalisierung des Films.

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2 Kommentare zu “Bloss eine Liebesgeschichte”

  1. Marlon sagt:

    Der Sex im Film ist doch eher leidenschaftlich-pornös als banal, nicht? Ich hätte ja lieber das F-Wort gebraucht, das träfe es besser.

    Der Film war eher unerotisch. Dieses unmanierliche Spaghetti-Gesabbere! Ist Ihnen das auch aufgefallen? Essen mit offenem Mund! Einfach scandaleux!

    Just sayin’..

  2. Christoph sagt:

    Das Buch habe ich nicht gelesen. Als mittelalterlicher Spanner aber natürlich den Film reingezogen.
    Die Untertöne, die ich gehört habe, waren nicht “gesellschaftspolitisch” relevant, wie es zum Glück ein lesbisches Coming-Out hier und heute genausowenig mehr ist, sondern zutiefst persönlich. Welche “Magie dieser Körper und Gesichter” ist hier gemeint? Könnte es vielleicht sein, dass Kechiche dermassen überzeichnet, weil er unsere Projektionen entlarven will und die Diskussion eher darüber sucht?

    Oder soll man solche Fragen nicht stellen, weil man damit den Vorwurf der billigen Kulturporno-Verkaufsmasche in Frage stellt, mit dem sich der eigene Voyeurismus so einfach kaschieren lässt?