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Kunst in der Formkrise

Roland Fischer am Freitag den 13. September 2013

Gestern wurde fleissig gefilmt im Berner Kunstbetrieb. Zunächst in der Stadtgalerie, wo das WORMS-Kollektiv mit viel Berner Beteiligung auf herrlich unüberschaubare Weise das Zepter übernommen hat für zwei Wochen. Der Programmflyer ist so schön wie kryptisch, und wenn ich das alles recht verstanden habe, dann ist das Unprogrammierte (und sicher das Unprogrammatische) durchaus eben: Programm. Seit gestern wird nun Warhols legendäre Factory – wiederbelebt? neuinterpretiert? auf Berner Verhältnisse umgedeutet? ins Jetzt und Hier geholt? Man sollte das am besten selber mal in Augenschein nehmen, dieses für einmal kunterbunte Treiben im Progr-Erdgeschoss. Ein Film soll daraus wohl auch mal noch entstehen, am Schluss, aber vielleicht geht es da auch mehr ums Filmen als Performance denn um den Film als Resultat. Ist heutzutage ja nicht mehr so einfach klar.

worms factory

Gefilmt wurde dann auch im Tojo-Theater, beim jüngsten Theaterstreich von Tobak Lithium. Thibault Schliemann und unsere Miko Hucko machen sich da an ein kategorisches Austesten von theatralen Formen, und da gehören Filmeinsprengsel und Live-Kamera-Elemente natürlich auch längst zum Instrumentarium. So wird das ein Perfor(man)ceritt durch die Möglichkeiten – und halt eben auch: Unmöglichkeiten des Theaters. Und es ist seltsam: So anregend und nachhaltig hat man schon lange niemanden mehr scheitern gesehen auf der Bühne. Was die zwei da im Sinn haben, nämlich zu fragen, was Theater heute noch kann (gerade auch in politischer Hinsicht), geht zwar gründlich schief, aber dieses Schiefgehen inszenieren sie so durchlässig und mit so, darf man sagen?: gekonnter Ehrlichkeit, dass sehr viel Unerwartetes passiert zwischen Bühne und Tribüne, und das macht den Abend trotz einiger Längen zu einem sehr sehenswerten Experiment.

tobak lithiumUm Europa sollte es gehen, um die Beerdigung einer Idee (die alte, humanistische ist gemeint, nicht die neuere politisch-wirtschaftliche), um Schuld (mehr als Schulden) und Verantwortung. Aber, und das liegt nur zum Teil an der Anlage des Stücks: Tobak Lithium mögen noch so sehr nach Inhalt suchen, finden tun sie die reine Form. Die Diskussionen entzündeten sich am Ästhetischen, es wurde lebendig, wenn es um Formales und betreten still, wenn es um Politisches ging. Man könnte es den Fluch der Form nennen, den wir (aber nein: wir waren es ja nicht) irgendwann heraufbeschworen haben in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Aber was soll man sich ärgern: Wenn an einer Premiere tatsächlich ein Ei auf die Bühne fliegt (und zwar spontan von einer Zuschauerin geworfen), dann hat man gewonnen als Theatermacher.

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